| Suchansicht | Ägyptische Kunst und Architektur | Artikelansicht |
| 1. | Einleitung |
Ägyptische Kunst und Architektur, das Kunstschaffen im alten Ägypten von der Frühzeit um 3000 v. Chr. bis zur Eroberung des Landes durch die Römer 30 v. Chr. Die geographische und klimatische Besonderheit des Niltals (große Fruchtbarkeit durch jährliche Überschwemmungen) und die Abschirmung des Landes durch Meer und Wüsten machten eine relativ unbeeinflusste Entfaltung der ägyptischen Kultur über lange Zeiträume möglich. Ägyptische Kunst war zumeist religiöse Kunst, die sich mit dem Jenseits befasste. Während die Grabstatuen des Alten Reiches (2635-2155 v. Chr.) unsichtbar blieben, wurden sie im Mittleren Reich (1991-1650 v. Chr.) und im Neuen Reich (1554-1080 v. Chr.) als Tempelstatuen geschaffen.
Bereits in der ägyptischen Jungsteinzeit wurden Menschen- und Tierfiguren aus Ton als Grabbeigaben geschaffen. Den Toten mitgegebene Schminkpaletten sollten deren Lebensfrische weiter bewahren. Häufig wiederkehrende Motive sind Vögel und Nilboote. Kupfer wurde in beschränktem Umfang für Perlen und einfache Werkzeuge verwendet; die meisten Arbeitsgeräte jedoch waren aus Stein. Auch Knochen- und Elfenbeinschnitzerei war bekannt, ebenso das Modellieren aus Lehm. Ein Proportionskanon von Normen für den Aufbau eines Bildes entstand bereits um 3000 v. Chr. und blieb drei Jahrtausende lang verbindlich. So sind die Kunstwerke der verschiedenen Epochen typisch für die Landeskunst, nach formalen Kriterien zeitlich allerdings nur schwer einzuordnen. Dem Symbolgehalt nach jedoch ergeben sich Unterschiede, etwa bei Herrscherporträts; so erscheinen Statuen der Könige des Alten Reiches, die als gottgleicher Funktionsträger betrachtet wurden, anders als die der Könige des Mittleren Reiches, die als eigenverantwortliche Herrscher dargestellt sind; der Pharao des Neuen Reiches tritt auf als Repräsentationsfigur und Held. Weitere Motive waren Angehörige der Sakral- und Zivilverwaltung, also die Schriftkundigen.
| 2. | Altes Reich |
Um 3100 v. Chr. wurde Ägypten durch starke Herrscher des Südens unter einer Herrschaft geeint. Dies Ereignis wurde auf der gemeißelten Schminkpalette des Königs Narmer (um 3100 v. Chr., Ägyptisches Museum, Kairo) festgehalten, die den König mit der Krone Oberägyptens bei der Unterwerfung der Völker Unterägyptens zeigt. Die Hieroglyphenschrift befand sich am Anfang ihrer Entwicklung.
| 1. | Architektur |
Für die repräsentativen Grabbauten der Frühzeit auf den königlichen Friedhöfen von Abydos und Sakkara wurde vornehmlich Lehm verwendet. Stelen aus Stein am Grab hielten den Namen des jeweiligen Königs fest. Erste Statuetten von Göttern, Königen und Tieren aus Stein entstanden. Die Schminkpaletten verschwanden mit dem Beginn des Alten Reiches. In der 3. Dynastie ab 2635 v. Chr. errichtete der Architekt Imhotep für König Djoser (Herrschaftszeit um 2737 bis 2717 v. Chr.) eine steinerne Stufenpyramide als Grabbau in Sakkara nahe der Hauptstadt Memphis, die das Zentrum einer 545×280 Meter großen, aus Stein errichteten Anlage bildete. Imhoteps Stufenpyramide gilt als das älteste bestehende Beispiel monumentaler Architektur und stellt eine Frühform der Pyramiden dar. Sie wurden errichtet, um die Körper der toten Könige für die Ewigkeit zu konservieren und zu schützen.
