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Indische Kunst und Architektur
1. Einleitung

Indische Kunst und Architektur, Kunst und Architektur des Indischen Subkontinents, der neben Indien auch die Länder Pakistan und Bangladesch, Sri Lanka, Nepal und die Randgebiete einiger Nachbarländer umfasst. Die indischen Kunstformen unterscheiden sich je nach Zeitstellung, religiöser Bindung und Region beträchtlich, dennoch weisen sie in allen ihren Varianten Gemeinsamkeiten auf, die es erlauben, generell von einer indischen Kunst und Architektur zu sprechen.

2. Epochen der indischen Kunst

Die Geschichte der indischen Kunst erstreckt sich über nahezu 5 000 Jahre. Die ältesten Zeugnisse indischer Kunst stammen aus einer Zivilisation, von der wir heute nicht sehr viel wissen: der Harappakultur, die ihre Blüte um 2500 v. Chr. gehabt haben könnte. Als dann um 1500 v. Chr. indoeuropäische Stämme in Nordindien eindrangen, brachten diese ihre eigenen Kunstformen mit, nahmen aber auch Stilelemente der alten Kultur auf.

Eine frühe Blüte erlebte die indische Kunst mit der Entstehung des Maurya-Reiches, des ersten Großreiches Indiens, im 3. Jahrhundert v. Chr. Die Herrscher dieses Reiches förderten vor allem die buddhistische Kunst.

Die klassische Periode der hinduistischen Kunst begann erst in der Gupta-Zeit vom 4. bis zum 6. Jahrhundert n. Chr. Auch die buddhistische Kunst entwickelte sich in dieser Zeit weiter. Nach Zerfall des Gupta-Reiches setzte sich die Entwicklung beider Kunstrichtungen in kleineren Regionalreichen fort.

Die nächste wichtige Zäsur für die Entwicklung der indischen Kunst war das Verschwinden des Buddhismus in Indien gegen Ende des 1. Jahrtausends und das Eindringen islamischer Eroberer Anfang des 2. Jahrtausends n. Chr. Es folgte die Zeit der Sultanate und der Herrschaft der Moguln, in der solch bedeutende Werke wie der Taj Mahal entstanden.

Die Ära der Moguln endete im 18. Jahrhundert und wurde von der Zeit der britischen Fremdherrschaft abgelöst. Durch die Briten gelangten in einem bisher nicht gekannten Maße europäische Einflüsse nach Indien. In großen Städten wie Kalkutta wurden ganze Straßenzüge im viktorianischen Stil erbaut. Heute versuchen indische Künstler europäische und auch amerikanische Einflüsse aufzunehmen und in einen eigenen indischen Kunststil einfließen zu lassen.

3. Religiöser Hintergrund
1. Hinduismus, Buddhismus

Die Kunst Indiens wird nur begreiflich und bewertbar im Kontext der weltanschaulichen, ästhetischen und rituellen Gepflogenheiten der buddhistisch-hinduistischen Kultur. Der größte Teil dessen, was uns aus den vielen Jahrhunderten Kunstgeschichte überliefert wird, ist religiöse Kunst. Die Auftraggeber dieser Kunstwerke, Könige, Händler oder Mönchsorden, ließen diese Kunstwerke mit zumeist eindeutigen religiösen Maßgaben anfertigen.

In diesem Zusammenhang ist es erstaunlich, wie viele weltlich-alltägliche Motive in die Kunst eingeflossen sind. Das Spektrum der Themen reicht von lustigen, dramatischen oder erotischen Alltagsgeschichten über die Heldentaten der Götter bis hin zu Asketentum und Weltentsagung. Offenbar besaßen die Künstler eine große Unabhängigkeit gegenüber ihren Auftraggebern.

In vielen buddhistischen und hinduistischen Werken findet sich dennoch oft ein sittlich-belehrender Unterton. Immer ist es der rechte Weg zur Erlösung, auf den die Menschen mit guten und schlechten Beispielen hingewiesen werden sollen. Diese Werke wurden deshalb auch bei der Prinzenerziehung herangezogen.

2. Islam

Eine deutliche Veränderung religiöser Inhalte der Kunst trat in der Zeit ein, als der Islam die vorherrschende religiöse Kraft in Indien wurde. Der Islam verbietet die Darstellung des menschlichen Körpers im religiösen Zusammenhang, und so gelangten geometrische Muster zur vollen Blüte, die nun von den Moguln als wichtigstes gestalterisches Element in Architektur, Malerei und dekorativer Kunst gefördert wurden (siehe islamische Kunst und Architektur).

3. Schulen, Stile, Künstler

Die Herstellung von Kunstwerken war im alten Indien eine eigene Wissenschaft (shilpashastra), die in mehreren Schulen gepflegt wurde. Diese Schulen prägten die unterschiedlichen Stilrichtungen in Tempelbau, Plastik und Malerei. Am augenscheinlichsten wird der Unterschied, wenn es um nord- und südindische Traditionen geht. Bis zum Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. entwickelten sich beide Traditionen nahezu unabhängig voneinander. Späterhin gab es einen großen Einfluss nordindischer Kunst und Architektur auf die südindischen Schulen. Dennoch bleiben viele typische Eigenarten der südindischen Kunst, größtenteils aus der Tradition der Chola-Reiche, bis heute erhalten.

