| Kinder- und Jugendliteratur | Artikelansicht | ||||
| Klicken Sie im Menü Datei auf Drucken, um die Informationen zu drucken. | |||||
| 3. | 19. Jahrhundert |
Die im frühen 19. Jahrhundert in ganz Europa aufkommende Romantik, die sich als Gegenbewegung zur Aufklärung verstand, manifestierte sich auch im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur. Das Kinderbuch sollte nun nicht mehr sachlich und moralisch belehren, sondern poetisieren. Als einen „Kanon der Poesie” wollte Novalis Märchen und Sagen, Legenden und Volksbücher, Puppenspiel und Reime verstanden wissen. Das in der Romantik wieder erwachte Interesse an volkskundlichen Themen führte zu einer Erweiterung der Kinder- und Jugendliteratur um Mythen, Sagen und phantastische Erzählungen aller Art. Zu den klassischen Werken der romantischen Jugendliteratur zählen bis heute die von 1812 bis 1815 groß angelegte Sammlung von Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (Grimms Märchen, u. a. Hänsel und Gretel, Schneewittchen und die sieben Zwerge, Das tapfere Schneiderlein und Rapunzel) sowie Achim von Arnims und Clemens Brentanos Des Knaben Wunderhorn (1806-1808), eine Anthologie von Volksliedern.
Die klassischen griechischen Sagen hatte Mitte des 19. Jahrhunderts Gustav Schwab in seinen Schönsten Sagen des klassischen Altertums in drei Bänden (1838-1840) mit großem Erfolg (bis heute) nacherzählt. Neben den Volksmärchen und Volksbuchsammlungen von Karl Simrock und Ludwig Bechstein erschienen Kunstmärchen der Hauptvertreter der deutschen Romantik: so Brentanos Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl (1817), Ludwig Tiecks Der blonde Eckbert (1797) oder Der Runenberg (1804) sowie E. T. A. Hoffmanns Der goldene Topf (1814).
Als Gegenentwicklung zur Romantik ist die Literaturströmung des Biedermeiers auch im Genre Kinder- und Jugendbuch zu verstehen. Moral und aufklärerische Tendenzen kamen in Verbindung mit religiösen Thematiken wieder zum Tragen. Stofflich orientierte sich diese Jugendliteratur zwar noch an romantischen Volksüberlieferungen, verwendete aber neben historischen Motiven zunehmend auch Gegenwartsthemen. Hauptvertreter dieser Richtung war Christoph von Schmid mit Büchern wie Genovefa. Eine der schönsten und rührendsten Geschichten des Alterthums, neu erzählt für alle guten Menschen, besonders für Mütter und ihre Kinder (1810) oder Lehrreiche kleine Erzählungen für Kinder (1824-1827).
Abenteuerbücher veröffentlichte Friedrich Gerstäcker: u. a. Die Flusspiraten des Mississippi (1848) und Gold (1858). Mary Osten, Otilie Wildermuth und andere Autorinnen schrieben überwiegend für Mädchen. Daraus entstand die so genannte Backfischliteratur, zu deren Schriftstellerinnen z. B. Clementine Helm (Backfischchens Leiden und Freuden, 1863), Emmy von Rhoden (Der Trotzkopf, 1883) oder Else Ury (Goldblondchen, 1908) gehörten. Zu dieser Mädchenliteratur können auch die überaus erfolgreichen Mädchenbücher um Heidi (1880/81) von der schweizerischen Schriftstellerin Johanna Spyri gerechnet werden, die die Erlebnisse eines in der Schweizer Bergwelt aufwachsenden Mädchens aus der Stadt erzählt. Ein Bestseller für Mädchen war ein paar Jahre später auch das noch in dieser pädagogisierenden Tradition stehende Jugendbuch Anneli. Erlebnisse eines kleinen Ladenmädchens (1919) von Olga Meyer. Widerspruch erfuhr diese erfolgreiche Jugendliteratur durch die so genannte Jugendschriftenbewegung, die sich gegen jegliche Tendenzliteratur aussprach und dem Kunstwerk auch in der Kinder- und Jugendliteratur zu ihrem Recht zu verhelfen suchte. Die Programmatik der Jugendschriftenbewegung hatte Heinrich Wolgast in seiner Schrift Das Elend unserer Jugendliteratur (1896) ausformuliert.
