Ägypten
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Ägypten
6. Wirtschaft

1961 wurde eine Reihe von Gesetzen zur Verstaatlichung der ägyptischen Wirtschaft erlassen. Der Außenhandel, das Banken- und Versicherungswesen sowie die meisten Produktionsbetriebe gingen in staatliche Hand über. Zwar blieben Landwirtschaft, städtischer Immobilienbesitz und bestimmte Produktionsbranchen weiterhin in Privatbesitz, dieser wurde jedoch mit strengen Auflagen verknüpft. Ein 1960 durchgesetzter Plan zur wirtschaftlichen Entwicklung sorgte für eine beträchtliche Ausweitung der Industrieproduktion in den darauf folgenden fünf Jahren. 1965 folgte diesem Plan ein Siebenjahresplan, der zum Teil aufgrund ausbleibender ausländischer Investitionen weniger erfolgreich war. Bereits 1967 trat ein relativ gemäßigter Dreijahresplan in Kraft. Die im Sechstagekrieg gegen Israel 1967 erlittenen Verluste (siehe Abschnitt „Die Kriege der sechziger Jahre”) sowie die darauf folgende allgemeine wirtschaftliche Krise verzögerten die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten waren einer der wichtigsten Auslöser für Ägyptens Friedenspolitik gegen Ende der siebziger Jahre: Der Staat konnte sich keinen neuen Krieg mehr leisten. Zwar war gegen Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre ein großes Wirtschaftswachstum zu verzeichnen, doch seit dem Fallen der Ölpreise Mitte der achtziger Jahre und vor allem auch seit der Golfkrise 1990 geriet Ägypten in eine schwierige wirtschaftliche Lage. Mitte der neunziger Jahre beliefen sich die jährlichen Entwicklungshilfeleistungen auf vier Milliarden US-Dollar. Ägypten reagierte darauf mit der Privatisierung von mehr als 300 staatlichen Unternehmen und mit Strukturreformen.

Wichtigste Einnahmequelle des Landes ist der Tourismus. Weitere Quellen sind die Erlöse aus dem Export von Erdöl sowie die Gebühren für die Benutzung des Suezkanals. Darüber hinaus sind auch die Überweisungen von im Ausland arbeitenden Ägyptern von Bedeutung.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) beträgt 107 484 Millionen US-Dollar (2006). Hiervon erwirtschaftete die Dienstleistungsbranche 47,5 Prozent und die Industrie 38,4 Prozent, in der Landwirtschaft wurden 14,1 Prozent erzielt. Aus diesen Daten lässt sich das BIP pro Einwohner zu 1 449,20 US-Dollar errechnen.

1. Landwirtschaft

In Ägypten leben etwa 35 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung von Ackerbau und Viehhaltung. Jedoch ist nur ein kleiner Teil der Staatsfläche agrarisch nutzbar; die landwirtschaftliche Nutzfläche beschränkt sich auf nur etwa 3 Prozent. Kultiviert werden das Niltal, das Nildelta und einige Oasen, die hoch anstehendes Grundwasser für die Bewirtschaftung des Landes nutzen. Der Grundbesitz wurde durch das Landreformgesetz von 1952 grundlegend umstrukturiert, der individuelle Bodenbesitz wurde auf eine Fläche von etwa 80 Hektar begrenzt. Diese Fläche wurde 1961 auf etwa 40 Hektar verringert und 1969 noch einmal auf etwa 20 Hektar halbiert. Die vom Staat beschlagnahmten Ländereien wurden zwar an die Fellachen (Kleinbauern) verteilt, doch das wirtschaftliche Gefälle zwischen mittelständischen Bauern und Fellachen besteht unverändert fort. Auf Betreiben der Regierung wurde durch Urbarmachung, Bewässerung (insbesondere seit Abschluss der Bauarbeiten am Assuan-Hochdamm) und den Einsatz moderner Technik (Kunstdünger und landwirtschaftliche Geräte) die Gesamtfläche des landwirtschaftlich nutzbaren Landes vergrößert. Im Januar 2003 wurde am Nassersee ein Pumpwerk in Betrieb genommen, mit dessen Hilfe Wasser des Sees über Kanäle in einige Oasen der Libyschen Wüste geleitet werden soll. Der verstärkte Einsatz von Kunstdünger ist seit dem Ausbleiben der Ablagerung von nährstoffreichem Schlamm nötig.