Seit König Snofru (um 2560 v. Chr.) wurden Pyramiden in ihrer heute bekannten Form errichtet, zu denen ein Talbau und ein Weg zu dem Totentempel gehörten. Ihren Höhepunkt erreichte der Pyramidenbau mit dem Pyramidenkomplex in Gise, wo die Könige der 4. Dynastie, namentlich Cheops, Chephren und Mykerinos, begraben wurden. Die große Cheopspyramide zählte ursprünglich 147 Meter und bestand aus 2,3 Millionen Steinblöcken mit einem durchschnittlichen Gewicht von jeweils 2,5 Tonnen. In der Nähe der drei Hauptpyramiden in Gise entstand eine Nekropole (Totenstadt) aus Mastabas (von arabisch mastabah: Ziegelbank): massive oder mit Kammern ausgestattete Bauten mit schrägen Seitenwänden, die bis zu 40×70 Meter Grundfläche hatten und zu Pyramiden erweitert werden konnten. Unter den meisten Mastabas und Pyramiden befanden sich Schächte, die zu einer Grabkammer führten, in der auch die Beigaben für den Verstorbenen untergebracht waren. Einige Mastabas wurden direkt in das Kalksteinplateau geschlagen. Die Tendenz zum Familiengrab führte zum Bau richtiger Totenpaläste, wie der des Wesirs Mereruka in Sakkara mit 32 Zimmern.
| 2. | Bildhauerkunst |
Während des Alten Reiches entstanden Skulpturen und Reliefs ausschließlich im Bereich der Grabkunst. Zur Zeit König Djosers begann man mit dem Bau großer Herrscherstatuen, die das Fortleben des Porträtierten bezwecken sollte; sie bildete ihn in seiner sozialen Funktion zu Lebenszeiten ab. Die Steinporträts sollten von vorne betrachtet werden: Deshalb wurde der Steinblock zuerst in eine rechtwinklige Form gebracht und dann die stehende oder sitzende, niemals schreitende Figur herausgearbeitet. Eine sitzende Dioritstatue (um 2530 v. Chr., Ägyptisches Museum) von König Chephren illustriert alle Qualitäten, die die ägyptische Bildhauerkunst unverwechselbar werden ließ: Mit einem Symbol des vereinten Ägypten sitzt der König auf dem Thron; seine Hände liegen auf den Knien, der Kopf ist aufrecht, der Blick in die Ferne gerichtet. Der Gott Horus beschützt Chepren als Falkenfigur in seinem Nacken. Neben sitzenden und stehenden Einzelfiguren wurden auch steinerne oder hölzerne Paar- und Gruppenbildnisse des Verstorbenen mit seiner Familie gefertigt. Die farbig bemalten Skulpturen besaßen oftmals Augen aus Kristallen oder Alabaster, um den Eindruck des Lebendigen zu intensivieren.
Figuren in Steinrelief in sehr schlanken Proportionen finden sich an Tempelwänden; sie stellten Szenen aus dem Leben des Verstorbenen dar. Meistens wurden der Kopf und der untere Körper in Seitenansicht, die Augen und der obere Rumpf aber in Frontalansicht dargestellt, um ein vollständiges Bild der Person zu schaffen. Dieses Verfahren allerdings blieb Adeligen vorbehalten. Reliefkunst und Malerei beschrieben den unmittelbaren Lebenszusammenhang des Grabherren mit einer Fülle Details aus dem täglichen Leben wie Viehhaltung, Bootsbau oder Handwerk der verschiedensten Art. Aus der 6. Dynastie stammt die älteste Metallstatue, ein Kupferabbild von König Pepi I. (Herrschaftszeit um 2395 bis 2360 v. Chr.), das um 2300 v. Chr. entstand und sich heute im Ägyptischen Museum in Kairo befindet.
| 3. | Kunsthandwerk |
In der Keramik wurde die in der Frühzeit übliche reiche Verzierung durch unverzierte Ware abgelöst, die oft glasierte Oberflächen hatte und vor allem als Gebrauchskeramik produziert wurde. Die gegen Ende des Alten Reiches vom Stempelsiegel verdrängten Rollsiegel bestanden aus kostbaren Materialien, die Titel und Name des Königs oder des Staatsbeamten festhielten. Schmuck aus Gold und Halbedelsteinen war mit Tierbildnissen und Pflanzenmustern versehen. (In der gesamten Geschichte Ägyptens basierte die dekorative Kunst auf diesen Motiven.) Möbelstücke des Alten Reichs sind nur wenige erhalten, doch verraten die zahlreichen Grabmalereien Einzelheiten über das Aussehen von Stühlen, Betten, Schemeln und Tischen.
