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Arzneimittel
1. Einleitung

Arzneimittel, auch Medikamente, Pharmaka oder Pharmazeutika, medizinische Wirkstoffe zur Verhütung, Behandlung und Erkennung von Krankheiten des Menschen (siehe Medizin) und der Tiere (siehe Tiermedizin).

Die Anwendung von Arzneimitteln lässt sich bis in vorgeschichtliche Zeit zurückverfolgen. In den antiken Kulturen Indiens, Chinas und des Mittelmeerraumes kannte man bereits zahlreiche Heilpflanzen, darunter einige wie die Brechwurzel, die noch heute in Gebrauch sind. Das erste Verzeichnis von Arzneimitteln mit Anweisungen über ihre Zubereitung, eine so genannte Pharmakopöe, erschien 1546 in Nürnberg. Die Lehre von den Wirkungen der Arzneimittel auf den menschlichen Körper nennt man Pharmakologie, mit der Herkunft, Herstellung und Prüfung von Arzneimitteln befasst sich die Pharmazie.

2. Herkunft und Erprobung von Arzneimitteln

Arzneimittel können pflanzlichen, mineralischen, tierischen oder synthetischen Ursprungs sein. Viele der herkömmlichen Medikamente wurden von pflanzlichen Substanzen abgeleitet: Acetylsalicylsäure (Aspirin) beispielsweise aus einem Stoff der Weidenrinde, herzwirksame Digitalisglykoside aus Fingerhut, Mutterkornalkaloide aus einem Getreidepilz, Opium aus Schlafmohn, Chinin aus Chinarindenbäumen und Reserpin aus der indischen Pflanze Rauwolfia. Zu den mineralischen Medikamenten zählen z. B. Epsomsalz und Iod. Viele als Heilmittel angewandte Hormone, darunter ACTH (adrenocorticotropes Hormon) und Insulin, werden heute in großem Maßstab gentechnisch hergestellt. Neuere Schmerzmittel, Beruhigungsmittel, Betäubungsmittel und Psychopharmaka produziert man heute zumeist ausschließlich synthetisch, ebenso wie viele ursprünglich aus Naturstoffen tierischer Herkunft gewonnene Arzneien.

Nachdem man in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts Sulfonamide und nach 1940 Penicillin entwickelt hatte, begann die pharmazeutische Industrie mit der eingehenden Erforschung von Antibiotika, Antihistaminika, Steroidhormonen, Vitaminen und vielen anderen Wirkstoffen. Nach der Entdeckung eines neuen Wirkstoffes setzt ein umfangreiches, behördlich vorgeschriebenes Erprobungsprogramm ein. Zuerst prüft man die Verbindung an Kleinsäugern wie Mäusen und dann an größeren Tieren wie Affen und Hunden (siehe Tierversuche). Die klinische Prüfung an Menschen muss in den meisten Ländern behördlich genehmigt werden; sie erfolgt meist zunächst an gesunden Freiwilligen und dann an Patienten mit der betreffenden Krankheit. Die Entwicklung eines neuen Medikaments kostet zumeist mehrere Hundert Millionen Euro. In Deutschland erscheint jährlich die vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie herausgegebene Rote Liste® als Verzeichnis der Fertigarzneimittel. Sie enthält Informationen über Zusammensetzung, Wirkungen und Nebenwirkungen der Medikamente.

In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts kamen die so genannten Generika auf, „Nachahmermedikamente”, die denselben Wirkstoff wie das Markenpräparat unter seinem wissenschaftlichen (generischen) Namen enthalten. Generika sind erheblich preiswerter, weil die Herstellerfirmen dieser Medikamente (etwa Paracetamol und Diclofenac) die Präparate nach dem Ende des (in Deutschland zumeist etwa 20-jährigen) Patentschutzes anbieten können, ohne zuvor in Entwicklungskosten investiert zu haben. Die Mitglieder der Welthandelsorganisation WTO beschlossen 2003, Entwicklungsländern, in denen es meist keine Pharmaindustrie gibt, unabhängig von patentrechtlichen Bestimmungen den Import von Generika zu erlauben. Kontrollen sollen verhindern, dass diese Medikamente auf Umwegen in Industrieländern auf den Markt kommen.