Das ägyptische Kulturland gehört zu den ertragreichsten Böden der Welt. Ägypten ist der weltweit wichtigste Produzent von langfaseriger Baumwolle. Zu den weiteren wichtigen Anbauprodukten zählen Mais, Zuckerrohr, Weizen, Reis und Tomaten. Daneben werden Wassermelonen, Hirse, Gerste, Zwiebeln, Gemüse, Zitrusfrüchte, Mangos, Datteln, Feigen und Wein angebaut. Die Viehhaltung umfasst vorwiegend Schafe, Ziegen, Esel und Hühner. Darüber hinaus ist die Zucht von Arbeits- und Lasttieren wie Rindern und Büffeln bedeutend.

Obwohl auch durch die Regulierung der Wasserführung des Nil in den meisten Regionen mehrere Ernten im Jahr möglich sind, kann der Agrarsektor den Bedarf der heimischen Bevölkerung an Grundnahrungsmitteln nicht decken. Trotz systematischer Ausweitung des Kulturlandes sind nach wie vor hohe Importe von Nahrungsmitteln notwendig.

2. Fischerei

In Ägypten gibt es eine bedeutende Fischereiindustrie. Zu den fischreichsten Gewässern gehören die flachen Seen im Deltagebiet, der See Birkat Qarun und das Rote Meer. Die früher ergiebigen Sardinenschwärme entlang der Mittelmeerküste sind seit der Fertigstellung des Assuan-Hochdammes und den nachfolgenden ökologischen Veränderungen größtenteils verschwunden.

3. Bergbau

Ägypten verfügt über zahlreiche Bodenschätze. Heute spielt in diesem Zusammenhang vor allem die Förderung von Erdöl eine große Rolle. Erdöl und dessen Produkte gehören zu den wichtigsten Exportgütern des Landes (der Anteil von Erdöl und Erdölerzeugnissen am Export lag 1998 bei nahezu 34 Prozent). Bedeutende Ölvorkommen gibt es z. B. in den Küstenregionen des Roten Meeres, in El Alamein am Mittelmeer und auf der Sinai-Halbinsel. Die durchschnittliche Jahresfördermenge liegt bei etwa 46 Millionen Tonnen Erdöl. Daneben werden jährlich etwa 27 Milliarden Kubikmeter Erdgas gefördert (2003). Weitere Bodenschätze sind beispielsweise Phosphate, Manganerz, Eisenerz und Titan. 1991 wurde in der Umgebung der Stadt Assuan mit dem Abbau von Uranerz begonnen.

4. Industrie

Im Vergleich zu anderen Ländern Afrikas ist die Industrialisierung Ägyptens relativ fortgeschritten. Rund ein Fünftel (um 20 Prozent) aller Erwerbstätigen ist in der Industrie beschäftigt und erzielt knapp ein Drittel des Bruttoinlandsproduktes. Neben der Erdölförderung sowie der Erdölverarbeitung zählen vor allem die Textil- und die Metallindustrie zu den wichtigen Industriezweigen des Landes. Die Produktion konzentriert sich dabei auf die Ballungsgebiete im Nildelta, vorwiegend Kairo und Alexandria.

Zu den industriellen Erzeugnissen des Landes gehören z. B. Erdölprodukte, Baumwollgarn, Jutegarn und -stoffe, Wollgarn, Metallerzeugnisse, Schwefelsäure, Stickstoffdünger, Papier, Zement, Autoreifen sowie Fernsehgeräte. Zu den kleineren Gewerbebetrieben mit gesamtwirtschaftlicher Bedeutung gehören Gerbereien, Brauereien, keramische Werkstätten und Parfümfabriken.

5. Währung und Bankwesen

Die offizielle Währung ist das Ägyptische Pfund zu 100 Piaster. Die 1961 gegründete Ägyptische Zentralbank kontrolliert die Bankgeschäfte der Regierung, die Privatbanken sowie die Zentralnotenbank. Es gibt mehr als 200 inländische und ausländische Banken.

6. Außenhandel

Die Handelsbilanz Ägyptens ist negativ. Die Ausgaben für die Einfuhr von Gütern übersteigen bei weitem die Erträge durch den Export. Allein 1998 importierte Ägypten Güter im Wert von mehr als 16 Milliarden US-Dollar (vor allem Nahrungsmittel und Maschinen), während sich die Exporteinnahmen auf rund 3,1 Milliarden US-Dollar beliefen.

