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Phonetik
1. Einleitung

Phonetik, Zweig der Linguistik, der sich mit der Erzeugung, den physikalischen Grundlagen sowie der Wahrnehmung und dem Verstehen von Sprachlauten beschäftigt. Die wichtigsten Forschungsgebiete der Phonetik sind: experimentelle Phonetik, artikulatorische Phonetik und akustische Phonetik. Die Phonetik ist nicht zu verwechseln mit der Phonologie, die sich mit den Phonemen beschäftigt, den kleinsten bedeutungsunterscheidenden Einheiten der Sprache.

2. Akustische Phonetik

Akustische Phonetik ist die empirische Untersuchung der Lauterzeugung mit naturwissenschaftlichen Methoden. Zwischen sämtlichen Sprachlauten bestehen physikalische Unterschiede. Zur Aufzeichnung von Messdaten werden elektroakustische Registrier- und Speichergeräte wie Oszillograph und Spektrograph verwendet. Die Messgenauigkeit ist dabei nur durch die Präzision der Geräte begrenzt.

Die frühesten Beiträge zur Phonetik lieferten vor mehr als 2 000 Jahren Gelehrte wie der Sanskrit-Grammatiker Panini, der sich zur Bewahrung der ursprünglichen rituellen Texte auch mit der Artikulation der Wörter befasste. Der erste Phonetiker der Moderne war der Däne J. Matthias, Verfasser von De Litteris (1586). Der englische Mathematiker und Taubstummenlehrer John Wallis klassifizierte 1653 als Erster die Vokale nach ihrem Artikulationsort. Das Konzept des Vokaldreiecks wurde 1781 von dem Deutschen C. F. Hellwag entwickelt. Zehn Jahre später erfand der österreichische Mechaniker Wolfgang von Kempelen ein Gerät, das Sprachlaute erzeugte. Der deutsche Physiker Hermann Helmholtz begründete mit seinem Werk Die Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage für die Theorie der Musik (1863) die Forschungsrichtung der akustischen Phonetik. Der Franzose Abbé Jean Pierre Rousselot war ein Pionier auf dem Gebiet der experimentellen Phonetik.

Eine der ersten grundlegenden Arbeiten im 20. Jahrhundert zu diesem Bereich der Phonetik ist das Werk Grundfragen der Phonometrie (1936) von Eberhard Zwirner. Gemessen an den einfachen Mitteln, mit denen die ersten Phonetiker im 19. und 20. Jahrhundert zurechtkommen mussten, sind deren Ergebnisse beachtlich. Bedeutende Fortschritte wurden durch die Erfindung des Kathodenstrahl-Oszillographen in den dreißiger Jahren erreicht. Nach dem 2. Weltkrieg wurden die ersten Spektrographen gebaut, mit denen die Intensität und die Teilfrequenzen eines Lautes aufgezeichnet werden können. Auf so genannten Spektrogrammen ist anhand der Grundtonschwankungen auch die Intonation abzulesen. Weitere bedeutende technische Errungenschaften sind der Tonhöhenschreiber (von Grützmacher und Lottermoser bereits vor dem 2. Weltkrieg entwickelt), der Pattern Playback 1951 und der Formantensynthetisator 1953.

Seit den siebziger Jahren wird die akustische Phonetik durch den rasanten Fortschritt der Computertechnologie revolutioniert. Es wurden Techniken zur automatischen Spracherkennung für die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine entwickelt. Bemerkenswerte Fortschritte gab es auch auf dem Gebiet der so genannten synthetischen Rede, die für automatische Auskunftssysteme verwendet wird.

3. Artikulatorische Phonetik (genetische Phonetik)

Die artikulatorische Phonetik beschreibt die physiologischen Prozesse der Sprachlauterzeugung, d. h. die Art und Weise, wie die Sprechorgane den Luftstrom in Mund, Nase und Kehlkopf modifizieren. Entscheidend für die Beschreibung der Lauterzeugung sind die zwei Faktoren Artikulationsort und Artikulationsart. Jeder so definierte Sprachlaut kann durch die so genannte phonetische Lautschrift dargestellt werden. Am häufigsten werden die von der International Phonetic Association (IPA) anerkannten Zeichen des Internationalen Phonetischen Alphabets verwendet. Lautschriftzeichen werden üblicherweise in eckigen Klammern geschrieben.

Es gibt bewegliche und unbewegliche Sprechwerkzeuge. Bewegliche Sprechwerkzeuge wie Lippen, Kiefer, Zunge oder Stimmbänder nennt man Artikulatoren oder Artikulationsorgane. Mit ihnen modifiziert ein Sprecher den Luftstrom aus der Lunge oder dem Mundraum. Zu den unbeweglichen Sprechwerkzeugen gehören etwa die Schneidezähne, der dahinter liegende Zahndamm (Alveolen), der harte und der weiche Gaumen (Palatum). Das Gaumensegel (Velum) ist beweglich und entscheidet, ob ein b, d, g oder m, n, ng artikuliert wird. Die von einem Artikulator und einem unbeweglichen Sprechwerkzeug oder von zwei Artikulatoren erzeugten Laute, wie das bilabiale [p], bei dem Ober- und Unterlippe beteiligt sind, benennt man nach den verwendeten Sprechwerkzeugen, d. h. nach dem Artikulationsort. Die Zunge wird dabei allerdings nicht immer in die Benennung einbezogen. Der Laut t wird beispielsweise durch einen totalen Verschluss (Berühren des Zahndammes mit der Zunge) erzeugt und als alveolarer Laut bezeichnet.

