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Stuhl
1. Einleitung

Stuhl, ein bewegliches Möbelstück für eine Person, das aus einer Sitzfläche, Stuhlbeinen, einer Rückenlehne und manchmal Armlehnen besteht. Jahrtausendelang wurden Stühle nur in Königshäusern, vom Adel, von reichen Bürgern und Bauern und von Priestern benutzt. Erst im 16. Jahrhundert wurden Stühle zu einem allgemein üblichen Möbelstück. Die meisten Kulturwissenschaftler halten es für wahrscheinlich, dass Stühle fast in allen Kulturen zunächst als Thron für die Herrschenden gedient haben. So konnten die Herrscher über den anderen Menschen thronen und ihren hervorgehobenen Status dadurch unterstreichen, dass sie nicht direkt auf dem Boden lagerten. Gründe der Bequemlichkeit dürften für den Gebrauch von Stühlen zunächst kaum ausschlaggebend gewesen sein.

2. Ägypten und Mesopotamien

Die ältesten bekannten Stühle stammen aus dem antiken Ägypten. Sie waren niedrig, hatten manchmal gebogene Rückenlehnen und häufig Beine, die in Tiergestalt geschnitzt waren. Auf Gemälden und Wandreliefs sind verschiedene Stuhltypen überliefert, die in Ägypten benutzt wurden. In Babylonien wurden Stühle aus Palmenholz hergestellt, das sich leicht bearbeiten ließ. Stühle und Throne der assyrischen Monarchen waren kunstvoll gearbeitet, massiv und mit Schnitzereien versehen, die Könige und ihre Familie abbildeten.

3. Griechenland

Griechische Stühle waren aus Bugholz und hatten häufig schräge Rückenlehnen. Die cathedra war ein tragbarer Stuhl, der ursprünglich von Frauen im antiken Griechenland und im Römischen Reich benutzt wurde. Die cathedra, das Stehpult, von dem aus Professoren im Mittelalter und in der Renaissance lehrten, leitet sich von diesem griechischen Begriff her. Im frühen Christentum wurde der Begriff Cathedra auf den Bischofsstuhl verwendet; Kirchen, in denen dieser Stuhl stand, wurden Kathedralen genannt: Eine Kathedrale ist der „Sitz” eines Bistums.

4. Rom

Sellae hießen Stühle, die von römischen Würdenträgern benutzt wurden. Bedeutend war die sella curulis, ein X-förmiger Klappstuhl mit Armlehnen, aber ohne Rückenlehne. Anfangs war die sella curulis dem Herrscherhaus vorbehalten. Als Rom zur Republik wurde, benutzten sie nur Konsule, Zensoren und Magistrate. Die sella curulis hatte Bronzebeine, die manchmal Stoßzähnen von Elefanten nachgebildet waren. Stühle, die in römischen Wohnungen oder in Amphitheatern benutzt wurden, hießen sediliae. Dieser Name wird heute für die Dreiersitze in Kirchen verwendet, die von den amtierenden Geistlichen benutzt werden. Im Mittelalter wurden sediliae, die für bedeutende geistliche Würdenträger hergestellt wurden, durch Schnitzereien, Malerei und Vergoldung verschönert.

5. Mittelalter

Ein berühmter Stuhl aus dem frühen Mittelalter ist der Thron von Dagobert I. (frühes 7. Jahrhundert, Louvre, Paris), ein karolingischer Klappstuhl aus gegossener Bronze mit Beinen in Form von Tierköpfen. Einer der ältesten Stühle in England ist der kunstvoll gearbeitete, gotische Eichenstuhl (13. Jahrhundert, Westminster Abbey, London), auf dem Eduard I. und die meisten auf ihn folgenden Königinnen und Könige von England gekrönt wurden. Ein Thron, der im 6. Jahrhundert für Erzbischof Maximilian gebaut wurde (Museo Nazionale, Ravenna), ist mit kunstvoll geschnitzten Elfenbeintafeln verziert.

6. Renaissance

Der Wechsel vom Stuhl als Machtsymbol zum alltäglichen Gebrauchsgegenstand vollzog sich in der Renaissance. Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts waren die europäischen Stühle aus Eiche gefertigt und gewöhnlich nicht gepolstert. Später wurden Lederpolster benutzt, danach solche aus Samt und Seide. Die Eichenstühle waren zunächst wuchtig und schwer. Später wurden Rückenlehnen und Sitzflächen aus Rohr eingeführt, wie Stühle zu Zeiten Ludwigs XIII. in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Frankreich zeigen. Diese Entwürfe wurden während der Regierungszeiten späterer französischer Könige immer wieder verändert (siehe Möbel; Inneneinrichtung).

