Gotthold Ephraim Lessing
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Gotthold Ephraim Lessing
2. Werk

Mit seinem dramatischen Werk und seinen kritischen Essays verlieh der Aufklärer Lessing der deutschen Literatur ein neues Gepräge und übte großen Einfluss auf nachfolgende deutsche Schriftsteller aus. Vor allem gilt er der Kritik bis heute als Reformator des Theaters, der das deutsche Theater aus der Isolation herauszuführen verstand. Weithin wirksam war seine Idee eines autonomen „Nationaltheaters”, das auf seinen großen, aber durchaus auch anerkennend betrachteten Widersacher Gottsched zurückging, das Lessing ab 1748 aber zur ersten Reife führte.

1. Drama

Lessings Bühnenstück Miß Sara Sampson (1755) ist das erste bürgerliche Trauerspiel der deutschen Dramatik in der Tradition der englischen Literatur, namentlich der rührseligen Domestic tragedy. Auch wenn hier mit Mustern tragischer adeliger Konflikte gearbeitet wird, steht doch die Auseinandersetzung zwischen Tochter und Vater – und damit eine familiäre, als Basis der Handlung dienende und zugleich kritisierte Thematik – im Zentrum des dichterischen Interesses. Miß Sara Sampson trug maßgeblich dazu bei, dass sich die Strömung der Empfindsamkeit vom englischsprachigen Raum löste und in Deutschland etablieren konnte.

Das Lustspiel Minna von Barnhelm (1767) und das Drama Nathan der Weise (1779), das Lessing in Blankversen verfasste, zählen noch heute zum Standardrepertoire deutscher Bühnen. Heute gilt Minna von Barnhelm als erstes Drama, in dem nationale deutsche Themen zur Sprache kommen. Auch wenn in den Nebenrollen noch zahlreiche Traditionsstränge herkömmlicher Theaterkunst aufgegriffen werden, zeigt sich doch in der Psychologie der Haupthandlung mit ihren vertauschten Geschlechterrollen – eine aktive Titelfigur wird einem hilflos zwischen Ehre und Liebe pendelnden passiven Tellheim gegenübergestellt – eine überaus innovative Tendenz. Für Goethe war Minna von Barnhelm „die erste aus dem bedeutenden Leben gegriffene Theaterproduktion” der Deutschen, die auch die aktuelle Problematik des preußischen Militär- und Beamtentums kritisch hinterfragte.

Mit seinem „dramatischen Gedicht” Nathan der Weise schuf Lessing in fünfhebigen Jamben ein Plädoyer für Toleranz und Humanismus, indem er aufzeigte, dass Charakterstärke und Edelmut nicht aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion erwachsen. Im historischen Umfeld Jerusalems zur Kreuzzugszeit angesiedelt, illustriert das Stück seine Botschaft anhand des Zusammenlebens von Juden, Christen und Moslems, vor allem am Beispiel des weisen jüdischen Kaufmanns Nathan und seiner christlichen Pflegetochter Recha. Die Utopie steckt in der märchenhaft verklärten Mitte der Geschichte, der von einer Novelle Boccaccios inspirierten so genannten „Ringparabel”: Hier wird gezeigt, dass Geistliche nicht per definitionem moralisch und Atheisten durchaus auch menschlich sein können. Nathan der Weise fand schnell Verbreitung und erlebte bereits im Erscheinungsjahr drei Auflagen. Zudem wurde das Drama kurz nach Erscheinen 1779 ins Englische, Französische und Holländische übersetzt.

Eine Umsetzung wesentlicher Elemente seiner Dramentheorie versuchte Lessing in Emilia Galotti (1772), seinem zweiten bürgerlichen Trauerspiel, dessen Stoff auf den römischen Historiker Livius zurückgeht und das den Konflikt zwischen menschlicher Privatheit und einer durch höfische Willkür aufgedrückten Etikette thematisiert – eine höfische Wertvorstellung, die aber weit ins Private hinüberreicht und die Familie über den Ehrenkodex ihres Oberhaupts in die Krise stürzt. Gerade im Fürstendienst etabliert, spickte Lessing es nach Ansicht Johann Wolfgang von Goethes mit zahlreichen „Piquen gegen den Fürsten”, um seinem Freiheitsdrang Genüge zu tun.

2. Kritische Schriften und Dramentheorie

In einer Vielzahl kritischer Schriften befasste sich Lessing mit Theater, Literatur, Kunst, Archäologie und Theologie. Seine Hamburgische Dramaturgie (1767/68) gehört zu den frühesten modernen Abhandlungen über die Dramentheorie und verbindet Rezension mit Reflexion. Vorbereitet wurde sie allerdings bereits 1756/57 mit dem stark von ästhetischen Erwägungen geleiteten Briefwechsel über das Trauerspiel. Lessing gründete sein Modell auf Gottscheds moralisch-didaktische Überlegungen und übernahm von ihm den von Aristoteles geprägten Begriff der Wahrscheinlichkeit. Andererseits postulierte er, hierin gegen Gottsched argumentierend, dass die Dramen des „Genies” William Shakespeare den deutschen Dramatikern ein geeigneteres Vorbild seien als die durch „Regeln” bestimmten Tragödien der französischen Literatur. Mit dieser Forderung leitete Lessing die Shakespeare-Rezeption der Dichter des Sturm und Drang ein. Auch die Gestalt des Helden im Barock ließ er als „schönes Ungeheuer” in einer realistischeren Bühnenwelt nicht gelten: Der Einakter Philotas mit seiner kaum versteckten Auseinandersetzung mit Friedrich dem Großen liest sich als direkte Antwort auf die Grausamkeit des Siebenjährigen Krieges wie eine literarische Probe aufs theoretische Exempel. Des Weiteren erklärte Lessing das Drama der Antike zur zweiten Quelle dramatischer (und dramaturgischer) Inspiration. Richtschnur waren Autoren wie Seneca und Plautus. Prägend wirkte hier auch Lessings Auseinandersetzung mit der Commedia dell’Arte und ihrem Modell von Komik und Spontaneität.

Literaturkritisch äußerte sich Lessing in seinen Briefen, in dem Essay über die Fabeltheorie, der als Vorwort seinem dreibändigen Werk Fabeln (1759) vorangestellt war, sowie in den Wolfenbütteler Beiträgen Zur Geschichte und Literatur (1773-1781). In seiner Schrift Laokoon: oder Über die Grenzen der Mahlerey und Poesie (1766) befasste er sich mit Poesie, Bildhauerkunst und Malerei und grenzte sie gegeneinander ab. Aus seiner Beschäftigung mit der Archäologie resultierten die Werke Briefe antiquarischen Inhalts (1768/69) und Wie die Alten den Tod gebildet (1769). In dem theologisch-philosophischen Werk Die Erziehung des Menschengeschlechts (vollständig 1780) setzte sich Lessing mit dem Konflikt zwischen Kirchendogma und religiösem Gefühl auseinander.