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| 2. | Die koloniale Epoche (16. bis 18. Jahrhundert) |
Die frühesten Beispiele lateinamerikanischer Literatur sind zugleich auch der spanischen Literatur zuzurechnen, da ihre ersten Repräsentanten aus dem Mutterland stammten, wie Alonso de Ercilla y Zúñiga. Sein Hauptwerk ist die epische Dichtung La Araucana (1569-1589; Die Araucana), die die Eroberung des Lebensraumes der Araukaner, eines chilenischen Indianervolkes, durch die Spanier schildert.
Anfangs entstand außer didaktischer Prosa und Chroniken kaum erwähnenswertes Schrifttum. Herausragende Zeugnisse der Zeit sind der Bericht Verdadera historia de la conquista de la Nueva España (1632; Wahre Geschichte der Eroberung Neu-Spaniens) von Bernal Díaz del Castillo, einem Historiker in Diensten des Mexiko-Eroberers Hernán Cortés, sowie die zweiteilige Abhandlung Comentarios reales (1609 und 1617; Geschichte der Inkas, Könige von Peru) von Garcilaso de la Vega. Das geistlich-didaktische Schrifttum, wie Representación del fin del mundo (1533; Darstellung des Weltuntergangs), zielte auf die christliche Erziehung der indianischen Bevölkerung.
Als Missionar wie Chronist bedeutend wurde der Dominikaner Bartolomé de las Casas, der in Mexiko und anderen Kolonien wirkte, als Dramatiker Hernán González de Eslava in Mexiko, als Dichter der Peruaner Diego de Hojeda.
Mexiko und Lima, die Hauptstädte der Vizekönigreiche Neuspanien und Peru, entwickelten sich im 17. Jahrhundert zu Zentren des kulturellen Lebens. In der Literatur überwog indessen weiterhin der Einfluss des Mutterlandes. So genossen die Dramen von Pedro Calderón de la Barca und die Lyrik von Luis de Góngora große Popularität. Die bedeutendste Dichterin des 17. Jahrhunderts war die mexikanische Nonne Juana Inés de la Cruz mit religiösen und weltlichen Versdramen, darunter El divino narciso (1688; Der göttliche Narziss). Sie verfasste außerdem Gedichte und autobiographisch-wissenschaftliche Prosa. Die in der spanischen Literatur vorherrschende Mischung satirischer und realistischer Elemente prägte auch die Werke vieler Schriftsteller der Kolonien, wie die Gedichtsammlung Diente del Parnaso des Peruaners Dichters Juan del Valle y Caviedes und den Roman Infortunios de Alonso Ramírez (1690) des Mexikaners Carlos de Sigüenza y Góngora.
In Spanien wurden im Jahr 1700 die Habsburger von den Bourbonen abgelöst. Im Zug dieser Entwicklung gerieten die Kolonien zunehmend unter französischen Einfluss. So etablierten sich der französische Klassizismus und das Gedankengut der Aufklärung in der Literatur. Schriftsteller wie der Ecuadorianer Francisco Eugenio de Santa Cruz y Espejo und der Kolumbianer Antonio Nariño engagierten sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts in ihren Schriften für die Ideale der Französischen Revolution. Allmählich entstanden neue kulturelle Zentren, wie Quito (Ecuador), Bogotá (Kolumbien), Caracas (Venezuela) und Buenos Aires (Argentinien), die dem intellektuellen Monopol des Mutterlandes eigenständige Tendenzen entgegensetzten.