Am Ende des 19. Jahrhunderts erschienen dann exotische (deutsche) Abenteuerromane für Jungen. Besonders beliebt bis heute sind die Werke von Karl May. Eine Vielzahl seiner Romane spielt im Orient (In den Schluchten des Balkan, 1892) bzw. unter den nordamerikanischen Indianerstämmen (Winnetou, 1893-1910; Old Surehand, 1894-1896). Ähnlich erfolgreich waren die für Jugendliche wie Erwachsene gleichermaßen faszinierenden Abenteuerromane des Franzosen Jules Verne, der mit seinen visionären Werken wie Vingt mille lieues sous les mers (1870; 20 000 Meilen unter’m Meer) und Le Tour du monde en quatre-vingts jours (1872; Reise um die Welt in 80 Tagen) zum Begründer der modernen Sciencefiction wurde.
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts erschienen immer mehr Kinder- und Jugendbücher mit Illustrationen; es entstanden anschaulich gestaltete farbige Bilderbücher unterschiedlicher Stilrichtungen. Für das romantische Kinderbuch ist Ludwig Richters Ammenuhr (1843) ein Beispiel. 1847 erschien der Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann, ein aus zum Teil grausam belehrenden Geschichten bestehendes Kinderbuch, das jedoch bis heute sehr populär ist. Weltberühmt wurden Wilhelm Buschs Bildergeschichten, insbesondere die Lausbubenstreiche von Max und Moritz (1865), die als Vorläufer der Comics angesehen werden.
Zeitschriften für Kinder und Jugendliche spielten bis Anfang des 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur. Im deutschsprachigen Raum erschienen die ersten Publikationen im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts. Die erste Kinderzeitschrift (Der Kinderfreund, 1775-1782) wurde von Christian Felix Weiße herausgegeben, der auch etwa 40 Schauspiele für Kinder schrieb. Andere Zeitschriften für Kinder waren u. a. die Monatsschrift für Kinder (Bautzen, 1770/71) oder das Leipziger Wochenblatt für Kinder (1772-1774). Mit den Blättern der Jugendbewegung Wandervogel (Der Wandervogel, 1904-1927) nahm die moderne deutsche Jugendpresse ihren Anfang.
Die in zahlreiche Sprachen übersetzten Grimm’schen Märchen fanden weltweite Verbreitung, ebenso (und vor allem in Deutschland) die Märchengeschichten des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen, die zwischen 1835 und 1872 erschienen. Die bekanntesten unter Andersens Märchen sind Den lille pige med svovlstikkerne (Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern), Den grimme ælling (Das hässliche junge Entlein) und Den standhaftig tinsoldat (Der standhafte Zinnsoldat). Zu den bis heute populärsten Kinderbüchern gehört das vielfach übersetzte Le avventure di Pinocchio (1882; Die Abenteuer des Pinocchio). Darin schilderte der italienische Schriftsteller Carlo Collodi die Erlebnisse und Streiche der kleinen Holzpuppe Pinocchio. Ähnlich erfolgreich war James Matthew Barries Märchenspiel Peter Pan, das 1904 zum ersten Mal aufgeführt wurde. Von einem kleinen Jungen, der mit den Wildgänsen durch sein Heimatland Schweden fliegt, erzählte Selma Lagerlöf in ihrem Kinderbuch Nils Holgersson underbara resa genom Sverige (2 Bde., 1907; Wundersame Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen).
Nicht nur in England wurden die an sich nicht explizit an junge Leser gerichteten Werke Sir Walter Scotts, der häufig mittelalterliche Themen aus der Welt der Ritter bearbeitete, von Jugendlichen viel und gerne gelesen. Im Zuge des neu erwachten Interesses an den Werken Shakespeares in England entstand eines der im 19. Jahrhundert populärsten englischen Kinder- und Jugendbücher: Unter dem Titel Tales from Shakespeare (1807; Shakespeare-Erzählungen) hatte der Essayist Charles Lamb gemeinsam mit seiner Schwester Mary Ann Lamb ein Shakespeare-Geschichtenbuch aus altersgerechten Nacherzählungen zusammengestellt. Ähnlich lebendig schilderten die beiden amerikanischen Schriftsteller Washington Irving und James Fenimore Cooper etwa zur gleichen Zeit Begebenheiten aus der neueren Geschichte Amerikas. In The Sketch Book of Geoffrey Crayon, Gent (1819/20; Gottfried Crayons Skizzenbuch), das auch die klassischen Geschichten Rip Van Winkle und Die Sage von der schläfrigen Schlucht enthält, zeichnete Irving die Sagen der holländischen Siedler in der Gegend um New York auf. Cooper schilderte in seinen Lederstrumpf-Romanen, deren bekanntester den Titel The Last of the Mohicans (1826; Der letzte Mohikaner) trägt, das Leben im amerikanischen Grenzland. Insbesondere Coopers Bücher fanden durch ihre Übersetzung in viele Sprachen Verbreitung und begeisterte Leser.
