Art und Artbildung
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Art und Artbildung
2. Was ist eine Art?

Der älteste Artbegriff ist typologisch und geht auf Platon und Aristoteles zurück. Danach ist eine Art eine ideale Form, und individuelle Abweichungen von dieser Form sind nur ihr unvollkommener Ausdruck. Die morphologische Artdefinition dagegen stützt sich ausschließlich auf Beobachtungen: Danach ist die Art eine Gruppe von Individuen, die einander ähneln und von anderen Gruppen durch Lücken in der morphologischen Bandbreite (also durch größere Unterschiede in Aufbau und Form) getrennt sind. Solche Definitionen eignen sich zwar für die Einteilung unbelebter Objekte wie Mineralien, bei denen ein bestimmtes Maß an Ähnlichkeit die ebenso ähnlichen physikalischen Vorgänge widerspiegelt, durch die diese Objekte entstanden sind. Lebewesen dagegen sind von den Erbeigenschaften vorangegangener Generationen beeinflusst, und deshalb lassen sich derartige Definitionen auf sie nicht anwenden. Manche Eigenschaften von Lebewesen spiegeln die Vergangenheit wider: Sie sind für die gegenwärtigen Umweltbedingungen nicht zwangsläufig von Bedeutung. Ein klassisches Beispiel ist der Blinddarmfortsatz des Menschen – ein Relikt aus der Zeit ausschließlich Pflanzen fressender Vorfahren.

Aber die typologischen und morphologischen Artdefinitionen sind nicht nur unzutreffend, sondern sie erweisen sich auch als unzureichend, wenn man versucht, sie auf geologische Zeiträume oder große geographische Gebiete anzuwenden. Eine Eigenschaft, an der man zwei Arten in einer Gegend unterscheiden kann, trifft in einer anderen nicht unbedingt zu. Über größere Entfernungen und geologische Zeiträume hinweg ändern sich Arten nämlich in Körperbau, Verhalten und Lebensgewohnheiten. Der biologische Artbegriff stellt diese Tatsache in Rechnung; typologische und morphologische Definitionen gehen dagegen nur von einem einzigen, unveränderlichen Typus aus.