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| 2. | Antike und mittelalterliche Ursprünge |
Bereits in der Antike entstanden in Indien, Japan, China und Ägypten sowie in der arabischen Welt und im griechisch-römischen Raum zahlreiche längere Prosaerzählungen, die später Bestandteil der europäischen Literaturtradition wurden, darunter Teile der Schriften Herodots, Anabasis und Kyru paideia (4. Jh. v. Chr.) von Xenophon und die um 100 v. Chr. entstandene populäre Sammlung erotischer Erzählungen Miles des Aristides von Milet. Aus dem 1. oder 2. Jahrhundert n. Chr. stammt das älteste überlieferte griechische Zeugnis der Gattung, der Liebesroman Chaireas und Kallirhoe von Chariton von Aphrodiasias, der die Muster folgender Werke der Zeit vorgab; dazu gehören die exotische Kulisse, phantastische Fahrten, pathetisch ausgemalte Liebesverstrickungen, eingefügte Reden, dramatisch ausgefeilte Wortwechsel im Stil der Tragödie bzw. der damals gerade neuen attischen Komödie nachempfundene Dialoge. Weitere bedeutende antike Beispiele der Gattung sind Ovids Metamorphosen (ca. 10 n. Chr.), das mit Kulturkritik durchwobene Satyricon des Petronius (um 50 n. Chr.) sowie der für die römische Romanproduktion typische, da satirische Goldene Esel von Apuleius (um 170 n. Chr.). In der für den Roman äußerst produktiven Nachfolgezeit folgten u. a. die Aithiopica des Heliodor (ca. 240 n. Chr.), Leukippe und Kleitophon (Ende des 2. Jahrhunderts) des Achilleus Tatios, die Ephesiaka des Xenophon von Ephesos und der Longos zugeschriebene bukolische Roman Daphnis und Chloe (beide im 2. oder 3. Jahrhundert). Von der immer wieder kolportierten Urfassung der Liebesromane um die Figur des Apollonius von Tyrus aus dem 3. Jahrhundert ist der Verfasser nicht bekannt. Besonders einflussreich waren spätantike Varianten des Apollonius-Romans in lateinischer Sprache (4. bis 6. Jahrhundert) sowie Troja-Romane und Volksbücher, etwa der so genannte Alexanderroman.
Weitere Vorläufer – und vor allem wichtige Quellen – des modernen Prosaromans waren das mittelalterliche Versepos (die isländische Edda, der englische Beowulf, das Nibelungenlied usw.) und, ab dem 12. Jahrhundert, die altfranzösischen Fabliaux, schwank- bzw. märchenartige Verserzählungen erotisch-satirischer Prägung, die auch der Märe ihre Gestalt verliehen. Erste, teils von der griechischen Tradition beeinflusste mittelalterliche Versromane mit antiken Stoffen und Entlehnungen aus der keltischen Mythologie entstanden im Frankreich des 12. Jahrhunderts. Paradigmatisch für die Zeit ist das von höfischen Idealen geprägte Werk des Chrétien de Troyes, das die hohe Minne und ritterliche Abenteuer thematisierte und um 1180 als roman courtois den mittelhochdeutschen Raum beeinflusste; Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg und Wolfram von Eschenbach empfingen vom roman courtois wichtige Impulse. Nach 1190 entstand mit Tristan et Iseult von Bérol der erste tragische Roman spezifisch europäischer Provenienz; Bérol griff die unglückliche Liebesgeschichte von Tristan und Isolde wieder auf, die bereits den anglonormannischen Dichter Thomas von Bretagne 1160 und 1165 zu einer Fassung inspiriert hatte. Zwischen 1230 und 1240 verfasste Guillaume de Lorris den ersten Teil des Roman de la Rose in 4 068 Versen, der die Form der Allegorie innerhalb der Romangattung kultivierte. Im 14. Jahrhundert wurden nur noch wenige Versromane verfasst; erst im 15. und 16. Jahrhundert kam es in Italien durch Ludovico Pulci und Matteo Maria Boiardo bzw. durch Ludivico Ariosto und Torquato Tasso zu einer gewissen formalen Neubelebung.
Unter den wenigen asiatischen Romanen ragt Genji-monogatori (Die Geschichte vom Prinzen Genji) der japanischen Hofdame Murasaki Shikibu aus dem 11. Jahrhundert heraus; generell aber blieb der Roman bis ins 18. Jahrhundert ein gesamteuropäisches Phänomen. Hier vollzog sich auch die Herausbildung seiner Formenvielfalt, wenn auch gelegentlich einzelne Nationalliteraturen bevorzugt bestimmte Romantypen hervorbrachten.