| 3. | Mittleres Reich |
Ende der 6. Dynastie hatte die Zentralherrschaft eine Schwächung erfahren. Die örtlichen Herrscher wählten als Grabstätte ihre eigenen Provinzen, anstatt in der Nähe der Grabstätte ihres Königs beigesetzt zu werden. In der ersten Zwischenphase vor dem Mittleren Reich (2160-2040 v. Chr.) sank die ägyptische Kunst zu regionaler Bedeutung herab. Staatsbeamte erhielten einfache Grabstelen, Skulpturen wurden aus Holz gefertigt. Mit den starken Herrschern aus dem südlichen Theben, die das Land wiedervereinigten, gewann die künstlerische Tätigkeit ihre ehemalige Vitalität zurück. Ägypten wurde zur Großmacht im östlichen Mittelmeerraum. Zur königlichen Residenz avancierte Memphis; Theben blieb das religiöse Zentrum des Landes. Rege Handelsbeziehungen mit Vorderasien begannen sich auf Kunst und Architektur auszuwirken. Unter der Herrschaft von Mentuhotep II. (2061-2010 v. Chr.) entstand eine neue höfische Kunst.
| 1. | Architektur |
Das Grabmal des Königs Mentuhotep im Tal von Deir el-Bahari am Westufer des Nil bei Theben vereinigt die Architektur des Pyramiden- mit der des Felsengrabes. Der Tempel war über eine erhöhte Rampe mit einer im felsigen Bergland gelegenen Tempelplattform verbunden. Die Wände zierten Reliefs des Königs, die ihn in Gesellschaft der Gottheiten darstellten. Stärker traten jetzt auch Göttertempel auf, so der Amuntempel von Karnak mit Widder-Sphinx-Allee. Die Pyramiden wurden aus Lehmziegeln über einem Steinkern errichtet. In Karnak entdeckte man einen kleinen Tempel aus der Herrschaftszeit Sesostris’ I. 1962 bis 1928 v. Chr. Als typisches Beispiel für die Architektur des Mittleren Reichs wurde das kleine kubische Gebäude in einer streng proportionierten Säulen-und-Schwellenbauweise errichtet. Die Pfeiler sind mit Reliefs geschmückt, die den König und Götter darstellen.
| 2. | Bildhauerkunst |
Im Mittleren Reich gelangte die Bildhauerkunst zu neuer Blüte. Die Königsbildnisse der späten 12. Dynastie demonstrieren eine menschlichere Auffassung vom Königtum als im Alten Reich. Die Plastik zeigt sich mit geschlossenen, blockhaften Formen wie Mantelstatuen und so genannten Würfelhockern, hockenden Männern mit kubischem Körper und herausmodelliertem Kopf. Das Relief entwickelte sich auf Stelen, die auf Prozessionsstraßen aufgestellt wurden, etwa auf der Prozessionsstraße der Osiris in Abydos. Herrscherporträts wie das von Amenemhet III., dessen Machtbereich sich von Syrien bis in den Sudan erstreckte, oder das von Sesostris III., unterscheiden sich deutlich durch ihre lebensnahe Gestaltung von denen des Alten Reichs. Die Bildnisse in der Zeit der 12. Dynastie idealisieren die Könige nicht länger zu göttlichen Wesen; vielmehr wird die Bedeutung des hohen Amtes in den Gesichtern klar zum Ausdruck gebracht. Die Knochenstruktur ist unter einer straffen Oberfläche angedeutet und stellt eine bis dahin in der ägyptischen Kunst unbekannte realistische Manier dar.
| 3. | Kunsthandwerk |
Im Mittleren Reich wurden hochwertige Metallarbeiten aus Gold und Silber hergestellt. Bedeutend sind die Funde von reich gestalteten Pektoralen (Brustschmuck), wie das des Königs Amenemhet II. Er ist aus Goldblech gefertigt, auf das Stege aus Draht eingelötet wurden, mit passgenau eingeschnittenen Juwelen und Glas. Bevorzugte Grabbeigabe wurde der Skarabäus in Metall oder geschnittenem Stein. Glasierte Terrakotta gewann für die Herstellung von Amuletten und kleinen Figurinen an Bedeutung, etwa bei blau glasierten und mit Wasserpflanzen bemalten Nilpferden und Skarabäen.
| 4. | Neues Reich |
Die Zweite Zwischenzeit (1650-1556 v. Chr.) vor dem Neuen Reich war bestimmt durch die Herrschaft der aus Vorderasien stammenden Hyksos (14. bis 17. Dynastie), von denen kaum Werke der bildenden Kunst erhalten sind. Oberägypten blieb allerdings weitgehend unabhängig. Der Thebaner Ahmosis I. vertrieb bis 1567 v. Chr. die Hyksos und vollzog die Wiedervereinigung Ägyptens. Während des Neuen Reichs wurde der Amuntempel in Karnak zum religiösen Zentrum und zur Sammelstelle der Tribute aus der ganzen damals bekannten Welt von Nubien (Sudan, Somalia) bis Nordmesopotamien. Die ägyptische Innenpolitik wurde zunehmend von Beamten ausgeübt, gegen die sich die Pharaonen behaupten mussten.
