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| 7. | Geschichte |
| 1. | Vor- und Frühgeschichte (bis 3. Jahrhundert n. Chr.) |
Die frühesten Aufzeichnungen zur japanischen Geschichte finden sich in einigen chinesischen Quellen, vor allem aber in zwei halbmythischen japanischen Chroniken: im Kojiki („Bericht über alte Begebenheiten” entstanden 712) und im Nihon-Shoki oder Nihongi („Japanische Annalen”, um 720). Sie berichten über Ereignisse aus den vorausgegangenen knapp eineinhalb Jahrtausenden und stellen zusammen mit anderen Legendensammlungen die Grundlage der älteren Geschichtsüberlieferung in Japan dar. Das Nihon-Shoki gibt 660 v. Chr. als das Jahr an, in dem Jimmu, Abkömmling der Shinto-Sonnengöttin Amaterasu und erster Kaiser (siehe Tenno) Japans, den Thron bestieg und das japanische Kaiserreich begründete. Alle Kaiser sahen sich als direkte Nachfahren der Sonnengöttin und beriefen sich auf ein göttliches Mandat.
| 1.1. | Erste Besiedlung |
Vermutlich erreichten aus dem ostasiatisch-sibirischen Kernland stammende Siedler das japanische Archipel bereits im Paläolithikum, um 30000 v. Chr. Linguistische Untersuchungen legen aber auch nahe, dass eine Kolonisierung von den polynesischen Inseln ausgegangen sein könnte. Man geht heute davon aus, dass die Urjapaner, die der mongoliden Rassengruppe angehörten, seit frühester Zeit auf den Inseln dominierten, auch wenn die Ainu vielleicht ebenfalls schon sehr früh den Archipel besiedelt haben. Die These, die Ainu seien die ersten Besiedler der japanischen Inseln gewesen, gilt inzwischen als widerlegt.
| 1.2. | Die Jomon- und die Yayoi-Periode (10000 v. Chr. bis 300 n. Chr.) |
Die paläolithischen Kulturen des prähistorischen Japan und ihre Nachfolger im Mesolithikum wurden um 10000 v. Chr. von neolithischen Kulturen abgelöst. Zu diesen zählt die Jomon-Kultur, aus der einige der frühesten Tonwaren überliefert sind. Reste der häufig üppig verzierten und bei niedrigen Temperaturen gebrannten Tontöpfe finden sich in ganz Japan; seltener sind Zeugnisse für Steingebäude oder Hütten aus dieser Zeit. Die Menschen der Jomon-Kultur lebten vor allem als Sammler, Jäger und Fischer. Unklar ist, inwieweit frühe Formen der Landwirtschaft verbreitet waren. Die Gesellschaftsstruktur dieser Zeit scheint relativ egalitär gewesen zu sein und nur geringe Statusunterschiede gekannt zu haben.
Auf die Jomon-Kultur folgte um 300 v. Chr. die Yayoi-Kultur, die wahrscheinlich von Einwanderern vom asiatischen Festland auf Kyushu geschaffen wurde und sich langsam nach Osten ausbreitete. Sie hinterließ deutlichere Spuren; es gab Nassfeld-Reisanpflanzungen, Webereien, einfache Tonwaren, die bei hohen Temperaturen gebrannt wurden, und Eisenwerkzeuge. Die meisten Errungenschaften dieser Zeit, insbesondere die Eisen- und Bronzestücke, wurden seit 100 v. Chr. vermutlich über Korea aus China eingeführt – ein erstes Zeugnis für den über Jahrhunderte hinweg andauernden chinesischen Einfluss auf Japan. Auch die unterschiedlichen und verfeinerten Grabriten zeugen davon, dass die Gesellschaft der Yayoi-Kultur bereits komplexer zusammengesetzt und effizienter organisiert war als die Jäger-und Sammlergesellschaft der Jomon-Zeit. Die Träger der Jomon- und der Yayoi-Kultur gelten als die Ahnenvölker Japans.
Erstmals in offiziellen chinesischen Chroniken erwähnt wurde Japan während der späten Han-Dynastie. So findet sich die Aufzeichnung, dass im Jahr 57 n. Chr. „der Staat der Nu in Wo” Gesandte zum chinesischen kaiserlichen Hof geschickt und ein Goldsiegel erhalten habe (das 1748 in Japan gefunden wurde). Nu war offensichtlich eines der zahlreichen kleinen Reiche auf dem japanischen Archipel, die in den chinesischen Chroniken in ihrer Gesamtheit als Wo bezeichnet wurden. Beschrieben wird eine relativ hoch entwickelte Gesellschaft mit hierarchischer Struktur, Märkten für den Tauschhandel und professionellen Schreibern, die der chinesischen Schrift mächtig waren. Es wird auch über eine Königin namens Himiko berichtet. Sie übte ihre Herrschaft in einer Stadt namens Yamatai aus und hatte um 200 n. Chr. die Oberherrschaft über zahlreiche Staaten inne. Dies legt die Vermutung nahe, dass die Yayoi in Japan über eine gewisse Zeitspanne in einer matriarchalischen Gesellschaft lebten, in der priesterliche Königinnen über beträchtliche Macht verfügten.
| 2. | Das frühe Kaiserreich (um 300 bis 1192) |
| 2.1. | Der Tenso-Clan und das Yamato-Reich |
Die Yayoi-Periode ging im 3. Jahrhundert in die Konfun-Periode über, benannt nach dem konfun (japanisch für Hügelgrab), der sich über den Gräbern der damaligen japanischen Großkönige und Adligen (uji) erhob und deren Macht dokumentierte. In der Verbindung von Ahnenkult und animistischer Naturverehrung sah sich jedes Clanoberhaupt in strikter Erbfolge durch seine Abstammung von der jeweiligen Ahngottheit legitimiert und war daher in seinem Herrschaftsbereich sowohl weltliches wie priesterliches Oberhaupt. Mit der Herausbildung des Shintoismus zur allgemeinen Religion entstand eine ideell-politische Grundlage, die Oberherrschaft in dem durch feudalistische Strukturen gekennzeichneten Gesellschaftssystem zu beanspruchen. Eine solche Legitimation machte der Tenso-Clan („Sonnenlinie”) für sich geltend, der von Kyushu aus durch Bündnisse und Kriege die Hegemonie über Yamato, eine Provinz im Zentrum von Honshu, erringen konnte, der Legende nach unter Führung des Herrschers Jimmu, der seine Abstammung auf die Sonnengöttin Amaterasu zurückführte, die zur obersten Gottheit des Landes erhoben wurde. Das Herrschaftsgebiet Yamato verlieh dem Kaiserhaus und wahrscheinlich auch dem Japan der damaligen Zeit seinen Namen.
Gegen Ende des 4. Jahrhunderts hatte das Yamato-Reich anscheinend soweit an Ressourcen und Kraft gewonnen, dass es auf das asiatische Festland übergreifen konnte und, wie chinesische Inschriften aus dem frühen 5. Jahrhundert berichten, im Jahr 391 den Stützpunkt Mimana im Süden Koreas errichtete. Das Königreich Paekche im Südwesten Koreas wurde ein abhängiger Verbündeter des Yamato-Hofes. Zu dieser Zeit hatte die koreanische Kultur unter starkem chinesischem Einfluss bereits ein hohes Niveau erreicht. Während der folgenden Jahrhunderte beeinflussten die japanisch-koreanischen Kontakte und vermittelt durch sie auch die chinesische Kultur die Entwicklung Japans in grundlegender Weise. Literatur und Philosophie aus China sowie die chinesische Schrift wurden vom Yamato-Reich bereitwillig aufgenommen.
Etwa seit Mitte des 6. Jahrhunderts gewann der Buddhismus durch koreanische Vermittlung in Japan an Bedeutung. 552 entsandte der König von Paekche buddhistische Priester nach Japan, die religiöse Bilder und Schriften sowie den Mondkalender mitbrachten. Die importierte Kultur verwurzelte sich schnell im Yamato-Reich, jedoch nicht ohne heftigen Widerstand, der in bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen zwischen zwei Adelsparteien überging. Das Yamato-Reich verlor in diesem Prozess seine Vorherrschaft, beschleunigt auch durch die Vertreibung aus Korea im Jahr 562; der Buddhismus setzte sich allmählich durch.
| 2.2. | Asuka-Zeit (593-710) |
| 2.2.1. | Die Shotoku-Reformen |
593 beendete der Clan der Soga den Machtkampf zu seinen Gunsten durch einen Staatsstreich und die Inthronisation von Suiko als Kaiserin, die von 593 bis 628 regierte. Eigentlicher Machthaber war jedoch ihr zum Regenten bestimmter Neffe, Kronprinz Shotoku-taishi. Durch ein Reformprogramm versuchte er, die Schwierigkeiten zu überwinden, in die das Reich nach dem Verlust der koreanischen Gebiete und durch innere Unruhen geraten war. Der unterdessen weitgehend vollzogenen machtpolitischen Durchsetzung des Buddhismus trug er Rechnung, indem er ihn 594 zur Staatsreligion erhob, auf den die Staatsführung und das Beamtentum verpflichtet wurde. Der Ahnenglauben behielt jedoch seinen Stellenwert beim einfachen Volk, indem die Ahnengötter unter den Schutz Buddhas gestellt, diesem aber damit auch unterstellt wurden.
604 erließ Shotoku-taishi die erste Verfassung Japans – einen Kodex, der aus 17 Artikeln bestand und ein einfaches Regelwerk enthielt, welches das soziale und sittliche Leben der Bevölkerung bestimmte und die göttliche Legitimation des Kaisers begründete. Mit seinen Reformen folgte Shotoku-taishi chinesischen Vorbildern: Er teilte das Reichsgebiet in Verwaltungsgebiete auf – Provinzen, Distrikte und dörfliche Einheiten, die sich wiederum aus Gruppen von jeweils fünf Bauernfamilien als den kleinsten staatlichen Einheiten zusammensetzten. Der Adel, der in einer Beamtenordnung neben speziell geschulten Beamten zur Verwaltung herangezogen wurde, wurde zunächst in zwölf, später in acht hierarchische Stufen gegliedert. Durch den neuen einheitlichen Staatsaufbau brach Shotoku-taishi weitgehend die überlieferte Macht der uji, des Adels, und etablierte einen Lehensstaat, der ganz auf den mit großer Machtfülle augestatteten Kaiser ausgerichtet war. Der absolute Herrschaftsanspruch des Tennos („Erhabener des Himmels”) legitimierte sich durch seinen göttlichen Status.
| 2.2.2. | Taikareform |
Durch den Widerstand der uji verzögerte sich die Umsetzung des Reformwerks nach Shotoku-taishis Tod, sie wurde jedoch nach dem Staatsstreich von Nakatomi no Kamatari, dem Begründer der Fujiwara-Dynastie, unter den Kaisern Kotoku (645-654) und Tenji (668-672) weitergeführt. Mit der Taikareform ging der gesamte Besitz an Boden auf den Kaiser über, der ihn, dem chinesischen Vorbild folgend, wieder als Lehen an seine Vasallen weitergab, die als Gouverneure in die 66 Provinzen entsandt wurden, die wiederum in 592 Distrikte aufgeteilt waren. Die Gouverneure hatten die Beschlüsse der Regierung vor Ort umzusetzen; sie standen, geleitet von einem Großkanzler an der Spitze von acht Ministerien, an der Spitze einer zentralisierten Verwaltung, deren höchste Funktionsträger der Kaiser einsetzte. Ein System gestaffelter Steuern sorgte für regelmäßige und kontrollierte Staatseinkünfte.