Der englische Maler und Verfasser von Limericks und Nonsensgedichten Edward Lear erzielte mit seinen Werken A Book of Nonsense (1846) und More Nonsense (1870) einen großen Erfolg bei Kindern und Jugendlichen. Die beiden Bände gehören zu den Klassikern der englischsprachigen Kinder- und Jugendliteratur. Ebenso erfolgreich waren und sind noch heute die Werke des englischen Schriftstellers und Mathematikers Lewis Carroll Alice’s Adventures in Wonderland (1865; Alice im Wunderland) und Through the Looking Glass (1872; Alice im Spiegelreich) mit den Illustrationen von Sir John Tenniel.
Oscar Wilde schrieb mit The Happy Prince and Other Tales (1888; Der glückliche Prinz und andere Erzählungen) eine phantasievolle, märchenhafte Kindergeschichte. Robert Louis Stevensons Treasure Island (1883; Die Schatzinsel), A Child’s Garden of Verses (1885; Im Versgarten. Gedichte für ein Kind) und Kidnapped (1886; Die Entführung) wurden zu Klassikern, ebenso Rudyard Kiplings Tiergeschichten in The Jungle Book (1894; Das Dschungelbuch) und seine Geschichten in Just So Stories for Little Children (1902; Nur so Geschichten für Kinder). In den Vereinigten Staaten gehörten zu dieser Zeit die Bücher des Schriftstellers Joel Chandler Harris zu den meistgelesenen Werken der Kinder- und Jugendliteratur. Sie erschienen 1880 bis 1906 in den Onkel-Remus-Bänden und schildern die Lebenswelt der farbigen Südstaatler.
In Amerika erschienen Magazine wie Youth’s Companion (gegründet 1827) und St. Nicholas (gegründet 1873). Beiträge für diese Magazine lieferten englische Schriftsteller, darunter Kipling, die amerikanischen Literaten Louisa May Alcott, Howard Pyle, Oliver Wendell Holmes und Mark Twain sowie der aus Kanada stammende Illustrator und Schriftsteller Palmer Cox, der die beliebten Brownies-Bücher verfasste. Drei der amerikanischen Schriftsteller, die für die oben genannten Magazine schrieben, wurden als Verfasser von Kinder- und Jugendbüchern bekannt. Mit dem zweibändigen Werk Little Women (1868/69; Kleine Frauen) begann Alcott eine Romanreihe über das Familienleben in Neuengland; ihre Bücher wurden immer wieder aufgelegt und werden bis heute gelesen. Mark Twain schilderte in seinem Buch The Adventures of Tom Sawyer (1876; Die Abenteuer Tom Sawyers) sehr lebendig die Streiche eines Jungen in einer Kleinstadt am Mississippi; die Handlung spielt zu einer Zeit, als das Leben der Grenzer noch in lebendiger Erinnerung war. Twains Hauptwerk, der Jugendroman The Adventures of Huckleberry Finn (1884; Huckleberry Finns Abenteuer), wird von vielen Kritikern nicht nur als das bedeutendste amerikanische Kinder- und Jugendbuch betrachtet, sondern zugleich als wichtiger Beitrag zur amerikanischen Literatur überhaupt. Pyle brachte Nacherzählungen englischer Sagenstoffe heraus, insbesondere die Geschichten um den Räuberhauptmann Robin Hood (The Merry Adventures of Robin Hood, 1883; Die Abenteuer des Robin Hood) sowie König Artus und die Ritter der Tafelrunde (The Story of King Arthur and His Knights, 1903; König Arthur und die Ritter der Tafelrunde). Zu beiden Werken schuf Pyle selbst beeindruckende Illustrationen. Großen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur im englischsprachigen Raum hatten vor allem die Magazine Boy’s Own Magazine (1855-1874), Aunt Judy’s Magazine (1866-1875) und The Boy’s Own Paper (1879-1912), in denen renommierte Autoren publizierten.