Amerikanische Literatur
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Amerikanische Literatur
2. Kolonialzeit und Aufklärung

Als erste Zeugnisse der amerikanischen Literatur gelten Aufzeichnungen über Entdeckungen und Forschungsreisen in der Neuen Welt, die häufig episch breit angelegt waren und sich, ähnlich wie die etwa zur gleichen Zeit entstandenen Werke der Schriftsteller der Elisabethanischen Epoche innerhalb der englischen Literatur, durch einen prägnanten Stil auszeichnen. Diese Charakteristika finden sich auch in den Werken des aus England stammenden Forschers und Abenteurers John Smith, der als erster bedeutender Vertreter der amerikanischen Literatur gelten kann. Kennzeichnend für seine Schrift Generall Historie of Virginia, New-England, and the Summer Isles (1624) ist die außerordentlich lebendige Darstellungsweise, wie sie einem großen Teil der zu Zeiten der King James Bible verfassten englischen Erzählprosa eigen ist. Mit der zunehmend religiösen Ausrichtung der Literatur, die sich insbesondere in den Neuengland-Kolonien manifestierte, trat die Lebendigkeit des Erzählstils zurück. Jede Begebenheit wurde nach religiösen Gesichtspunkten interpretiert. Zu den bedeutenden Werken auf diesem Gebiet zählen die History of Plimmoth Plantation (verfasst etwa 1630-1651, posthum 1856 veröffentlicht) des Schriftstellers William Bradford, der viele Jahre lang Gouverneur der Kolonie in Plymouth war, sowie The History of New England (verfasst 1630-1649) von John Winthrop, dem ersten Gouverneur der Massachusetts-Bay-Kolonie; letzteres erschien in nahezu vollständiger Ausgabe erstmals 1853.

Eine monumentale Kirchengeschichte Neuenglands legte der puritanische Geistliche Cotton Mather mit Magnalia Christi Americana (1702) vor. Trotz gewisser Eigentümlichkeiten in stilistischer Hinsicht und im didaktischen Ansatz gilt die Abhandlung als Meisterwerk theologischen Wissens und Denkens und ist als Dokument der Gründerzeit von einigem Interesse. Mit über 400 Publikationen übertraf Cotton Mather die schriftstellerische Produktivität seines Vaters, des Geistlichen Increase Mather, um ein Vielfaches. Als Gegner des Puritanismus engagierte sich der aus England stammende Abenteurer Thomas Morton in The New English Canaan (1637). Von zeitgeschichtlichem Wert sind auch die Schilderungen der Indianerkriege und die damit verbundene Darstellung der problematischen Besiedlung des Landes. Zu den bedeutenden Werken in diesem Bereich zählen Berichte wie A Brief History of the Pequot War des englischen Siedlers John Mason, der 1736 von dem Historiker Thomas Prince herausgegeben wurde. Den wohl eindrucksvollsten Erlebnisbericht unter der Vielzahl von Publikationen über Siedler in indianischer Gefangenschaft verfasste Mary Rowlandson.

In der Frühzeit der kolonialen Phase Nordamerikas entstanden, hauptsächlich in Neuengland, zumeist religiöse Schriften. So war auch die erste in den Kolonien gedruckte Publikation ein Gesangbuch. Es erschien 1640 unter dem Titel The Whole Book of Psalmes Faithfully Translated into English Metre. Verfasser des auch als Bay Psalm Book bezeichneten Werkes waren drei Geistliche aus Neuengland, nämlich Richard Mather, John Eliot und Thomas Weld. Unter den Lyrikern der Kolonialzeit ragt vor allem Anne Bradstreet heraus. Ihre Gedichte erschienen erstmals unter dem Titel The Tenth Muse Lately Sprung Up in America (1650). Ebenfalls in dieser Epoche entstanden die Dichtungen Edward Taylors, dessen eindrucksvolle Sammlung Poetical Works erst 1939 veröffentlicht werden konnte, sowie die Sammlungen des Geistlichen Michael Wigglesworth, der in seiner damals äußerst populären und weit verbreiteten Dichtung The Day of Doom (1662) in balladeskem Ton apokalyptische Visionen aus puritanischer Sicht beschrieb.

Außerhalb Neuenglands war die Literatur der Kolonialzeit weniger stark religiös ausgerichtet. Dabei stand zumeist eine Beschreibung der eigenen Lebensumstände und eine Darstellung der Entwicklungsmöglichkeiten der Siedlungsgebiete im Zentrum des Interesses. Deutlich wird dies etwa in A Character of the Province of Maryland (1666) des Predigers George Alsop, das bereits satirisch-parodistische Züge trägt, und in der publizistischen Abhandlung A Brief Description of New York (1670) des Journalisten Daniel Denton. Weitere literarische Zeugnisse aus dieser Zeit stellte der Herausgeber Albert C. Myers in dem 1912 erschienenen Sammelband Narratives of Early Pennsylvania, Delaware, and West Jersey, 1630-1708 (1912) zusammen, einem wichtigen Dokument zur Zeitgeschichte.

Ab dem 18. Jahrhundert wurden die Inhalte literarischer Werke zunehmend weltlicher. Dennoch kam den Schriften des puritanischen Theologen Jonathan Edwards wesentliche Bedeutung zu. Bekannt wurde er durch seine Predigt Sinners in the Hands of an Angry God, die 1741 in gedruckter Form erschien. Um Klarheit und Präzision im Ausdruck bemühen sich vor allem seine philosophischen Betrachtungen A Faithful Narrative of the Surprising Work of God (1737) und Freedom of the Will (1754). Stellvertretend für die zunehmende Säkularisierungstendenz der amerikanischen Literatur, die mit der Epoche der Aufklärung einherging, stehen vor allem William Byrd und Benjamin Franklin, die das provinzielle Leben der Siedler beschrieben. Byrd, ein Plantagenbesitzer, trat zunächst als Autor des humoristischen Meisterwerks History of the Dividing Line (verfasst 1738, erstmals veröffentlicht 1841) in Erscheinung; seine aufschlussreichen Tagebuchaufzeichnungen erschienen erst 1941 bzw. 1942 als Secret Diary und Another Secret Diary . Sie sind dem ursprünglich ebenfalls nicht zur Veröffentlichung vorgesehenen Tagebuch des aus England stammenden Schriftstellers Samuel Pepys vergleichbar, der etwa um die gleiche Zeit lebte. Wesentlich bekannter als Byrd wurde Benjamin Franklin, dessen meisterhaft geschriebener, jedoch unvollendet gebliebener Autobiography (Autobiographie) bis heute große zeitgeschichtliche Bedeutung zukommt. Zu seinem Gesamtwerk zählen ferner Briefe, Satiren, so genannte Bagatellen, Almanache und wissenschaftliche Abhandlungen.

Als erstes literarisches Werk eines Afroamerikaners erschien 1746 das 28-zeilige Gedicht Bar’s Fight, August 28, 1746 von Lucy Terry. Danach trat Jupiter Hammon, der als Sklave in den Kolonien arbeiten musste, mit dem christlichen Erlösungshymnus An Evening Thought; Salvation by Christ, with Penitential Cries (1760) hervor. Die in Afrika geborene Lyrikerin Phillis Wheatley erlangte als erste afroamerikanische Schriftstellerin Anerkennung in der Öffentlichkeit: Sie diente lange Zeit als Haussklavin in Boston. Ihr Gedichtband Poems on Various Subjects: Religious and Moral (1773 in London erschienen) enthält hauptsächlich Dichtungen religiösen Inhalts.