Ihren schriftlichen Ausdruck fand die über ein halbes Jahrhundert währende Reformepoche unter Kaiser Mommu (697-707) im Taihocodex, der sowohl das Straf- wie das Verwaltungsrecht umfasste. Ab 708 begann mit der Einführung der ersten japanischen Münzen die Ausbreitung der Geldwirtschaft.
| 2.3. | Die Nara-Zeit (710-794) |
Traditionell wurde die kaiserliche Residenz verlegt, wenn ein Herrscher gestorben war. Kaiserin Gemmei (707-715) verlegte sie 710 von Asuka nach Nara, das nun für sieben Kaiser zur ersten ständigen Hauptstadt Japans wurde (bis 784).
Der inneren Konsolidierung folgte eine verstärkte Kontaktaufnahme nach außen. Beziehungen zur chinesischen Tang-Dynastie wurden aufgenommen, der japanische Handelsverkehr erschloss sich über die Seidenstraße das Innere Asiens. Erneute Reformen im Jahr 743 ließen privaten Bodenbesitz wieder zu mit dem Ziel einer schnelleren Erschließung neuen Ackerlandes. Diese Reform eröffnete den großen Familien der Oberschicht wieder die Möglichkeit, durch Landbesitz und Reichtum eine stärkere Unabhängigkeit von der kaiserlichen Macht zu erlangen. Die seit Mitte des 7. Jahrhunderts durchgeführten Reformen, die auf eine Stärkung der staatlichen Zentralmacht ausgerichtet waren, wurden damit im Kern in Frage gestellt. Wie in feudalistischen Herrschaftssystemen regelmäßig der Fall, wie z. B. in China und in Europa, bildeten sich auch in Japan trotz der institutionellen Sicherungen wieder autonome Machtpositionen heraus, samt erneuter Erblichkeit von Führungspositionen und der damit verbundenen Lehen.
Unter den Kaisern der Nara-Periode, insbesondere Shomu (724-749) und Shotoku (764-770), erlebte Japan eine Ära der kulturellen Hochblüte. Sie brachte u. a. einige der wichtigsten Werke der frühjapanischen Literatur hervor, darunter die beiden großen nationalen Geschichtschroniken Kojiki (712) und Nihon-shoki (720) sowie die erste große Gedichtsammlung Manyoshu.
Kaiser Shomu baute die Rolle des Buddhismus als Staatsreligion weiter aus. Ausdruck für den Stellenwert des Buddhismus wurde der Große Buddha (752 fertig gestellt), der seinen Platz im Tempel Todaiji fand, dem noch heute größten Holzbauwerk der Welt. Macht und Einfluss der buddhistischen Mönche, ausgehend von den großen Klöstern, nahmen zu; Kaiserin Shotoku z. B. übertrug dem buddhistischen Priester Dokyo das Amt des Großkanzlers (765-770). 784 entschloss sich Kaiser Kammu (781-806) schließlich, den Einfluss der mächtigen Klöster in Nara einzudämmen, indem er die kaiserliche Hauptstadt zunächst nach Nagaoka, später nach Uda verlegte. Dort ließ er die Hauptstadt Heiankyo („Hauptstadt des Friedens”), das spätere Kyoto, errichten, das bis 1868 offizielle Hauptstadt blieb.
| 2.4. | Die Heianzeit (794-1185) |
Die Heianzeit, benannt nach der Hauptstadt während dieser Zeit, brachte Japan 350 Jahre lang relativen Frieden und Wachstum.
Bis zum 9. Jahrhundert war es dem Yamato-Reich gelungen, alle Hauptinseln Japans mit Ausnahme von Hokkaido unter seine Herrschaft zu bringen. Während des 9. Jahrhunderts zogen sich die Kaiser immer mehr aus den aktuellen Regierungsgeschäften zurück, delegierten alle politischen Aufgaben an Untergebene und lebten in Abgeschiedenheit. Ihre Herrschaft nahm einen eher formalen und symbolischen Charakter an. Hintergrund dieser Veränderungen war die zunehmende Belastung des Kaisers durch die rituellen Pflichten, die ihm als Oberhaupt des shintoistischen Staatskultus oblagen.
| 2.4.1. | Die Fujiwara-Zeit |
Machtaneignung und Herrschaft der Fujiwara Der Rückzug der Kaiser ging einher mit dem Aufstieg der kaiserlichen Beamten zum erblichen Hofadel (kuge), der die Macht des Kaisers weiter einschränkte. In den Machtkämpfen unter den Familien des Hofadels setzten sich, nicht zuletzt durch eine geschickte Heiratspolitik, die Fujiwara durch. Fujiwara no Yoshifusa, seit 857 Großkanzler, usurpierte 858 die Regentschaft für den unmündigen Kaiser, übte sie auch während dessen Volljährigkeit aus und etablierte das Regentenamt als Privileg der Fujiwara. Über die Vormundschaft für den Tenno, der als Schattenkaiser ganz auf das Zeremonielle beschränkt wurde, bestimmten sie fast drei Jahrhunderte lang die kaiserliche Politik. Ihre Position sicherten sie u. a. durch die regelmäßige Vermählung von Fujiwara-Töchtern mit den Kaisern. Diese wiederum wurden meist zu einem frühen Rückzug zugunsten neuer Kindkaiser gedrängt, für die dann wiederum Fujiwara-Regenten die Vormundschaft übernahmen. 884 wurde der Fujiwara Mototsune erster offizieller bürgerlicher Herrscher (kampaku).
Als bedeutendster Machthaber der Fujiwara-Ära gilt Fujiwara no Michinaga, der sämtliche Regierungsgeschäfte von seiner Hauskanzlei aus leitete und dessen vier Töchter jeweils aufeinander folgende Kaiser ehelichten; er dominierte den kaiserlichen Hof von 995 bis zu seinem Tod im Jahr 1028.
Der Charakter der staatlichen Herrschaft änderte sich mit dem Aufstieg der Fujiwara. Zwar existierte die Zentralverwaltung weiter, doch wurde ihre Autorität durch eine umfassende Refeudalisierung untergraben. Diese ergab sich mit der Zunahme des privaten steuerfreien Großgrundbesitzes. Die Steuerfreiheit wurde gewährt, weil diese Besitzungen als abgabenfreie Lehen für die Ausübung staatlicher Ämter überlassen worden waren, weil sie zu den großen buddhistischen Klöstern gehörten oder weil sie durch Rodungen neu gewonnenes Land waren. Die durch die großen Reformen geschaffene staatliche Ordnung wich zunehmend einem System feudaler Land- und Machtaufteilung, in dem die großen Familien des Hofadels die dominierende Rolle spielten.
Literatur und Kunst Die Periode der Herrschaft der Fujiwara war eine Zeit kultureller Blüte, in der sich Japan von den chinesischen Vorbildern löste. Die Kokinshu (eine Anthologie mit 1 111 Gedichten), die erste offizielle Poesiesammlung aus der Kaiserzeit, wurde 905 zusammengestellt; ihr folgten bis 914 weitere 20 Anthologien. Unter Michinaga entfaltete sich die klassische japanische Literatur. Er selbst war ein enger Vertrauter der beiden Hofdamen Murasaki Shikibu und Sei Shonagon, den beiden großen Schriftstellerinnen dieses Zeitalters. Erstere schrieb 1010 das Genji-monogatari („Die Abenteuer des Prinzen Genji”, siehe Minamoto), das als Höhepunkt der Prosaliteratur der Heianzeit gilt; Letztere veröffentlichte um 1000 ihr berühmtes Makura no soshi („Kopfkissenbuch”), in dem sie den Hofstaat der damaligen Zeit kritisch beleuchtete.
Die großen Schulen des Mahayana-Buddhismus, Tendai und Shingon-shu, erlangten in dieser Zeit großen Reichtum und übten starken und vielfältigen Einfluss auf die Kunst dieser Periode aus.
| 2.4.2. | Vom Hofadel zum Schwertadel |
Aufkommen der Samurai Nach dem Tod Fujiwara no Michinagas im Jahr 1028 verfiel die Macht der Fujiwara. 1068 verloren sie ihr „Monopol” bei der Stellung der kaiserlichen Bräute, zudem entzogen sich die Kaiser der Bevormundung durch die Fujiwara durch das System der „klösterlichen Regierung”. Hierbei übernahmen die abgedankten Kaiser, die das buddhistische Gelöbnis abgelegt hatten, im Auftrag der regierenden Kaiser die Amtsgeschäfte.
Diese Entwicklung ging im 12. Jahrhundert einher mit der Herausbildung der Samurai. In den Provinzen, die sich angesichts der schwachen kaiserlichen Zentralgewalt vielfach zu gesetzlosen Gebieten entwickelt hatten, gewannen die Krieger (bushi) an Bedeutung. Mit ihren militärischen Verbänden verdingten sie sich als Samurai beim Adel (Daimyo), sicherten dessen Grundbesitz und lokale oder regionale Herrschaft, machten sie damit aber schließlich auch von sich abhängig.
Kämpfe der Taira und Minamoto Die bedeutendsten Familien des Schwertadels gelangten bald selbst zu großer Macht, an vorderster Stelle die Taira und Minamoto, die beide von kaiserlichen Prinzen abstammten. Die Taira herrschten im Südwesten, die Minamoto im Osten. Im 12. Jahrhundert rivalisierten beide Familien um die Vorherrschaft in ganz Japan.
1156 eskalierten Konflikte zwischen Kaiser Go-Shirakawa (1155-1158) und seinem Vorgänger Kaiser Sutoko (1123-1142) zum Heijikrieg, in dem sie sich jeweils der Unterstützung der verfeindeten Taira bzw. Minamoto versicherten. Nach ihrem Sieg (1159/60) etablierten sich die Taira als stärkste Adelspartei in der Nachfolge der Fujiwara und übernahmen deren dynastische Politik. Großkanzler Taira Kiyomori besetzte die Ämter bei Hof mit Familienangehörigen, verheiratete seine Tochter mit einem kaiserlichen Prinzen und machte schließlich seinen zweijährigen Enkel Antoku zum Kaiser (1180-1185). Gegen den Aufstieg der Taira formierte sich jedoch eine Adelsopposition, an deren Spitze sich Minamoto no Yoritomo und sein Halbbruder Minamoto no Yoshitsune stellten. Der Bürgerkrieg zwischen den Minamoto und den Taira, Gempeikrieg genannt (1180-1185), endete mit einer vernichtenden Niederlage der Taira.
| 3. | Die Schogunherrschaft bis zum Zerfall des Landes (1192-1573) |
| 3.1. | Die Kamakura-Zeit (1192-1333) |
| 3.1.1. | Gründung des Schogunats |
Minamoto no Yoritomo hatte während des Gempeikrieges sein Hauptquartier bei Kamakura im Osten Japans eingerichtet und nutzte auch nach seinem Sieg sein militärisches Hauptquartier, das bakufu (ursprünglich japanisch für „Zeltregierung”, später gleichbedeutend mit Schogunat), als Mittelpunkt seiner neuen Verwaltung. 1192 ließ er sich vom Kaiser zum Seiitaischogun („oberster Feldherr”), auch kurz Schogun genannt, ernennen und mit umfassenden Vollmachten ausstatten. Minamoto no Yoritomo machte das Schogunat zum Zentrum der weltlichen Herrschaft, das Japan während der folgenden fast sieben Jahrhunderte regieren sollte. Der Kaiser und sein Hofstaat waren gegenüber dem Schogun weitgehend machtlos, Kamakura wurde zum Sitz der tatsächlichen Herrschaft, während in Kyoto der kaiserliche Hof residierte.
| 3.1.2. | Schogune und Shikken unter der Herrschaft der Hojo |
1219 übernahm die mit dem Geschlecht der Taira verbundene Hojo-Familie die Machtstellung der Minamoto, nicht zuletzt mit Hilfe von Verschwörungen und Morden. Zwar übernahm ein Hojo niemals das Amt des Schoguns, die Familie verfügte aber aus der regelmäßig und schließlich in Erbfolge von ihr besetzten Position des Militärregenten (Shikken) über die tatsächliche Macht nach dem System der dreifachen Stellvertretung – der Shikken war Stellvertreter des Schoguns, der wiederum den Tenno vertrat, der sich aufgrund seiner göttlichen Herkunft mit den Staatsgeschäften nicht befasste. Die Hojo befanden schließlich auch über die Besetzung des Schogunats und ernannten, ähnlich dem früheren Umgang mit dem Kaisertitel, vielfach Kinder zum Schogun, damit ein Hojo als Shikken oder Regent des Schattenschoguns unumschränkt walten konnte.
