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| 2. | Entstehung der Sprachfamilie |
Die Belege dafür, dass diese äußerst unterschiedlichen Sprachen Mitglieder einer einzigen Familie sind, wurden im Wesentlichen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesammelt. Der umfangreiche Bestand an Literatur in Sanskrit und Altgriechisch (die ältesten Zeugnisse einer indogermanischen Sprache mit Ausnahme des damals noch nicht entzifferten Hethitisch) zeigt typische Züge der grundlegenden indogermanischen Formen auf und verweist auf eine gemeinsame Ursprache. Bereits im Jahr 1800 war die enge Verwandtschaft zwischen Sanskrit, Altgriechisch und Latein erwiesen. Frühe Sanskrit-Grammatiker hatten die Bestandteile ihrer alten Sprache systematisch klassifiziert; zu diesen Arbeiten kamen umfassende grammatikalische und phonetische Vergleiche europäischer Sprachen hinzu. Aus zahlreichen Untersuchungen konnten genauere Schlussfolgerungen hinsichtlich Lautung und Grammatik der angenommenen Ursprache (Protoindogermanisch) gezogen werden, so dass man zur Rekonstruktion einer hypothetischen Sprache und zu Schätzungen ihrer Aufspaltung in verschiedene Sprachen gelangte. (Bereits um 2000 v. Chr. existierten Griechisch, Hethitisch und Sanskrit als eigenständige Sprachen; die Merkmale, durch die sie sich unterscheiden, deuten jedoch darauf hin, dass ungefähr ein Jahrtausend vorher, also um 3000 v. Chr., noch eine einheitliche Ursprache existiert haben muss.) Das Verständnis für die Entwicklung der Sprachfamilie und den angenommenen Charakter des Protoindogermanischen wurde weiter vertieft durch die Entzifferung der hethitischen Texte (erst 1915 als indogermanisch identifiziert) und die Entdeckung des Tocharischen, einer Sprache, die im Mittelalter im chinesischen Teil Turkestans gesprochen und 1908 als indogermanisch identifiziert wurde.
Aus den frühen Untersuchungen zum Indogermanischen leiteten sich zahlreiche Grundsätze der vergleichenden Linguistik ab. Einer der wichtigsten ist, dass sich die Laute verwandter Sprachen unter bestimmten Bedingungen auf vorhersehbare Weise entsprechen (siehe Grimm’sches Gesetz und Verner’sches Gesetz). Gemäß einem solchen Muster entwickelten sich in einigen indogermanischen Unterfamilien – Albanisch, Armenisch, Indoiranisch, Slawisch und (zum Teil) Baltisch – die für das Protoindogermanische vermuteten k-Laute zu Zischlauten wie s und ś (ähnlich dem sch). Gebräuchlichstes Beispiel für dieses Muster ist das avestische (altiranische) Wort satem („100”) gegenüber dem lateinischen centum („100”, „kentum” ausgesprochen). Während in älteren Untersuchungen die verschiedenen indogermanischen Sprachen einem westlichen (centum) oder einem östlichen (satem) Zweig zugerechnet wurden, wird die indogermanische Sprachfamilie in der modernen Sprachwissenschaft nicht mehr automatisch in zwei Zweige geteilt. Zum einen, um der Annahme, die Familie sei frühzeitig in zwei Hauptzweige aufgespalten worden, nicht Vorschub zu leisten, zum anderen sollte dieser Lautverschiebung von k zu s keine allzu übermächtige Bedeutung beigemessen werden, da es sich dabei zwar um ein wichtiges, jedoch nur um eines von mehreren Phänomenen handelt, die mehrere Unterfamilien zugleich betreffen.