Über die individuellen Künstler ist in der Regel nichts bekannt. Dies erklärt sich aus der Entwicklung der indischen Kunst in einzelnen Schulen. Die Person des Architekten oder Bildhauers tritt hinter der Bedeutung der Schule, zu der er gehörte, zurück. Erst im 2. Jahrtausend n. Chr. werden einzelne Künstler- und Denkerpersönlichkeiten genauer fassbar. Diese Individualisierung ist in hohem Maße auf die Einflüsse fremder Kulturen zurückzuführen. Erst die islamischen Eroberung Indiens, vor allem aber die britische Fremdherrschaft hat zu einer solchen Beachtung des Individuums geführt.

4. Einflüsse

Die indische Kunst ist über ihre gesamte Geschichte hinweg fremden Einflüssen ausgesetzt gewesen. Immer wieder kamen aus dem Nordwesten neue Eindringlinge. Sie wurden größtenteils indisiert, genauso wie ihre Kunst, die von den Indern aufgenommen und in die indische Tradition eingefügt wurde. Nicht indisiert wurden allerdings die muslimischen Eroberer, die seit dem 11. Jahrhundert in Indien eindrangen. Aber auch die islamischen Kunststile, die sie seit dem 13. Jahrhundert einführten, erhielten eine unverwechselbar indische Prägung.

Die indische Kunst hat jedoch nicht nur Einflüsse aufgenommen, sie hat auch selbst Einfluss auf andere Länder ausgeübt. Architektur, Plastik, Malerei, Schmuck, Keramik, Metallarbeiten und Textilverarbeitung indischer Provenienz haben sich mittels Buddhismus und Hinduismus über den gesamten Fernen Osten ausgebreitet und auch auf die Kunst Chinas, Japans, Myanmars (früher Birma), Thailands, Kambodschas und Javas entscheidenden Einfluss ausgeübt.

5. Architektur

Die indische Architektur fand ihren frühesten Ausdruck in Ziegelbauwerken, die zeitgleich mit Gebäuden in Holzbauweise entstanden. Im Lauf der Jahrhunderte verschwanden Konstruktionen aus Holz immer mehr, wurden jedoch in Steinbauwerken und Felsentempeln nachempfunden, von denen einige bis heute erhalten sind.

1. Frühindischer und buddhistischer Stil

Älteste Siedlungsreste der so genannten Harappakultur finden sich in Form von Gebäuden aus gebrannten Ziegeln bei Mohenjo-Daro und Harappa (im heutigen Pakistan) aus der Zeit um 2500 bis 1750 v. Chr. Aus der sich anschließenden vedischen Periode der Frühgeschichte sind Grabhügel bei Lauriya Nandangarh im Bundesstaat Bihar sowie Felsengräber in Malabar im Bundesstaat Kerala erhalten geblieben, in denen man neben ersten Eisengeräten insbesondere bemalte Keramik fand.

Die Entwicklung der historischen Stilrichtungen setzte am Ende der Staatenbildung in der Maurya-Periode um 250 v. Chr. unter König Aschoka ein, der den Buddhismus sehr förderte. Dementsprechend handelte es sich bei den damaligen Monumentalbauten hauptsächlich um buddhistische Tempel. Ein typisch buddhistisches Gebäude war der Stupa, ein halbkugelförmiger, mit Steinplatten verkleideter Erd- oder Ziegelbau mit Ringpfad und vier Eingangstoren nach allen Himmelsrichtungen. Er sollte an den Tod Buddhas und seinen Eintritt ins Nirwana erinnern. Der große Stupa von Sanchi im Bundesstaat Madhya Pradesh ist hierfür ein Beispiel.

Weitere typische Bauformen dieser Zeit sind die Dagoba, ein Reliquienschrein und wohl die Urform der Pagode, die Ediktsäule aus Stein, die Chaitya-Halle, eine basilikaähnliche dreischiffige Gebetshalle mit Apsis, und der Vihara, eine Kloster- oder Tempelanlage mit Mönchszellen, die sich um einen rechteckigen Innenhof gruppierten. Sowohl Chaitya- als auch Vihara-Hallen kennen wir heute nur als Felsentempel. Beide Formen wurden sehr wahrscheinlich nach freistehenden Vorbildern aus Holz, die die Jahrhunderte nicht überdauert haben, in den Fels geschlagen.

Architektonische Details wie Kapitelle oder Friese weisen Einflüsse aus dem Nahen Osten und aus Griechenland (siehe griechische Kunst und Architektur) auf. Eindrucksvolle Beispiele dafür sind die in Maharashtra in den Fels gehauene große Chaitya-Halle von Karla (1. Jahrhundert n. Chr.) mit ihrer fein gearbeiteten Fassade und dem Mittelschiff mit Tonnengewölbe, die besterhaltene ihrer Art, sowie die aus 30 Höhlentempeln und -klöstern bestehende Anlage bei Ajanta, zum Teil mit meisterhaften Wandmalereien, und die ausgedehnte Felsentempelanlage in Ellora.

Mit dem Verschwinden des Buddhismus in Indien am Ende des 1. Jahrtausends n. Chr. gab es auch keine Fortsetzung der indischen buddhistischen Kunst. Buddhistische Kunst wird bis in die heutige Zeit in den Ländern Südostasiens, China, Korea und Japan gepflegt.

