Gotik
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Gotik
2. Architektur

Am herausragendsten sind die Leistungen der Gotik auf dem Gebiet der Baukunst, vor allem im Bereich des Kirchenbaues. Vorläufer war hier die normannische bzw. die burgundische Architektur.

In deutlichem Gegensatz zur Romanik mit ihren Stilmerkmalen des Rundbogens, der massiven Bauweise und der kleinen Fensterpartien ist die Architektur der Gotik durch Spitzbögen, hoch aufragende (spitze) Türme, reiche Fassadenverzierung (Fialen, Kreuzblumen, Wimperge etc.) und große, mit Maßwerk versehene Buntglasfensterfronten charakterisiert. Dieser Aufbruch der Fassade wurde durch die Einführung des Kreuzrippengewölbes und den Einsatz von Strebepfeilern ermöglicht: Dadurch wurden die Außenmauern, die zuvor ausschließlich das Dach tragen mussten, durch ein ganzes Trägersystem entlastet. Eine weitere architektonische Besonderheit der gotischen Kathedrale bestand darin, den Innenraum nicht mehr streng zu untergliedern, sondern seine Ganzheitlichkeit zu betonen.

Um einen einheitlichen Raumeindruck zu gewährleisten, band die gotische Architektur die (ohnehin verkürzten) Querschiffe enger an das Langhaus an. Dabei blieb die Grundstruktur der Basilika – Hauptschiff, zwei Seitenschiffe, ein Querschiff, ein Chor mit Sanktuarium – weitgehend erhalten. In der Frühgotik der Île-de-France wurde die Mauer mit Hilfe von Arkade, Empore und Rundfensterzone bzw. Triforium (siehe unten) viergeteilt, das zuvor gebräuchliche sechsteilige Gewölbe durch ein vierteiliges ersetzt. Die hoch aufstrebende Bauweise der Gotik sollte den Eindruck von Erhabenheit vermitteln.

In der Gotik kam vor allem der Westfassade diese Aufgabe zu. Die typische gotische Westfassade besteht aus drei vertikalen Abteilungen, die mit den drei Eingangsportalen korrespondieren. Auf diese Weise wird außen die Aufteilung des Innenraumes gespiegelt. Die Westfassade ist gewöhnlich von zwei Türmen überragt. Eine große Fensterrose über dem Hauptportal bildet das optische Zentrum (siehe Rosette).

1. Frühgotik

Die Phase gotischer Architektur begann um 1130 mit dem Bau der Abteikirche von Saint-Denis am Rand von Paris. Der Bau stand unter Aufsicht des Abtes Surger. Im Westbau und in der Choranlage findet sich bereits hier jenes für die Gotik bestimmende Element des schlanken, gewölbetragenden Säulensystems. Auch vermittelt das Fehlen von Trennwänden zwischen den Chorkapellen in Saint-Denis ein neues harmonisches Raumgefühl, das auf die Weitläufigkeit späterer Kathedralen vorausweist.

Nach den Kathedralen von Sens (begonnen 1130), Noyon (begonnen 1150), Senlis (begonnen 1155) und Laon (begonnen 1160) entstand als Höhepunkt der Frühgotik in Paris die Kathedrale Notre-Dame (begonnen 1163). In der frühgotischen Phase führte die Zufügung eines vierten Stockwerkes, des so genannten Triforiums, zu einer optischen Erhöhung des Innenraumes. Das Triforium besteht aus einem schmalen Gang, der unterhalb des Lichtgadens (dem oberen, von Fenstern durchbrochenen Teil des Mittelschiffes) und oberhalb der Seitenschiffarkaden in die Wand eingefügt ist. Das Triforium ist durch seine eigenen kleinen Arkaden zum Mittelschiff hin geöffnet.

2. Hochgotik

Erstes Beispiel für die Architektur der Hochgotik ist der nach 1194 begonnene Neubau der Kathedrale von Chartres. Indem die Galerie des zweiten Stockwerkes fallengelassen und das Triforium beibehalten wurde, entstand wieder eine vereinfachte dreistöckige Gliederung. Zusätzliche Höhe gewährte ein emporragender Lichtgaden, der beinahe die Höhe der Arkaden hatte. Der Lichtgaden selbst war in jedem Joch von zwei hohen Spitzbogenfenstern durchbrochen, die eine Fensterrose überkrönte. Damit war eine Gliederung des Innenraumes erreicht, die für alle späteren gotischen Kirchen verbindlich wurde. Auch ist bereits in Chartres die für die Gotik typische Ablösung der Freskenmalerei durch Glasmalerei vollzogen.

Höhepunkt hochgotischer Baukunst ist die Kathedrale in Reims (begonnen 1210), die durch eine klar proportionierte Gliederung und eine Vergrößerung des Lichtgadens besticht.

Bei der fünfschiffigen Kathedrale in Bourges (begonnen 1195) hingegen ist der hehre Eindruck des Bauwerkes durch eine Erhöhung der Arkadenwände erreicht. Die am steilsten aufragende gotische Kathedrale ist die von Beauvais. Die Höhe des Innenraumes beträgt 48 Meter. Ein weiteres Beispiel für die hoch aufstrebende Architektur der Hochgotik ist die Westfassade des Kölner Doms (begonnen 1248).