7. England

Die ersten Stühle in England, die für den täglichen Gebrauch gefertigt wurden, waren niedrig und hatten schwere, geschnitzte Rückenlehnen. Mit Beginn des 17. Jahrhunderts wurden die französischen, leichteren Stühle imitiert. Schnitzereien fanden sich nur noch am Stuhlrahmen. Im ausgehenden 17. Jahrhundert hatten die englischen Stühle spiralenförmige Teile, die Sitzflächen und Rückenlehnen bestanden aus Holztafeln oder Stoff. Im 18. Jahrhundert nahmen verschiedene bekannte englische Möbelschreiner große Veränderungen am typischen englischen Stuhl vor. Der erste und berühmteste unter ihnen war Thomas Chippendale, der das solide Rückenteil des Stuhles durch ein durchbohrtes und geschnitztes ersetzte. Die Beine waren wohl proportioniert und im Schnitt entweder S-förmig oder quadratisch.

8. Deutschland

Ende des 14. Jahrhunderts fanden Stühle in Bürger- und Bauernhäusern Eingang. Sie waren zunächst nur dem Hausherrn und seiner Frau zugedacht. Der aus dem Mittelalter stammende Faltstuhl (auch Klapp- und Scherenstuhl) wurde erst nach 1500 in Deutschland verwendet. Die leichteren Stühle, die Anfang des 19. Jahrhunderts aufkamen, hatten ihren Ursprung in England. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Stuhl das erste Möbelstück, das industriell gefertigt wurde. Eine Vorreiterrolle spielte dabei die Firma der Gebrüder Thonet, die Bugholzstühle aus gebogenem Massivholz herstellte. Der Thonetstuhl war eines der ersten europäischen Produkte, das weltweit massenhaft Verbreitung fand.

9. Das frühe Amerika

Die ersten Stühle, die in den amerikanischen Kolonien hergestellt wurden, waren aus Eiche oder Kiefer. Ihre Formen richteten sich nach den Ländern, aus denen die Möbelschreiner kamen. Mit der Zeit entwickelten sich Variationen dieser Modelle. Aber ähnlich wie auf dem europäischen Festland, folgten die Siedlermöbel der Stilentwicklung in England. Der Windsorstuhl, ein robuster Lehnstuhl aus Eiche, Esche oder Nussbaum, der englische Vorbilder hatte, war beliebt. Die Hitchcockstühle, die nach einem Stuhlhersteller aus Connecticut benannt wurden, waren oft bemalt und das ganze 19. Jahrhundert über in Mode.

10. Afrikanische Stühle

Überall in Afrika zeigen Stühle Status und Rang an. In afrikanischen Schnitzereien sitzen oder stehen Figuren häufig auf Stühlen, und repräsentieren so eine besondere irdische oder göttliche Macht. Stühle mit hohen Lehnen gehen in Afrika wahrscheinlich auf europäische Einflüsse zurück und sind traditionell Fürsten vorbehalten. Sie werden in Ostafrika, so z. B. bei den Nyamwezi, manchmal paarweise für den Fürsten und seine Gattin gefertigt. In weiten Teilen Afrikas, vor allem in Westafrika, werden die Zahlen Drei und Vier mit dem männlichen und dem weiblichen Geschlecht assoziiert. Frauenstühle haben daher vier Beine, Männerstühle drei. Stühle und Throne in Afrika sind in aller Regel in zeremonieller Hinsicht viel bedeutender als in funktioneller. Außer als Statussymbol sind sie vor allem auch bei Initiationsriten und für die Ahnenverehrung von Bedeutung.

11. Das 20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert experimentierten die Möbeldesigner weiterhin mit unkonventionellen Materialien und Techniken und schufen völlig neue Stuhlformen. Aus dem Bauhaus kamen einige der originellsten Entwürfe der zwanziger Jahre. Die Architekten Ludwig Mies van der Rohe und Marcel Breuer entwickelten die bekanntesten Stuhlmodelle des Bauhauses. Mies van der Rohes Barcelonastuhl, der aus Chromstahl und Leder bestand, und Breuers einfacher Wassily-Lehnstuhl aus Stahlrohr und Leinwand waren Freischwinger, die heute noch nach den Originalentwürfen oder in abgewandelter Form produziert werden. Der finnische Architekt Alvar Aalto entwickelte in den fünfziger Jahren einen celloförmigen Stuhl aus Sperrholz, der heute noch in Konzertsälen, Büros, Schulen und Ämtern Verwendung findet. Das amerikanische Designerehepaar Ray Eames und Charles Eames experimentierte mit Materialien wie Gitterdraht, Pappmaché und Kunststoff. Ihre Chaiselongue und Ottomane, die aus geformtem Sperrholz besteht und mit ledernen Polstern versehen ist, ist der Inbegriff von Bequemlichkeit eines modernen Sitzmöbels geworden. Der Amerikaner Harry Bertoia entwarf 1952 den heute klassischen Maschendrahtstuhl aus Metall, der als Bertoia Shell-chair bekannt wurde.