3. Verabreichung von Arzneimitteln

Arzneimittel können auf unterschiedliche Weise verabreicht werden: durch den Mund (oral), durch Injektion in Venen (intravenös), in die Muskulatur (intramuskulär) sowie in das Unterhautgewebe (subkutan), äußerlich auf die Haut (topisch), als Einlauf (Klistier), in Form eines Zäpfchens (Suppositorium) in den After (rektal) oder durch Injektion in die Rückenmarksflüssigkeit (intrathekal). Intravenöse Arzneimittelgaben werden entweder durch Injektion mit einer Spritze oder durch Dauertropfinfusionen verabreicht. Mikroinjektionsnadeln sind dünner als ein menschliches Haar und damit schmerzfrei bei der Anwendung; sie werden in einem Mikronadelfeld auf die Haut geklebt. Beim Prinzip der nadelfreien Injektion (so genanntes Injex-System) wird mit einem kugelschreiberähnlichen Gerät das zu verabreichende Medikament unter hohem Druck schmerzfrei ins Gewebe befördert.

Bei intramuskulärer Injektion können auch so genannte Depotpräparate gespritzt werden. Dabei handelt es sich um Zusammensetzungen unwirksamer Vorstufen eines Medikaments, die erst im Blutkreislauf miteinander reagieren und so allmählich ihre Wirkung entfalten. Insulin, Steroide und einige Verhütungsmittel (Kontrazeptiva, siehe Empfängnisverhütung) werden auf diese Art verabreicht. Auch bei oraler Anwendung werden einige Arzneimittel in Form von Depotpräparaten gegeben. Sie lösen sich beispielsweise erst im Magen auf und werden dadurch zeitversetzt aktiviert. Asthmamittel werden häufig als Aerosole direkt in die Atemwege gesprüht. Eine der jüngsten Entwicklungen ist die tragbare Insulinpumpe. Dieses kleine batteriebetriebene Gerät setzt fortwährend eine bestimmte Menge Insulin im Blut des Diabetikers frei. Diese Anwendungsform kommt der natürlichen Insulinausschüttung der Bauchspeicheldrüse bei gesunden Menschen recht nahe. Wie kanadische Forscher 2003 in Science berichteten, können manche Medikamente heute mit Hilfe wasserlöslicher Micellen (kugelförmiger, hohler Nanopartikel) gezielt in bestimmte Zellorganellen, etwa Mitochondrien (siehe Zelle), transportiert werden.

4. Voraussetzungen für die Anwendung von Arzneimitteln

Man unterscheidet rezeptpflichtige Präparate, die nur auf ärztliche Verschreibung hin verkauft werden dürfen, von rezeptfreien, die zur Behandlung geringerer oder vorübergehender Beschwerden in der Apotheke ohne Verschreibung erhältlich sind. Bei der Verschreibung eines Arzneimittels muss vom Arzt überprüft werden, ob der Patient bereits andere Medikamente einnimmt; dies betrifft auch rezeptfreie Mittel. Viele Arzneimittel haben ein unterschiedlich breites Wirkungsspektrum und bedingen Nebenwirkungen oder rufen Wechselwirkungen mit bestimmten anderen Medikamenten hervor. Solche Wechselwirkungen können die Wirkung eines Medikaments stark beeinflussen oder aufheben.

Vor jeder medikamentösen Behandlung sollte das Verhältnis von Nutzen und Risiko der Anwendung in Erwägung gezogen werden. Das Antibiotikum Gentamicin beispielsweise, ein Streptomycinderivat, kann Nierenschäden verursachen. Aus diesem Grunde wird es mit großer Vorsicht verabreicht, wenn eine höhere Dosierung erforderlich ist. Niridazol ist ein wirksames Medikament gegen Schistosomiasis. Da es jedoch Krebs verursachen kann, wird es in der Regel nur bei einer schweren Infektion angewendet.

Ein wichtiger Faktor für die Wirkung vieler Arzneimittel ist die Bestimmung und Überwachung des Blutspiegels, der Konzentration der künstlich zugesetzten Stoffe im Blut. Bei einigen Medikamenten, beispielsweise Antiepileptika, besteht ein sehr geringer Unterschied zwischen der therapeutischen und der toxischen (giftigen) Dosis, so dass die Blutwerte genau verfolgt werden müssen. Auch beim Einsatz des Antikoagulans Heparin, eines Mittels zur Hemmung der Blutgerinnung, muss die Dosierung genauestens auf die gemessenen Blutwerte abgestimmt werden.

Siehe auch Arzneimittelabhängigkeit