Nordsee
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Nordsee
8. Umwelt

Die Meeresverschmutzung ist in weiten Teilen der Nordsee bereits weit vorangeschritten. Die starke Belastung des Wassers äußerte sich in den vergangenen Jahren u. a. durch weit verbreitete Algenblüten und wiederholtes Fischsterben, auch die Zahl der Wale ging drastisch zurück. Untersuchungen ergaben eine bis zu zehnmal höhere Belastung der Meerestiere mit Schadstoffen gegenüber Walen aus den Meeren um Grönland. Trotz verschiedener Maßnahmen wie der Beendigung der Verklappung von Dünnsäure gilt der ökologische Zustand der Nordsee weiterhin als sehr bedenklich.

Die immer weniger rentable Förderung von Erdöl und Erdgas wirft ein großes Entsorgungsproblem auf: Zahlreiche Bohrinseln und Plattformen müssen stillgelegt werden. Bereits 1995 erregte die Entsorgung der 137 Meter hohen und etwa 14 500 Tonnen schweren Ölplattform Brent Spar internationales Aufsehen: Der Betreiberkonzern Shell favorisierte aus Kostengründen deren Versenkung im Meer; Umweltschützer erreichten jedoch eine ökologisch vertretbare Entsorgung der Plattform an Land.

Bindende Vorschriften zur Entsorgung der Plattformen in der Nordsee gab es lange Zeit nicht. Zahlreiche der auf mächtigen Stahlpfeilern ruhenden Plattformen stehen in Wassertiefen von mehr als 100 Metern und sind deshalb nur schwer zu transportieren. Nach einer weltweit geltenden Regelung der International Maritime Organization (IMO) mussten nur Förderinseln vollständig zurückgebaut werden, die weniger als 75 Meter tief stehen und deren Unterbau leichter als 4 000 Tonnen ist. Im Juli 1998 beschloss eine internationale Konferenz zum Schutz der Meere jedoch, dass stillgelegte Ölplattformen im Nordatlantik in Zukunft grundsätzlich an Land entsorgt werden müssen. Ausnahmen sind lediglich bei großen Betonsockeln ab einem Gewicht von 10 000 Tonnen möglich, weil deren Demontage mit zu großem technischem Aufwand verbunden wäre. Diese Anlagen können auf dem Meeresboden verbleiben. Von dieser Zusatzregelung sind etwa 40 von insgesamt 780 Offshore-Anlagen betroffen. Außerdem einigten sich die Konferenzteilnehmer darauf, die Einleitung radioaktiver Substanzen aus atomaren Wiederaufbereitungsanlagen drastisch zu verringern, so dass durch die Reduzierung radioaktiver Ableitungen bis zum Jahr 2020 eine Konzentration „nahe null” erreicht wird.

Den 1997 veröffentlichten Ergebnissen der dreijährigen Untersuchung „Küstennahe Stoff- und Energieflüsse (KUSTOS)” zufolge gelangen jährlich rund 100 000 Tonnen Stickstoff in die Nordsee. Quellen des Stickstoffs sind vor allem Düngemittel, die über Flüsse die Nordsee erreichen, in hohem Maß aber auch Autoabgase und industrielle Emissionen, die über die Atmosphäre an das Meer abgegeben werden. Da einige Lebewesen von der Anreicherung mit Stickstoff profitieren, besteht die Gefahr einer Verschiebung des biologischen Gleichgewichts. Die Untersuchung ergab aber auch, dass die Belastung der Nordsee mit Phosphor spürbar gesunken ist, und zwar vor allem deshalb, weil Waschmittelhersteller auf die Verwendung von Phosphaten in ihren Produkten verzichteten.

Die 1998 veröffentlichten Ergebnisse einer meeresbiologischen Studie zeigten, dass im Umkreis zahlreicher Bohrinseln und Bohrlöcher im britischen und norwegischen Sektor am Meeresboden giftige Produktionsrückstände in hoher Konzentration akkumuliert sind. Bei diesen Rückständen handelt es sich um eine Mischung öliger schadstoffbelasteter Spülungen („Bohrschlämme”) mit Gesteinsbrocken und -splittern, die aus den Lagerstätten hinaufbefördert wurden („Bohrklein”). Der Abfall der Erdölindustrie bedeckt weite Flächen der tieferen Nordsee, wo er von Wind und Wellen nicht verwirbelt wird. Nach Plänen der Oslo-Paris-Kommission (OSPAR) zum Schutz der Meeresumwelt im Nordostatlantik sollen die Bohrschlämme und der Bohrklein-Belag aus den Förderfeldern entfernt und umweltverträglich entsorgt werden.

Eine ökologische Katastrophe ereignete sich im Herbst 1998. Nachdem die Holzladung des italienischen Frachters Pallas vor der dänischen Küste in Brand geraten und das Schiff schließlich sechs Seemeilen südwestlich der Insel Amrum gestrandet war, liefen schätzungsweise 50 Tonnen Öl in die Nordsee; das Wattenmeer zwischen Amrum, Sylt und Föhr wurde stark verschmutzt. Dabei starben etwa 16 000 Seevögel. Neben den ökologischen Auswirkungen waren auch die Kosten der Havarie enorm. Mehr als 15 Millionen DM mussten für Brandbekämpfung, Abpumpen und Entsorgen des Öls, Transport der toten Vögel, Entsorgen des verschmutzten Sandes und Überwachungsflüge ausgegeben werden. Angesichts des Unglücks forderten Umweltschutzverbände ein neues Sicherheitskonzept für die Nordsee und eine Verlegung der Schiffsrouten in küstenfernere Wasserstraßen.

Im Rahmen der 5. Internationalen Nordseeschutzkonferenz wurde 2002 beschlossen, bis zum Jahr 2010 ein Netzwerk von Meeresschutzgebieten festzulegen, um gefährdete Meereslebewesen und besonders empfindliche Lebensräume zu schützen. Miteinander konkurrierende Nutzungen, wie z. B. Gas- und Ölplattformen auf hoher See, Schifffahrtsrouten und Windparks in der Nordsee, sollen von den Anrainerstaaten gemeinsam geplant und umweltverträglich gestaltet werden. Auf der 6. Internationalen Nordseeschutzkonferenz 2006 verabschiedeten die Vertreter der Anrainerstaaten einen Plan zur Reduzierung schädlicher Auswirkungen der Fischerei auf die Meeresumwelt. Zu den wesentlichen Maßnahmen gehören Fangverbote in Fischgründen, die von Überfischung betroffen sind.

1988 fielen im Nord-Ostsee-Raumetwa 18 000 Seehunde dem Staupevirus zum Opfer; 2002 starben hier – nach zwischenzeitlicher Erholung der Bestände – erneut mehr als 21 000 Seehunde an dieser Viruserkrankung. Im gesamten Wattenmeer (der deutschen, dänischen und niederländischen Nordseeküste) wurden 2002 etwa 10 600 tote Seehunde angeschwemmt. Dennoch galt der Seehundbestand hier nicht als gefährdet.