2. Jainistischer und hinduistischer Stil

Der frühhinduistische, brahmanische Tempelstil hat sich erst später, unter dem Eindruck der buddhistischen Kunst entwickelt. Die vedisch-brahmanischen Opferkulte waren ursprünglich tempellos. Allerdings hat der Aufbau des Opferplatzes für diese Kulte späterhin den Tempelbau deutlich beeinflusst. Jainistischer und hinduistischer Stil überschnitten einander und brachten jene durchgehenden Friesmuster hervor, die zum charakteristischen Merkmal indischer Architektur wurden.

Die Jainas errichteten oft Gebäude von gigantischen Ausmaßen, erkennbar an den typischen Kragkuppeln. Umfangreiche Reste solcher Anlagen sind weit entfernt voneinander auf Hügeln entdeckt worden, z. B. auf dem Parasnath-Hügel in Bihar, dem Berg Abut bei Abu in Rajasthan und bei Satrunjaya in Gujarat.

Seit dem 7. Jahrhundert kann man die Herausbildung eines nordindischen (nagara) und eines südindischen (dravida) Tempelstils verfolgen. Der deutlichste Unterschied beider Stile zeigt sich in der Bauweise des Turmes. Der Tempelturm im nordindischen Stil (shikhara) besitzt einen quadratischen Grundriss und zeichnet sich durch eine gebogene Form, die sich zur Spitze hin verjüngt, aus. Auf der Spitze befindet sich eine Art kreisförmiges, geripptes flaches Kissen, auf dem sich noch ein vasenförmiger Abschlussstein befindet.

Typisch für den südindischen Tempelstil ist ein sich pyramidenartig erhebender Tempelturm (vimana), der außen über eine Treppenstruktur verfügt. Dadurch entsteht der Eindruck mehrerer Geschosse. Die treppenartigen Absätze sind zumeist reich mit Ornamenten oder Figuren besetzt.

Zu den berühmtesten Werken des südlichen hinduistischen Stiles gehören die Tempel von Belur sowie von Halebid, Tiruvalur, Thanjavur und Rameswaram im Bundesstaat Tamil Nadu. Den nördlichen Stil repräsentieren die Tempel von Barolli in Rajasthan sowie von Varanasi in Uttar Pradesh und im Bundesstaat Orissa der Sonnentempel von Konarak.

3. Indisch-islamischer Stil

Vom 12. Jahrhundert an bis in die Gegenwart findet man in Indien islamische Architektur. Sie war von muslimischen Eroberern ins Land gebracht worden, die begannen, Tempel in Moscheen umzuwandeln und sich eigene Paläste zu bauen. Der Stil dieser Bauten wurde nach und nach von typisch indischen Bauelementen, wie mit von Säulengängen umstandenen Hofanlagen, kraggestützten Balkonen und vor allem dem reichen ornamentalen Dekor, beeinflusst. Auf der anderen Seite fanden Formen der islamischen Architektur, wie die Zwiebelkuppel, der Kielbogen, geometrische Motive, Mosaiken und Minarette Eingang in die indische Baukunst. Trotz der großen Unterschiede in den grundlegenden Auffassungen über den Bau religiöser Gebäude kam es in einigen Regionen des Landes zu einer Verschmelzung beider Baustile. Die islamischen Herrscher griffen größtenteils auf indische Baumeister und Handwerker zurück. Dadurch erhielten selbst Moscheen ein Aussehen, das an indische Vorbilder erinnert.

Der indisch-islamische Stil gliedert sich in drei Hauptphasen: den Pathan-Stil, den Provinz-Stil und den Mogul-Stil.

3.1. Pathan-Stil

Beispiele für den Pathan-Stil sind die Steinbauten von Ahmedabad in Gujarat sowie die Ziegelbauten von Gaur-Pandua in Westbengalen, die sich eng an hinduistische Vorbilder anlehnen, aber einfacher ausgeführt sind und keine Plastiken menschlicher Figuren aufweisen. Zwiebelkuppel, Kielbogen und Minarett gehören hierbei zur Standardausstattung. Ein berühmtes Monument in diesem Stil ist das Mausoleum Gol Gumbaz (17. Jahrhundert) des Sultans von Bijapur (ehemaliger Bundesstaat Mysore), dessen Kuppel mit 43 Meter Durchmesser fast die Ausmaße des Petersdomes in Rom erreicht. Ein weiteres Bauwerk, das den Mittelpunkt eines neuen islamischen Reiches markieren sollte, ist das Minarett einer riesigen, aus Spolien zerstörter Hindutempel errichteten Moschee, der fünfstöckige Qutub Minar aus Stein und Marmor in der Residenzstadt Delhi (12. Jahrhundert).

3.2. Provinz-Stil

Der Provinz-Stil war Ausdruck ständiger Auflehnung der entlegenen Regionen gegen den imperialen Stil Delhis. Herausragendes Beispiel für diese Phase ist Gujarat, wo fast 200 Jahre lang – bis 1572, als Großmogul Akbar die Region schließlich unterwarf – die einzelnen Dynastien Monumente in unterschiedlichem Stil errichtet hatten. Die wichtigsten Gebäude aus dieser Zeit finden sich in der Hauptstadt Ahmedabad, darunter die einzigartige Freitagsmoschee Jama Masjid (erbaut 1423). Obwohl eindeutig im islamischen Stil errichtet, weisen die drei Joche sowie fast 300 Pfeiler und die Verzierung auf die hinduistische Grundkonzeption hin.

3.3. Mogul-Stil

Während der Mogul-Phase vom 16. bis 18. Jahrhundert, deren erste Blütezeit in die Regierungsperiode des Großmoguls Akbar fällt, verwendete man immer häufiger kostbare Materialien wie z. B. weißen Marmor. Gipfelpunkt dieses Stiles ist der Taj Mahal in Agra, ein riesiges, überkuppeltes Mausoleum aus weißem Marmor mit eingelegten Edelsteinen, das 1632 bis 1648 von Shah Jahan, dem Enkel Akbars, als Grabstätte für seine Frau errichtet wurde. Das Bauwerk, das von vier schlanken Minaretten umgeben ist, ruht auf einer Plattform und spiegelt sich im Wasser eines Teiches. Weitere Beispiele für den höfischen Stil Shah Jahans sind die Perlenmoschee in Agra (Uttar Pradesh), die Audienz- und Wohnhallen in den Festungen von Agra und Delhi sowie die großen Moscheen in Delhi und Lahore (heutiges Pakistan).

4. Stil der Neuzeit

Seit dem 18. Jahrhundert führte die indische Baukunst die traditionellen hinduistischen oder indoislamischen Bauideen weiter. Diese wurden jedoch stark überlagert von europäischen Stilformen, die die britischen Kolonialherren ins Land brachten und die besonders bei öffentlichen Gebäuden, Fabriken, Hotels und Wohnhäusern dominieren. Es entstanden Bauten, die zwar stark an die traditionelle indische Architektur erinnern, aber Produkte der Neuzeit sind.

In Mysore (Bundesstaat Karnataka) wurde am Anfang des 20. Jahrhunderts ein prunkvoller Maharadscha-Palast im indisch-sarazenischen Stil vom britischen Architekten Henry Irwin (1841-1922) für den damaligen König von Mysore, Krishnaraja Wodeyar IV, erbaut. Das Innere des Palastes enthält südindisch-dravidische Stilelemente. Es wurde unter Verwendung von britischen Fliesen und tschechoslowakischen Leuchtern ausgestaltet. Während die innere Raumgestaltung einen durchaus westlichen Eindruck hinterlässt, sind sämtliche Zierelemente typisch südindisch.

Ein herausragendes Beispiel innerhalb der zeitgenössischen Architektur Indiens stellt die Gesamtanlage der Stadt Chandigarh dar, der gemeinsamen Hauptstadt von Haryana und Punjab, die 1951 von Le Corbusier zusammen mit indischen Architekten entworfen und in den frühen sechziger Jahren weitgehend fertig gestellt worden war. Bemerkenswert sind beispielsweise die Gewölbekonstruktion des dortigen Justizpalastes, den ein gewaltiger Dachschirm aus Beton krönt, sowie seine Betongitter und schönen Pastellfarben. Der Gouverneurspalast besteht aus Betonwürfeln, darauf sitzt ein Betonparasol (schirmartiger Sonnenschutz). Vielfach wurden Vorsprünge, Nischen, Treppentürme und andere kontrastierende Elemente verwendet, um beispielsweise die Monotonie der Fassade des Sekretariatsgebäudes zu mildern, deren Länge immerhin 244 Meter beträgt.

Die indische Industriellenfamilie Birla hat eine Reihe von hinduistischen Tempeln aus Beton in verschiedenen Städten Nordindiens errichten lassen. Der erste dieser Betontempel, der Göttin Lakshmi gewidmet, entstand 1938 in Delhi. Weitere entstanden in Jaipur, Haiderabad (Andhra Pradesh und einigen anderen Städten. Einer der jüngsten Birla-Tempel wurde 1996 in Kalkutta fertig gestellt. Die Bauweise dieser Tempel erinnert an den klassischen nordindischen Stil, enthält aber auch Stilelemente verschiedener Regionen, der Mogul-Zeit und der westlichen Moderne. Die Familie Birla tritt in vieler Hinsicht als Mäzen für klassische und moderne indische Kunst in Erscheinung; sie unterhält eigene Galerien und Kunstschulen.

Eines der markantesten Werke moderner Architektur in der indischen Hauptstadt Delhi ist der Bahai-Tempel. Er wurde von dem iranisch-kanadischen Architekten Fariborz Sabha (*1948) konzipiert und 1986 fertig gestellt. Das Gebäude hat die Gestalt einer gigantischen Lotosblüte mit 27 Lotosblättern, die an neun Seiten in Dreiergruppen angeordnet sind. Man hat hierbei bewusst auf den Lotos als Vorbild zurückgegriffen, er ist ein traditionelles indisches Symbol für Reinheit und Erleuchtung. Der Tempel enthält ansonsten keinerlei weitere religiöse Symbole. Er soll den Bahai-Anhängern zur ungestörten Zwiesprache mit Gott dienen.

Ein gewagtes architektonisches Experiment findet sich in der ehemaligen französischen Kolonie Pondicherry. Von Anhängern des indischen Yoga-Lehrers und religiösen Reformers Aurobindo Ghose wurde dort die futuristisch anmutende Stadt Auroville geschaffen, in der heute etwa 550 Menschen aus verschiedenen Nationen leben. Hier sollten die Voraussetzungen für ein Zusammenleben nach der Lehre von Aurobindo geschaffen werden.

Das Zentrum von Auroville ist ein großer Banyanbaum. Neben diesem Baum wurde ein kugelförmiges Gebilde (Matrimandir) errichtet, das als spirituelles Zentrum der Stadt gilt. Die Stadt umschließt dieses Zentrum und geht spiralförmig in das umgebende Land über. Die Gestaltungsidee war, eine besonders harmonische Einheit von Stadt und Land zu schaffen, in der sich beide Seiten sowohl landschaftlich als auch wirtschaftlich ergänzen. Der Bau der Stadt begann 1968 nach Plänen des französischen Architekten Roger Anger und wird bis heute gemeinsam von freiwilligen Helfern aus dem Ausland und Indern fortgesetzt.

In der Architektur sucht Indien heute einen eigenen Weg zwischen westlichen Einflüssen und den großen indischen Traditionen. Viele der neuen Gebäude in den Großstädten hat man zunächst einfach in westlichem Stil erbaut. Ein Großteil der indischen Architekten ist in Europa und Amerika ausgebildet worden. Interessante Ansätze zu einem eigenen Stil finden sich viel eher in kleineren, weniger bekannten Städten wie Bhopal, Indore, Raipur, Rajkot oder Baroda.

6. Bildhauerei

Die indische Bildhauerei weist, vor allem in der Darstellung des Menschen, beachtliche Unterschiede zu griechischen und römischen Kunstformen auf. Dies liegt an einem anderen Menschenbild, das den künstlerischen Bestrebungen zugrunde liegt. Es war hier nicht der wohlgebaute Jüngling, der sportgestählte Athlet, der Sieger der Olympischen Spiele, bei dem jeder Muskelzug anatomisch korrekt dargestellt werden sollte. Das Urbild der indischen Plastik ist der normale Mensch im Alltag, der seinen Sinnesgelüsten folgt, der eine Lehre verkündet oder empfängt, der Erlösung vom Geburtenkreislauf sucht. Graziöse Anmut der Frau und tänzerische Gewandtheit des Mannes sind die Vorbilder des indischen Bildhauers. Eine Plastik soll nicht so sehr das Individuum für sich porträtieren, sondern Aufschluss über sein Verhältnis zu anderen Menschen als Liebhaber, Lehrer, Mönch, Asket oder König geben.

1. Frühe Periode

Zu den Fundstücken aus dem 3. Jahrtausend v. Chr., die zwischen den Überresten der Ziegelhäuser in Mohenjo-Daro im Industal entdeckt wurden, gehören Figuren aus Alabaster und Marmor, Terrakottafiguren nackter Göttinnen, Terrakotta- und Keramikdarstellungen von Tieren, das Kupfermodell eines Wagens sowie zahlreiche rechteckige Siegel aus Elfenbein und Keramik mit Tieren und Piktogrammen. Die formale und stilistische Ähnlichkeit dieser Gegenstände mit Arbeiten aus Mesopotamien deutet auf Querverbindungen zwischen beiden Kulturen hin oder auch auf eine gemeinsame Vorläuferkultur (siehe mesopotamische Kunst und Architektur).

Nach der vedischen Zeit, etwa vom 2. Jahrtausend bis 3. Jahrhundert v. Chr., finden sich keine weiteren Anzeichen für einen Zusammenhang mit der Kultur des Nahen Ostens. Ein charakteristischer Fund aus der Frühphase dieser Periode ist die goldene Figurine einer Göttin aus dem 9. Jahrhundert v. Chr., die bei Lauriya Nandangarh entdeckt wurde. Ab 600 v. Chr. finden sich auch polierte und verzierte Steinscheiben und Münzen, die mit Tieren und religiösen Symbolen versehen sind.

2. Buddhistische Plastik

Mit dem Aufkommen des Buddhismus im 3. Jahrhundert v. Chr., der eine monumentale Steinarchitektur hervorbrachte, begann sich in enger Korrespondenz mit den unterschiedlichen Formen der sakralen Baukunst die Architekturplastik (Bauplastik) herauszubilden, und zwar zunächst in Form von Halb- oder Vollreliefs, die meist mythologische oder höfische Szenen darstellten. Während die buddhistische Reliefkunst die religiösen Lehren Buddhas und Legenden um sein Leben zur Darstellung brachte, wurde auf die bildliche Wiedergabe des Meisters selbst noch verzichtet. Seine Anwesenheit wird angedeutet durch ein gesatteltes Pferd oder durch Fußabdrücke.

Zu den plastischen Monumenten aus dieser Zeit gehören auch die Tierkapitelle der Sandsteinpfeileredikte König Aschokas oder die marmornen Ummauerungen buddhistischer Stupas bei Bharhut, nahe Satna in Madhya Pradesh. Außergewöhnlich sind auch die Tore des großen Stupa von Sanchi, dessen Reliefarbeiten an fein ziselierte Elfenbeinschnitzereien erinnern.

2.1. Gandhara-Kunst

In der Gandhara-Region im Nordwesten Indiens, die heute Teile Pakistans, Afghanistans und des Punjab umfasst, entwickelte sich eine buddhistische Stilrichtung, in der hellenistische und römische Ausdrucksmittel mit religiösen Symbolen und Ideen des Buddhismus verbunden wurden und die ihre Blütezeit im 2. Jahrhundert n. Chr. erreichte. Auch wenn der Gandhara-Stil die Plastik Zentralasiens (siehe zentralasiatische Kunst und Architektur), ja sogar Chinas (siehe chinesische Kunst und Architektur), Koreas (siehe koreanische Kunst und Architektur) und Japans (siehe japanische Kunst und Architektur) nachdrücklich beeinflusste, fand er in den anderen Teilen Indiens nur geringe Verbreitung.

Wahrscheinlich ist jedoch, dass die aus Gandhara stammenden Buddhastatuen, symbolische Darstellungen Buddhas sowie seine Lehre später nach Mathura im heutigen Uttar Pradesh gelangten, wo zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 6. Jahrhundert n. Chr. eine bedeutende Bildhauerschule entstanden war. Auch frühere Arbeiten dieser Schule zeigen, dass mit Bharhut eine enge Verbindung bestanden haben muss. Im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. gab die Mathura-Schule die alten Buddhasymbole auf und schuf Bildnisse von Buddha in Menschengestalt. Hinzu kamen erstmals Darstellungen des Bodhisattva aus dem sich entwickelnden Mahayana-Buddhismus.

2.2. Gupta-Kunst

Die Gupta-Kultur zwischen 320 und etwa 600 n. Chr. führte zur „klassischen” Verfeinerung dieses Skulpturenstiles, die Buddhabildnisse mit klaren Konturen und feiner Linienführung in weicher Modellierung hervorbrachte. Die Kleidung der Buddhafigur, die im Moment vollendeter innerer Sammlung eingefangen war, wirkte durchscheinend und schmiegte sich um den Körper, als sei sie nass. Die Figuren erreichten oft gewaltige Dimensionen, wie etwa die gut eine Tonne schwere Kupferskulptur von Sultanganj im Bundesstaat Bihar.

3. Hinduistische Plastik

Auch die hinduistische Plastik entwickelte sich während der Gupta-Zeit zu einer ersten Blüte. Bildliche Darstellungen von Shiva und Vishnu in ihren unterschiedlichen Gestalten finden sich nun immer häufiger. Reliefs in ikonographisch neuartiger Gestaltung wurden in Felsheiligtümer wie Udayagiri in Madhya Pradesh (um 400 bis 600) geschlagen oder zierten Tempelanlagen in Garhwa bei Allahabad und in Deogarh. In dieser Zeit begann man, die starre Frontalperspektive der frühen Plastiken aufzulösen und die Figuren elastischer, geschmeidiger darzustellen. Dies wurde durch eine Darstellung des menschlichen Körpers in mehreren Achsen (abhanga) erreicht. Indem man für die Gestaltung von Kopf, Oberkörper, Hüfte jeweils eine andere Achse wählte, erschien die Figur besonders lebensnah und mitten in der Bewegung erfasst.

Vom 7. bis 9. Jahrhundert gelangten zahlreiche Bildhauerschulen zur Blüte. So entfaltete sich beispielsweise der schöpferisch äußerst fruchtbare, nach der südindischen Sprachfamilie benannte Dravida-Stil der Pallava-Dynastie, wie er sich in Kanchipuram im Bundesstaat Tamil Nadu besichtigen lässt. Der Rashtrakuta-Stil manifestiert sich am besten in den dem Gott Shiva geweihten Höhlentempeln von Elephanta in der Bucht von Bombay, in deren Zentrum eine mehr als fünf Meter hohe Reliefplastik des dreiköpfigen Shiva steht, umgeben von Felsreliefs mit Szenen aus der Shiva-Mythologie. Der Kaschmir-Stil, der verschiedene griechische und buddhistische Einflüsse aufweist, hat sich z. B. in den Ruinen von Vijrabror und bei den Darstellungen hinduistischer Gottheiten in Vantipor erhalten.

Vom 9. Jahrhundert bis zur Konsolidierung der islamischen Herrschaft zu Beginn des 13. Jahrhunderts lässt sich in der indischen Plastik eine zunehmende Tendenz zur Linearität feststellen, wobei die Formgebung klar umrissen, weniger voluminös erscheint. Die Plastik wurde nun mehr als zuvor zum Zweck der Verzierung eingesetzt und hatte sich immer häufiger in architektonische Gesamtpläne einzufügen. Sie zeichnete sich durch komplexe und feine Detailgestaltung aus. Ihre typischen Merkmale waren vielarmige Figuren aus dem Reich der hinduistischen und jainistischen Mythologie, die jetzt die einfacheren buddhistischen Gottheiten ersetzten. Die Höherentwicklung der handwerklichen Techniken tat ein Übriges, um das Formenvokabular zu erweitern.

Die Kunst der plastischen Gestaltung konzentrierte sich besonders in drei Gebieten: dem Norden und Osten, in Rajputana (heute Teil der Bundesstaaten Gujarat, Madhya Pradesh und Rajasthan) sowie den Regionen im Süden und Westen. Eine der Hauptschulen des Nordostens entwickelte sich in Bihar und Bengalen unter der Pala-Dynastie etwa zwischen 750 und 1200. Als wichtige Inspirationsquelle erwiesen sich das Kloster und die Universität von Nalanda in Bihar, ein bedeutendes Zentrum des Mahayana-Buddhismus, in dessen Umkreis bedeutende Steinreliefs und meisterhafte Bronzedarstellungen entstanden. Im östlichen Bundesstaat Orissa, wo um eines der bedeutendsten hinduistischen Kultgebäude ein charakteristisches Kunstschaffen eingesetzt hatte, haben sich an dem gewaltigen, als Sonnenwagen gestalteten Tempel in Konarak monumentale steinerne Elefanten- und Pferdeskulpturen sowie Friese mit erotischen Motiven erhalten. Der Rajputana-Stil wird deutlich sichtbar an mehreren der insgesamt 25 Sandsteintempel von Khajuraho in Madhya Pradesh. Ihr üppiger Figurenschmuck im hinduistischen Stil beinhaltet erotische Darstellungen im Zustand mystischer Ekstase. Wichtige Baudenkmäler der Schulen im Süden und Westen entstanden in Mysore, Halebid und Belur. Die Tempel waren verziert mit üppigem, detailreichem Figurenschmuck in Form von Relieffriesen, Säulen und Konsolen.

