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Religion
1. Einleitung

Religion, Verhalten einer Gemeinschaft von Menschen zu einem Bereich, der für sie übernatürlich und heilig ist und der sich vom Bereich des profanen Lebens abhebt. Dieser Bereich wird innerhalb der Religion durch eine Mythologie oder ein Dogma beschrieben. Eine Religion stellt ihren Anhängern einen Orientierungs- und Verständnisrahmen für die Welt zur Verfügung. Sie erklärt ihnen nicht nur, wie sie die Welt verstehen können, sondern auch, welchen Platz sie in ihr haben und wie sie in ihr handeln sollen. Der praktische Umgang mit dem Bereich des Heiligen wird durch den Kult geregelt, der rituell (Opfer, Zeremonien, Feiern) oder nichtrituell (Verehrung, Predigt, Befolgung ethischer Vorschriften, Meditation, Tanz) sein kann. Über den Kult hinaus verfügen religiöse Gemeinschaften über ein Reglement des Zusammenlebens (Herrschaft, Sexualität, Nahrung), häufig auch über eine religiöse Organisation mit einer religiösen Hierarchie. Mit dem Bereich des Religiösen ist auch immer eine materielle Kultur verbunden (Architektur, Kunst, Musik etc.).

Die Herkunft (Etymologie) des Begriffs „Religion” ist nicht sicher zu bestimmen. Das aus dem Lateinischen stammende Lehnwort ist zwar antiken Ursprungs, aber bereits christlich geprägt und fand erst in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Eingang in die deutsche Sprache. Das lateinische Wort religio besitzt eine breite Bedeutungspalette, u. a. im Sinne von „Religiosität”, „Heiligkeit”, „Gottesverehrung”, „Andacht”, aber auch von „Sorgfalt”, „Gewissenhaftigkeit” (in Dingen des Kultes), „Bedenken”, „Zweifel”, „Aberglaube” usw. Das Substantiv lässt sich möglicherweise von zwei Verben ableiten: von religare im Sinne von „zurückbinden”, „anbinden” etc. oder (so bei Cicero) von relegere im Sinne von „wieder (zusammen)lesen”. Die erste Bedeutung wurde später von Augustinus als „Bindung des Menschen an Gott” interpretiert.

2. Probleme und Notwendigkeit der Definitionen von Religion

Keine der zahlreichen bisher aufgestellten Definitionen von Religion – es sind schon bis zu fünfzig aufgelistet worden – kann für sich uneingeschränkte Gültigkeit beanspruchen. Alle beleuchten sie Aspekte des Religiösen und tragen so zu dessen Verständnis bei, alle sind sie aber auch unvollständig oder einseitig und bleiben so umstritten.

Eine Definition von Religion ist jedoch aus verschiedenen Gründen unumgänglich. Zum einen muss das Untersuchungsfeld der Religionswissenschaften hinreichend klar umrissen werden. Es wäre unzweckmäßig, wenn Religionswissenschaft ihren Untersuchungsbereich auf die gesamte Kultur von Völkern ausweitete. Zum anderen gibt es praktische Gründe, Religion zu definieren: Der Begriff kommt in juristischer Form, etwa als Religionsfreiheit, vor. Die Fragen, die der juristische Religionsbegriff aufwirft, sind zum Beispiel folgende: Auf welche kulturellen Erscheinungen bezieht sich diese Religionsfreiheit? Ist etwa Scientology eine Religionsgemeinschaft, der religiöse Freiheit zusteht?

Eine allgemeingültige Bestimmung von Religion steht vor großen Schwierigkeiten: Der Begriff Religion stammt aus der europäischen Tradition. Andere Kulturen haben mitunter kein Wort für das, was Europäer mit Religion bezeichnen. Wer also den Begriff auf andere Kulturen überträgt, kann nicht erwarten, dort etwas zu finden, das mit dem westlichen Begriff „Religion” übereinstimmt. Sobald man den Begriff definiert, also begrenzt, schließt man einen Teil der kulturellen Erscheinungen ein und einen anderen als nichtreligiös aus. Dies birgt die große Gefahr, dass der „Schnitt” in anderen Kulturen mitten durch kulturell einheitliche Systeme geht.

Eine weitere Schwierigkeit resultiert aus der außerordentlichen Vielfalt religiöser Lebensäußerungen. Religionen können auf ganz unterschiedlichen Ebenen existieren: Während beispielsweise im Christentum das Bekenntnis zu einem Dogma für die Anhängerschaft maßgeblich ist, kann man im Hinduismus unterschiedlichen Mythologien, Dogmen oder Göttern anhängen. Hier gibt es keine für alle Anhänger verbindliche oder einheitliche religiöse Idee, vielmehr ist es die Zugehörigkeit zur Kaste, die über die Anhängerschaft entscheidet und auch darüber, an welcher Stelle in der religiösen Hierarchie sich der jeweilige Anhänger befindet. Hinduismus hat somit weit mehr mit Orthopraxie (kastengerechtem Handeln) als mit Orthodoxie (rechtem Glauben) zu tun.

Gleichfalls umstritten ist, ob zu einer Religion eine Gottesvorstellung gehört. Die meisten Religionen verfügen über eine solche, andere, wie der Buddhismus (zumindest in seinen frühesten Ausprägungen), jedoch nicht. Wenn man diesen gleichfalls als Religion betrachten will, muss man „gottlose Religionen” zulassen.

Einigkeit herrscht inzwischen wohl darin, dass eine Bestimmung der Religion viele Merkmale umfassen muss: mindestens die Anhängerschaft, die Organisation der Anhängerschaft, das Weltbild, also die Mythologie oder das Dogma, den rituellen oder nichtrituellen Kult sowie die religiöse Ethik. Eine bloße Gottesvorstellung wäre noch keine Religion. Sie wird es erst, wenn sie eine Anhängerschaft findet. In ihr entwickeln sich im Umgang mit der göttlichen Sphäre zumeist Hierarchien und Zeremonien.

1. Dimensionen des Religiösen

Als hilfreich für die Beschreibung von Religionen hat sich ein Schema erwiesen, das Ninian Smart aufgestellt hat. Smart unterscheidet sieben Dimensionen des Religiösen:

1. Praktisches und Rituelles

2. Erfahrungsmäßiges und Emotionales

3. Erzählendes und Mythisches

4. Dogmatisches und Philosophisches

5. Ethisches und Rechtliches

6. Soziales und Institutionelles

7. Materielles (Kunst, Architektur, heilige Orte).

2. Religion und Magie

Um den Platz der Religion innerhalb der menschlichen Kultur genauer zu bestimmen, hat man versucht, sie gegenüber der Wissenschaft einerseits und der Magie andererseits abzugrenzen. Magie wurde hierbei lange Zeit als eine Art „mystischer Mechanismus” angesehen, da die angestrebten Resultate durch den richtigen Gebrauch der magischen Kräfte erzielt werden. Die Haltung des Magiers unterscheidet sich von der des Priesters. Sie ist nicht die der Unterwerfung unter ein oder mehrere göttliche Wesen, sondern die des Beherrschers magisch wirksamer Gewalten. Religiöse Verehrung dagegen geschieht als Verehrung eines höheren Wesens oder einer Sphäre, von der man sich abhängig fühlt. Doch hält man heute eine strikte Unterscheidung von Religion und Magie weder für möglich noch für sinnvoll. Bei vielen Praktiken, die man für typisch magisch hielt, hat sich bei genauerem Hinsehen herausgestellt, dass sie in einem religiösen Zusammenhang stehen.

3. Religion und Wissenschaft

Wichtiger noch sind die Versuche, Religion von der Wissenschaft abzugrenzen. Häufig artikuliert sich die Auffassung, Religion und Theologie beschäftigten sich mit dem nicht Wissbaren, dem Jenseitigen, dem Unendlichen, dem sich der Erkennbarkeit Entziehenden, während die Wissenschaft danach strebe, mit Hilfe ihrer Methoden gesicherte Erkenntnisse zu erlangen.

Es gibt jedoch unbestreitbare Ähnlichkeiten von Wissenschaft und Religion. Auch die Wissenschaften können auf unhinterfragbare Axiome nicht verzichten. Ferner zeigen sich hier beispielsweise auch religionsähnliche Erscheinungen wie die Bildung von Schulen. In einer wissenschaftlichen Schule können manche Grundsätze ebenso unbestreitbar sein wie etwa Dogmen in der Religion. Prinzipiell unterscheiden sich wissenschaftliche Erkenntnisse von religiösen Grundsätzen jedoch dadurch, dass sie immer bezweifelbar und diskutierbar sind; auch müssen die Verfahren und Methoden ihrer Gewinnung offengelegt werden und überprüfbar bleiben.

4. Erforschung der Religionen

Religion wird heute von vielen Seiten und Ansätzen her erforscht. Von der Theologie wird sie aus der Perspektive der bekennenden Anhänger untersucht. Die Religionswissenschaft dagegen erforscht sie nicht aufgrund eines religiösen Bekenntnisses, sondern ohne religiöse Bindung, „von außen”. Die Religionswissenschaft gliedert sich in eine nahezu unüberschaubare Zahl von Disziplinen, zu denen etwa die Religionsphilosophie, Religionsgeschichte, Religionssoziologie, Religionsethnologie, Religionsgeographie, Religionsdemographie, Religionsphänomenologie, Religionspsychologie, Religionsökonomie und Religionsästhetik gehören.

3. Typologie von Religionen

In der Religionswissenschaft hat man die Vielfalt von Religionen zu ordnen versucht. Häufig ist es jedoch nicht möglich, einzelne Religionen eindeutig einer Kategorie zuzuordnen.

1. Überlieferung

Ein mögliches Kriterium ist die Form der Überlieferung von Lehre, Dogma oder Mythologie. So stehen die Schriftenreligionen (Buchreligionen) den schriftlosen Religionen, also den Religionen mit mündlicher Überlieferung, gegenüber. Erstere haben einen maßgeblichen Text in schriftlicher Form, die zweiten haben keinen gemeinsamen Text, der schriftlich fixiert ist. Traditionell werden die Schriftenreligionen von der Religionswissenschaft und der Philologie, die schriftlosen Religionen (indigene Religionen) dagegen von der Ethnologie untersucht.

Schwierig wird diese Unterscheidung bei den indischen Religionen, die sich auf die alten religiösen Texte des Veda beziehen (Vedismus, Brahmanismus und Hinduismus). Die Texte des Veda durften über viele Jahrhunderte nicht aufgeschrieben werden und wurden mündlich tradiert. Dennoch ist der Veda ein feststehender Text, der durch die mündliche Tradition nicht verändert werden darf. Bei manchen Teilen des Veda liegen zwischen Entstehung und schriftlicher Fixierung mehr als zweitausend Jahre. Der Veda war also früher weder „Schrift” noch „Buch” und wird bis heute mündlich tradiert. Man behandelt die auf dem Veda fußenden Religionen dennoch als Schriftreligionen, sie werden größtenteils von der Religionswissenschaft und der Philologie untersucht.

2. Mission

Ein weiteres Kriterium ist die Mission. Es gibt missionierende Religionen (Christentum, Islam, Buddhismus) und solche, die nicht missionieren (Judentum, Hinduismus). In einigen Religionen sind die missionarischen Bestrebungen besonders stark ausgeprägt. So erwartete man in Indien im ersten Jahrtausend n. Chr. von den buddhistischen Mönchen, dass sie für den größten Teil des Jahres durch die Lande wandern und die Lehre des Buddhismus verbreiten. Der Aufenthalt in den Tempelanlagen war nur für die Regenzeit vorgesehen. Der klassische Hinduismus dagegen kann nicht missionieren, da die Religionszugehörigkeit durch die Geburt festgelegt ist. Missionstätigkeit gibt es hier lediglich bei den so genannten neohinduistischen Bewegungen.

3. Mono- und Polytheismus

Häufig findet sich die Unterscheidung nach der Zahl der Götter in Monotheismus, eine Religion mit einem Gott (Christentum, Islam, Judentum), und in Polytheismus (altgriechische Religion, einige römische Religionen, Hinduismus). Eine Zwischenform von beiden hat man mit Henotheismus bezeichnet. In der wechselnden Verehrung einzelner Götter als jeweils höchste Gottheit wird das Bild eines Gottes sichtbar. Die Götter können untereinander in ihrer Funktion ausgetauscht werden. Der Pantheismus, also die Auffassung, dass Gott überall in der Welt zu finden oder sogar mit dieser identisch sei, findet sich eher in philosophisch-theologischen Konzeptionen (G. W. F. Hegel, Shankara), seltener in den Religionen selbst.

4. Geburts-, Natur- und Universalreligionen

Gelegentlich wird zwischen Geburts-, Natur- und Universalreligionen unterschieden.

Bei Geburtsreligionen bestimmt sich die Zugehörigkeit der Anhänger nicht durch Bekehrung oder Bekenntnis, sondern durch die Geburt. Hierzu gehören viele indigene Religionen, der Hinduismus und das Judentum.

Mit dem Begriff Naturreligion hat man versucht, die Religionen der Völker zu erfassen, die nicht nur in großer Naturnähe leben, sondern Dinge, Kräfte, Formen und Erscheinungen der Natur auch als Geister, Dämonen, Gottheiten oder Fetische verehren. Der Begriff entstammt dem evolutionistischen Entwicklungsschema von Religionen und gilt heute als veraltet. Neuere Begriffe sind indigene oder ethnische Religionen oder auch – weniger glücklich – Stammesreligion.

Als Universalreligionen bezeichnet man Religionen, die ihre Anhängerschaft nicht auf bestimmte Abstammungen oder Regionen begrenzen, und die mit dem Anspruch auftreten, eine universelle Orientierung für jeden Menschen dieser Welt bieten zu können.

5. Stifter-, Offenbarungs- und Heilsreligionen

Stifterreligionen beziehen sich auf eine historische Stifterpersönlichkeit (im Christentum Jesus, im Islam Mohammed, im Buddhismus Buddha, im Judentum Moses, im Konfuzianismus Konfuzius), die exklusiven Zugang zu einer religiösen Offenbarung hatte und diese den Anhängern der Religion mitteilte. Es gibt auch Religionen ohne Stifter, deren Anfänge zeitlos-mythischen Ursprungs sind (Hinduismus, griechische und römische Religionen).

Als Offenbarungsreligionen werden Religionen bezeichnet, die ihren Ursprung von einer göttlichen Offenbarung herleiten (Judentum, Christentum, Islam). Sie können gleichzeitig auch Stifterreligionen sein, da religiöse Stifter sich häufig auf eine göttliche Offenbarung berufen.

Im Hinblick auf Jenseitsvorstellungen ist häufig von Heilsreligionen die Rede. Heilsreligionen versprechen die Erlangung eines Heilszustandes im Diesseits oder meist im Jenseits (Paradies, Nirwana usw.).

4. Die Religionen der Welt
1. Weltreligionen

Zu den großen Weltreligionen gehören

das Christentum, entstanden im ersten Jahrhundert (zwei Milliarden Anhänger),

der Islam, entstanden im 7. Jahrhundert (1,2 Milliarden Anhänger),

der Hinduismus, dessen älteste Quellen um 1200 v. Chr. entstanden (760 Millionen Anhänger),

der Buddhismus, entstanden etwa im 4. Jahrhundert v. Chr. (360 Millionen Anhänger) und

das Judentum, dessen Anfänge in das 2. Jahrtausend v. Chr. zurückreichen (etwa 14 Millionen Anhänger).

2. Kleinere Religionen

Neben diesen so genannten Weltreligionen gibt es unzählige kleinere Religionen oder Religionsgemeinschaften. So finden sich in Asien etwa der Zoroastrismus, der Jainismus, die Religion der Sikhs, der Taoismus, der Konfuzianismus und der Shintoismus. Weltweit existieren unzählige traditionelle lokale oder regionale Kulte und indigene Religionen (z. B. afrikanische Religionen, indianische Religionen). Ein weit verbreitetes religiöses Phänomen ist der Schamanismus.

3. Neue Religionen

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden die so genannten Neuen Religionen, zum Teil als Abspaltungen aus den Weltreligionen, zum Teil durch Entlehnungen aus asiatischen oder afrikanischen Traditionen. Die Vielfalt der so genannten Neuen Religionen ist nahezu unüberschaubar. Es ist zumeist schwierig festzustellen, ob es sich in allen Fällen wirklich um Religionen oder nur um Heilungs- oder Meditationstechniken handelt. Einige dieser Neuen Religionen empfinden sich als Reformbewegungen im Verhältnis zu den etablierten Traditionen. Andere, zumeist asiatischen Ursprungs, lehren vor allem Meditations- und Körperbeherrschungstechniken. Die jeweilige Lehre wird aus – häufig heterogenen – Elementen aller möglichen Traditionen zusammengestellt. Ein bekanntes Beispiel hierfür war die Osho-Bewegung von Bhagwan Shree Rajneesh: Seine Lehre enthielt Elemente des Buddhismus und des Hinduismus neben ostasiatischen und christlichen Ideen.

Der amerikanische Theologe David Barrett hat 2001 weltweit ungefähr 9 900 Religionen gezählt. Die Zahl der Konfessionen wird derzeit auf 33 000 geschätzt; um 1900 waren es noch weniger als 1 800.

5. Religionsbegriffe der Religionen
1. Christentum

Der westliche Begriff von Religion geht auf das römische Wort religio zurück (siehe oben). Für die Römer bedeutete er zunächst die rituelle Exaktheit, die Opfer oder Orakel für die Götter zum rechten Zeitpunkt in der richtigen Reihenfolge durchzuführen. Religio gehörte damit zur Gottesverehrung und war vor allem dessen äußerer, kultischer Aspekt. Der Begriff konnte auf die Zeremonien anderer Religionen übertragen werden. Von einigen Völkern behaupteten die Römer, sie hätten keine religio und pietas, keine Gottesverehrung und Frömmigkeit. Auch die Christen besaßen für die Römer keine religio.

