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| 4. | Die moderne westliche Familie |
Zwar ist auch in den zeitgenössischen Industriegesellschaften die Familie die fundamentale Einheit der Gesellschaft. Jedoch unterscheidet sich die heutige Familie von älteren und traditionelleren Formen zum Teil erheblich in ihrer Funktion, ihrer Zusammensetzung, dem Familienzyklus und in den sozialen Rollen von Mutter und Vater.
Kinderfürsorge sowie gegenseitige emotionale Unterstützung ist die wesentliche Funktion der Familie, die bis heute alle Veränderungen überdauert. Die anderen Funktionen, welche die agrarische (bäuerliche) Familie erfüllte (Produktion des Lebensunterhalts, Erziehung, religiöse Unterweisung), sind heute weitgehend von darauf spezialisierten Institutionen übernommen worden. Für Erziehung und Bildung sorgen der Staat oder private Organisationen. Auch religiöse Unterweisung und Freizeitaktivitäten werden außerhalb des Hauses angeboten. Die Verantwortung für die Sozialisation der Kinder liegt nach wie vor bei der Familie, doch auch in dieser Funktion verliert die Familie an Bedeutung. Hier nimmt der Einfluss der Gleichaltrigen (der Peergroup; siehe Kinderpsychologie) und der Massenmedien beständig zu.
Seit Beginn der industriellen Revolution hat sich die Gestalt der Familie nachdrücklich verändert, insbesondere seit Ende des 2. Weltkrieges. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Geburtenrate in den Industrieländern erheblich zurückgegangen.
Einige dieser Entwicklungen hängen mit der veränderten und sich verändernden Stellung der Frau in der Gesellschaft zusammen. In den westlichen Gesellschaften nehmen Frauen in allen Stadien des Familienzyklus am Arbeitsprozess teil oder treten nach einer Familienphase wieder in ihn ein. Steigende Erwartungen an die persönliche Befriedigung durch Ehe und Familie, erleichterte Scheidungsmöglichkeiten (siehe Eherecht) und bessere Beschäftigungschancen für Frauen haben zu einem Anstieg der Scheidungsraten in der westlichen Welt geführt.
Im 20. Jahrhundert wurden die erweiterten Familienhaushalte in den westlichen Gesellschaften immer seltener. Das hängt besonders damit zusammen, dass Menschen heute häufiger umziehen als früher, und damit, dass Söhne und Töchter für ihre alternden Eltern heute finanziell weniger Verantwortung zu tragen haben, da Pensionen, Renten und staatliche Unterstützungsleistungen für Rentner heute die Regel sind.
Aufgrund der sinkenden Geburtenrate hat sich jedoch mittlerweile eine demographische Situation ergeben, in der die Angehörigen der jüngeren Generationen den klassischen Generationenvertrag nicht mehr erfüllen können. Die Finanzierung des Sozialstaates, seiner Renten und Unterstützungsleistungen wird damit zunehmend schwieriger und die auf diesem Weg bestrittene Versorgung der Älteren problematischer. Der Kleinfamilie und eventuell auch der Großfamilie wachsen damit in der Zukunft vermutlich verstärkt neue (im Grunde alte) Aufgaben der Existenzsicherung zu (siehe Subsidiarität).
In den siebziger Jahren gingen aus der klassischen Kernfamilie etwas veränderte Familienformen hervor, darunter die Ein-Eltern-Familie, die Stieffamilie und die kinderlose Familie. Früher waren Ein-Eltern-Familien in der Regel eine Folge des Todes eines Ehepartners. Heute entstehen die meisten Ein-Eltern-Familien durch Scheidung. Auch bringen immer mehr unverheiratete Mütter Kinder zur Welt. Aus vielen Ein-Eltern-Familien werden jedoch schließlich durch Wiederheirat oder unverheiratetes Zusammenleben Zwei-Eltern-Familien, so genannte Patchwork-Familien (englisch patchwork: Flickwerk).
Eine Stieffamilie entsteht durch die Wiederheirat eines Elternteiles. Sie kann aus einem Elternteil mit Kindern und einem kinderlosen Ehepartner bestehen, aus einem Elternteil mit Kindern und einem Ehepartner, dessen Kinder nicht bei ihm leben, oder aus zwei Ein-Eltern-Familien.
Kinderlosigkeit ist zunehmend einer bewussten Entscheidung der jeweiligen Lebenspartner oder Eheleute zuzuschreiben, einer Entscheidung, die durch die bessere Verfügbarkeit von empfängnisverhütenden Mitteln erleichtert wird. Nachdem Heilmittel für Geschlechtskrankheiten und andere unfruchtbar machende Krankheiten entwickelt worden waren, ging der Anteil der kinderlosen Paare über viele Jahre ständig zurück. In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts kehrte die veränderte Stellung der Frau in der Gesellschaft diesen Trend jedoch um. Besonders in den westlichen Gesellschaften entscheiden sich Paare heute häufig gegen Kinder oder stellen den Kinderwunsch zurück, bis beide beruflich Fuß gefasst haben.
Seit den sechziger Jahren sind neue Familienformen entstanden. Paare leben vor oder statt einer Heirat häufiger unverheiratet zusammen, und auch ältere Paare, oft Witwen und Witwer, finden es wirtschaftlich sinnvoller, ohne Heirat zusammenzuleben. Homosexuelle Paare leben heute recht offen als Familie zusammen, manchmal auch mit den Kindern der einen Partnerin (des einen Partners); seit 2001 gilt in Deutschland das Lebenspartnerschaftsgesetz (siehe eingetragene Lebenspartnerschaft), das homosexuellen Lebenspartnerschaften einen eheähnlichen Status zuerkennt. Eine weitere Variante familienähnlichen Zusammenlebens bilden seit Ende der sechziger Jahre Wohngemeinschaften, bei denen die „Familie” aus Gruppen verwandter oder nicht verwandter Personen besteht.
Inzwischen werden vermehrt so genannte zerrüttete Familien beobachtet, in denen zum Teil Tendenzen zu (emotionaler) Verwahrlosung sichtbar werden. Umstritten ist, ob für die immer deutlicher werdenden Probleme in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen der Zerfall der klassischen Familie allein oder vielmehr andere soziale Faktoren wie fortschreitende Verarmung, die Tendenz zur so genannten Zweidrittelgesellschaft oder die wahrnehmbare Senkung moralischer Standards verantwortlich sind. Offenbar scheint aber ein Zusammenhang zu bestehen zwischen Phänomenen wie Jugendgewalt und Jugendkriminalität und der Tatsache, dass manche Eltern von ihren Erziehungsaufgaben überfordert sind und sie immer stärker an Institutionen wie die Schule delegieren möchten.