Aufgrund des rapiden Bevölkerungswachstums wurde das Land in zunehmendem Maße von Lebensmittelimporten abhängig, insbesondere von Weizen, Mehl und Fleisch. Weitere Importgüter von Bedeutung sind Fahrzeuge, chemische Erzeugnisse, Maschinen für den Bergbau sowie Metallwaren. Die wichtigsten Lieferstaaten dieser Güter sind die USA, Deutschland, Italien, Frankreich und Japan. Zu den wichtigsten Exportgütern zählen Rohöl und Erdölprodukte, die knapp die Hälfte der Exporterlöse einbringen; darüber hinaus werden auch Rohbaumwolle, Baumwollgarn und -stoffe sowie Agrarprodukte ausgeführt. Die Hauptabnehmerländer für diese Erzeugnisse sind Italien, die USA, Deutschland, Großbritannien, Frankreich und die Türkei.

7. Gewerkschaften

Die offizielle ägyptische Arbeiterorganisation ist die Egyptian Trade Union Federation, die etwa fünf Millionen Mitglieder hat. Die Arbeiterschaft wird auf etwa 15,3 Millionen Menschen geschätzt, die Arbeitslosenquote beträgt etwa 17,5 Prozent.

8. Verkehrswesen

Das staatliche ägyptische Eisenbahnnetz hat eine Länge von 5 150 Kilometern (2005). Die Hauptlinie verbindet Assuan und verschiedene Orte im nördlichen Niltal mit Alexandria an der Mittelmeerküste. Die wichtigste Binnenwasserstraße des Landes ist der Nil, der auf seiner gesamten Länge in Ägypten schiffbar ist. Daneben gibt es schiffbare Kanäle mit einer Gesamtlänge von etwa 1 600 Kilometern und mehr als 17 700 Bewässerungskanäle im Nildelta, die intensiv zu Transportzwecken genutzt werden. In kleinerem Umfang spielen in den Wüstengebieten auch Karawanen für den Warentransport eine Rolle. Die wichtigste Hafenstadt ist Alexandria, gefolgt von Port Said und Suez, die alle von zahlreichen Schifffahrtsgesellschaften angelaufen werden. Der Suezkanal war zwischen 1967 und 1975 gesperrt, heute sind die Gebühren für die Durchfahrt eine wichtige Einnahmequelle des Staates. Ein Straßentunnel unter dem Kanal verbindet die Sinai-Halbinsel mit dem ägyptischen Kernland.

Kairo und Alexandria sind über zwei Fernstraßen miteinander verbunden. Weitere Fernstraßen verbinden Kairo mit Port Said, Suez und El Faiyum. Die Gesamtlänge des Straßen- und Fernstraßennetzes beträgt etwa 92 370 Kilometer (2004); 52 Prozent davon sind befestigt. Die staatliche Fluglinie Egypt Air bietet Inlands- und Auslandsflüge an, es gibt in ganz Ägypten etwa 80 Flugplätze. Wichtige Flughäfen sind u. a. Kairo, Alexandria, Port Said, Abu Simbel, Assuan und Luxor.

9. Tourismus

Der Fremdenverkehr stellt für Ägypten eine wichtige Devisenquelle dar. 1998 besuchten 3,5 Millionen Auslandsgäste das Land, die Einnahmen beliefen sich umgerechnet auf knapp 4,1 Milliarden US-Dollar. Zu den bevorzugten Reisezielen der Besucher Ägyptens zählen vor allem die Hauptstadt Kairo und die Pyramiden von Gise und Luxor mit dem Tal der Könige und den zahlreichen erhaltenen Tempeln. Darüber hinaus ist auch der Bade- und Tauchtourismus am Roten Meer von großer Bedeutung. Zu diesem Zweck wurden während der vergangenen Jahre verschiedene Ferienorte angelegt. Schweren Schaden nahm die Fremdenverkehrsbranche durch mehrere Terroranschläge muslimischer Extremisten auf Touristen. So ging beispielsweise nach dem Massaker von Luxor im November 1997 die Zahl ausländischer Gäste innerhalb kurzer Zeit drastisch zurück. Erst in der zweiten Jahreshälfte von 1998 stiegen die Besucherzahlen wieder auf Vorjahresniveau an, und 1999 wurde ein Zuwachs um nahezu 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr erreicht.

10. Energie

Mehr als 70 Prozent seines Energiebedarfs deckt Ägypten aus der Verbrennung von Erdöl und Erdgas in Wärmekraftwerken. Der verbleibende Restbedarf (etwa ein Drittel) wird aus Wasserkraft, z. B. mit Hilfe der Anlage des Assuan-Hochdammes gewonnen – die Leistung des Kraftwerkes Sadd al-Ali liegt bei 2 100 Megawatt.