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| 3. | 19. Jahrhundert: Anfänge einer eigenen kulturellen Identität |
Mit dem Erstarken der Unabhängigkeitsbewegungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte sich auch eine eigenständige Erzählliteratur, häufig kämpferisch-patriotischer Natur. Der erste lateinamerikanische Roman, Periquillo sarniento (1816) des mexikanischen Schriftstellers José Joaquín Fernández de Lizardi, entwarf in Anlehnung an das Muster des spanischen Schelmenromans ein farbig-kritisches Panorama der Kolonialzeit. Dieselbe Tendenz beherrschte die Dichtung. So glorifizierte der Ecuadorianer José Joaquín Olmedo den Revolutionär und Staatsmann Simón Bolívar in seiner Ode La Victoria de Junín (1825). Daneben entstand vorrangig romantische Naturlyrik (Andrés Bello, Silva, 1826, Venezuela; Al Niágara, 1824, Kuba). Etwa zur gleichen Zeit entwickelte sich unter den im La-Plata-Gebiet lebenden Gauchos eine Dichtung politischer Prägung, die meist anonym publiziert wurde.
In der den Unabhängigkeitskriegen folgenden Epoche der Konsolidierung orientierten sich die neuen lateinamerikanischen Republiken weiterhin stark an Frankreich, dessen romantische Literatur zur Richtschnur für das Schrifttum des 19. Jahrhunderts wurde, wie bei Esteban Echeverría. Zugleich bildeten sich regionalspezifische Varianten des Kostumbrismus heraus.
Vor allem in Argentinien engagierten sich zahlreiche Schriftsteller im Kampf gegen diktatorische Regierungen, wie das Terror-Regime von Juan Manuel de Rosas (1829-1852). Diesem Schriftstellerkreis, dessen Einfluss sich auch auf Chile und Uruguay erstreckte, gehörte neben Echeverría auch José Mármol an, der Verfasser des Mantel-und-Degen-Romans Amalia (1855), sowie der Pädagoge (und spätere argentinische Staatspräsident) Domingo Faustino Sarmiento (Civilización y barbarie, 1845; Facundo Quiroga oder Zivilisation und Barbarei).
In Argentinien entstand eine neue Gaucho-Dichtung unter Einbeziehung volkstümlicher Elemente. Neben Hilario Ascasubi wurde José Hernández der bedeutendste Repräsentant dieser Richtung. Er schilderte in seinem Nationalepos El gaucho Martín Fierro (1872; Martín Fierro) den scherzhaften Anpassungsprozess seines Protagonisten an das zivilisierte Stadtleben. Generell wurden in Drama und Erzählprosa Argentiniens, Uruguays und Brasiliens zunehmend Themen des ländlichen Lebens behandelt.
In anderen Teilen Lateinamerikas war die Dichtung stärker an der romantischen europäischen Literatur orientiert, wie im Fall der Kubanerin Gertrudis Gómez de Avellaneda y Arteaga und des Uruguayers Juan Zorrilla de San Martín, der mit seiner lyrischen Verserzählung Tabaré (1886) Stilmerkmale des Symbolismus vorwegnahm.
Bemerkenswerten Aufschwung nahm die Romanliteratur. Der Chilene Alberto Blest Gana porträtierte nach dem Vorbild Balzacs die chilenische Gesellschaft, so in seinem Roman Martín Rivas (1862). Eher lyrische Töne schlug der Kolumbianer Jorge Isaacs in seinem Schicksalsroman María (1867) an, der als Meisterwerk der lateinamerikanischen Romantik gilt. Der Ecuadorianer Juan León Mera schuf mit seinem Roman Cumandá (1871) eine romantisch-idealisierende Darstellung der in den Regenwaldgebieten lebenden Indianer. Die Auseinandersetzung mit der indianischen Bevölkerung gewann in der Übergangsphase zwischen Romantik und Realismus zunehmend an Bedeutung. Als Begründer des so genannten indianistischen Romans, der meist Liebesbeziehungen zwischen Angehörigen der indianischen Bevölkerung und Weißen zum Thema hatte, gilt der Mexikaner José Martiniano de Alencar (O Guarani, 1857; Der Guarany und Iracema. Lenda do ceará, 1865; Iracema. Ein Sang aus den Urwäldern Brasiliens). Vereinzelt brachen sich auch naturalistische Tendenzen Bahn, wie im Werk des Argentiniers Eugenio Cambaceres, dessen Roman Sin rumbo (1885) deutlich unter dem Einfluss des Franzosen Émile Zola stand.
Der Peruaner Ricardo Palma entwickelte mit seinen romantischen Skizzen zu nationalhistorischen Themen, wie den zwischen 1872 und 1910 erschienenen Tradiciones Peruanas, ein eigenes Literaturgenre.
In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts kam die später auch in Spanien dominierende Stilrichtung des Modernismus (Modernismo) auch in Lateinamerika zur Entfaltung, die vielfach Anregungen der französischen Parnassiens und der Symbolisten aufgriff.
Die Präferenz der meisten Modernisten galt der Lyrik, doch entstanden auch zahlreiche kunstvolle Prosatexte, die eine Erneuerung der spanischsprachigen Prosa bewirkten. Zu den bedeutenden modernistischen Dichtern gehörten die Kubaner José Julián Martí und Julián del Casal, der Mexikaner Manuel Gutiérrez Nájera und der Kolumbianer José Asunción Silva. Der Nicaraguaner Rubén Darío wurde der erste lateinamerikanische Dichter von weltliterarischem Rang. Seine Sammlung Prosas profanas y otros poemas (1896; Profane Prosen und andere Gedichte) hatte maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Modernismo, seine Cantos de vida y esperanza (1905, Gesänge von Leben und Hoffnung) machten ihn international bekannt. Gemeinsam mit den anderen modernistischen Weggefährten initiierte Darío die bedeutendste Neubelebung der spanischen Dichtkunst seit dem 17. Jahrhundert. Unter den Romanciers des Modernismo waren der Venezuelaner Manuel Díaz Rodríguez mit Sangre patricia (1902) und der Argentinier Enrique Larreta mit La gloria de Don Ramiro (1908; Don Ramiro) bedeutend. Der Modernismo erlebte um 1910 seinen Höhepunkt und beeinflusste zahlreiche nachfolgende Generationen spanischsprachiger Schriftsteller.
Parallel zum Modernismo bildete sich eine naturalistische Romanliteratur unterschiedlicher regionaler Prägung heraus. Mit Aves sin nido (1889) vollzog Clorinda Matto de Turner aus Peru den Übergang vom sentimentalen indianistischen Roman zum modernen Protestroman. Während die Romane des Mexikaners Federico Gamboa im städtischen Milieu angesiedelt sind, wie Santa (1903), trat Eduardo Acevedo Díaz aus Uruguay mit historischen Romanen hervor.
Die Erzählungen des Chilenen Baldomero Lillo schilderten die Welt der Bergleute, wie Sub terra (1904, Erzählungen aus Chile). Der Uruguayer Horatio Quiroga machte sich einen Namen mit meisterhaften Novellen, deren Schauplatz die Urwälder Argentiniens waren, wie in Cuentos de la selva (1918, Der Papagei mit der Glatze. Geschichten aus Südamerika). Kennzeichnend für sein Werk ist darüber hinaus sein Interesse an psychologischen Grenzphänomenen.