Die Artikulationsart hängt davon ab, wie ein Sprecher den Luftstrom mit den beweglichen Sprechwerkzeugen modifiziert. Er kann den Luftstrom vollständig blockieren (Plosiv- oder Verschlusslaut), dabei den Nasenraum offen halten (Nasallaut), mit der Zunge den Luftstrom teilweise blockieren, so dass an beiden Seiten eine Öffnung bleibt (Laterallaut), mit der Zunge eine Artikulationsstelle kurz berühren (geschlagener Laut oder Flap), die Luft so durch eine Engstelle pressen, dass Reibung entsteht (Frikativlaut) oder die Luft ohne Reibung über die Zungenmitte strömen lassen (stimmhafter Laut). Ein Sprecher erzeugt die unterschiedlichen Klangfarben der Vokale durch eine entsprechende Änderung der vertikalen (oben, Mitte, unten) und horizontalen Lage (vorne, zentral, hinten) der Zunge. Beim Wort Aida bewegt ein Sprecher beispielsweise die Zunge aus der unteren in die obere Lage, um die ersten beiden Vokale zu erzeugen; um nacheinander die Vokale der Worte wo und wer auszusprechen, bewegt sich die Zunge von der hinteren in die vordere Lage.

Die Lage der Zunge beim Sprechen der Vokale u, i und a bildet die Eckpunkte des so genannten Vokaldreiecks iau, das durch die Differenzierung des a-Lautes in ein vorderes und hinteres a zum Vokalviereck erweitert wurde. Der Vokal e nimmt die neutralste Position ein. Die Klangfarbe eines Vokals hängt auch davon ab, ob der Sprecher die Lippen rundet oder nicht, Ober- und Unterkiefer zusammenpresst bzw. öffnet oder die Zungenspitze flach lässt oder nach oben rollt (Retroflexlaut). Der Sprecher kann die Zunge gleichzeitig langsam nach oben und vorne oder nach oben und hinten bewegen und so durch den Abglitt zwei Vokale (Diphthong) gleichzeitig erzeugen.

Auch andere Modifizierungen können die Klangfarbe eines Lautes beeinflussen. Beispielsweise können Nasale statt Vokale Silbenträger werden, und bestimmte charakteristische Vokalformanten, so genannte Halbvokale, müssen nicht immer Silbenträger sein. Die Klangfarbe bestimmter Laute wird auch dadurch beeinflusst, ob der Sprecher die Sprechwerkzeuge anspannt oder entspannt. Das Vibrieren der Stimmbänder erzeugt stimmhafte Laute. Im Deutschen sind sämtliche Vokale und einige Konsonanten stimmhaft. Wird nach der Lauterzeugung der Verschluss schlagartig gelöst, nennt man das behaucht (Aspiration). Wenn man die Hand vor den Mund hält, kann man die Aspiration des Lautes [ph] z. B. beim Wort Puste deutlich fühlen.

4. Phonologie

Im deutschen Sprachraum wird eindeutig zwischen Phonetik und Phonologie unterschieden. Nach einer älteren Kategorisierung wird die Phonologie auch als funktionale Phonetik bezeichnet. Darunter wird die Erforschung des Phonemsystems einer Sprache verstanden. Ein Phonem ist die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit einer Sprache. Die Phonologie untersucht den Phonembestand einer Sprache durch die Bildung distinktiver Merkmale. So ist der Laut r im Deutschen ein Phonem, weil er als kleinste Lauteinheit unterschiedliche Wortbedeutungen bewirken kann (unabhängig davon, dass das Phonem r von unterschiedlichen Sprechern ganz verschieden ausgesprochen werden kann).

Als erster Laut des Wortes Rille dient das Phonem r zur Unterscheidung vom Wort Pille. Der Vokal i in Rille ist ebenfalls ein Phonem, da sich durch ihn das Wort Rille mit seiner Bedeutung lautlich von dem Wort Rolle mit einer anderen Bedeutung unterscheidet. Zwei verschiedene Laute mit unterschiedlichem Artikulationsort können in einer Sprache zwei Phoneme, in einer anderen jedoch nur eines sein. So sind die Laute [r] und [l] im Deutschen zwei bedeutungsunterscheidende Phoneme, wogegen sie im Japanischen lautliche Varianten eines einzigen Phonems darstellen. Die Laute [ph] und [p] wie in Pille und Spiegel sind im Deutschen nur ein Phonem, obwohl sie sich phonetisch unterscheiden.

Phoneme beziehen sich auf die Laute einer gesprochenen Äußerung. So bestehen beispielsweise Graph und Graf aus den gleichen vier Phonemen. Auch soll und Soll sind unabhängig von ihrer unterschiedlichen Bedeutung auf der Phonemebene gleich. Jede Sprache verfügt über ein ihr eigenes Phoneminventar. Eigentlich ist die Gesamtzahl der Phoneme einer Sprache die kleinste Zahl der notwendigen graphischen Zeichen, mit denen diese Sprache unzweideutig schriftlich dargestellt werden kann. Entspricht jedem graphischen Zeichen ein Lautwert, kann ein Muttersprachler damit seine Sprache lesen. Auch ein Nichtmuttersprachler kann damit die Sprache richtig aussprechen, vorausgesetzt er kennt die zusätzlichen Informationen über die nicht bedeutungsunterscheidenden phonetischen Varianten, die ein Muttersprachler automatisch berücksichtigt. Idealerweise besteht eine Eins-zu-eins-Entsprechung zwischen den Phonem und den Schriftzeichen einer Sprache. Es gibt jedoch Sprachen, bei denen sich Lautung und Schreibweise sehr stark auseinanderentwickelt haben (z. B. das Englische und das Französische). Zur Vereinfachung und zur genauen Notation kann man jedes Phonem einer Sprache anhand einer internationalen Lautschrift mit einem eigenen Schriftzeichen darstellen.