Russische Literatur
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Russische Literatur
4. Romantik und Realismus (19. Jahrhundert)
1. Das Zeitalter Puschkins

Mit den Werken Aleksandr Sergejewitsch Puschkins beginnt die moderne russische Literatursprache. Sein Werk war von großem Einfluss auf die gesamte russische Literatur des 19. Jahrhunderts. Nach klassizistischen Anfängen wurde er zu einem der bedeutendsten Vertreter der russischen Romantik. Sein Spätwerk wiederum prägte jenen Realismus, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die russische Literatur bestimmend wurde. In allen Gattungen – in Epik, Lyrik und Dramatik – erreichte Puschkin höchste Meisterschaft. Seine ausgefeilte Lyrik, das Drama Boris Godunow (1831; Boris Godunow) und der Versroman Evgenij Onegin (1833; Eugen Onegin) ragen aus einem Gesamtwerk heraus, das sich letztlich jeder Epochenzuordnung entzieht. Deutlich markiert es den Übergang von der Regelpoetik des 18. Jahrhunderts hin zu einer subjektiveren, am Offenen und Fragmentarischen orientierten Konzeption. Neben sozialem Engagement ist Puschkins Dichtung durch eine ironische Distanz bestimmt, die zuvor in der russischen Literatur nur selten anzutreffen war.

Zeitgenossen Puschkins waren der bedeutendste russische Fabeldichter Iwan Andrejewitsch Krylow und der Dramatiker Aleksandr Sergejewitsch Gribojedow, welcher mit seiner Gesellschaftskomödie Gore ot uma (1833; Verstand schafft Leiden) als Wegbereiter der Romantik gilt. Zu den russischen Romantikern zählen auch die Dichter Anton Antonowitsch Delwig, Wilhelm Karlowitsch Küchelbecker, Nikolaj Michailowitsch Jasykow, Jewgenij Abramowitsch Baratynskij und Wladimir Fjodorowitsch Fürst Odojewskij, dessen formal und thematisch an E. T. A. Hoffmanns Serapionsbrüdern (1819-1821) orientierte Novellensammlung Russische Nächte (1844) zu einem der populärsten Prosawerke der russischen Literatur avancierte. Demgegenüber trat Odojewskijs Freund, der Dekabrist Kondrati Fjodorowitsch Rylejew, mit revolutionärer Dichtung hervor. Die Ideenlyrik Fjodor Iwanowitsch Tjuttschews ist deutlich von der idealistischen Philosophie Friedrich Wilhelm Joseph Schellings beeinflusst. Die Gedichte Afanassij Afanassjewitsch Fets leiten bereits zum Symbolismus über. Neben Puschkin gehört Michail Jurjewitsch Lermontow zu den herausragenden Gestalten der russischen Literatur um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Wie Puschkins Eugen Onegin, so bewirkte auch sein Roman Geroy našego vremeni (1840; Ein Held unserer Zeit), bei vielen russischen Autoren eine Hinwendung zur Prosaform und beeinflusste in der europäischen Literatur nicht zuletzt James Joyce. In diesem Werk setzte er die Suche Puschkins nach einem Protagonisten fort, der in sich die Widersprüche der russischen Gesellschaft vereint.

Das 19. Jahrhundert stand unter dem Vorzeichen einer radikalen Literaturkritik, deren einflussreiche Theoretiker, wie Wissarion Grigorijewitsch Belinskij, Nikolaj Gawrilowitsch Tschernyschewskij und Nikolaj Alexandrowitsch Dobroljubow, versuchten, Autoren für die Utopie des gesellschaftlichen Wandels zu gewinnen, und die Literaturproduktion ihrer Zeit vornehmlich im Hinblick auf ihre sozialrevolutionären Impulse beurteilten. Zar Nikolaus I. belegte die Publizistik mit starker Zensur, wodurch Belletristik und Literaturkritik verstärkt die Funktion einer Art moralischen Instanz zufiel.