3. Rayonnantstil

Die Kathedrale von Beauvais wurde im Jahr der Thronbesteigung Ludwigs IX. von Frankreich (1226) begonnen. Während seiner Regentschaft (bis 1270) trat die gotische Architektur in eine neue Phase, die als Rayonnantstil (von französisch rayonnant: strahlend) bezeichnet wird. Der Begriff bezieht sich auf die strahlenförmigen Speichen etwa in den riesigen Fensterrosen der Kathedralen. Im Rayonnantstil ging es denn auch weniger darum, die Raumhöhe zu vergrößern (im Gegenteil wurde die Raumhöhe in den Folgebauten wieder zurückgenommen). Vielmehr sollte die Helligkeit des Innenraumes durch eine weitere Auflösung der Wand gesteigert werden. So ersetzten die Architekten des Rayonnantstiles die Außenwand des Triforiums durch Glasfenster und Maßwerk. Nach 1232 wurde die Abteikirche Saint-Denis in diesem Sinn umgebaut.

Am eindringlichsten gelang das Projekt des Rayonnant in der zwischen 1242 und 1248 errichteten Sainte-Chapelle auf der Pariser Île-de-la-Cité. Hier ragen die Fenster beinahe vom Boden bis zu den Bögen des Gewölbes.

Das Buntglasfenster mit seinen dominierenden Blau- und Rottönen avancierte so immer mehr zum wichtigen Element gotischer Architektur. Dabei zeigten kleine Buntglasdarstellungen in den Kapellen der Seitenschiffe zumeist Szenen aus der Bibel und dem Heiligenleben, deren Detailreichtum sich dem Betrachter erst aus der Nähe offenbarte. Die Fenster im Lichtgaden hingegen waren einzelnen Monumentalfiguren vorbehalten. Um 1270 wurde durch weißes (und grau bemaltes) Grisaille-Glas in Verbindung mit farbigen, in helleren Tönen bemalten Fenstern eine gesteigerte Lichtwirkung erzielt.

4. Verbreitung der gotischen Architektur

Von Frankreich aus verbreitete sich die Gotik fast in ganz Europa. 1221 wurde die Kathedrale von Bourges zum Vorbild einer Kathedrale im spanischen Toledo, im frühen 14. Jahrhundert dann von Bauwerken in Palma de Mallorca, Barcelona und Gerona.

In Deutschland, Italien und Skandinavien konnte sich die Gotik nur langsam durchsetzen. Doch nahm die deutsche Spätromanik gotische Elemente auf. Verbreitung fand die Gotik in Deutschland vor allem durch die Zisterzienser. Erstmals wird der Einfluss französischer Architekten beim 1209 begonnenen Magdeburger Dom deutlich. Rein hochgotisch sind die Trierer Liebfrauenkirche (begonnen 1235) und die Marburger Elisabethkirche (begonnen 1235). Doch ist mit ihren Grundrissen eine spezifisch deutsche Form der Gotik gefunden. Weitere Beispiele deutscher Gotik sind das Straßburger Münster (begonnen 1236), der Kölner Dom (begonnen 1248), die Erfurter Barfüßerkirche (begonnen 1291), die Dominikanerkirche in Colmar (begonnen 1283) und das Münster in Freiburg im Breisgau (begonnen 1250), welches auf das Triforium verzichtete und die Einturmfassade etablierte. Im nördlichen Europa setzte sich die so genannte Backsteingotik durch, die ihren Namen durch das dort verwendete Material erhielt.

In Italien wurde die Gotik durch Ordensbauten wie San Francesco in Assisi (im Auftrag der Franziskaner, begonnen 1228) und Santa Maria Novella in Florenz (im Auftrag der Dominikaner, begonnen 1279) begünstigt. Die Dome von Florenz, Siena und Orvieto bezeichnen einen Zwischenschritt auf dem Weg von der italienischen Romanik zu den Anfängen der Renaissancearchitektur eines Filippo Brunelleschi.

In England zeigt sich der Einfluss der französischen Gotik im Chorbau der Kathedrale von Canterbury und – Mitte des 13. Jahrhunderts – in Westminster Abbey (begonnen 1245), die nach dem Vorbild der Kathedrale von Reims erbaut wurde. Tatsächlich entwickelte sich in England eine ganz eigene Ausformung der Gotik ohne das für die Architektur des Festlands typische Streben nach Vertikalität. Stattdessen betonte der Stil des so genannten Early English (1175-1250) die Horizontalstruktur des Bauwerkes. Auf den Kapellenkranz im Chor wurde verzichtet, teils wurden zwei unterschiedlich aufgebaute Querschiffe verwendet.

Die Architekturauffassung des Early English zeigt sich beispielhaft in der Kathedrale von Salisbury (begonnen 1220). Im so genannten Decorated Style (um 1250-1350) bildete sich in England eine verschwenderische Ornamentik heraus, die sich gänzlich unabhängig von der französischen Gotik entfaltete, so etwa im Angel Choir (1256) der Kathedrale von Lincoln und in der 1322 begonnenen Innenverzierung der Kathedrale von Ely.