Die Hojo behielten ihre Herrschaft über mehr als 100 Jahre; sie verstanden es, ihre Macht durch die Vergabe von Lehen und durch ein System von Abhängigkeiten auf lange Sicht zu festigen.
| 3.1.3. | Niedergang der Hojo |
Die Kontrolle über das Reich entglitt den Hojo-Shikken schließlich jedoch in dem Maße, in dem sich die Abhängigkeiten aufgrund des zunehmenden Selbstbewusstseins des Militäradels lockerten, so dass sich der unmittelbare Einflussbereich der Zentralmacht zuletzt nur noch auf die ursprünglichen Kernprovinzen des Reiches beschränkte. Der neue Ritterstand der Daimyo erreichte eine weitgehend unabhängige Stellung und untergrub die Autorität des Schogunats und seines Shikken. Von der Bedeutung des Kriegsadels jener Zeit legt die Sammlung des ritterlichen Rechts im Joei-Kodex von 1232 Zeugnis ab.
1274 und erneut 1281 versuchten die Mongolen unter Kubilai Khan, der zu dieser Zeit bereits China und Korea beherrschte, auch Japan zu erobern. Sie unternahmen zwei Landungsversuche, doch beide scheiterten am Widerstand der japanischen Heere, denen 1281 noch ein Taifun zu Hilfe kam, der so genannte „göttliche Wind” (kamikaze).
Trotz dieses zweifachen Sieges unter dem sechsten Hojo-Shikken Tokimune stürzten die hohen Kosten des Verteidigungskrieges die Regierung in eine Krise, die schließlich zum Untergang der Shikken-Herrschaft der Hojo führte. Einige Daimyo, die sich für die geleisteten Kriegsdienste nicht angemessen entschädigt sahen, wandten sich gegen die Hojo und verbündeten sich mit Kaiser Godaigo (1318-1339) mit dem Ziel, die Macht des Schogunats zurückzudrängen und die direkte kaiserliche Herrschaft wieder herzustellen. An der Spitze einer Daimyo-Rebellion eroberte Ashikaga Takauji, ein abtrünniger Lehnsherr der Hojo, 1333 Kyoto und Kamakura, zwang den letzten Hojo-Regenten zum Selbstmord und brachte das Schogunat in seinen Besitz.
| 3.1.4. | Kultur der Kamakura-Zeit |
Auch die Kamakura-Ära brachte große Werke hervor. Der Niedergang der Taira wurde in einem Kriegsepos, dem Heike monogatari („Geschichte des Hauses Taira”, 1220), verewigt, und die klassische dichterische Tradition erfuhr mit der Fertigstellung der Lyrikanthologie Shinkokinshu im Jahr 1205 durch Fujiwara no Sadaie, genannt Teika, unter Kaiser Go-Toba ihren historischen Höhepunkt. Neue Formen des Buddhismus, insbesondere die Schulrichtungen Reines Land und Zen, verbreiteten sich. Leben und Taten des Kriegeradels sowie der Zen-Buddhismus inspirierten auch die zeitgenössischen bildenden Künstler, etwa den Bildhauer Unkei und seine Nachfolger.
| 3.2. | Die Muromachi-Zeit (1338-1573) |
| 3.2.1. | Die Spaltung des Reiches |
Nach dem Sturz der Hojo-Herrschaft vereitelte Ashikaga Takauji den Versuch Kaiser Godaigos, in der so genannten Kemmu-Restauration die kaiserliche Direktherrschaft wieder durchzusetzen. Er setzte Godaigo 1338 ab, verbannte ihn aus Kyoto und erhob Kyomo zum Gegenkaiser, der ihn im Gegenzug zum Schogun ernannte. Godaigo und seine Anhänger flohen mit den kaiserlichen Insignien nach Yoshino (südlich von Nara auf Honshu), wo sie sich dauerhaft festsetzen konnten. Ashikaga Takauji dagegen richtete seinen Herrschaftssitz im Muromachi-Bezirk in Kyoto ein – daher die Bezeichnung Muromachi-Schogunat für die Periode der Ashikaga-Herrschaft. Für mehr als 60 Jahre zerfiel das Reich nun in einen Nord- und einen Südhof.
1392 beendete der Ashikaga-Schogun Yoshimitsu die Spaltung des Reiches durch einen Kompromiss: Er bewegte den rechtmäßigen Kaiser in Yoshino zum Verzicht auf die geheiligten kaiserlichen Insignien, die nun an den sechsten Nordkaiser Gokomatsu (1382-1412) gingen. Die Ashikaga-Kaiser waren damit legitime Herrscher Japans.
| 3.2.2. | Die „Zeit der Streitenden Provinzen” |
Yoshimitsu erwies sich als kraftvoller politischer Führer, doch unter seinen Nachfolgern verlor die Zentralgewalt zusehends an Macht. Diese verlagerte sich wieder auf die Herrscher in den Regionen außerhalb der Kernprovinzen, auf die als Lehnsherren fungierenden Familien des Provinzadels (Daimyo) und die Angehörigen des Schwertadels (Samurai). Darüber hinaus hatten sich die buddhistischen Klöster durch den Aufschwung des Buddhismus als starke politische Kraft etabliert; sie waren zu beträchtlichem Wohlstand und Einfluss gelangt und beteiligten sich sogar mit eigenen Truppen an den Machtkämpfen.
Die Machtkämpfe um das Erbe der Ashikaga führten zu einem politischen Chaos, das mit dem Oninkrieg (1467-1477) auf Kyoto übergriff und Japan für die folgenden rund 100 Jahre in einen erbitterten Bürgerkrieg stürzte. Die Phase wird als „Zeit der Streitenden Provinzen” (sengoku jidai) bezeichnet, angelehnt an die „Zeit der Streitenden Reiche” in China.
Unter den Provinzfürsten gewann schließlich der Feldherr Oda Nobunaga, der von den Taira abstammende Daimyo von Owari, die Oberhand. Nachdem er zentrale Provinzen unter seine Kontrolle gebracht und 1568 Kyoto erobert hatte, konnte er auch die Macht der buddhistischen Klöster und ihrer Mönchsheere zurückdrängen. 1573 setzte er den letzten Ashikaga-Schogun ab.
| 3.2.3. | Kulturelle Entwicklung |
Trotz der politischen Wirren und der blutigen Kämpfe war es unter der Herrschaft der Ashikaga-Schogune, insbesondere in der Hauptstadt, zu einer erneuten kulturellen Blütezeit gekommen; einige Schogune profilierten sich mehr als große Kunstmäzene denn als politische und militärische Führer.
Mit dem Machtverlust der Schogune in den Provinzen entfaltete sich dort eine selbständigere Politik, die mit einem Aufblühen der höfischen Kultur an den Residenzen der Daimyos und einem wirtschaftlichen Aufschwung einherging. Neue Handelsstädte, Residenzen und Häfen entstanden. Im Bereich der Kunst und Literatur sind die Tuschemalereien Sesshus und die Renga-Kettengedichte von Sōgi herauszuheben. Zeitweise genoss das No-Theater intensive Förderung.
| 3.2.4. | Öffnung nach Europa |
Während der Muromachi-Zeit nahm auch der europäische Einfluss auf Japan seinen Anfang. 1542 landeten portugiesische Händler als erste Europäer auf einer Insel vor Kyushu. Ihre Feuerwaffen (Musketen) wurden von den einheimischen Handwerkern nachgebaut, was in der Folge die japanische Kriegsführung durchgreifend revolutionierte. Aber auch in Handel und Kultur entwickelten sich seit der Mitte des 16. Jahrhunderts Beziehungen mit Europa. Die christliche Missionierung setzte 1549 ein, als der Jesuit Francisco de Xavier (der heilige Franz Xaver) Japan erreichte. Einige mächtige Lehnsherren förderten zeitweise das Christentum nachdrücklich, weil sie sich davon eine politische Schwächung der verschiedenen buddhistischen Sekten versprachen.
| 4. | Von der Reichseinigung bis zum Eingriff der imperialistischen Mächte (1573-1868) |
| 4.1. | Azuchi-Momoyama-Zeit (1573-1603) |
| 4.1.1. | Erneute Reichseinigung |
Während der Azuchi-Momoyama-Periode, benannt nach den Burgen der beiden bedeutendsten politischen Führer der Zeit, Oda Nobunaga und Toyotomi Hideyoshi, wurde Japan durch kriegerische Unterwerfung der 250 Daimyate wieder unter einer Zentralmacht vereinigt. Der Ruhm Nobunagas und Toyotomis, dargestellt in den prachtvollen Gemälden von Kano Eitoku, steht stellvertretend für die schillernde Kraft dieser Periode.
Oda festigte nach dem Sturz des Ashikaga-Schoguns durch geschickte Verwaltung und scharfe Verfolgung seiner Gegenspieler seine Macht, nahm jedoch nicht die Schogunwürde an. Als er 1582 von einem Vasallen ermordet wurde, gelangte Toyotomi Hideyoshi, der unter Oda vom einfachen Bauern zum Feldherrn aufgestiegen war, als Großkanzler und Regent im vakanten Schogunamt an die Macht. Bis 1590 hatte er Japan vereint.
| 4.1.2. | Reformen Hideyoshis |
Hideyoshi stützte seine Herrschaft auf eine systematische Verwaltung. Das Land wurde vermessen und die Besteuerung auf der Basis des Reisertrags festgelegt. Eine strenge Ständeordnung verteilte die gesellschaftlichen Rollen und unterband die soziale Mobilität zwischen den Hauptgruppen, insbesondere den Waffenfähigen (Samurai) und den Nichtwaffenfähigen (Kaufleute, Bauern, Handwerker, Mönche – diese waren zuvor entwaffnet worden). Eine wirkliche Kontrolle über die Daimyos erreichte aber auch Hideyoshi nicht, obwohl er sie 1590 in ein neues Lehnsverhältnis zwang.
1592 musste Hideyoshi seinen Versuch, Korea zu erobern und China anzugreifen, noch in Korea aufgeben: Er scheiterte am Widerstand der Koreaner und wurde schließlich von den Chinesen zum Rückzug von der koreanischen Halbinsel gezwungen. Ein zweiter Kriegszug gegen Korea wurde 1598 vorzeitig beendet, als Hideyoshi starb.
| 4.2. | Tokugawa-Zeit (1603-1867) |
Hideyoshis Tod löste heftige Nachfolgekämpfe aus, aus denen 1600 sein Vasall Tokugawa Ieyasu siegreich hervorging. Er verlegte die Hauptstadt nach Edo, dem heutigen Tokyo, und ließ sich 1603 vom Kaiser das seit 1573 verwaiste Amt des Schoguns übertragen. 1605 übergab er das Amt offiziell an seinen Sohn Hidetada, blieb jedoch weiterhin der eigentliche Herrscher des Landes. Mit der Eroberung der Burg von Osaka im Jahr 1615, dem Sitz der Familie Toyotomi, um die sich die verbliebene Opposition geschart hatte, vollendete er die Alleinherrschaft des Tokugawa-Schogunats (auch Edo-Schogunat genannt).
| 4.2.1. | Feudalordnung |
Ab 1615 leitete Ieyasu einen Reformprozess ein, der im Wesentlichen vom dritten Edo-Schogun, Tokugawa Iemitsu, vollendet wurde und zu einer tief greifenden sozialen Umwälzung in Japan führte. Die Feudalgesellschaft wurde auf eine neue Grundlage gestellt, und Japan erlebte eine 250 Jahre andauernde Friedensperiode.