2. Nikolaj W. Gogol

Die im 19. Jahrhundert vollzogene Hinwendung zur Prosaform findet besonders im Werk Nikolaj Wassiljewitsch Gogols ihren Ausdruck, in dem auch das für die weitere Literaturentwicklung bestimmende Interesse an Alltagsthemen (und Alltagssprache) bereits spürbar ist. Gogol löste sich vom Pathos der Romantik und fand in seinen Erzählungen, Komödien und Satiren zu einem Stil, der die gesellschaftskritische Darstellung menschlicher Entfremdung, Lasterhaftigkeit und Absurdität bis ins Groteske überspitzte. Meisterhaft gelang ihm dies in der Novelle Šinel (1842; Der Mantel), der Komödie Revizor (1836; Der Revisor) und dem Roman Mertvye duši (1842; Die toten Seelen). In der zeitgenössischen Rezeption blieben Gogols Verdienste um eine innovative Literaturform zunächst unbeachtet. So galt er Belinskij als Vertreter einer sozialen Mitleidsprosa. Dieses Missverständnis setzte sich in der so genannten Natürlichen Schule (Naturalnaja schkola) fort, die sich bei ihren nach 1840 entstandenen detailverliebten „physiologischen Skizzen” über die russische Unterschicht ausdrücklich auf Gogol berief. Hierzu sind auch die frühen Werke Nikolaj Aleksejewitsch Nekrassows, Michail Jewgrafowitsch Saltykow-Schtschedrin, Iwan Turgenjews, Iwan Aleksandrowitsch Gontscharows und Fjodor M. Dostojewskijs zu zählen. Ein gewisser Hang zum Skizzenhaften machte bald einem verstärkten Interesse am Roman Platz, der eine differenziertere Auseinandersetzung mit den aktuellen Problemen der russischen Gesellschaft gestattete. Im Zentrum dieser Entwicklung des Realismus hin zur Großform standen die Werke von Turgenjew, Lew N. Tolstoj, Dostojewskij und Gontscharow.

3. Iwan Turgenjew

Iwan Turgenjew war einer der Ersten, der sich in seinen Romanen mit dem gesellschaftlichen Wandel Russlands unter zentraleuropäischem Einfluss beschäftigten. Als so genannter Westler trat er vehement für eine Europäisierung Russlands ein. Sein wohl bedeutendstes Werk, der Roman Otcy i deti (1862; Väter und Söhne), konfrontiert die idealistisch-humanitäre Weltsicht einer Vätergeneration mit dem rebellischen Nihilismus ihrer Söhne und greift damit eine Problematik auf, die innerhalb der russischen Intelligenzija gerade kontrovers diskutiert wurde. Es wirkte u. a. auf Thomas Mann. Des Weiteren tat sich Turgenjew, der lange Zeit im westlichen Ausland lebte, durch Liebesgeschichten und Beiträge zur phantastischen Literatur hervor.

4. Lew N. Tolstoj

Lew N. Tolstoj verschrieb sich in seinem Romanwerk der Suche nach der Bedeutung menschlicher Existenz und nach der Rolle des Individuums in der Gesellschaft. In seinem groß angelegten geschichtsphilosophischen Roman Vojna i mir (1865-1869; Krieg und Frieden), der vor dem Zeithintergrund der Napoleonischen Kriege angesiedelt ist, steht u. a. die Frage nach den Möglichkeiten des Individuums im Mittelpunkt, den Lauf der Geschichte zu beeinflussen. Auf seine eigene Epoche bezogen war Tolstojs nächster Roman, Anna Karenina (1875-1877; Anna Karenina), der, ausgehend von der Idee der „Familie”, auf eine für Tolstoj typische Art und Weise gesellschaftskritisch ist. Vor allem die Rolle der Frau ist anhand der tragischen Geschichte der Titelheldin sehr einfühlsam und innovativ beschrieben. Richtungweisend für die moderne Literatur wurde auch Tolstojs Verfahren, bestimmte soziale Phänomene durch ungewöhnliche Erzählperspektiven kritisch zu verfremden; so schildert er in der Erzählung Der Leinwandmesser von 1885 die „seltsame Tiergattung” Mensch teilweise aus Sicht eines Pferdes. Diese Art des Verfremdungseffekts beschrieb erstmals der russische Formalist Wiktor Schlowskij.

5. Fjodor M. Dostojewskij

Fjodor M. Dostojewskij bereicherte die russische Romanliteratur durch eine subtile, sich auch dem Triebhaften öffnende Psychologie und eine auf Mehrdeutigkeit angelegte Erzählweise – auf diese „Polyphonie” wies vor allem Michail Bachtin hin. Gleichzeitig stellen Dostojewskijs Romane einen Mikrokosmos der russischen Gesellschaft dar. Steht in Schuld und Sühne (1866) ein Protagonist im Mittelpunkt, der aus philosophischen Erwägungen mordet, so entwirft Der Idiot (1868/69) einen am Christusideal gestalteten positiven Helden, der am Materialismus seiner Umgebung zerbricht. Die Dämonen (1871/72) wiederum kritisieren u. a. den zerstörerischen Hochmut russischer Anarchisten. Auch Die Brüder Karamasow (1880) zeichnen das Bild eines zwischen Tradition und Europäisierung schwankenden Russlands – und überhöhen es sogleich wieder zum Modell allgemein menschlicher Problematik. Mit seinem Werk nahm Dostojewskij zahlreiche Tendenzen nicht nur der russischen Romanliteratur bis ins 20. Jahrhundert vorweg.