| 1. | Architektur |
Die Pharaonen des Neuen Reiches ließen große Göttertempel errichten, wie der des Amun in Karnak, zu denen Prozessionsstraßen führten; diese wurden von Sphinxen, Pylonen und Obeliskreihen gesäumt. Die Tempel waren auf Erweiterung angelegt. Die Pyramidenform wurde durch Felsengräber (siehe Tal der Könige) ersetzt. Jeder Herrscher des Neuen Reiches fügte dem Tempelkomplex in El-Karnak, dem Verehrungszentrum der vormonotheistischen Gottheit Amun, neue Bauten hinzu, was ihn zu einem der beeindruckendsten religiösen Bauwerke der Geschichte werden ließ. Am Westufer des Nil in der Nähe Thebens wurden Tempel für den Grabkult der Pharaonen errichtet. Während des Neuen Reiches setzte man die Leichname der Pharaonen im trockenen Tal der Könige bei, während die Grabtempel in einiger Entfernung außerhalb des Tales lagen. Die tief in die Hänge des Niltales gegrabenen Felsengräber hatten die Funktion, die Ruhestätten der Pharaonen zu verbergen.
Der Grabtempel von Hatschepsut in Dair el-Bahri (um 1478 v. Chr.) wurde als einer der ersten vom königlichen Architekten Senemut errichtet. Er ist als große Terrassenanlage konstruiert, in der sich zahlreiche Schreine der Götter und Darstellungen der Herrscherin befinden. Mit diesem Tempel begann die Errichtung eine Reihe großer Totentempel auf dem Westufer des Nil in Theben. In der 19. Dynastie errichtete Ramses II., einer der mächtigsten Herrscher des Neuen Reiches, den großen Felsentempel Abu Simbel in Nubien. Der Tempel ist in jenen Fels gehauen, aus dem auch die Fassade mit vier Kolossalstatuen des Pharao geschlagen wurde.
| 2. | Bildhauerkunst |
Auf den großen Wandflächen der Tempel entfaltete sich eine Reliefkunst im großen Stil. Immer neue Kultszenen entstanden gemeinsam mit großen Reliefzyklen wie etwa in der Geburtshalle des Tempels von Deir el-Bahari. Die schmucklose Stilisierung aus der Zeit des Alten und Mittleren Reiches überwand ein höfischer Stil, der in der Herrschaftszeit von Hatschepsut und Thutmosis III. aufkam und in der Zeit Amenophis’ III. zu einem nie wieder erreichten Höhepunkt gelangte. Die Plastik entwickelte sich zum Kolossalen, wie die Statuen von Thutmosis IV. und Amenophis III. eindringlich illustrieren.
Das Kunstschaffen der Regierungszeit Echnatons spiegelt in erster Linie die religiösen Veränderungen wider, die dieser Pharao in die Wege leitete. Echnaton führte die Atonreligion des monotheistischen Sonnenkults als Staatsreligion ein, gab die Residenzen Theben und Memphis auf und gründete mit seiner Gemahlin Nofretete die neue Hauptstadt Amarna. Die Königsplastik dieser Periode bevorzugte feingliedrige Formen und eine expressive Gestaltung des Körpers. Oft wurde der von höfischen Konventionen befreite König mit seiner Familie dargestellt; auch gab es eine starke Tendenz zur Individualisierung der Gesichter. Dies zeigt sich besonders in der bemalten Kalksteinbüste der Nofretete (um 1365 v. Chr., Staatliche Museen, Berlin).
| 3. | Malerei |
In der Kunst des Neuen Reiches kann von einer zunehmenden Bildfreudigkeit gesprochen werden. Die Malerei diente vor allem der Verzierung der privaten Grabstätten und ermöglichte im Gegensatz zur Skulptur eine größere Vielfalt des Ausdrucks. Auf Illustrationen sind die Handwerkskünste der königlichen Werkstätten von der Herstellung massiver Skulpturen bis zu filigranen Schmuckstücken dargestellt. Häufig werden auch Beamte bei der Prüfung von Tributen gezeigt, die nach Ägypten gebracht wurden. Grabriten finden sich ebenfalls. Ein immer wiederkehrendes Motiv in der thebanischen Grabmalerei, die seit der frühen Zeit des Alten Reiches nachweisbar ist, war die Darstellung des Verstorbenen beim Jagen und Fischen. Zunehmende Bedeutung gewann die Buchmalerei auf Papyrus mit illustrierten Texten wie dem Totenbuch und anderer religiöser Literatur.