Japan wurde als zentraler Verwaltungsstaat strukturiert, in dem die Tokugawa-Familie über eine außerordentliche Machtfülle verfügte. Im Zuge der Landkonfiszierungen nach ihrem Sieg im Bürgerkrieg hatten sich die Tokugawa in den Besitz von knapp einem Viertel der Landfläche Japans gebracht. Die Daimyos wurden entsprechend ihrem Verwandtschaftsgrad zum Tokugawa-Clan und ihrer Loyalität im Bürgerkrieg in drei Kategorien eingeteilt und dementsprechend unterschiedlich mit Lehen bedacht.
Eine der wichtigsten Reformen stellte die Einführung des so genannten bakuhan-Systems dar. Es unterstellte die Lehen (han) und die Lehnsherren, selbst den Kaiser und seinen Hofstaat, einer strengen Kontrolle durch den Schogun. Die Lehnsherren mussten dem Tokugawa-Schogun die Treue schwören, ihre Familien quasi als Geiseln für ihr Wohlverhalten in der Hauptstadt Edo ansiedeln und sich selbst jedes zweite Jahr am Regierungssitz aufhalten. Dadurch wurden die großen Lehnsherren eng an den Schogun gebunden, eine effektive Opposition nahezu unmöglich gemacht. Die Rolle des Kaisers blieb auf Repräsentation und Kultus beschränkt.
Die Gesellschaft war in vier streng abgegrenzte Stände eingeteilt: den Schwertadel, der sich aus den Daimyos und den Samurai zusammensetzte und dem der Staats- und Kriegdienst sowie Priestertum, Wissenschaft und Kunst zugeordnet waren, die vom Schwertadel abhängige Bauernschaft, die Handwerker und die Kaufleute. Ein Aufstieg aus den drei nichtadligen Ständen in den Adelsstand war nicht möglich. Bushido, der Ehrenkodex der feudalen Krieger, wurde zum Standard für die Daimyo und die Klasse der Samurai. Während der nachfolgenden beiden Jahrhunderte veränderten sich die Feudalordnung und das Ständesystem kaum.
Während des 18. Jahrhunderts zeigte sich allmählich, dass die Feudalordnung über kurz oder lang in die Krise führen musste. In den langen Zeiten des Friedens verloren die Samurai mit ihrer militärischen Funktion auch ihre wirtschaftliche Basis und verarmten. Zugleich geriet die politisch herrschende Klasse der Daimyos, die auf dem Land verankert war, ins wirtschaftliche Hintertreffen und in finanzielle Abhängigkeit gegenüber dem ökonomisch mächtiger gewordenen Stand der Kaufleute, der in den aufstrebenden Städten eine selbstbewusste Bürgerschicht (chonin) bildete. Im 18. Jahrhundert war Edo mit einer Million Einwohnern die größte Stadt der Welt und blühendes Zentrum einer vorindustriellen Wirtschaft.
| 4.2.2. | Selbstisolation und kulturelles Leben |
In der Tokugawa-Ära schloss sich Japan mit der Sakoku-Politik hermetisch von der übrigen Welt ab. Portugiesische, spanische und niederländische Händler hatten Japan im 16. Jahrhundert zwar relativ häufig besucht, doch ihr ökonomischer Einfluss war gering geblieben. Ab 1624 durften die Spanier in Japan nicht mehr Handel treiben, und in der Folgezeit wurden auch alle anderen Europäer ausgewiesen. Umgekehrt verboten Gesetze von 1636 und 1639 Japanern sowohl die Reise ins Ausland als auch die Rückkehr nach Japan, und der Bau größerer Schiffe wurde untersagt. Nur einige wenige holländische Kaufleute durften als einzige Europäer weiterhin im Land bleiben, jedoch ausschließlich auf der künstlichen Insel Dejima im Hafen von Nagasaki. Der Handel mit China wurde fortgeführt, unterlag aber detaillierten Beschränkungen.
Trotz der Abschirmung nach außen blühten Kunst, Literatur und Wissenschaft. Das Kabukitheater erlebte seine Hochphase, die Malerei war maßgeblich von der durch Koetsu Honami begründeten Schule und dem Ukiyo-e-Stil geprägt. Später folgten die romantischen Landschaftsdarstellungen von Hokusai und Hiroshige. In der Literatur gehörten Ihara Saikaku, Chikamatsu Monzaemon und Bashō zu den bekanntesten Autoren.
Der Konfuzianismus entwickelte sich zur offiziellen Weltanschauung. Im Gegenzug entstand jedoch wieder ein stärkeres Interesse an den ursprünglichen japanischen Traditionen, insbesondere am Shintoismus. Diese Tendenzen verkörperte besonders die Ideologie von Motoori Norinaga, der eine neue Welle des prokaiserlichen Nationalismus auslöste.
Dagegen unterdrückten die Tokugawa-Schogune das Christentum, das sich durch eine relativ erfolgreiche Missionierung verbreitet hatte, als subversive Kraft. 1614 verbot Ieyasu die Konversion von Adligen zum Christentum und verwies die Missionare des Landes. Nach einem Aufstand, mit dem – vorwiegend christliche – Bauern 1637/38 gegen ihre hohe Abgabenlast gegenüber den Grundherren aufbegehrten, fand die Verfolgung japanischer Christen ihren Höhepunkt. Das Christentum wurde verboten.
| 4.2.3. | Imperialistische Zwangsöffnung |
Eine erste Tendenz zur Öffnung Japans gegenüber der Welt zeigte sich 1720, als der Schogun Yoshimune die Ächtung europäischer Bücher aufhob (ausgeschlossen blieben christliche Texte). Anfang des 19. Jahrhunderts mehrten sich die Besuche von Europäern, meist Händlern oder Forschern, obwohl der Bann für die Ausländer nach wie vor in Kraft war. Die chonin, vor allem die großen Kaufleute, stellten die rigiden Sakoku-Regelungen zwar zunehmend in Frage, doch offizielle Änderungen blieben aus.
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatten die Bemühungen Russlands, der USA und der Niederlande um eine erneute Öffnung japanischer Häfen keinen Erfolg. 1854 erzwangen die USA mit Hilfe eines Geschwaders von zehn Kriegsschiffen, das sie in die Bucht vor Edo entsandt hatten, den Abschluss des „Freundschaftsvertrags” von Kanagawa und die Öffnung der japanischen Häfen. Bis 1861 erreichten Großbritannien, Russland, Frankreich, Preußen und die Niederlande ähnliche „Ungleiche Verträge”, die ihnen beträchtliche Privilegien einschließlich der Exterritorialität zusicherten und mit denen sie sich Japan für den Handel erschlossen.
| 4.2.4. | Fremdenfeindliche Opposition und Zusammenbruch des Schogunats |
Die japanischen Kriegsherren, die nur über veraltete Waffen verfügten, waren von der militärischen Ausrüstung der Ausländer beeindruckt und wagten zunächst keinen Widerspruch. Dennoch entwickelte sich bald eine militante ausländerfeindliche Fraktion; ihre Basis bildeten einige mächtige konservative Daimyos, die sich aus der Vormacht der Tokugawa lösen zu können hofften.
Da der Kaiser die „Ungleichen Verträge” nicht sanktioniert hatte, sammelte sich der antiwestliche Patriotismus unter dem Motto „Verehrt den Kaiser, vertreibt die Barbaren” am kaiserlichen Hof und verband sich mit der Forderung nach einer Rückkehr zur direkten Kaiserherrschaft und der Abschaffung des Schogunats. Antiwestliche Ausschreitungen und Angriffe auf ausländische Schiffe in den japanischen Häfen in den Jahren 1863/64 beantworteten westliche Kriegsschiffe mit der Beschießung von Kagoshima und der Forts von Shimonoseki.
Nach bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen, in denen die Macht des Schogunats weiter zerfiel, erklärte der letzte Tokugawa-Schogun, Yoshinobu, im November 1867 seinen Rücktritt. Unter dem Einfluss der Daimyos der Anti-Tokugawa-Fraktion erklärte der erst 15-jährige Tenno Mutsuhito (1867-1912) am 3. Januar 1868 das Schogunat für abgeschafft und ernannte eine ihm unterstellte Regierung mit einem Angehörigen der kaiserlichen Familie als Regierungschef. Zugleich verfügte er die Enteignung des umfangreichen Landbesitzes seines bisherigen Schoguns; allerdings konnte er die Enteignung erst in einem kurzen, aber heftigen Bürgerkrieg durchsetzen, den die Lehnsherren von Satsuma, Choshu und Tosa mit ihren Streitkräften in seinem Namen gegen die Tokugawa-Armee führten.
| 5. | Aufstieg zur Großmacht: Die Meiji-Zeit (1868-1912) |
| 5.1. | Restauration der Tennomacht und Erneuerung |
Mutsuhito, der nach einem Jahrtausend der politischen Bedeutungslosigkeit des Tennos die Macht des Kaisertums erneuerte, stellte seine Regierungszeit unter das Motto Meiji („Erleuchtete Regierung”) und nahm als Tenno den Namen Meiji an. Die kaiserliche Residenz wurde dauerhaft nach Edo verlegt, das zugleich Regierungssitz wurde und den neuen Namen Tokyo („östliche Hauptstadt”) erhielt. Am 6. April 1868 verkündete Mutsuhito in der so genannten Eidescharta der Fünf Artikel die Prinzipien, nach denen Japan den Weg in die neue Zeit beschreiten sollte. Als Ausdruck der Restauration des Kaisertums wurde der Shintoismus, in dem der Tenno als Gott verehrt wird, 1868 zur Staatsreligion erklärt.
Die in den folgenden Jahren durchgeführten so genannten Meiji-Reformen unter dem Motto „Reiches Land, starke Armee” waren darauf angelegt, Japan in den Kreis der Weltmächte einzureihen. Dabei folgte die kaiserliche Regierung dem Vorbild der USA und der unterdessen industrialisierten europäischen Staaten, insbesondere im Verfassungssystem, in Verwaltung und Militär (Vorbild: Preußen), im Justizwesen (Frankreich) und im Bildungswesen (USA). Hierfür zog sie westliche Experten heran und ließ ihre eigenen hohen Beamten im Ausland schulen. Das große Meiji-Reformwerk bildete die Grundlage für den modernen japanischen Staat und seine wirtschaftliche Modernisierung.
| 5.1.1. | Gesellschaftliche Veränderungen, wirtschaftlicher Aufbruch |
1871 wurde das Lehenssystem formell aufgelöst, der besitzende Adel damit entmachtet. Präfekturen traten an die Stelle der bisherigen Territorialherrschaften. Die bisherigen Lehnsherren, die Daimyos, wurden jedoch teilweise dadurch entschädigt, dass sie wichtige Positionen in der neuen, zentral organisierten staatlichen Verwaltung erhielten. Die starren Klassenschranken und die Privilegien der Stände wurden aufgehoben, u. a. durch ein neues Steuersystem (1873) sowie die Einführung der Schulpflicht (1872) und der allgemeinen Wehrpflicht (1873). Den Widerstand der Samurai gegen die Abschaffung ihres Standes brachen die kaiserlichen Truppen 1877 mit Gewalt.