Auch Iwan A. Gontscharow widmete sich in seinen Romanen den zeittypischen Themen wie Nihilismus und Langeweile vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels. So zeigte er in Oblomov (1857; Oblomow) den für die russische Literatur des 19. Jahrhunderts charakteristischen Figurentypus des „überflüssigen Menschen”, der beim Übergang von einer feudalen in eine bürgerliche Gesellschaft seine Funktion verloren hat. Einer der bedeutendsten Satiriker der Zeit war Michail Jewgrafowitsch Saltykow-Schtschedrin, der das Literaturideal der ländlichen Idyllendichtung ein ums andere Mal karikierte und sich mit der sozialen Problematik aus christlicher Sicht befasste. Mit seiner Semejnaja Chronika (1846-1856; Eine Familienchronik) über das Leben russischer Gutsbesitzer wurde Sergej Timofewitsch Aksakow neben Turgenjew zu einem der Begründer der realistischen Erzähltradition des Landes. Auch Nikolaj Semjonowitsch Leskow gab durch eine „volksnahe” Erzählperspektive und seine im Milieu der Kleinbürger, Kaufleute und Bauern angesiedelten Romanhandlungen der russischen Literatur wichtige Impulse. Der Dramatiker Aleksandr Nikolajewitsch Ostrowskij bestimmte mit gesellschaftskritischen Stücken wie Groza (1860; Das Gewitter) das Repertoire des zeitgenössischen russischen Theaters. Die Spätphase des russischen Realismus markieren Autoren wie Wsewolod Michailowitsch Garschin, der zudem ansatzweise den inneren Monolog verwendete, Gleb Iwanowitsch Uspenskij und Wladimir Galaktionowitsch Korolenko.

6. Impressionismus und Symbolismus

Der bis in die achtziger Jahre hinein vorherrschende Realismus wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts von neuen Strömungen abgelöst. Zum literarischen Impressionismus ist das Werk Anton P. Tschechows mit seinen teils humoristischen, teils satirischen Charakter- und Milieustudien zu rechnen, die in ihrer unbestechlichen Analyse menschlichen Verhaltens und sozialer Missstände zwar noch in der Tradition des kritischen Realismus stehen, jedoch in ihrer subtilen Darstellung seelischer Zustände und Stimmungen weit darüber hinausgehen. So sind Banalität, Einsamkeit, Passivität und Lieblosigkeit zentrale Elemente seiner Stimmungsdramen Čajka (1896; Die Möwe), Djadja Vanja (1899; Onkel Wanja), Tri sëstry (1901; Drei Schwestern) oder Višnevyj sad (1904; Der Kirschgarten).

Das von Fet, Jakow P. Polonskij und Aleksej Konstantinowitsch Tolstoj in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vertretene Programm einer reinen Kunst wurde zur Jahrhundertwende von den russischen Symbolisten wieder aufgegriffen. Damit wandten sie sich von gesellschaftskritischen Modellen des 19. Jahrhunderts ab und richteten ihr Hauptaugenmerk auf eine Erneuerung der Form. Allen voran Walerij Jakowlewitsch Brjussow ließ sich vom französischen Symbolismus Stéphane Mallarmés inspirieren. Eine zweite, eher mystisch-philosophische Gruppe um Dmitrij Sergejewitsch Mereschkowskij und Sinaida Hippius wurde von deutschen Vorbildern geprägt. Trotz Anleihen entwickelte sich ein eigenständig russischer Stil. Neben Andrej Belyj mit seinem wegweisenden Großstadtroman Peterburg (1912; Petersburg) und Aleksandr Aleksandrowitsch Blok mit seiner musikalisch-rhythmisierenden Lyrik – herausragend: das Revolutionsgedicht Dvenadcat’ (1918; Die Zwölf) – gilt dies vor allem für Fjodor Sologub, dessen Hang zu einer grotesk-phantastischen Schilderung des Dämonischen und Dunkel-Makabren etwa in seiner Romantrilogie Tvorimaja legenda (1908-1913; Totenzauber) oder in dem Roman Slašče jada (1908; Süßer als Gift) zum Ausdruck kommt. Insgesamt stand der Symbolismus unter dem Einfluss von Wladimir Sergejewitsch Solowjow, dessen systematische Theorie eine „All-Einheit” zwischen Natur, Mensch und Gott unterstellte. Weitere Denkansätze erhielten sie von Okkultismus, Theosophie und Anthroposophie.