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Transzendentalismus
1. Einleitung

Transzendentalismus, auch Transzendentalphilosophie, (von lateinisch transcendere: hinübersteigen), in der Philosophie allgemein die Bezeichnung für ein System, dass eine Realität jenseits unserer rein sinnlichen Erfahrung oder auch eine Art von Erkenntnis postuliert, die das gewöhnliche, rein empirische Verstehen übersteigt (siehe Empirismus).

In dieser Bedeutung ist der Begriff mit dem der Transzendentalphilosophie synonym. Im Bereich der Dichtung bezeichnet er eine Strömung innerhalb der amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Nach allgemeiner transzendentalphilosophischer Überzeugung zerfällt die Wirklichkeit in zwei Bereiche. Dabei steht der Welt der materiellen Tatsachen das Reich des Geistes gegenüber. Auch viele Weltreligionen haben ein solches – dualistisches – Modell von Realität (siehe Dualismus).

2. Geschichte des Begriffs

Der philosophische Begriff der Transzendenz geht auf den griechischen Philosophen Platon zurück. In seiner Ideenlehre behauptete er die Existenz des „Guten an sich”, das er als unbeschreiblichen und letzten Endes nur mit Hilfe der Intuition erfassbaren Sachverhalt charakterisierte. Spätere, von Platon beeinflusste Denker verbanden Transzendenz exklusiv mit dem Göttlichen, indem sie behaupteten, Gott lasse sich in den Begriffen menschlicher Erfahrung weder hinreichend beschreiben noch verstehen. Christentum, Judentum und Islam glauben übereinstimmend an die Transzendenz Gottes: Für sie alle existiert er jenseits der natürlichen Wirklichkeit; lediglich in der mystischen Wesensschau wird Göttliches dem Menschen erfahrbar (siehe Mystik; siehe Christusmystik).

Im späten Mittelalter verwendeten Vertreter der Scholastik die Prädikate transzendent und transzendental in einem engeren und eher technisch-pragmatischem Sinne. Sie bezeichneten damit Begriffe, die aufgrund ihrer unbeschränkten Allgemeinheit auf alle möglichen Gegenstände zutreffen können, also einen hohen Grad an Abstraktion aufweisen. Sechs davon standen im Zentrum der scholastischen Diskussion: das Sein, die Einheit, das Gute, die Wahrheit, das Ding und das Irgendetwas (lateinisch ens, unum, bonum, verum, res und aliquid).

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant unterschied zum ersten Male begrifflich zwischen transzendent und transzendental. Als transzendent betrachtete er Gegenstände wie Gott oder die menschliche Seele, die jenseits des menschlichen Erfahrungshorizonts existieren und daher letztlich unerkennbar sind. Mit dem Begriff transzendental verband er dagegen die Vorstellung von Verstandesbegriffen, die a priori existieren, das heißt jeder Erfahrung vorausliegen, und meinte damit solche Begriffe, die dem Menschen innewohnen und seine Wahrnehmung (und damit Erkenntnis) formal strukturieren. Für Kant sind auch Raum und Zeit nicht an die Dinge gebunden, sondern liegen als reine apriorische Anschauungsformen unserem Erkenntnisvermögen zugrunde. Raum und Zeit sind ebenfalls Formen, die dazu dienen, alle Sinneseindrücke zu ordnen und in einen strukturellen Zusammenhang zu bringen. Da der Mensch nur Eindrücke von den Dingen hat, kann er nicht erkennen, wie sie an sich sind, d. h. unabhängig von seiner eigenen Sinneswahrnehmung und seiner Auffassung von Raum und Zeit. Damit erkennt er nur Erscheinungen des Dinges und nicht das Ding an sich. Eine ähnliche Rolle wie die Anschauungsformen spielen bei Kant die Kategorien. Sie bilden zusammen mit Raum und Zeit die apriorischen Bedingungen jeder Erfahrung. Nach Kant macht die Summe dieser apriorischen Begriffe und ihre Verknüpfung mit der aposteriorischen Realität gehaltvolle Erkenntnis der Wirklichkeit erst möglich, denn der Verstand wäre ohne die sinnliche Wahrnehmung leer, letztere aber ohne die Vernunftbegriffe blind. In der Nachfolge Kants verstanden sich viele dem Idealismus zugehörige deutsche Denker als Transzendentalphilosophen, allen voran Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling und, im 20. Jahrhundert, Edmund Husserl (siehe Deutscher Idealismus). Daher galt der Begriff des Transzendentalismus lange Zeit geradezu als Synonym für eine ganz bestimmte Form des metaphysischen Idealismus. Die Fundamentalontologie Martin Heideggers als spezifische Ausformung der Transzendentalphilosophie dachte deren Ansatz weiter.

3. Transzendentalismus (Literatur)

In einem besonders enggefassten Sinn gebraucht eine in den USA entstandene literarische und philosophische Bewegung des frühen 19. Jahrhunderts den Begriff des Transzendentalismus. Sie wandte sich sowohl gegen rationalistische Positionen des 18. Jahrhunderts als auch gegen die calvinistische Orthodoxie und ihre rigiden puritanischen Moralvorstellungen (siehe Puritanismus). Der Transzendentalismus entspricht hier einer Spielart des Deismus und grenzt sich gegen die in allen religiösen Institutionen angelegte dogmatische oder moralistische Beschränktheit ab.

Wichtig ist insbesondere auch der enge Zusammenhang zwischen Transzendentalismus und literarischer Romantik, die sich in Aspekten wie der Innenschau, der Verklärung des Individuums und dem Lobpreis von natürlicher und menschlicher Schönheit decken. Daher fassten die Transzendentalisten die Natur als göttlich auf. Auch betonten sie den kreativen Prozess im Natürlichen und nahmen an, es gebe eine Entsprechung zwischen dem Universum (Makrokosmos) und der individuellen Seele (Mikrokosmos). Das Göttliche durchwirkt nach dieser Auffassung die gesamte Realität, ob belebt oder unbelebt, und der Zweck des menschlichen Lebens besteht darin, in der Einheit mit der Weltseele aufzugehen. Der Intuition kommt dabei höhere Bedeutung zu als dem Verstand. Die Mystik oder die Erkenntnis der Schönheit und Wahrheit der Natur führen zur Erfüllung der menschlichen Bestimmung. Dementsprechend kommt der Schöpferkraft des Dichters nach Ansicht der Anhänger dieser Ideen verstärkte, quasi göttliche Bedeutung zu, da er mit Hilfe seiner Phantasie Wirklichkeit durchdringen und harmonisch transzendieren kann. Ein solcher Prozess kann den Einzelnen verwandeln und vollzieht sich abseits der allgemeinen Wahrheiten und überlieferten Traditionen.

Für den literarischen Transzendentalismus ist neben Ralph Waldo Emerson insbesondere der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau und dessen Erfahrungsbericht Walden, or life in the woods (1854; Walden oder ein Leben in den Wäldern) erwähnenswert, der den Versuch eines Menschen beschreibt, einfach und in Harmonie mit der Natur zu leben.