Zu den weiteren Neuerungen gehörten die Einführung des gregorianischen Kalenders (1873) und einer neuen Währung. Mit der Modernisierung des Postwesens und dem Bau der Eisenbahn (die erste Strecke von Yokohama nach Tokyo wurde 1872 fertig gestellt) vollzog sich, staatlich gelenkt, eine rasante Industrialisierung.
| 5.1.2. | Modernisierung von oben |
Die Änderungen im politischen System Japans und alle anderen Modernisierungen waren Ergebnis einer „Revolution” von oben, an der die breite Masse und ihre politischen Bewegungen nicht beteiligt waren. Treibende Kräfte waren vielmehr die Oligarchen aus den Provinzen Choshu und Satsuma, die den Sturz des Tokunawa-Schogunats herbeigeführt hatten und nun eine führende Rolle in der Regierung und am kaiserlichen Hof spielten. Zu ihnen gehörten die „Drei Helden” der Meiji-Reformen, Okubo Toshimichi, Saigo Takamori und Kido Takayoshi.
Die Lage der Bauern als größter Bevölkerungsgruppe verbesserte sich durch die Reformen zunächst kaum. Nach wie vor hatten sie die größte Steuerlast zu tragen, und die so genannten Reisaufstände dauerten bis in das 20. Jahrhundert hinein an.
Als ersten Ministerpräsidenten setzte der Tenno 1885 Ito Hirobumi ein, der als einer der Gründungsväter des modernen Japan gilt. Bei der Ausarbeitung der 1889 in Kraft getretenen Verfassung orientierte er sich im Wesentlichen am preußisch-deutschen Vorbild. Nach dieser Verfassung verblieb dem Tenno, der in seinem gottähnlichen Status über dem Gesetz stand, im Rahmen der konstitionellen erblichen Monarchie eine große Machtfülle: Er war militärischer Oberbefehlshaber, erließ in Abstimmung mit dem Parlament die Gesetze und regierte mit Hilfe des Ministerpräsidenten, der den Ministern vorstand. Ähnlich wie nach der Verfassung des Deutschen Reiches war das Kabinett nicht dem Zweikammerparlament, sondern dem Monarchen verantwortlich. Das Zensuswahlrecht begrenzte den Anteil der Wahlberechtigten auf nur etwa 1 Prozent der Bürger. 1881 hatte sich die Liberale Partei (Jiyuto), 1889 die Konstitutionelle Reformpartei (Kaishinto) gegründet.
Die neue japanische Verfassung bot größere individuelle Freiheiten als das Tokugawa-System und sicherte erstmals das Privateigentum. Die Grenzen der Exekutivgewalten waren jedoch unklar, und das Militär behielt durch sein Vetorecht bei der Kabinettsbildung eine einflussreiche politische Stellung. Bei den ersten Unterhauswahlen im Juli 1890 errangen die Liberale Partei und die Reformpartei gemeinsam die absolute Mehrheit, blieben jedoch von der Regierungsbildung ausgeschlossen. Der vom Kaiser ernannte Regierungschef Fürst Yamagata Aritomo arbeitete stattdessen mit den Abgeordneten der Gesellschaft für große Errungenschaften (Taiseikai) und solchen anderer Parteien zusammen.
| 5.2. | Japanischer Imperialimus |
Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts folgte Japan dem Vorbild des Imperialismus der westlichen Großmächte und zielte auf eine Ausweitung seines Machtbereichs. Wirtschaftliches Motiv war dabei vor allem die Rohstoffarmut des Landes. 1879 annektierte es die Ryukyu-Inseln, die seit 1609 unter japanischem Protektorat standen. Der Konflikt um die Kontrolle über Korea löste 1894 den 1. Chinesisch-Japanischen Krieg aus, den Japan dank seiner modernisierten Streitkräfte rasch für sich entschied. Im Frieden von Shimonoseki vom April 1895 musste China die Unabhängigkeit Koreas anerkennen, das Japan jedoch schnell unter seine Vorherrschaft brachte; zudem musste China Taiwan (Formosa) sowie die Pescadores-Inseln an Japan abtreten und darüber hinaus Reparationszahlungen leisten.
Die zunächst ebenfalls vereinbarte Übergabe der Liaodong-Halbinsel an Japan verhinderten Russland, Frankreich und Deutschland, die damit Japan erstmals als imperialistischen Konkurrenten in seine Schranken verwiesen. 1899 erreichte Japan die Aufhebung der letzten aus den „Ungleichen Verträgen” stammenden Exterritorialrechte der ausländischen Mächte.
Durch seine Interessen in Korea und Nordostasien geriet Japan unweigerlich in Konflikt mit Russland. Im Zuge der Niederschlagung des Boxeraufstands in China 1900 besetzte Russland die Mandschurei. Nachdem Japan sich 1902 durch einem Defensivbündnis mit Großbritannien abgesichert hatte und Verhandlungen mit Russland über Korea und die Mandschurei erfolglos geblieben waren, griff es im Februar 1904 den von Russland gepachteten Hafen Port Arthur (siehe Dalian) auf der Liaodong-Halbinsel an und löste damit den Russisch-Japanischen Krieg aus. In weniger als eineinhalb Jahren besiegte Japan die etablierte Großmacht Russland.
In dem 1905 von US-Präsident Theodore Roosevelt vermittelten Friedensvertrag von Portsmouth (USA) erhielt Japan von Russland die Rechte an der südmandschurischen Eisenbahn, die Pachtrechte an der Liaodong-Halbinsel und an Guangdong sowie die Südhälfte von Sachalin. Darüber hinaus anerkannte Russland die Kontrolle Japans über Korea. Fünf Jahre später (1910) unterwarf Japan Korea durch Annexion vollständig; Anlass hierfür war die Ermordung von Ito Hirobumi kurz nach seinem Rücktritt als Generalgouverneur in Korea durch einen koreanischen Nationalisten.
| 6. | Vom 1. zum 2. Weltkrieg (1914-1945) |
| 6.1. | Die Taisho-Zeit (1912-1926) |
Nach dem Tod von Tenno Meiji 1912 übernahm sein Sohn Yoshihito als Tenno Taisho („Große Gerechtigkeit”) die Nachfolge. Seine Amtszeit, in der er, körperlich und geistig erkrankt, die Regentschaft 1921 Kronprinz Hirohito überlassen musste, war vom Übergang der autoritären Regierungsform der Meiji-Ära zum krisengeschüttelten parlamentarischen System sowie von großen sozialen Spannungen gekennzeichnet, die nach dem verheerenden Erdbeben in Tokyo 1923 eskalierten.
| 6.1.1. | 1. Weltkrieg |
Aufgrund seines Bündnisvertrags mit Großbritannien von 1902 beteiligte sich Japan am 1. Weltkrieg auf alliierter Seite und erklärte dem Deutschen Reich am 23. August 1914 den Krieg. Bis Ende 1914 eroberten japanische Truppen die deutsche Niederlassung Tsingtau und besetzten die deutschen Kolonien Marshall-, Karolinen- und Marianen-Inseln im Pazifischen Ozean. Im Januar 1915 legte Japan der chinesischen Regierung 21 Forderungen vor, in denen es sehr weitgehende wirtschaftliche und politische Vorrechte in China für sich reklamierte. Obwohl diese Forderungen die Umwandlung Chinas in ein halbkoloniales Land unter japanischer Herrschaft bedeuteten, sah sich die chinesische Regierung zu diesem Zeitpunkt gezwungen, die 21 Forderungen weitestgehend zu akzeptieren. Erstmals traten hier die japanischen Hegemonialansprüche gegenüber China und dem gesamten ostasiatischen Raum in aller Deutlichkeit zu Tage. Ein Jahr später, 1916, überließ China Japan seine Handelsrechte in der Inneren Mongolei und der südlichen Mandschurei.
| 6.1.2. | Nachkriegszeit: Vom Sieg zur Krise |
Durch den Versailler Vertrag erhielt Japan nach dem Ende des 1. Weltkrieges vom Völkerbund die ehemals deutschen Marshall-, Karolinen- und Marianen-Inseln (mit Ausnahme von Guam, das an die USA fiel) als Mandatsgebiete. Das von Deutschland gepachtete chinesische Kiautschou fiel ebenfalls an Japan, musste aber aufgrund des Shandong-Vertrags, der 1922 auf der Washingtoner Konferenz unterzeichnet wurde, noch im selben Jahr an China zurückgegeben werden. Durch seine Zustimmung zu den Ergebnissen dieser Konferenz, die neben der Übergabe von Shandong die Rücknahme der 21 Forderungen durch Japan und die Anerkennung der territorialen Integrität und Souveränität Chinas einschlossen, demonstrierte Japan zwar eine versöhnliche Haltung gegenüber China. Dennoch empfand vor allem die Sowjetunion die ökonomische Interessenpolitik Japans in China weiterhin als bedrohlich und sah sich darin durch die innenpolitische Entwicklung Japans bestärkt. Im Flottenabkommen der Washingtoner Konferenz ließ sich Japan auf eine Begrenzung seiner Flottenstärke im Verhältnis 3:5:5 (Japan:USA:Großbritannien) festlegen.
Im September 1918 übernahm erstmals der Vertreter einer Partei die Regierungsgeschäfte, die über eine Mehrheit in dem unterdessen etablierten Zweiparteiensystem verfügte: Hara Takashi, Mitbegründer und Vorsitzender der Konstitutionellen Partei (Seiyukai), leitete als erster bürgerlicher Premierminister das erste echte Parteienkabinett. Dem starken Einfluss des nationalistischen Militärs setzte er jedoch wenig entgegen. Das Militär kontrollierte die Politik durch seine starke Präsenz im Geheimen Staatsrat und im Militärsenat, der 1903 als Beratungsgremium des Kaisers eingerichtet worden war.
Während schwerer innerer Unruhen fiel Hara Takashi 1921 einem Attentat zum Opfer. In Stufen wurde bis 1925 das allgemeine Wahlrecht für Männer über 25 Jahren eingeführt; die Zahl der Wahlberechtigten stieg damit auf 14 Millionen an.
| 6.2. | Faschismus und Krieg: Die frühe Showa-Ära (1926-1945) |
| 6.2.1. | Expansionismus, Rassismus, Militarismus |
Nach dem Tod seines Vaters bestieg Hirohito 1926 den Thron; er stellt seine Regierung unter die Losung Showa („Glänzende Harmonie”). Verschiedene innere Entwicklungen drängten zunehmend auf eine erneute aggressive Politik gegenüber China. Wichtigste treibende Kraft in dieser Richtung war die japanische Industrie, deren Kapazitäten seit Beginn des 1. Weltkrieges in großem Stil ausgebaut worden waren. Der Ideologie der militärischen Sicherung von Absatzmärkten folgend forderte sie eine offensive Außenpolitik. Auch die Verdoppelung der japanischen Bevölkerungszahl seit 1868 schien die Forderung nach Expansion zu rechtfertigen. Ähnlich wie von den Nationalsozialisten in Deutschland wurde die Expansionsforderung von den Faschisten in Japan mit einer rassistischen „Lebensraum”-Ideologie verknüpft, die den Japanern als vermeintlich höherstehender Rasse die Sendung zuschrieb, sich als „Herrenvolk” in Asien auszubreiten. Siehe auch Lebensraum (Ideologie)
Im Zuge der Weltwirtschaftskrise, die den Exportmarkt Japans weitgehend ruinierte und sich vor allem in der Landwirtschaft katastrophal auswirkte, erhöhte sich der innenpolitische Druck weiter. Vor diesem Hintergrund wirkte die Unterzeichnung des Londoner Flottenabkommens, in dem sich die USA, Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan auf weitere Rüstungsbeschränkung einigten, durch Premierminister Hamaguchi Osachi im April 1930 auf die politische Rechte als Provokation. Das Attentat auf Hamaguchi im November 1930 (er starb 1931 an den Folgen des Attentats) gab den Auftakt für eine Serie von Politikermorden. Die Besetzung der Mandschurei 1931 und ein – gescheiterter – Putschversuch jüngerer Offiziere zur Errichtung einer Militärdiktatur im Mai 1932 beschleunigten den Niedergang des parlamentarischen Parteiensystems.
Die Macht verlagerte sich auf die Seite der Generäle, die, gefördert von großen Industriellenfamilien und mit Billigung des Kaisers, auf die Errichtung eines militärfaschistischen Regimes zusteuerten, das sich am Vorbild des nationalsozialistischen Deutschland orientieren sollte. 1936 erreichten sie den Abschluss des Antikominternpakts mit Deutschland; 1937 trat auch das faschistische Italien dem Pakt bei.
| 6.2.2. | Besetzung der Mandschurei |
Obwohl die Expansionspolitik gegenüber China in den zwanziger Jahren offiziell beendet worden war, hatten die dort stationierten japanischen Militäreinheiten den Einfluss Japans in Verwaltung und Wirtschaft zielstrebig ausgebaut. Als der chinesische Widerstand gegen diese Entwicklung immer stärker wurde, nahm die japanische Armee 1931 einen von ihr inszenierten Vorfall, den so genannten Mandschurischen oder Mukden-Zwischenfall, zum Anlass, ohne offiziellen Befehl der japanischen Regierung die gesamte Mandschurei zu besetzen. Unter dem Namen Mandschukuo errichtete sie hier 1932 einen nominell unabhängigen Marionettenstaat und setzte Pu Yi, der als Xuantong der letzte chinesische Kaiser gewesen war (1908-1912), als Regenten ein; 1934 wurde Pu Yi zum Kaiser des international nicht anerkannten Staates erhoben.
1933 griffen japanische Truppen Shanghai an und stießen auch im Norden von der Mandschurei her auf chinesisches Territorium vor. Als der Völkerbund Japan zur Einstellung seiner Aggression aufforderte, trat Japan aus der Organisation aus. Auch ein chinesisch-japanischer Waffenstillstand vom Mai 1933 konnte der japanischen Expansion in China kein Ende setzen.
| 6.2.3. | Krieg gegen China |
Ein Zusammenstoß zwischen chinesischen und japanischen Truppen in Peking, wo aufgrund der nach dem Boxeraufstand vereinbarten Boxer-Protokolle von 1901 immer noch japanische Militäreinheiten stationiert waren, diente Japan im Juli 1937 als Vorwand zur Eröffnung des – formell nicht erklärten – 2. Chinesisch-Japanischen Krieges. Das schnelle Vorrücken der japanischen Truppen war begleitet von Kriegsverbrechen und schweren Übergriffen gegen die chinesische Zivilbevölkerung, unter der es zu hohen Verlusten kam. Der Widerstand der Chinesen, die ihren Bürgerkrieg zugunsten einer Volksfront zur nationalen Verteidigung zurückgestellt hatten, brachte den Vormarsch Japans 1938 vorerst zum Stillstand.
Die zivile japanische Führung beraubte sich selbst ihrer Einflussmöglichkeiten auf die Kriegsführung, als Ministerpräsident Fürst Konoe Fumimaro 1937 die Verantwortung für die gesamte Kriegsführung direkt an die Streitkräfte abtrat. Mit dem Ende 1937 vorgelegten expansionistischen Konzept „Neue Ordnung Ostasiens”, dem sie 1938 die Generalmobilmachung folgen ließ, bekräftigte die japanische Führung formell den Anspruch auf eine Hegemonie über Ostasien. Mit dem Beginn des Krieges gegen China waren alle sozialen Bewegungen verboten oder für den Krieg funktionalisiert worden, und im September 1940 wurden auf Betreiben Konoes auch alle politischen Parteien aufgelöst und durch den Bund zur Förderung der Kaiserherrschaft ersetzt. In der Art einer faschistischen Einheitspartei sollte der Bund den politischen Willen von oben nach unten durchsetzen und das „neue System” des japanischen Faschismus vollenden.
| 6.3. | 2. Weltkrieg |
| 6.3.1. | Erste Phase |
Der Ausbruch des 2. Weltkrieges in Europa im September 1939 bot Japan weitere Möglichkeiten aggressiver Expansionspolitik. Die entsprechenden Militäraktionen wurden durch verschiedene diplomatische Schritte eingeleitet: Im September 1940 schloss Japan mit Deutschland und Italien den Dreimächtepakt. Um die Nordgrenze der Mandschurei zu sichern, vereinbarte Japan im April 1941 – ungeachtet des Antikominternpaktes – mit der UdSSR einen Nichtangriffspakt. In der Zwischenzeit hatten die japanischen Streitkräfte mit Zustimmung der von Deutschland abhängigen Vichy-Regierung die französischen Kolonien in Indochina besetzt und drangen auch in die niederländisch-ostindischen Gebiete ein. Die USA reagierten hierauf mit der Verhängung eines Wirtschaftsembargos.
Als sich abzeichnete, dass es das japanische Militär auf eine Konfrontation mit den USA anlegte, überließ Ministerpräsident Konoe dem Führer der Ultranationalisten, General Tojo Hideki, im Oktober 1941 die Regierungsverantwortung.
| 6.3.2. | Pearl Harbor und Pazifischer Krieg |
Am 7. Dezember 1941 griffen japanische Bomber Pearl Harbor auf Hawaii an, den wichtigsten Stützpunkt der US-Flotte im Pazifik. Gleichzeitig eröffneten die japanischen Streitkräfte den Angriff auf weitere amerikanische Stützpunkte sowie die britischen Kolonien im gesamten südostasiatischen Raum (siehe Pazifikfeldzüge). Am 8. Dezember 1941 erklärten die USA ebenso wie alle anderen Alliierten – mit Ausnahme der UdSSR – Japan den Krieg.
Zur ideologischen Ummantelung seiner großjapanischen Hegemonialansprüche propagierte Japan für den von ihm beherrschten Raum Pläne unter den Bezeichnungen „Großer Ostasiatischer Zusammenschluss” und „Ostasiatische Wohlstandssphäre”. Unter dem Schlagwort „Asien den Asiaten” suchte sich Japan in den von ihm besetzten Gebieten die antikolonialistischen Strömungen dienstbar zu machen, doch provozierte es mit seinem brutalen Vorgehen in den besetzten Ländern selbst immer heftigeren Widerstand.
Zwischen Dezember 1941 und März 1942 besetzten japanische Truppen nahezu ganz Indochina und Niederländisch-Indien; Thailand wurde im Dezember 1941 zu einem Bündnis mit Japan gezwungen. Seit der Landung auf Neuguinea und den Salomonen-Inseln lagen zudem ab März 1942 Australien und Neuseeland in unmittelbarer Nähe des japanischen Machtbereichs, in dem zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung rund 450 Millionen Menschen lebten.
| 6.3.3. | Niederlage und Kapitulation |
1942 erzwangen die USA durch Siege in großen Seeschlachten, vor allem in der Schlacht von Midway (1942), und die Eroberung von Guadalcanal (1942/43) die militärische Wende. Durch Großoffensiven wurden die Japaner 1943 im Südpazifik und 1944 im mittleren Pazifik zurückgedrängt. Zwischen Oktober 1944 und Februar 1945 erfolgte die Rückeroberung der Philippinen.
Als sich immer deutlicher herauskristallisierte, dass Japan den Krieg verlieren würde, trat das von General Tojo geführte Kabinett im Juni 1944 zurück. Neuer Premierminister wurde der ehemalige General Kuniaka Koiso. Anfang 1945 eroberten die USA Okinawa und flogen Bombenangriffe auf japanische Städte, bei denen hunderttausende Zivilisten ums Leben kamen.
Auf die Zurückweisung ihrer Aufforderung zur bedingungslosen Kapitulation antworteten die USA mit dem erstmaligen Einsatz von Atomwaffen. Aus militärischen Gründen keineswegs erforderlich, sollte der Einsatz von Atomwaffen das schnelle Ende des Krieges erzwingen, damit suchte man zu verhindern, dass sich die Sowjetunion an einer Besetzung Japans beteiligen konnte, wie dies auf der Jalta-Konferenz im Februar 1945 verabredet worden war. Am 6. August 1945 zerstörte die erste Atombombe Hiroshima, am 9. August die zweite Atombombe Nagasaki. Mehr als 200 000 Menschen starben, die Verwüstungen erreichten ein bisher nicht gekanntes Ausmaß. Am 8. August 1945 erklärte die Sowjetunion Japan den Krieg und drang in die Mandschurei ein.
Nachdem die Alliierten die Beibehaltung des Kaisertums zugestanden hatten – zunächst hatten sie neben der bedingungslosen Kapitulation auch die Abdankung des Tennos gefordert –, verkündete der Kaiser Hirohito am 15. August 1945 die Bereitschaft zur Kapitulation. Am 2. September 1945 wurde an Bord des amerikanischen Schlachtschiffs Missouri die Kapitulationsurkunde unterzeichnet. Damit endete der 2. Weltkrieg. Am 9. September 1945 kapitulierten auch die japanischen Armeen in China.
Nach der Kapitulation wurde Japan von US-amerikanischen Truppen besetzt. Die Innere Mongolei, die Mandschurei, Taiwan und Hainan wurden an China zurückgegeben. Die UdSSR behielt ganz Sachalin, übernahm die Kontrolle über die Äußere Mongolei und besetzte die Kurilen. Port Arthur und die südmandschurische Eisenbahn kamen unter die gemeinsame Kontrolle der UdSSR und Chinas. Korea wurde selbständig. Alle ehemals japanischen Südseemandate wurden von den USA übernommen und den Vereinten Nationen (UN) unterstellt, alle nach 1868 erfolgten Erweiterungen des japanischen Staatsgebiets rückgängig gemacht.
| 7. | Aufstieg zur Wirtschaftsweltmacht: Die späte Showa-Ära (1945-1989) |
| 7.1. | Unter amerikanischem Besatzungsregime |
| 7.1.1. | Neuordnung |
Am 11. August 1945, also noch vor der japanischen Kapitulation, wurde General Douglas MacArthur zum Oberbefehlshaber der Alliierten (SCAP, Supreme Commander for the Allied Powers) im besetzten Japan ernannt. Die meisten Fragen zur Besatzungspolitik wurden von der Ostasienkommission (Far Eastern Commission) mit Sitz in Washington behandelt, in der neben den USA Großbritannien, die UdSSR, Australien, China, Frankreich, Indien, Kanada, Neuseeland, die Niederlande und die Philippinen vertreten waren. Gegenüber dem SCAP hatte die Kommission in den meisten Angelegenheiten jedoch nur beratende Funktion.
Ziele der amerikanischen Besatzungspolitik waren die Demokratisierung des politischen Systems Japans, die Entfernung aller für die militaristische Politik Japans Verantwortlichen aus ihren Positionen und eine Neuordnung der Wirtschaft, die die Zerschlagung der Großunternehmen einschließen sollte. Mit all diesen Maßnahmen sollte zugleich gewährleistet werden, „dass Japan nicht wieder eine Bedrohung für Amerika wird … und die Ziele Amerikas unterstützt”, wie es in der Proklamation der „Grundlegenden Maßnahmen der Vereinigten Staaten für die erste Zeit der Besatzung” vom 22. September 1945 hieß. Entsprechend diesen Prioritäten gestalteten die USA in den ersten Nachkriegsjahren ihre Besatzungspolitik.
Im Dezember 1945 gestattete die Besatzungsmacht die Gründung von Gewerkschaften und politischen Parteien. Das neue Parteienspektrum umfasste Liberale, Fortschrittspartei, Gemeinschaftspartei, Sozialisten und Kommunisten. Bei den Parlamentswahlen vom 10. April 1946 gewannen Liberale und Fortschrittspartei die Mehrheit und bildeten unter Führung des Liberalen Yoshida Shigeru die erste Nachkriegsregierung.
