Suchansicht Gnostizismus

Wenn Sie nach einem bestimmten Wort, Namen bzw. Thema in diesem Artikel suchen möchten, wählen Sie in Ihrem Browser die entsprechende Option für Suche innerhalb der Seite. Im Internet Explorer finden Sie diese Option im Menü Bearbeiten.

Bei der Suche wird genau das Wort bzw. die Phrase berücksichtigt, das (die) Sie eingegeben haben. Sollte die Suche keine Ergebnisse zeitigen, versuchen Sie, nach einem Schlüsselwort in Ihrem Thema zu suchen bzw. die Schreibung des betreffenden Wortes oder Namens zu überprüfen.

Gnostizismus
1. Einleitung

Gnostizismus (von griechisch gnosis: Erkenntnis), religiös-philosophische Bewegung im 2. und 3. Jahrhundert. Obwohl sich die meisten gnostischen Richtungen zum Christentum bekannten, unterschieden sie sich maßgeblich vom Glauben der Frühkirche. Der Gnostizismus verstand sich als Geheimwissen über das Göttliche. Nach gnostischer Lehre fielen Funken oder Samen des Göttlichen Wesens aus der transzendenten geistigen Sphäre in die materielle (böse) Welt. Durch die Wiedererweckung des göttlichen Elements durch die Erkenntnis könnte der Mensch in seine Heimat, den spirituellen Bereich des Transzendenten, zurückkehren.

2. Ursprünge

Die gnostische Mythologie entwickelte sich möglicherweise am Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. aus spekulativen philosophischen Strömungen im Judentum in Syrien und Palästina. Diese waren vom Parsismus, der alten Religion Persiens, beeinflusst und vermischten sich im 2. Jahrhundert mit dem Platonismus. Zu den bekanntesten christlichen Gnostikern zählen Valentinus und sein Schüler Ptolemäus.

Im 2. Jahrhundert entstand im Osten Syriens eine weitere Variante des Gnostizismus, die die Lehre Jesu asketisch interpretierte. Gegen Ende des Jahrhunderts verbreitete sich der Gnostizismus in Ägypten, wobei das Aufkommen des Mönchtums vermutlich mit dem Einfluss syrischer asketischer Sekten zusammenhing.

3. Mythologie

Die Gnostiker erklärten den Ursprung des stofflichen Universums mit Hilfe eines Mythos. Aus dem nicht erkennbaren Gott sei durch Emanation eine Vielzahl untergeordneter Gottheiten hervorgegangen. Die letzte dieser Gottheiten, Sophia (Weisheit), habe ein Verlangen verspürt, das nicht erkennbare höchste Wesen zu erkennen. Aus diesem Verlangen sei ein böser Gott entstanden, der Demiurg, der das Universum geschaffen habe. Die göttlichen Funken seien in dieses Universum hineingefallen oder von dem obersten Gott dorthin entsandt worden, um die Menschheit zu erlösen. Die Gnostiker setzten diesen bösen Gott mit dem Gott des Alten Testaments gleich, der die Menschen im Zustand der Unwissenheit und in der stofflichen Welt belasse und ihre Versuche bestrafe, Wissen und Einsicht zu erlangen. Diese Deutung entnahmen sie der Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies, den Erzählungen von der Sintflut und der Zerstörung von Sodom und Gomorrha.

4. Gnostizismus und Christentum

Da die christlichen Gnostiker die Gleichsetzung des Gottes des Alten Testaments mit dem Gott des Neuen Testaments ablehnten, entwickelten sie eine eigene Interpretation des Wirkens Jesu. Sie verfassten apokryphe Evangelien (wie das Thomas-Evangelium und das Marien-Evangelium), mit denen sie belegen wollten, dass Christus, der göttliche Geist, in dem Körper des Menschen Jesus lebte. Er sei nicht am Kreuz gestorben, sondern in die göttliche Sphäre aufgestiegen, aus der er ursprünglich gekommen sei. Die Gnostiker leugneten die Sühne durch die Leiden und den Tod Christi sowie die Wiederauferstehung seines Körpers.

5. Rituale

Einige gnostische Sekten lehnten alle Sakramente ab, andere akzeptierten ausschießlich die Taufe und das Abendmahl und deuteten sie als Zeichen für das Erwachen der Erkenntnis (gnosis). Andere gnostische Rituale dienten dazu, der menschlichen Seele als göttlichem Teil den Aufstieg in die Sphäre des Geistigen zu erleichtern. Die Valentinianer praktizierten ein besonderes Ritual, das so genannte Brautzimmer, durch das der verlorene Geist mit seinem himmlischen Gegenstück vereinigt wurde.

6. Ethik

Die ethischen Lehren des Gnostizismus reichten von der Askese bis zum Libertinismus. Die Auffassung, dass der Körper und die gesamte stoffliche Welt ins Reich der Finsternis gehöre, führte bei manchen Sekten dazu, dass sie Ehe und Fortpflanzung ablehnten. Andere Gnostiker entwickelten aufgrund der Überzeugung, dass die Seele in der Welt der Materie fremd sei, eine Haltung der Gleichgültigkeit gegenüber allen weltlichen Dingen.

7. Quellen

Ein großer Teil des akademischen Wissens über den Gnostizismus stammt aus christlichen Texten des 2. und 3. Jahrhunderts, die gegen diesen gerichtet waren. 1945 wurden in der Nähe von Nag Hammadi zwölf Kodizes mit über 50 gnostischen Handschriften in koptischer Sprache gefunden, die wahrscheinlich im 4. Jahrhundert in Klöstern kopiert wurden.

8. Weitere Entwicklung und Niedergang

Sowohl die christlichen Theologen als auch der neoplatonistische Philosoph Plotin verwarfen im 3. Jahrhundert die gnostische Auffassung, die die stoffliche Welt als böse ansah. Die Christen verteidigten ihre Gleichsetzung des Gottes aus dem Neuen Testament mit dem Gott des Judentums sowie das Neue Testament als höchste Autorität. Die Entwicklung der christlichen Mystik und Askese trug dazu bei, dass der Gnostizismus zurückging und als Bewegung am Ende des 3. Jahrhunderts fast völlig verschwand.

9. Spuren und Überreste

Im Irak und Iran gibt es heute noch eine kleine, nicht-christliche gnostische Sekte, die Mandäer. Die alten gnostischen Sekten überlebten zwar nicht, doch kehrten einzelne Elemente des gnostischen Weltbildes in periodischen Abständen und verschiedenen Gestalten wieder, etwa im Manichäismus, einer antiken dualistischen Religion; im Mittelalter in den Lehren der Albigenser, der Bogomilen und Paulizianer; in der jüdisch-mystischen Philosophie des Mittelalters, der Kabbala; in der Alchimie; in der Theosophie des 19. Jahrhunderts sowie im 20. Jahrhundert in der Existenzphilosophie, im Nihilismus und in den Schriften des Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung.