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| 2. | Geschichtliche Entwicklung |
Die Trennung der Muslime in Sunniten und Schiiten hat ihren Ausgangspunkt in dem Konflikt um die Herrschernachfolge nach dem Tod Mohammeds im Jahr 632 unserer Zeitrechnung. Ein Großteil der Muslime vertrat die Ansicht, dass zur Nachfolge nur der Beste geeignet sei, wobei verwandtschaftliche Beziehungen zu Mohammed keine Rolle spielen sollten. Dieser Ansicht widersprach die Schi’at Ali, die Partei Alis, welche die Meinung vertrat, dass nur Ali ibn Abi Talib, der Schwiegersohn des Propheten dessen einzig legitimer Nachfolger sei. Dennoch entschied sich die Mehrheit der Muslime gegen die Wahl Alis, dem sie nicht die besten Führungsqualitäten zutrauten, und entschieden sich für Abu Bakr, den Vater von Mohammeds Lieblingsfrau. Aus diesem Nachfolgestreit entfachte sich ein Dauerstreit, der sich noch verschärfte, als auch nach dem Tod Abu Bakrs nicht Ali, sondern Omar ibn al-Chattab und danach der Omaijade Othman ibn Affan an die Macht kam. Erst im Jahr 656, nach der Ermordung Othmans, wurde Ali zum Kalifen gewählt. Er wurde jedoch nicht von allen anerkannt, was zum ersten Krieg zwischen Muslimen führte – mit der Schi’at Ali auf der einen Seite und den Anhängern des Omaijaden Muawija, des fünften Kalifen, der Ali der Mitschuld am Tod Othmans bezichtigte, auf der anderen Seite.
Die Schi’at Ali beugte sich den gegnerischen Kräften jedoch nicht. Alis zweiter Sohn Husain führte 680 seine Anhänger gegen die Armee des Kalifen Yazid, den Sohn und Nachfolger Muawijas. Die Schlacht endete bei Kerbela in der irakischen Wüste, wo Husain und seine Leute umzingelt und am 10. Muharram (Oktober) 680 niedergemetzelt wurden. Die Niederlage bedeutete zunächst das politische Ende der Schi’at Ali.
Diese Streitigkeiten um die Nachfolge deuteten in den ersten Jahren nicht darauf hin, dass sie die Muslime dauerhaft in feindliche Parteien und sogar Glaubensrichtungen aufspalten würden. Erst 200 Jahre nach Mohammeds Tod bildeten sich die verschiedenen Konfessionen heraus, und die Strukturen verfestigten sich. Einer der grundlegenden Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten besteht darin, dass die Letzteren nur Nachkommen aus der Familie Alis als Führer anerkennen und somit alle anderen Kalifen (arabisch khalifa: Nachfolger) als widerrechtliche Machthaber verstehen. Der sunnitische Islam hingegen ist dadurch charakterisiert, dass er die faktischen Inhaber der politischen Gewalt, d. h. die ersten vier Herrscher nach Mohammed in Medina, dann die Dynastie der Omaijaden in Damaskus und die Abbasiden in Bagdad als rechtmäßige Kalifen des Propheten anerkennt. Für die Sunniten besteht die Qualifikation zum Kalifat in der Zugehörigkeit zum Stamm des Propheten und nicht zur Familie Alis.