Am 3. November 1946 verkündete Kaiser Hirohito, der bereits im Januar 1946 den Status seiner Göttlichkeit hatte aufgeben müssen, die neue Verfassung; sie trat am 3. Mai 1947 in Kraft. Nach amerikanischen Vorgaben gestaltet, definierte sie Japan als parlamentarische Demokratie und garantierte die bürgerlichen Grundrechte. Der Kaiser repräsentierte nun nur noch die Nation und nahm keinerlei Regierungsfunktionen mehr wahr. Die Regierung, an ihrer Spitze der vom Parlament gewählte Ministerpräsident, wurde dem Parlament verantwortlich. Das Parlament selbst setzte sich aus zwei direkt gewählten Kammern zusammen. Wahlberechtigt waren nun auch Frauen. Der in der Verfassung verankerte Verzicht auf eigene Streitkräfte wurde nach dem Koreakrieg dahin gehend modifiziert, dass Japan „Selbstverteidigungsstreitkräfte” aufbauen konnte.
Zur Bestrafung von Kriegsverbrechern wurde ein internationaler Gerichtshof gebildet, dem Vertreter von elf Nationen angehörten; er nahm am 3. Mai 1946 in Tokyo seine Verhandlungen auf und tagte bis zum 12. November 1948 (siehe Kriegsverbrecherprozesse). Der ehemalige Premierminister Tojo als Hauptbeschuldigter und sieben weitere Angeklagte wurden wegen Kriegsverbrechen zum Tod verurteilt und hingerichtet, gegen 19 andere verhängte das Gericht lebenslängliche Freiheitsstrafen. Fürst Konoe, Mitschöpfer des japanischen Kriegsprogramms, nahm sich vor Prozessbeginn das Leben.
Ähnlich wie im besetzten Deutschland führte der sich seit Anfang 1947 deutlich abzeichnende Kalte Krieg zu einer Änderung der Politik der Besatzungsmacht gegenüber dem früheren Kriegsgegner. Um den Wiederaufbau der japanischen Wirtschaft schneller vorantreiben zu können, hob General MacArthur die politischen Säuberungsmaßnahmen, von denen ursprünglich rund 180 000 Personen betroffen gewesen waren, wieder auf, zahlreiche Fachkräfte kehrten in ihre früheren Tätigkeitsbereiche zurück. Auch die Entflechtungsmaßnahmen, mit denen die Macht der Großkonzerne hatte beschnitten werden sollen, wurden rückgängig gemacht. Nachdem die USA gleich nach Kriegsende mit umfangreichen Lebensmittellieferungen die Hungersnot in Japan bekämpft hatten, förderten sie nun den Wiederaufbau der Wirtschaft.
| 7.1.2. | Friedensvertrag und Souveränität |
Mit dem Ausbruch des Koreakrieges im Juni 1950 wuchs Japan unter der Federführung MacArthurs in der Auseinandersetzung mit dem „Weltkommunismus” in die Rolle eines Verbündeten, ähnlich wie die Bundesrepublik Deutschland. Zum Wiedereintritt in die Weltpolitik gehörte jedoch die Wiedererlangung der Souveränität. Am 8. September 1951 unterzeichneten die Vertreter von 49 Staaten, unter ihnen die westlichen Großmächte und fast alle weiteren früheren Kriegsgegner Japans, den Frieden von San Francisco, der den Kriegszustand offiziell beendete. Die Sowjetunion und in ihrem Gefolge die Tschechoslowakei und Polen lehnten eine Unterzeichnung ab, weil der Vertrag Japan die Rolle eines Militärstützpunktes der USA zuschrieb. Außerdem argumentierten sie, dass eine Friedensregelung ohne Beteiligung der Volksrepublik China, die – wie auch Nationalchina (Taiwan) – zur Friedenskonferenz nicht eingeladen worden war, keinen Bestand haben könnte.
In dem Friedensvertrag verzichtete Japan auf alle territorialen Ansprüche außerhalb seiner Grenzen von 1868 und akzeptierte damit auch alle Verluste des 2. Weltkrieges. Nur der Streit um die Kurilen, die 1945 von sowjetischen Truppen besetzt wurden und von Japan zurückverlangt wurden, konnte nicht beigelegt werden. Zugleich verpflichtete sich Japan zu Reparationsleistungen, über die es später Vereinbarungen mit den Philippinen, Indonesien, Burma und Vietnam schloss. Zugestanden erhielt Japan das Recht auf Selbstverteidigung und auf den Eintritt in Verteidigungspakte. Dieses nahm es sogleich wahr, indem es ein bilaterales Verteidigungsabkommen (Sicherheitsvertrag) mit den USA schloss. In diesem Abkommen räumte Japan den USA das Recht zur Stationierung von Streitkräften ein. In der Folge blieben Okinawa, die Bonin-Inseln und Chisima unter Kontrolle der US-Armee.
Am 28. April 1952 endete die Besatzungsherrschaft und war die volle Souveränität Japans wieder hergestellt.
| 7.2. | Vom „Wirtschaftswunder” zur Exportnation |
Amerikanische Hilfe zum Wiederaufbau der durch die schweren Bombenangriffe weitgehend zerstörten Industrie und die Versorgung der US-Truppen im Koreakrieg stießen das japanische „Wirtschaftswunder” an. Binnen weniger Jahre stieg Japan in den Kreis der führenden Industrie- und Exportnationen auf: 1955 erreichte das Bruttoinlandsprodukt fast das doppelte Volumen der Vorkriegszeit, 1960 war Japan schon die viertstärkste Wirtschaftsnation. Der Export stieg sprunghaft an: Betrug sein Wert 1960 noch rund vier Milliarden US-Dollar, so verfünffachte er sich bis 1970 auf 20 Milliarden und machte Japan 1980 mit einem Volumen von 130 Milliarden US-Dollar zur zweitstärksten Wirtschaftsmacht der Welt. Einen ersten Einschnitt bedeutete die erste Rezession im Gefolge der von den arabischen Ölproduzenten verursachten Ölkrise (1973), die Japan als rohstoffarme Industrienation empfindlich traf. Seitdem verlangsamte sich das wirtschaftliche Wachstum.
| 7.3. | Innenpolitik unter der Regie der Liberaldemokraten |
Die Auseinandersetzungen um die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, über Fragen der Wiederbewaffnung und über den Kurs im Ost-West-Konflikt führten bis Mitte der fünfziger Jahre zu einer Klärung der Kräfteverhältnisse zwischen den innenpolitischen Lagern Japans. Die von Ministerpräsident Yoshida Shigeru seit 1949 betriebene Politik der engen Zusammenarbeit mit den USA stieß innerhalb der Liberalen Partei auf zunehmenden Widerstand. Ende November 1954 spalteten sich die konservativen Kritiker unter dem Namen Demokratische Partei von den Liberalen ab, und Yoshida musste zurücktreten. Mit Hilfe der Sozialisten wurde Hatoyama Ichiro, der Führer der Demokratischen Partei, zum Ministerpräsidenten gewählt (1954-1956). Neuwahlen 1955 brachten weder der Demokratischen Partei noch den Sozialisten die Regierungsmehrheit. Im politischen Patt unterstützten nun die Liberalen Hatoyama, verbanden sich dann mit den Demokraten zur Liberaldemokratischen Partei (LDP) und verfügten damit über die absolute Mehrheit, die sie für Jahrzehnte behaupten sollten.
Bis Anfang der neunziger Jahre blieb die LDP die dominierende Regierungspartei. Einzige größere Oppositionspartei während dieser Zeit waren die Sozialisten, die sich – neben den radikaleren, aber nur in Teilen der Arbeiterschaft und Gewerkschaften einflussreichen Kommunisten – zum Wortführer des Widerstands gegen die restaurative Entwicklung der Gesellschaft machten. Durch einen Generalstreik von vier Millionen Arbeitern wurde 1958 ein Gesetzesvorhaben der Regierung verhindert, das eine erhebliche Ausdehnung polizeilicher Befugnisse vorsah.
Auch die fortgesetzte enge außenpolitische Anlehnung Japans an die USA sorgte für politische Unruhe. Im November 1959 wurden bei antiamerikanischen Demonstrationen, die sich gegen einen neuen Sicherheitsvertrag mit den Vereinigten Staaten (siehe unten) richteten, mehr als 500 Menschen verletzt. Im Januar 1960 scheiterte die Linksopposition unter Führung der Sozialisten mit dem Versuch, die Unterzeichnung und Ratifizierung des Vertrags zu verhindern. In der schweren inneren Krise wurde der Führer der Sozialisten, Asanuma Inejiro, Opfer eines Attentats. Angesichts der gewalttätigen Unruhen wurde ein geplanter Staatsbesuch des amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower in Japan abgesagt und der seit 1957 amtierende Ministerpräsident Kishi Nobusuke zum Rücktritt gezwungen. Sein Nachfolger wurde Ikeda Hayato, der die Regierung bis 1964 führte.
Vor dem Hintergrund politischer Verunsicherung verbuchte die konservative buddhistische Laienorganisation Soka-gakkai ab den fünfziger Jahren großen Zulauf und zählte Anfang der sechziger Jahre zehn Millionen Mitglieder. Mit der Komeito („Partei der Sauberkeit”) als ihrem politischen Arm nahm sie seit 1964 mit einigem Erfolg auch an Parlamentswahlen teil, ihre Nachfolgeorganisation Neue Komeito trat 1999 in die Regierung ein.
Das immense Wirtschaftswachstum während der Regierungszeit von Ministerpräsident Sato Eisaku (1964-1972), mit dem sich auch der Lebensstandard der Bevölkerung deutlich erhöhte, bewirkte eine gewisse politische Beruhigung. Die wirtschaftliche Entwicklung und die Durchsetzung der Konsumgesellschaft warfen allerdings neue politische Fragen auf. Ministerpräsident Tanaka Kakuei (1972-1974) skizzierte mit seinem „Plan für die Neugestaltung des japanischen Archipels” die Ziele für den notwendig gewordenen strukturellen Umbau Japans. Umweltverschmutzung rückte als politische Aufgabe erstmals in den Vordergrund. Das Problem der Bodenspekulation in den städtischen Ballungsräumen fand in einem entsprechenden Gesetz vom Mai 1974 eine erste Regelung (nach einer Preissteigerung von über 30 Prozent innerhalb von zwei Jahren).
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten im Zuge der internationalen Energiekrise und der Lockheed-Korruptionsskandal, über den Tanaka 1974 stürzte, destabilisierten erneut die innenpolitischen Verhältnisse. 1976 wurde Tanaka verhaftet und wegen Bestechung angeklagt. Unter dem LDP-Vorsitzenden und Ministerpräsidenten Nakasone Yasuhiro (1982-1987) verlor die LDP weiter an Vertrauen und an Stimmen, doch behauptete sie ihre Mehrheit im Parlament und blieb – bis 1993 – die führende Regierungspartei. Im April 1989 musste mit Ministerpräsident Takeshita Noboru erneut ein LDP-Vorsitzender nach nur 18-monatiger Amtszeit zurücktreten, weil er Bestechungsgelder angenommen hatte.
| 7.4. | Außenpolitik |
Nach dem Friedensvertrag von San Francisco von 1951 und der Aufnahme in die UNO 1956 war Japan wieder gleichberechtigtes Mitglied in der Völkergemeinschaft. Gleichwohl blieb sein politisches Gewicht auf dem internationalen Parkett für Jahrzehnte hinter seinem wirtschaftlichen Einfluss zurück. Dazu trugen nicht zuletzt die ungelösten Probleme im Verhältnis zu vielen Staaten im asiatischen Raum bei, das durch die Hypothek des Pazifischen Krieges weiterhin belastet war. Prägend für Japans Rolle in der Weltpolitik blieb das Verhältnis zu den USA.
| 7.4.1. | Beziehungen zu den USA |
Angesichts des Koreakrieges und der weiteren Verschärfung des Kalten Krieges drängte die US-Regierung seit Beginn der fünfziger Jahre auf eine japanische Wiederaufrüstung, die schließlich ab 1954 erfolgte. 1960 setzte Ministerpräsident Kishi (LDP) den Abschluss des Sicherheitsvertrags mit den USA durch (19. Januar, ratifiziert am 22. Juni), der an die Stelle des Abkommens von 1951 trat. Die USA verpflichteten sich, im Falle eines Angriffs auf Japan militärische Hilfe zu leisten und nahmen es unter den Schutz ihres „Atomschirms”. Im Gegenzug erhielten die USA das Recht auf die weitere Stationierung von Truppen und auf den Ausbau von Stützpunkten. Die Unterzeichnung und Ratifizierung des Vertrags löste die schwerste innenpolitische Krise in Japan seit Kriegsende aus. 1968 gaben die USA die von ihnen besetzten Bonin-Inseln zurück, 1972 kam Okinawa wieder unter japanische Souveränität. Zuvor war 1970 der Sicherheitsvertrag verlängert worden, der den USA die weitere Nutzung ihrer Stützpunkte auf Okinawa sicherte.