Das Christentum übernahm von den Römern die Bedeutung von religio als praktische Gottesverehrung. Augustinus bezeichnete das Christentum als „die wahre Religion” (vera religio). Im mittelalterlichen Christentum hat dieser Begriff jedoch nie eine zentrale Rolle gespielt.

In der Zeit des Augsburger Religionsfriedens von 1555 konnte religio die verschiedenen christlichen Konfessionen bezeichnen. Das dort verabschiedete Reichsgesetz über den Religionsfrieden zwischen Katholiken und Protestanten besagte, dass der jeweilige weltliche Herrscher die Konfession in seinem Gebiet bestimmt („cuius regio, eius religio”).

In der Zeit der Aufklärung erhielt der Begriff Religion seine heutige Bedeutung. Er kann seitdem auf vergleichbare Erscheinungen in verschiedenen Kulturen angewendet werden. Damit war auch ein wichtiger Ausgangspunkt für die Religionskritik entstanden: Wenn das Christentum nun als eine von vielen Religionen angesehen wurde, war es damit auch prinzipiell kritisierbar.

2. Indien

Die Inder haben für Phänomene, die wir mit Religion bezeichnen würden, den Begriff Dharma. Doch Dharma geht auf der einen Seite weit über unser Religionsverständnis hinaus und kann gleichermaßen „rituelle Pflicht”, Kastenethik, universelle Weltordnung, Gottesverehrung und einiges mehr bedeuten. Auf der anderen Seite ist dieser Begriff in der indischen Geschichte nicht auf andere Religionen anwendbar gewesen. Er ist sehr stark auf das Kastensystem bezogen und wurde häufig von den indischen Brahmanen gebraucht, um sich von anderen Religionen abzugrenzen. Erst in neuerer Zeit kann dieser Begriff auch das Ethos, die religiösen Obliegenheiten von Anhängern anderer Religionen bezeichnen. Ethnische Unterscheidungen spielten in der indischen Religionsgeschichte eine große Rolle: Vertreter der Religion, die wir heute als Hinduismus bezeichnen, haben sich selbst als „Edle” (arya) bezeichnet. Nur sie konnten dem Dharma folgen und sich damit von anderen abgrenzen.

3. Buddhismus

Einen Begriff von Religion, der auf mehrere Religionen anwendbar war, gab es in Indien nur bei den Buddhisten. Es handelt sich hierbei um Dhamma, eine Ableitung aus Dharma. Dhamma im Buddhismus konnte einerseits „sittliches Reglement”, Erlösungsweg des Buddha, aber auch „abstrakte Weltordnung” oder einfach „Gegebenheit”, „Einzelding” bedeuten. Hierbei war, im Gegensatz zum Hinduismus, die Kastenzugehörigkeit unwichtig. Dhamma im Buddhismus kann auch über den eigenen Heilsweg hinaus denjenigen anderer Religionen bezeichnen. Den anderen Religionen wurde damit auch eine gewisse Wahrheit zugestanden, und sie wurden ins Verhältnis zur eigenen gesetzt. Für die Buddhisten war natürlich der buddhistische Dhamma maßgeblich, sie stellten sich vor, dass er auf einer höheren Ebene existierte als der anderer Religionen. Der Begriff hat somit Ähnlichkeiten mit dem westlichen Gebrauch von Religion.

4. Islam

Der Islam kennt Begriffe, die sowohl die eigene als auch andere Religionen bezeichnen können. Ausschließlich als Selbstbezeichnung dienen hier die Worte Islam (persönliche Entscheidung der Unterordnung unter Gott) oder Iman (Glaube an Gott oder an die Zeichen der Macht Gottes). Dagegen können Begriffe wie Din (Theologie, kultische Praktiken) sowohl für die eigene als auch für andere Religionen angewendet werden. Auch der Begriff Milla (Religionsgemeinschaft, fromme Gemeinschaft) war auf die eigene und auf andere Religionen anwendbar. Beide Begriffe besitzen daher gewisse Ähnlichkeiten zum westlichen Religionsbegriff.

5. Judentum

Im Judentum gibt es einige Begriffe (griechisch ioudaismós, hebräisch dat), mit denen die eigene Religion bezeichnet wird. Diese Begriffe sollten das Judentum in Kontrast zu anderen Religionen setzen. Ein Begriff, der auf mehrere Religionen angewendet werden kann, findet sich jedoch hier nicht.

6. Religionsphilosophische Ansätze in der westlichen Geistesgeschichte
1. Antike

Einer der ersten Versuche eines systematischen Studiums von Religion in Griechenland stammt von Hesiod. In seiner Theogonie sammelte er die Genealogien der griechischen Götter. Der Grieche Xenophanes war der Auffassung, dass die Menschen sich die Götter nach ihrem eigenen Vorbild schaffen. Homer und Hesiod hätten ihren Göttern alle Verfehlungen zugeschrieben, die auch unter Menschen üblich sind: Diebstahl, Ehebruch, Betrug. Bekannt ist sein Ausspruch: ”Wenn Kühe, Pferde oder Löwen Hände hätten und damit malen und Werke wie die Menschen schaffen könnten, dann würden die Pferde pferde-, die Kühe kuhähnliche Götterbilder malen und solche Gestalten schaffen, wie sie selber haben.” Der Geschichtsschreiber Herodot führte die Vielfalt der Götter auf griechische Vorbilder zurück. Er sah damit in der griechischen Religion den Prototyp aller anderen Religionen. Der Philosoph Kritias (460-403 v. Chr.) meinte, dass sich die Menschen Götter geschaffen haben, um den Übeltätern Furcht vor dem Gesetz einzuflößen. Der Atomist Demokrit leitete den Gottesglauben erstmals aus der Furcht vor unverständlichen Naturerscheinungen her.

2. Giovanni Battista Vico

Der italienische Philosoph Giovanni Battista Vico unternahm erstmals den Versuch, Religion zu historisieren. Er unterteilte die griechische Religion in vier Stadien: Im ersten Stadium „vergöttlichten” die Griechen Naturkräfte. In einem zweiten Stadium taten sie dies mit Gewalten, über die die Menschen Kontrolle haben, wie Feuer oder landwirtschaftliche Produkte. Es folgte eine dritten Stufe mit der Heiligung sozialer Institutionen wie die der Familie. In einer vierten Stufe wurde den Göttern eine menschliche Gestalt gegeben. Ein Beispiel hierfür seien die Werke von Homer.

3. Jean-Jacques Rousseau

Großen Einfluss auf die Entwicklung des Religionsbegriffes in Europa haben die Auffassungen des französischen Aufklärers Jean-Jacques Rousseau ausgeübt. Rousseau plädierte für eine strikte Trennung von Religion und Kirche. Die Religion sei eine Sache des Herzens und nicht der Institutionen. Wahre Religion könne nicht von religiösen Amtsträgern repräsentiert werden. Die Interpretationen, die Generationen von Theologen über Religion geschrieben haben, seien für das Verständnis dieser wertlos. Statt dessen müsse man die natürlichen Pflichten des Menschen intuitiv erkennen.

Rousseau trennte die Religion als solche von ihren jeweiligen Ausprägungen in den Gesellschaften und Kulturen. Diese hätten die Religion nur verdorben. Es gelte, die eigentliche, ursprüngliche und natürliche Bestimmtheit des Menschen und seiner Religion wiederzuerkennen. Rousseau ebnete damit den Weg für das Verständnis von Religion als einem allgemeinen Begriff, der Bestimmungen enthalten kann, die sich in vielen Religionen wiederfinden. Zudem hatte seine Theorie zur Folge, dass Religion als eigenständige Erscheinung in der Gesellschaft aufgefasst werden konnte.

4. Immanuel Kant

Immanuel Kant erschütterte die Welt der Theologie, indem er die Gottesbeweise, die zu seiner Zeit existierten, sämtlich widerlegte. Wenn sich aber Gott nicht beweisen lässt, wozu dann noch über Religion reden? – Kant zeigte gleichzeitig, dass man Gott zwar nicht beweisen, aber auch nicht widerlegen kann. Gott kann also nur außerhalb der Dimensionen von Beweis und Widerlegung existieren. Gott war für Kant zwar nicht beweisbar, aber notwendig. Religion und Gott blieben die einzige Möglichkeit, um ethisches Handeln zu erklären und zu ermöglichen. Gott ist ein für ethisches Handeln notwendiges Ideal der höchsten Sittlichkeit und Glückseligkeit. Er wird damit zum Postulat der „praktischen Vernunft”, der Ethik. Der Vorrang des Christentums vor anderen Religionen ergab sich für Kant daraus, dass Jesus dem moralischen Ideal des kategorischen Imperativs („Handle so, dass die Maxime Deiner Handlung auch als Prinzipien einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnten”) am nächsten kam. Auffallend an Kants Umgang mit der Religion ist sein deutlicher Rationalismus. Religion erklärte er nicht mehr von religiösen Positionen her, sondern aus der Perspektive von Verstand und Vernunft.

5. Friedrich Schleiermacher

In Deutschland war es Friedrich Schleiermacher, der den Grundstein für die systematische Untersuchung von Religionen legte. Schleiermacher teilte das kritische Verhältnis der Aufklärung zur Religion nicht. Die vielfältigen Religionen hatten seiner Auffassung nach eines gemeinsam: ein „Anschauen des Universums”. Dieses Anschauen ist jedoch keine passive Wahrnehmung, sondern eine Einflussnahme des Angeschauten auf den Anschauenden. Damit war Religion für Schleiermacher etwas, das auf uns wirkt. Später sprach er sogar davon, dass der Anschauende sich in einer „schlechthinnigen Abhängigkeit” vom Angeschauten befindet. Dabei unterschied er drei Formen der Anschauung des Universums:

1. Die Anschauung, in der das Universum als Chaos erscheint. Dies entspreche, modern formuliert, einer Stufe des Polydämonismus oder Fetischismus.

2. Das Universum wird als Vielheit ohne Einheit wahrgenommen. Dies entspreche der Stufe eines Polytheismus.

3. Diese Vielheit wird als ein System erkannt. Dies entspreche dem Monotheismus, der höchsten Form religiöser Anschauung. Solche Entwicklungstriaden zu konstruieren, war in Schleiermachers Zeit üblich. Wir finden sie etwa auch bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Auguste Comte.

6. Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Für Georg Wilhelm Friedrich Hegel ist Religion eine Stufe im Selbsterkenntnisprozess des absoluten Geistes. Mit dieser Auffassung attackierte er die Auffassung Schleiermachers: Wenn das Gefühl der Abhängigkeit das grundlegende Merkmal der Religion wäre, so Hegel, dann wäre der Hund der beste Gläubige. Religion könne nicht als individuelle Angelegenheit behandelt werden, sie sei vielmehr Bestandteil der Entwicklung des Geistes als welthistorischer Prozess. Der Geist durchlaufe verschiedene Stufen des Selbsterkenntnisprozesses und erreiche seine höchste Stufe in der Philosophie.

Damit setzte Hegel die Tendenz fort, Religionsgeschichte in einem evolutionären Schema zu erklären. Die Evolution des absoluten Geistes geschah für ihn in den Stufen Kunst – Religion – Philosophie. Kunst sei die unmittelbare sinnliche Anschauung der Form des absoluten Geistes. Religion begreife das Absolute in der Vorstellung von Bildern und Symbolen. In der höchsten Form, in der der absolute Geist sich selbst erkenne, in der Philosophie, sei das in der Kunst Angeschaute und das in der Religion Vorgestellte und Gefühlte in die reine Form des Gedankens gebracht.

7. Ludwig Feuerbach und Karl Marx

Als Religionskritiker und Kritiker der Hegel’schen Religionsauffassung traten vor allem Ludwig Feuerbach und Karl Marx in Erscheinung. Feuerbach unterzog die Hegel’sche Religionsauffassung einer eingehenden Kritik. Hegel vertausche Subjekt und Objekt. Religion sei nicht das Produkt des sich entwickelnden Weltgeistes, sondern der Menschen. Der Mensch, so Feuerbach, projiziere seine Ideale, Wünsche und Ängste in ein Wesen, das er Gott nennt. Alle religiösen Begriffe können damit für Feuerbach als menschliche Begriffe angesehen werden.

Marx knüpfte an Feuerbachs Religionskritik an, gab dieser Kritik aber eine soziale Dimension. Religion war für ihn nicht der Ausdruck individueller Bedürfnisse, sondern sozialer Verhältnisse. In seinen frühen Schriften bezeichnete Marx die Religion als „Opium des Volkes”, „Seufzer der bedrängten Kreatur” oder „Gemüt einer herzlosen Welt”. Religionskritik, so Marx, sei nur der Anfang der Kritik der Zustände, die Religion hervorbringen, sie sei „im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist”. Damit ist für Marx letztlich eine eigenständige Religionskritik sinnlos geworden. Den Ansatz, Religion auf weltliche Zustände zurückzuführen, baute er später aus. Marx versuchte, jede Entwicklungsform der Religion aus der sozialökonomischen Struktur der Gesellschaft, in der sie existiert, herzuleiten. Dies schließe nicht aus, so bemerkte er später, dass Religionen oder Ideologien auch auf die sozialökonomischen Verhältnisse zurückwirken. Vor allem in seinen Untersuchungen zu den frühen Formen sozialer Entwicklung, den ursprünglichen Gemeinwesen, interessierte ihn die Entsprechung von Religion und Ökonomie. Hier versuchte er, alles religionswissenschaftlich-ethnographische Wissen, das ihm zugänglich war, für seine Forschungen zu verwenden.

8. Friedrich Max Müller

Friedrich Max Müller, der Begründer der vergleichenden Religionswissenschaft, wollte durch Vergleichen der Religionen an die großen Erfolge anknüpfen, die man beim Vergleichen der Sprachen errungen hatte. Zu diesem Zweck gab er eine Bücherreihe heraus, die die wichtigsten religiösen Texte der Völker des Ostens enthielt (Sacred Books of the East, 1879-1894). Er selbst übersetzte die alten indischen Texte des Veda und glaubte anfangs, in allen Religionen eine „reine Urreligion” finden zu können, die in verschiedenen Sprachen die Offenbarung eines Gottes enthalte. Später verwarf er die Idee einer einheitlichen Urreligion, nahm aber weiter an, alle Religionen seien die Offenbarung desselben Gottes. Dennoch, so der Religionswissenschaftler, könne man das Wesen der Religion nicht in einer einzigen Religion erkennen: „Wer nur eine Religion kennt, kennt keine.” Die Reinheit der einen Offenbarung müsse sich im Verlaufe der Entwicklung aller Religionen herausstellen.

9. Edward Burnett Tylor

Edward Burnett Tylor, Begründer der britischen akademischen Ethnologie, suchte nach einem Merkmal, das alle Religionen gemeinsam haben. Dieses meinte er im von ihm so genannten Animismus zu finden, der für Tylor ganz allgemein den Glauben an geistige Wesen darstellte. Religion als „Glaube an geistige Wesen” war für ihn eine Minimaldefinition, die auf alle existierenden Religionen anwendbar sei. Dabei könne dieser Glaube historisch verschiedene Varianten aufweisen. In seiner frühesten Form entstehe er durch Visionen, Trancezustände oder Traumerscheinungen. Diese Zustände erweckten bei manchen Völkern den Eindruck, dass die Seele etwas Immaterielles sei, das unter Umständen den Körper verlassen könne. In einer weiteren Entwicklungsstufe seien alle Naturerscheinungen beseelt worden. Später bildete sich die Vorstellung aus, dass auch die Seelen der Verstorbenen noch gegenwärtig seien. So seien Methoden entwickelt worden, um die Bösartigen unter ihnen zu besänftigen und die Gutartigen zu verehren. In der daraufhin entstandenen Stufe des Fetischismus seien, so Tylor, ursprünglich alltägliche Gegenstände auserwählt und als Abbilder überirdischer Wesenheiten verehrt worden. Eine wiederum höhere Stufe stelle dann der Polytheismus dar: Hier werden nun nicht mehr Gegenstände verehrt, sondern verschiedene selbständige Gottheiten, die anthropomorphe Züge tragen. Die höchste Entwicklungsform der Religion ist laut Tylor der Monotheismus. Hier wird nur noch eine Gottheit verehrt, die alle Eigenschaften der vielen Götter in sich vereint. Bemerkenswert ist, dass Tylor hier eine rein evolutionäre Theorie der Religionsentstehung entwirft (siehe Evolutionismus). Eine Religionsbegründung durch göttliche Offenbarung lehnte er ab.

10. Émile Durkheim

Für den französischen Ethnologen und Soziologen Émile Durkheim war die Unterscheidung einer heiligen von einer profanen Welt das grundlegende Merkmal von Religion. Diese Unterscheidung finde sich, so Durkheim, in allen Formen des religiösen Denkens, in den Glaubensvorstellungen, Mythen, Dogmen oder Legenden. Darüber hinaus werde in diesen Denkformen die gegenseitige Beziehung zwischen Heiligem und Profanem, zwischen wirklicher und idealer Welt festgelegt. Den Anhängern der Religion werde mitgeteilt, wie sie sich, aus der profanen Welt kommend, gegenüber der heiligen Welt verhalten müssen. Durkheim betrachtete die Religion jedoch nicht sosehr als eine Weltanschauung oder einen Gottesglauben, sondern als soziales System. Nach seiner Auffassung sind religiöse Vorstellungen Kollektivvorstellungen und soziale Tatsachen, die durch die sozialen Verhältnisse der jeweiligen Religionsgemeinschaft entstehen. Damit legte er den Grundstein für eine große Tradition der soziologischen Erforschung der Religion, nämlich die so genannte Schule der französischen Soziologie. Durkheim war weiterhin der Auffassung, dass sich Religion am besten bei der Betrachtung indigener Völker erschließe. Im Sinne des Evolutionismus glaubte er, in der „frühen Entwicklungsstufe” von Religion das Grundschema zu finden, das auch alle komplexeren, „weiter entwickelten” Religionen erklären kann.

11. Max Weber

Max Weber war zwar kein Religionswissenschaftler, seine Untersuchungen zur Religionsethik und deren Einfluss auf die Wirtschaft haben jedoch einen nachhaltigen Einfluss auf die Religionswissenschaft ausgeübt. In seiner Schrift Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus versuchte Weber nachzuweisen, dass die „innerweltliche Askese” der Protestanten zur Entstehung des Kapitalismus in Europa beigetragen habe. Den Protestanten war es einerseits aufgrund dieser Askese verboten, die Früchte ihrer Arbeit unbefangen zu genießen, zum anderen wurde ihnen die Pflicht zur rastlosen beruflichen Arbeit auferlegt. Dies hatte zur Folge, dass das Erworbene wieder produktiv investiert werden konnte, und somit waren die Voraussetzungen für die rasante Entwicklung der Produktivkräfte in der Neuzeit gegeben. Diese Untersuchungen setzte er dann in seiner Wirtschaftsethik der Weltreligionen fort. Damit hat Weber, ähnlich wie Durkheim, dazu beigetragen, die Religion nicht nur vom geistesgeschichtlichen Standpunkt aus zu erforschen, sondern auch unter dem Gesichtspunkt ihrer Auswirkungen auf Lebensführung, Gesellschaft und Wirtschaft. Marx, Durkheim und Weber gelten als Begründer der Religionssoziologie.

12. James George Frazer

Der Ethnologe James George Frazer schrieb ein umfassendes Werk (The Golden Bough; 1890, Der goldene Zweig) über die Entwicklung von Religion und Kult, das in seiner vollständigen Ausgabe 13 Bände umfasst. Darin sammelte er ethnogisches Material, um zu beweisen, dass Religion sich aus der Magie entwickelt hat und die Entwicklung der Religion ihre Fortsetzung in der Wissenschaft findet. Religion entstand gemäß seiner Theorie, weil die Menschen erfuhren, dass die Magie nicht funktioniert und dass sie von den Kräften abhängig sind, die sie mit Magie vergeblich zu beherrschen versuchten. Frazer sah in der Religion den Versuch, diese Mächte, von denen der Mensch sich abhängig glaubt, zu versöhnen und zu beschwichtigen. Er sah Religion und Magie als falsche Anwendung der psychischen Assoziationsgesetze an. Dies habe erst die Wissenschaft richtiggestellt.

Religion enthält für Frazer also zwei Elemente: den Glauben an höhere Mächte als theoretisches Element und die kultischen Umgangsformen mit diesen Mächten als praktisches Element. Diese beiden Elemente entsprechen einander, Kult und Glauben bilden eine Einheit. Eine Grundfigur in der Entwicklung früher Religionen war für Frazer die periodische Erneuerung sakraler Macht. So wie im weltlichen Bereich ein alternder, schwacher König abgesetzt und durch einen jungen, kräftigeren ersetzt wurde, musste auch ein Gott, dessen sakrale Gewalt schwindet, rituell getötet und neu erschaffen werden. Dieses Grundschema taucht tatsächlich in vielen frühen Religionen auf, etwa bei der Erneuerung agrarischer Fruchtbarkeit, findet sich aber nicht in allen frühen Religionen.

13. Bronislaw Malinowski

Bronislaw Malinowski, ein Schüler Frazers, wollte nicht wie sein Lehrer Religionen und Kulturen akademisch erforschen, sondern führte Feldforschungen auf den Trobriand-Inseln im südwestlichen Pazifik durch. Er versuchte, in der Kultur der Melanesier Religion und Magie möglichst präzise voneinander abzugrenzen. Ein wichtiges Abgrenzungskriterium fand er in der Funktion, die beide in der Gesellschaft innehatten. Die Magie sei immer auf ein Ziel gerichtet, das man erreichen möchte: Kriegszauber beispielsweise auf Erfolg in den Kämpfen oder Fruchtbarkeitszauber auf gute landwirtschaftliche Erträge. Religion dagegen sei auf kein Ziel gerichtet, sondern für sich selbst da. Damit widersprach er dem Evolutionsschema von Frazer, bei dem Magie und Religion nebeneinander keine Berechtigung hatten. Religion, so Malinowski, habe die Funktion, die zentralen Werte der Gemeinschaft zum Ausdruck zu bringen und die moralische Ordnung aufrecht zu erhalten. Wie Durkheim betonte Malinowski den integrativen Charakter von Religion für die Gesellschaft. Wissenschaft dagegen sei, ähnlich wie Magie, auf ein zweckhaftes Handeln gerichtet, das unmittelbar praktische Ziele verfolge.

14. Sigmund Freud

Sigmund Freud versuchte, Begriffe aus der von ihm begründeten Psychoanalyse für die Religionswissenschaft fruchtbar zu machen. Ihm war aufgefallen, dass es auffallende Parallelen zwischen Verhaltensweisen von Neurotikern und Anhängern früher Religionen gibt. Freud versuchte zu beweisen, dass dieser Rückgriff von Neurotikern auf frühere religiöse Handlungsweisen der Versuch ist, sich eine anachronistische gesellschaftliche Wirklichkeit zu schaffen. Die Wiederholung vergangener religiöser Verhaltensweisen deutete er als eine Art Flucht aus der gegenwärtigen Gesellschaft.

Historisch habe die Religion ihren Ursprung in dem Gefühl der Hilflosigkeit und Schwäche der Menschen gegenüber den Mächten des Lebens. Religiöse Ideen entspringen der kindlichen Vatersehnsucht, dem Vaterkomplex, den Freud auch Ödipuskomplex nennt. Die Menschen versuchen dieser ursprünglichen Hilflosigkeit mit Rückgriff auf die traditionellen Schutzmächte, die Götter, zu entgehen. Der personalisierte Gott ist hierbei nichts anderes als eine überhöhte Vaterfigur. Religion ist für Freud der Versuch, die Welt, in die wir gestellt sind, mittels einer Wunschwelt zu bewältigen. Freud, der sich in der Tradition der Religionskritik von Feuerbach sah, betonte mehrfach, dass er das Fortbestehen von Religionen nicht als notwendig ansehe.

Viele Details der Freud’schen Religionstheorie sind heute überholt, u. a. weil er sich sehr stark auf das Material von Frazer stützte. Der psychoanalytische Erklärungstypus hat jedoch viele prominente Nachfolger gefunden, unter ihnen Carl Gustav Jung, Erich Fromm oder Paul Ricœur.

7. Neuere Religionstheorien
1. Theologische und phänomenologische Religionstheorien

Auch die christliche Theologie hat zahlreiche Untersuchungen zum Religionsbegriff beigesteuert. Der Versuch von David Friedrich Strauß, in seiner zweibändigen Abhandlung Das Leben Jesu. Kritisch bearbeitet (1835/36) den historischen Jesus aus den Bibeltexten zu rekonstruieren, erregte großes Aufsehen. Zu den bekanntesten theologischen Arbeiten, die sich mit dem Religionsbegriff und seiner Anwendung auf verschiedene Weltreligionen beschäftigen, gehören diejenigen von Rudolf Otto. Er deutet Religion als Bezugnahme des Menschen auf das Heilige oder Numinose. Dieses Heilige kann nach Otto zwar mit rationalen Mitteln erkannt werden, doch zu seinem Wesen stößt man erst vor, wenn man sich in ein irrational-religiöses Verhältnis dazu setzt. Weitere Gelehrte, die den Religionsbegriff aus theologischer Perspektive untersuchten, waren Adolf von Harnack, Nathan Söderblom, Ernst Troeltsch und Albert Schweitzer.

Viele Theologen, aber auch einige Religionswissenschaftler fühlen sich methodisch der Religionsphänomenologie verpflichtet. Diese Forschungsrichtung möchte die „Hauptgruppen religiöser Erscheinungsformen” ordnen und klassifizieren. Sie stellt sich damit ausdrücklich nicht die Aufgabe, das Wesen von Religion zu bestimmen, also ein „Dahinter” in diesen Phänomenen zu finden. Ihre wichtigsten Vertreter waren zum großen Teil ebenfalls Theologen. Der Begriff Religionsphänomenologie geht auf Hegels Phänomenologie des Geistes zurück und wurde erstmals von Chantepie de la Saussaye (1848-1920) gebraucht. Als Konzept ausführlich formuliert wurde es von Gerardus van der Leeuw. Wichtige Vertreter der Religionsphänomenologie im 20. Jahrhundert waren Friedrich Heiler, Gustav Mensching, Joachim Wach (1898-1955) und Mircea Eliade.

2. Ethnologische Religionstheorien

Der Ethnologie verdankt die Religionswissenschaft sehr wichtige Aufschlüsse über das Wesen der Religionen schriftloser Völker. Die hier schon genannten Klassiker (Durkheim, Tylor, Frazer, Malinowski) haben bedeutende Nachfolger gefunden. In Frankreich waren dies Marcel Mauss, Lucien Lévy-Bruhl und Claude Lévi-Strauss. Auch der Soziologe Pierre Bourdieu darf in dieser Reihe nicht fehlen. In England fand die Anthropologie ihre Fortsetzung durch Robert Ranulph Marett (1866-1943), Alfred Reginald Radcliffe-Brown und Edward Evan Evans-Pritchard. Aus Amerika stammen ethnologische Forschungen um den Begriff der Religion von dem Deutschamerikaner Franz Boas, von Talcott Parsons, Clyde Kluckhohn, Clifford Geertz, Edmund Leach und vielen anderen Ethnologen. Das Untersuchungsgebiet der Ethnologie wurde im Verlaufe ihrer Entwicklung stark erweitert, so auch in Richtung soziologischer, struktureller und funktionaler Untersuchungen religiöser Tatsachen.

3. Linguistische Religionstheorien

Untersuchungen der Linguistik trugen seit der Entstehung dieser Wissenschaft auch zur Erforschung der Religion bei. Religiöse Texte werden von der Philologie untersucht. Darüber hinaus gibt es mehrere Methoden, die Religion sprachlich zu erforschen. Eine Tradition der linguistischen Anthropologie geht auf Wilhelm von Humboldt, Franz Boas und Edward Sapir zurück. Der amerikanische Sprachwissenschaftler und Ethnologe Edward Sapir hat die Hypothese aufgestellt, dass das Weltbild und die Religion eines Volkes maßgeblich durch dessen Sprache geprägt werden und sich infolgedessen vor allem über die Sprache erschließe. Diese Forschungsrichtung wird auch als Ethnolinguistik bezeichnet.

Linguistische Deutungen von Religion und religiöser Sprache werden auch von der Sprachphilosophie vorgenommen, zu deren Klassikern Ernst Cassirer und Ludwig Wittgenstein zählen. Dieser Forschungszweig untersucht, welche Art Gegenstände die religiöse Sprache bezeichnet, was beispielsweise Worte wie „Gott” bedeuten.

Nach der Sprechakttheorie von John Langshaw Austin und John Searle ist Sprechen immer auch gleichzeitig Handeln. Man tut etwas, indem man etwas sagt. Dieses Verständnis der Einheit von Sprechen und Handeln lässt sich sehr gut auf die Untersuchung religiöser Riten anwenden, denn hier werden etwa soziale Tatsachen durch die verbale Weihe eines Gegenstandes oder einer Person geschaffen. Einer der ersten, der die Sprechakttheorie ausdrücklich auf religiöse Sachverhalte anwendete, war Stanley Tambiah.

4. Kommunikationstheoretische Ansätze

An die soziologischen Erklärungsmethoden von Durkheim und Weber anknüpfend, begreifen in jüngerer Zeit immer mehr Wissenschaftler die Religion als gesellschaftliche Kommunikation oder als spezifische Form kommunikativer Tätigkeit. Dies hängt eng mit der „Wende zur Kommunikation” in den Geisteswissenschaften zusammen, die unter anderem durch Jürgen Habermas herbeigeführt wurde. Wichtige Vertreter dieser Richtung sind Thomas Luckmann (*1927) und Niklas Luhmann.

Ein neues und zusätzliches Interesse gewinnt diese Perspektive durch die schnelle Verbreitung von Kommunikationsmedien wie Telefon, Fernsehen und Internet, die von den meisten Religionen ohne Vorbehalte in Gebrauch genommen werden.