Kreuzzüge
Klicken Sie im Menü Datei auf Drucken, um die Informationen zu drucken.
Kreuzzüge
2. Hintergrund

Anlass der Kreuzzüge in das Heilige Land war 1085 ein Hilferuf des byzantinischen Kaisers Alexios I. Komnenos an den Westen. Seit der Mitte des 11. Jahrhunderts bedrängten die muslimischen Seldschuken das Byzantinische Reich; 1071 hatten sie bei Manzikert in Anatolien das byzantinische Heer vernichtend geschlagen, 1077 Jerusalem, die bedeutendste Stätte der Christenheit, erobert und 1085 Antiochia. Das Byzantinische Reich konnte dem Druck der Türken kaum mehr standhalten und bat daher den abendländischen Westen um Hilfe für die morgenländischen Christen gegen den gemeinsamen Gegner, die „ungläubigen” Muslime.

Am 27. November 1095 rief Papst Urban II. auf einem Konzil in Clermont-Ferrand vor hauptsächlich französischen Klerikern und Laien zum Kreuzzug auf. Als dessen vordringliches Ziel nannte er zunächst die Hilfe für die christliche Kirche des Ostens; die Befreiung Jerusalems und des Heiligen Landes machte dann die Öffentlichkeit während der folgenden Monate zum konkret greifbaren Ziel des Kreuzzugs. Ein weiteres, wenn auch nicht explizit formuliertes Ziel, das die päpstliche Politik während der gesamten Kreuzzüge nachhaltig bestimmte, war die Hoffnung des Papsttums, durch die Hilfe des Westens für die Christen des Ostens eine Wiedervereinigung der Ost- mit der Westkirche – die beiden Kirchen waren seit dem Schisma von 1054 gespalten – unter dem Primat Roms in die Wege leiten zu können.

Die Beweggründe der abendländischen Christen, sich den Strapazen des kostspieligen und ungewissen Abenteuers Kreuzzug zu unterziehen, waren vielschichtig. Das Grundmotiv bei allen Kreuzzügen war, wenn auch mit sehr unterschiedlicher Gewichtung, religiöser Natur: Zum einen lockte eine meist recht indifferente eschatologische Hoffnung auf Erlösung in Jerusalem, der himmlischen Stadt, wobei jedoch kaum zwischen himmlischem und weltlichem Jerusalem unterschieden wurde. Zum anderen hatte Urban II. den Kreuzzugsteilnehmern die Tilgung ihrer Sündenschuld in Aussicht gestellt. Dazu kamen demographische und ökonomische Gründe: Bevölkerungszuwachs und Missernten hatten in Westeuropa das einfache Volk in großem Umfang verarmen lassen, die Aussichten, dass sich die wirtschaftliche Situation im eigenen Land entscheidend verbessern würde, waren äußerst gering, die Verlockungen des himmlischen und des materiellen Lohnes im Heiligen Land umso größer. Ähnlich die Lage beim Adel: Hier hatte sich aus wirtschaftlichen Gründen die Primogenitur durchgesetzt, d. h., die jüngeren Söhne wurden nicht mehr angemessen mit Gütern ausgestattet, und im relativ dicht besiedelten Westeuropa hatten sie kaum Möglichkeiten, Besitz zu erwerben. Die Kreuzzüge boten ihnen nun die Chance, sich nicht nur im Kampf zu bewähren, sondern auch materielle Güter zu erwerben oder sogar Herrschaften zu errichten. Die Chancen dafür standen gut, da das Byzantinische Reich auf einem Tiefpunkt seiner Macht stand und zugleich unter den Muslimen selbst, die weite Teile des Byzantinischen Reiches unter ihre Herrschaft gebracht hatten, Konflikte aufzubrechen begannen, so dass sie sich auf keine gemeinsamen Maßnahmen gegenüber den Christen mehr verständigen konnten. Eine willkommene und vom Papst und den abendländischen Herrschern bei ihren Kreuzzugsaufrufen einkalkulierte Begleiterscheinung war die Eindämmung des überhand nehmenden Fehdewesens im Westen: In den Kreuzzügen konnten die zu kurz gekommenen Adligen ein Ventil für ihre Ambitionen finden.

Bei den späteren Kreuzzügen überwogen sicherlich materielle Motive: Der 1. Kreuzzug hatte gezeigt, dass es möglich war, Besitz und Macht zu erwerben, und neue Anreize geschaffen. Außerdem hatte die Eroberung des Heiligen Landes dem Handel neue Dimensionen eröffnet, weshalb sich bald auch Genua, Pisa und Venedig, die bedeutendsten italienischen Handelsstädte, in den Kreuzzügen engagierten. Neben religiösen und wirtschaftlichen Motiven sind schließlich noch die politischen Ambitionen – Machtzuwachs, Machterhalt, Ansehen, Durchsetzung gegenüber Rivalen – der Kreuzzugssführer bzw. derjenigen, die zu den Kreuzzügen aufriefen, als weitere, nicht zu unterschätzende Triebkraft zu nennen.