Russische Literatur
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Russische Literatur
2. Frühzeit
1. Kiewer Reich (11. bis 13. Jahrhundert)

Die Anfänge einer russischen Literaturtradition gehen auf die Missionstätigkeit der Mönche Kyrillos und Methodios im 10. Jahrhundert zurück, die das Altkirchenslawisch bzw. Kirchenslawisch zur Schriftsprache der Ostslawen machten. Die erste große Epoche der russischen Kultur begann 988 mit der Christianisierung des Kiewer Reichs: Dadurch öffnete es sich dem Einfluss des byzantinischen Kulturerbes. In der Folge entstanden Übersetzungen religiöser und weltlicher Schriften, darunter das Ostromir-Evangelium (1056/57), Liturgien, Predigten, Heiligenviten und Sammlungen von Verhaltensregeln. An weltlicher Literatur wurden vorwiegend Versepen (Alexandreis) übertragen. Altkirchenslawisch blieb über Jahrhunderte die beherrschende Literatursprache. Erste eigenständige altkirchenslawische Schriften entstanden erst im 11. Jahrhundert. Dazu gehört die Predigtsammlung des Metropoliten Ilarion, Slovo o zakone i blagodati (zwischen 1037 und 1050), das erste Gesetzbuch Russlands, Russkaja prawda (zwischen 1019 und 1054), sowie die so genannte Nestorchronik über die Geschichte der Ostslawen bis zum Jahr 1110. Zu den herausragenden heute noch greifbaren Schriften der Kiewer Periode gehört das zwischen 1185 und 1196 geschriebene Igorlied, ein anonymes Heldenepos über den Kampf Fürst Igor Swajatoslawitschs gegen die Polowzer Nomaden (1185).

Anfang des 13. Jahrhunderts wurde Kiew von den Tataren geplündert: Das Reich zerfiel. Kiew verlor seinen Status als literarisches Zentrum, der nun den Teilfürstentümern Nowgorod, Twer und Wladimir-Susdal zufiel. Die dort entstandenen (meist religiösen) Werke neigen zur manieristisch-ornamentalen Gebärde; inhaltlich stand die Gefährdung des Christentums durch die Tataren im Mittelpunkt. Dies ist auch Thema der um 1300 entstandenen Lebensbeschreibung Alexander Newskijs sowie von Povest’ o razorenii Batyem Rjazani (um 1240), einer Schilderung der Zerstörung Rjazans (1237).

2. Moskauer Reich (Mitte 14. bis 17. Jahrhundert)

1240 war ein Großteil Russlands von den Tataren erobert. Das 14. und 15. Jahrhundert wurden bestimmt von der Suche nach kultureller Identität. Während der Tatarenherrschaft stagnierte die russische Literaturproduktion. Allenfalls der in lyrischer Prosa verfasste, in Rjazan entstandene Bericht des Geistlichen Sofonij, Zadonščina (vor 1393), beweist eine gewisse Originalität: Er beschreibt den Sieg des Moskauer Großfürsten Dmitrij Iwanowitsch Donskoj über die Tataren auf dem Schnepfenfeld am Don (1380). Das 14. Jahrhundert ist durch ein reiches religiöses Schrifttum gekennzeichnet. Herausragende Autoren waren Nil Sorskij und Joseph von Wolokolamsk.

Im 15. Jahrhundert stieg Moskau endgültig zur neuen Kulturmetropole auf. Nach der Eroberung von Byzanz durch die Türken im Jahr 1453 konnte sich die Stadt als legitime Nachfolgerin und Zentrum höchster Religiosität (als Drittes Rom) verstehen: Die in Moskau entstandene Literatur versuchte dementsprechend, dieses Machtstreben ideologisch zu untermauern. Epifanij Premudryjs schuf bedeutende hagiographische Werke, und die Kompilation alter Chroniken erreichte ihren Höhepunkt. Das zwischen 1560 und 1563 verfasste Stepennaja kniga (Stufenbuch) versuchte erstmals, die russische Geschichte systematisch darzustellen. Regeln des gesellschaftlichen, kirchlichen, politischen und häuslichen Zusammenlebens beschreibt die Schrift Domostroj des Protopopen Silwestr. Auch wurde im 16. Jahrhundert die erste kirchenslawische Übersetzung der gesamten Bibel unternommen. In zahlreichen Publikationen setzen sich Autoren mit dem Verhältnis von Kirche und Staat auseinander (allen voran Maksim Grek, der einen autonomen politischen Standpunkt einnahm). 1575 verfasste Fürst Andrej Michailowitsch Kurbskij die Istorija o velikom knajaze Moskovskom, eine geschichtliche Darstellung des Fürstentums Moskau. Das 17. Jahrhundert war durch einen zeitweiligen Niedergang der politischen Stärke Moskaus gekennzeichnet; auch spalteten sich die altgläubigen Raskolniki von der Staatskirche ab. In das erstarrte altkirchenslawische Literatursystem drangen russisch-umgangssprachliche Elemente ebenso wie europäische Erzählstoffe und -traditionen. Hierfür war besonders die Vermittlertätigkeit der Kiewer Geistlichen Akademie entscheidend. Eine eindringliche Schilderung dieser Epoche gibt die Autobiographie des Raskolniki-Führers Awwakum: Auch sein Žitie protopopa Avvakuma (1672-1675; Das Leben des Protopopen Awwakum) ist von volkssprachlichem Realismus durchsetzt.