Auch in die islamische Kunst flossen später viele traditionelle indische Muster in Form der Bauplastik mit ein. Die traditionelle indische Kunst hat sich bis zum heutigen Tag erhalten. Vielerorts werden Götterstatuen für Heim und Tempel in traditionellem Stil gefertigt. Sehr populär sind zudem Statuen von indischen Göttern in grellbunten Farben, die nachts mit Neonlicht beleuchtet werden. Daneben gibt es Künstlerschulen, etwa in Kalkutta, Shantiniketan oder Bombay, die moderne Variationen traditioneller indischer Kunst schaffen und die auch den Buddhismus ausdrücklich wieder einschließen.

7. Malerei

Die ältesten Beispiele indischer Malerei sind neben prähistorischen Felszeichnungen die ungewöhnlichen Wandmalereien der in den Fels geschlagenen buddhistischen Heiligtümer von Ajanta im Bundesstaat Maharashtra, aus der Zeit zwischen 50 und 642 n. Chr. Auf den früheren Bildern der Höhlen von Ajanta sind Personen in würdevoller Körperhaltung mit starker sinnlicher Ausstrahlung zu sehen. Die Beispiele in der Höhle von Jogimara bei Orissa stammen zum Teil aus dem 1. Jahrhundert v. Chr., ein anderer Teil stellt spätere Übermalungen aus dem Mittelalter dar, die von geringerer Qualität sind.

1. Gupta-Stil

Die Gupta-Zeit markiert in der indischen Kunst die klassische Phase. Die Werke aus dieser Zeit strahlen zugleich Ruhe und Kraft, spirituelle Sammlung und Sinnlichkeit aus. Die bildende Kunst war das Mittel schlechthin, um spirituelle Konzepte zu visualisieren. Eine besondere Form der Malerei auf Schriftrollen stellte die Auswirkungen guter und schlechter Taten dar.

Auch in drei der Höhlen von Ajanta sind Malereien aus der Gupta-Zeit erhalten geblieben, auf denen Buddhas, schlafende Frauen und erotische Szenen zu sehen sind. Eine Reihe buddhistischer Fresken, die man im afghanischen Bamian entdeckte, zeigt klare Umrisse, die Thematik reicht vom Erhabenen bis zum Grotesken und besitzt eine eindringliche, leidenschaftliche Kraft.

Die Wandmalereien in der ersten und zweiten Höhle von Ajanta stammen aus der Zeit des frühen 7. Jahrhunderts und unterscheiden sich stilistisch kaum von jenen aus der Gupta-Zeit. Dargestellt sind Trinkgelage jener Art, wie sie ab der frühen Kushan-Periode in der buddhistischen Kunst häufig gemalt wurden.

Sehr interessant sind auch die vor kurzem in einem Felsheiligtum bei Sittanâvasal, im Bundesstaat Tamil Nadu entdeckten jainistischen Palava-Malereien (7. Jahrhundert), darunter eine Szene am Lotosteich. Reste von Wandmalereien aus dem späten 8. Jahrhundert, die in Ellora aufgetaucht sind, mit Reitern auf einem gehörnten Löwen und paarweise dargestellten Figuren, die zwischen den Wolken schweben, nehmen Themen vorweg, wie sie für die mittelalterliche indische Malerei typisch sind.

2. Pala-Stil

Von der Pala-Schule (750-1200) sind uns nur die Illustrationen von Palmblatt-Manuskripten erhalten geblieben, wie sie in der Bibliothek der Universität von Cambridge aufbewahrt werden. Eines davon stammt vom Beginn, das andere aus der Mitte des 11. Jahrhunderts. Es handelt sich um insgesamt 51 Miniaturen, ganz offensichtlich Nachbildungen traditioneller Kompositionen, die buddhistische Gottheiten oder Szenen aus dem Leben Buddhas zeigen.

3. Gujarati-Stil

Ein Beispiel für ein illustriertes Kalpa-Sutra, eine Vorschrift für das religiöse Zeremoniell auf einem Palmblatt aus dem Jahr 1237, befindet sich in Patan in Gujarat. Die Illustrationen bieten aufgrund ihrer Vielfalt wertvolle Einsicht in Sitten und Gebräuche der Gujarati-Kultur. Die Gujarati-Malerei setzte den frühen Stil Westindiens fort, wobei die Fresken von Ellora hierzu eine Zwischenstufe darstellen.

4. Rajput-Stil

Die Malerei der Rajputen blühte vom späten 16. bis ins 19. Jahrhundert in Rajputana in Bundelkhand (heute Teil von Madhya Pradesh) und im Punjab im Himalaya. Sie bestand aus Manuskriptillustrationen mit flachen, dekorativen Mustern und leuchtenden Farben, die an die Malerei der Perser und Moguln derselben Epoche erinnern. Die Rajput-Malerei beschäftigte sich mit den traditionellen Hindu-Epen, insbesondere mit dem Leben Krishnas, und ist Teil einer verfeinerten lyrischen Volkskunst.

5. Mogul-Stil

Die Malerei der Mogul-Zeit, die aus der hoch entwickelten persischen Tradition hervorgegangen war, bewegte sich im höfischen Umfeld und wurde von den Herrschern gefördert. Sie zeugt mit ihren Porträts und geschichtlichen Darstellungen ausschließlich vom Interesse an weltlichen Dingen. Diese Richtung der Malerei präsentiert sich auf Manuskripten oder einzelnen Albumblättern als dramatische Kunstform von großem Detailrealismus, der man den Einfluss des Westens ansieht. Die Maler signierten ihre Arbeiten, so dass wenigstens an die 100 Künstlernamen überliefert sind.

6. Britische Kolonialzeit

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die traditionelle indische Malerei im Niedergang begriffen; man ahmte praktisch nur noch westlich geprägte Arbeiten nach. Die britische Herrschaft in Indien hatte dafür gesorgt, dass der europäische Einfluss immer stärker geworden war. Nach der Jahrhundertwende wuchs das Interesse an den althergebrachten Stilrichtungen wieder. Auslösendes Moment waren u. a. die archäologischen Studien gewesen, die seit etwa 1850 in Indien betrieben wurden.

Es entstanden neue Kunstzentren, etwa in Bombay und Bengalen, wo viele Künstler Verbindung zur Calcutta School of Art und zur Vishva-Bharati-Universität aufnahmen, die 1921 von dem indischen Dichter und Maler Rabindranath Tagore gegründet worden war, um in Rückbesinnung auf die alten indischen Traditionen eine neue Kunst zu begründen. Man experimentierte mit verschiedenen Stilrichtungen, die vom Ajanta-, Rajput- und Mogul-Stil bis hin zum Impressionismus, Spätimpressionismus und Surrealismus europäischer Prägung reichten. Künstler wie Nandalal Bose (1883-1966) ließen sich in erster Linie von der Ajanta-Kunst inspirieren, während andere wie Jamini Roy (1887-1972) ihre Anregungen aus der bengalischen Volkskunst erhielten. Seither schwanken die Arbeiten indischer Künstler zwischen der Aufnahme westlicher Stile und Techniken und der Rückwendung zur eigenen Tradition.

Nachdem die indischen Maler die Erfahrung gemacht haben, dass sie mit bloßer Fortsetzung westlicher Trends die eigene Identität verlieren, haben sich viele Zentren für indische Kunst die Weiterentwicklung einer eigenen Kunst zwischen Tradition und Moderne auf die Fahnen geschrieben. Hierzu sind eine Reihe von Institutionen geschaffen worden. Dazu gehören etwa die gleichfalls von Rabindranath Tagore gegründete Wissenschaftler- und Künstlersiedlung Shantiniketan westlich von Kalkutta, in Kalkutta die Birla Academy of Art und Culture, die größte eigenständige Künstlerkolonie Indiens Cholamandal nahe Madras, die Lalit Kala Academy in New Delhi und die J.J. School of Art in Bombay (J.J. steht für Jamshedji Jeejeebhoy). Als namhafte indische Maler des 20. Jahrhunderts gelten u. a. Rabindranath Tagore selbst, der im Alter von 67 Jahren angefangen hatte zu malen, aus der Tagore-Familie Ganganendranath Tagore (1861-1938) und Abanindranath Tagore (1871-1951), Amrita Sher Gil (1913-1942), Francis Souza (*1924), Sayed Haider Raza (*1922), Gulam Rasul Santosh (*1929) oder K.C.S. Paniker (1911-1977).

8. Schmuck, Keramik und Textilien

Innerhalb des indischen Kunsthandwerks gehört sicherlich die Schmuckherstellung aus Silber und Gold zu den interessantesten und schönsten Zweigen. Techniken der Filigranarbeit und Granulation, die in Europa nach dem Zerfall des Römischen Reiches verschwanden und erst im 15. Jahrhundert von den Mauren wiederbelebt wurden, hatten in Indien seit Jahrhunderten eine wichtige Rolle gespielt. In der Metallverarbeitung bestechen vor allem die Kunst der Waffenherstellung und Ausrüstungsgegenstände der großen Herrscher.

Indische Keramik ist dadurch charakterisiert, dass Farbe und Verzierung der Form untergeordnet werden. Beim Dekor werden stets Formen aus der Natur verwendet und zu sich wiederholenden Mustern angeordnet. Keramik ohne Glasur ist in ganz Indien verbreitet. In einzelnen Landesteilen wird außerdem dekorative Keramik für kommerzielle Zwecke in vielfältigen Formen bemalt, vergoldet und glasiert. Exquisite Farbtöne und -kombinationen zeichnen die glasierten Kacheln aus, die sich im Zuge der Ausbreitung der islamischen Kunst, in der sie bereits auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblicken konnten, seit der Mogul-Herrschaft im 11. Jahrhundert immer größerer Beliebtheit erfreuten.

Hinsichtlich der Textilverarbeitung ist besonders Kaschmir berühmt wegen seiner bunten Wollstoffe aus einem feinfädigen Kammgarn, das aus der Wolle der Kaschmirziege hergestellt wird, während man in Surat im Bundesstaat Gujarat besonders schöne Seidendrucke kaufen kann. Üppiger Brokat ist das Markenzeichen von Ahmedabad, Varanasi und Murshidabad in Westbengalen. Berühmt ist Indien außerdem seit langem für seine Seiden- und Baumwollstoffe, die in verschiedenen Techniken bedruckt, bestickt, mit applizierten Motiven versehen oder in bunten Webmustern erhältlich sind.