| 4. | Kunsthandwerk |
Gebrauchsgegenstände für Hof und Adel wurden mit großem handwerklichen Können gefertigt. Die umfangreichste Sammlung von Arbeiten aus Alabaster, Ebenholz, Gold, Elfenbein und Edelsteinen ist die 1922 entdeckte Grabkammer Tutanchamuns, die einzige vollständig erhaltene der ägyptischen Kunst. Sie belegt besonders das hohe Niveau der Goldschmiedekunst des Neuen Reichs. Dies zeigen aufwendige Pektoralien; Armreife und Ringe mit ihren Skarabäen und Siegeln haben die Goldschmiedekunst der Antike nachhaltig beeinflusst. Die Keramik des Neuen Reiches zeigt eine starke Vorliebe fürs Ornamentale. Ihre Oberflächen prägen glänzend gemalte Blumenmotive.
| 5. | Die Spätphase |
In einer Dritten Zwischenzeit (1080-714 v. Chr.) erfolgte die Teilung des Reiches in ein Nord- und ein Südreich. 946 v. Chr. bestiegen libysche Fürsten den Pharaonenthron und besannen sich verstärkt auf alte ägyptische Traditionen. Die Spätzeit begann 713 v. Chr. mit der Einigung des Reiches durch kuschitische Fürsten aus Nubien. 525 v. Chr. wurde Ägypten vom Königreich Assyrien erobert und 332 v. Chr. von Alexander dem Großen der die Stadt Alexandria gründete, seinem Reich einverleibt. Alexander der Große trat in die monarchische Stellung der Pharaonen ein. Während der Ptolemäer-Dynastie bestanden wechselseitige Kontakte zwischen griechischer und ägyptischer Kultur. Durch die Verbindung Königin Kleopatras mit Caesar geriet Ägypten 30 v. Chr. unter römische Herrschaft.
Die aus Nubien stammenden Pharaonen erneuerten Tempelanlagen und errichteten neue Bauwerke zu Ehren der Götter. Ihren Namen fügten sie die Namen bedeutender Könige der ägyptischen Geschichte bei, und in ihrem Kunststil ahmten sie Szenen und Motive früherer Bauwerke nach. Während der assyrischen Herrschaft erfuhren vor allem die Bildhauerkunst und der Bronzeguss eine neue Blüte. In der Baukunst wurden verstärkt antike griechische Stile imitiert. Im 6. Jahrhundert v. Chr. entstanden in Ägypten archaische Jünglingsstatuen (kouroi), meistens unter ostgriechischem Einfluss. Anstelle von Marmor wurde Kalkstein verwendet oder Alabaster (Calcit), der mit intensiven Farben bemalt wurde. Da sich Ägypten seit der Herrschaft Alexanders des Großen nie wieder von fremdländischer Herrschaft befreien konnte, war die Kunst fortan von nichtägyptischen Stileinflüssen geprägt. Die Grabstelen des 4. und 3. Jahrhunderts v. Chr. zeigen starken griechischen Einfluss (siehe griechische Kunst und Architektur).
Der nach altägyptischer Tradition verehrte Alexander wurde schon bald in der Art von Götterbildern dargestellt. Es entstanden vor allem rundplastische Marmorportäts, die an griechische Bildhauerkunst erinnern. Die Bemalung weist allerdings noch die Handschrift des Neuen Reiches auf. In Alexandria entstand unter dem Einfluss ägyptischer Traditionen und griechischer Formen ein ägyptisch-griechischer Mischstil, der in Unterägypten über Jahrhunderte verbreitet war. Die oberägyptische Kunst bediente sich bis ins 1. Jahrhundert n. Chr. der traditionellen Formensprache des Neuen Reiches. Erst im 2. Jahrhundert n. Chr., zur Zeit Kaiser Hadrians, setzten sich auch in Mittelägypten die Einflüsse der römischen Kunst durch. Die traditionelle ägyptische Kunst wurde in Oberägypten bis in das 4. Jahrhundert gepflegt und verband sich danach mit byzantinischen und koptischen Stilelementen.