Trotz dieser einvernehmlichen Regelungen kühlten sich die Beziehungen zwischen den beiden Staaten in der Folge ab. Durch die Neuorientierung der amerikanischen Außenpolitik gegenüber der Volksrepublik China seit 1971 sah Japan seine Monopolstellung als Hauptadressat amerikanischer Interessen im ostasiatischen Raum gefährdet; gleichermaßen beeinträchtigte die wirtschaftliche Konkurrenz das politische Klima: Die drohende Überschwemmung des amerikanischen Marktes mit japanischen Produkten beantwortete die US-Regierung mit Importbeschränkungen und der Forderung nach Öffnung des japanischen Marktes für US-Exporte. Trotz japanischem Entgegenkommen blieben die amerikanisch-japanischen Handelsbeziehungen jedoch durch ein deutliches Ungleichgewicht zu Gunsten Japans geprägt. Verhandlungen über eine Änderung der Verhältnisse zwischen Ministerpräsident Kaifu Toshiki und US-Präsident George Bush im März 1990 führten zu keinen Ergebnissen.
| 7.4.2. | Distanziertes Verhältnis zur Sowjetunion |
Da die Sowjetunion den Friedensvertrag von San Francisco 1951 nicht unterzeichnet hatte, bestand der seit August 1945 geltende Kriegszustand mit Japan fort. 1956 änderten beide Staaten diesen Zustand durch eine Vereinbarung, die die Wiederherstellung normaler diplomatischer Beziehungen, die Rückführung japanischer Kriegsgefangener, den Abschluss eines Fischereiabkommens und die Unterstützung seitens der UdSSR für den Beitritt Japans zur UNO vorsah. Auch die Rückgabe der Südkurilen an Japan war vorgesehen, wurde jedoch bis zur Unterzeichnung eines Friedensvertrags ausgesetzt. Eine generelle Verbesserung der Beziehungen zu Staaten des Ostblocks zeigte sich auch in den Verträgen über die Beendigung des Kriegszustands mit der Tschechoslowakei und Polen 1957.
Schritte der Annäherung erfolgten vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet: So nahm die UdSSR 1977 einen Kredit auf, um den Import japanischer Investitionsgüter zu finanzieren, 1982 wurde ein Abkommen über die Ausbeutung von Gas- und Ölreserven in der Umgebung der Halbinsel Sachalin geschlossen. Neue Verhandlungen über einen Friedensvertrag fanden 1977 statt, führten jedoch wegen der fortdauernden Differenzen über die Kurilen erneut zu keinem Ergebnis. Auch nach Beginn der politischen Reformen in der Sowjetunion seit Mitte der achtziger Jahre wurden in dieser Frage keine Fortschritte erzielt.
| 7.4.3. | Beziehungen zu Staaten in der Region |
Seit Mitte der fünfziger Jahre bemühte sich die japanische Regierung um eine Normalisierung des Verhältnisses zu den asiatischen Staaten und beteiligte sich 1955 an der Bandungkonferenz. Vereinbarungen über wirtschaftliche Zusammenarbeit wurden 1954/55 mit Burma, Kambodscha, Laos, Thailand und den Philippinen geschlossen und 1958 ein Friedensvertrag mit Indonesien. Seit der Unterzeichnung eines Grundlagenvertrags 1965 normalisierten sich auch die Beziehungen zu Südkorea; seitdem avancierte Südkorea zum wichtigsten Handels- und Investitionspartner Japans in der Region.
1972 vereinbarte Japan mit der Volksrepublik China die Aufnahme diplomatischer Beziehungen, wobei Japan den Anspruch der Volksrepublik auf Taiwan als einen Teil Chinas akzeptierte. Ein Handelsabkommen mit der Volksrepublik wurde 1974 unterzeichnet, erste Verhandlungen über eine Friedensregelung schlossen sich an. Im Januar 1978 fanden sie mit der Unterzeichnung eines Friedens- und Freundschaftsvertrages ihren Abschluss.
| 8. | Krisenhafte Heisei-Periode unter Tenno Akihito (seit 1989) |
Kaiser Hirohito starb am 7. Januar 1989. Nach Beendigung der Trauerzeit trat sein Sohn Akihito am 12. November 1990 als neuer Tenno unter der Regierungsdevise Heisei („Vollendeter Friede”) die Nachfolge an. Die neunziger Jahre erwiesen sich für Japan in vieler Hinsicht als ein Jahrzehnt der Stagnation und der Krise. Die Liberaldemokraten blieben zwar weiterhin der dominierende politische Faktor, doch gerieten sie durch Affären, Spaltungsprozesse und Stimmenverluste bei Wahlen zunehmend in Bedrängnis. Trotz anhaltender Exporterfolge stürzte Japan in eine Folge von Wirtschaftskrisen, die seine neben den USA führende Position als Weltwirtschaftsmacht gefährdeten und die soziale Stabilität des Landes bedrohten. Zugleich begann Japan seine wirtschaftliche Vormachtstellung in der Region an die sich dynamisch entwickelnde Volksrepublik China zu verlieren.
Spektakuläre Katastrophen vertieften die gesellschaftliche Krise, die mit der wirtschaftlichen und politischen einherging: Im Januar 1995 forderte das schwerste Erdbeben in Japan seit 1923 circa 5 500 Todesopfer und zerstörte große Teile der Stadt Kobe. Giftgasanschläge der Aum-Sekte auf U-Bahn-Stationen in Tokyo und Yokohama im Frühjahr 1995, bei denen zwölf Menschen ums Leben kamen und fast 6 000 verletzt wurden, verursachten Massenpaniken. Als Schlag für das Selbstbewusstsein der Japaner erwies sich auch der bislang schwerste Nuklearunfall in der atomaren Wiederaufbereitungsanlage Tokaimura am 30. September 1999.
| 8.1. | Wirtschaftliche Entwicklung |
1990 hatte das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) noch bei 4,8 Prozent gelegen. Ab Herbst 1991 beschleunigte sich trotz wirtschaftspolitischer Gegenmaßnahmen der Abschwung. Auf der Basis eines BIP-Zuwachses von nur noch 0,5 Prozent sanken die Realeinkommen. Getragen wurde die wirtschaftliche Entwicklung in der Folge fast ausschließlich vom Export. Erstmals seit dem wirtschaftlichen Wiederaufstieg sah sich Japan ernsthaft mit dem Phänomen der Arbeitslosigkeit konfrontiert – die Quote stieg im Verlauf des Jahres 1994 auf die für japanische Verhältnisse sehr hohe Marge von 2,9 Prozent. Der Zusammenbruch von Unternehmen, Rationalisierungen und die Verlagerung der Produktion in Drittländer ließ sie bis 2001 auf über 5,5 Prozent ansteigen.
Angesichts des internationalen Drucks auf Japan hinsichtlich der Öffnung seiner Märkte wurde ab April 1995 der Import von Reis zugelassen. Da die japanische Reisproduktion erheblich teurer war als die importierte Ware (der Inlandspreis betrug das Sechsfache des Weltmarktpreises), sah sich die japanische Regierung gezwungen, ein Hilfsprogramm für die japanische Landwirtschaft aufzulegen, um die Anpassung an die neuen Bedingungen zu erleichtern.
Mit dem Kollaps des seit Ende der achtziger Jahre spekulativ aufgeblähten Immobilien- und Aktienmarktes („bubble economy”) als Folge der anhaltenden Rezession kam es 1996 zum offenen Ausbruch der Bankenkrise, die sich bereits seit 1990 stetig verschärft hatte. In der Krisendynamik brachen 1997 mehrere große Unternehmen zusammen, darunter im Juli der Baukonzern Tokai Kogo und im November – im bis dahin größten Konkurs in der japanischen Firmengeschichte – das viertgrößte und älteste Wertpapierhaus Japans, Yamaichi Securities. Zwar wurde 1996 wieder ein Wirtschaftswachstum von 3,6 Prozent erzielt, doch stürzte die seit Sommer 1997 von Thailand ausgehende Asienkrise das wegen seiner starken wirtschaftlichen Verflechtungen besonders betroffene Japan in den schwersten Konjunktureinbruch seit der Ölkrise 1973/74, mit einer realen Schrumpfung des BIP um 0,7 Prozent und weiteren Zusammenbrüchen bedeutender Firmen, vor allem auf dem Finanzsektor. Etwa 10 Prozent aller Kredite mussten abgeschrieben werden, der Yen verlor etwa ein Drittel seines Außenwertes.
1998, in der schlimmsten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit, schrumpfte die Wirtschaftsleistung um weitere 2,8 Prozent. Während die Staatseinnahmen infolge zurückgehender Steuereinnahmen sanken, stieg die Staatsverschuldung aufgrund des hohen Haushaltsdefizits 2000 auf 130 Prozent des BIP an. Verantwortlich für das hohe Haushaltsdefizit waren Maßnahmen zur Sanierung des Bankensystems und eine Serie von insgesamt zehn weitgehend wirkungslos verpuffenden Konjunkturprogrammen (mit einem Volumen von insgesamt etwa 2,5 Billionen DM in den Jahren 1992 bis 2000). Japan avancierte damit zum am höchsten verschuldeten Industriestaat der Welt. Der Schuldendienst beanspruchte 1999 bereits ein Viertel des Gesamthaushalts. 2001 rutschte Japan in die dritte Wirtschaftskrise innerhalb eines Jahrzehnts, verschärft durch die weltweiten wirtschaftlichen Folgen der Terroranschläge gegen die USA am 11. September 2001. Die Konjunkturprogramme und Investitionsanreize blieben nicht zuletzt deshalb wirkungslos, weil der Privatkonsum, der rund 60 Prozent zum BIP beiträgt, schrumpfte. Angesichts der sozialen Unsicherheit zog es die Bevölkerung vor, zu sparen (im Jahr 2000 etwa 30 Prozent des Einkommens) statt zu konsumieren.
| 8.2. | Innenpolitik |
Die LDP blieb bis 1993 die beherrschende politische Kraft, doch aufgrund der immer zahlreicher werdenden Skandale und Korruptionsaffären verlor sie allmählich ihren seit den fünfziger Jahren bestehenden Rückhalt in der Wählerschaft. Korruptionsvorwürfe und Affären führender Regierungs- und LDP-Politiker belasteten auch die Arbeit der Regierungen unter Kaifu Toshiki (1989-1991) und vor allem unter Miyazawa Kiichi (1991-1993). Unterdessen vollzog sich bei der wichtigsten Oppositionspartei, der Sozialistischen Partei, ein grundlegender programmatischer Wandel. Sie gab ihre prinzipiell ablehnende Haltung gegenüber den japanischen Selbstverteidigungskräften und der freien Marktwirtschaft auf und benannte sich 1991 um in Sozialdemokratische Partei Japans (SDP, Shakai Minshuto).
Nachdem innerparteiliche Konflikte über die notwendigen Reformen zur Spaltung der LDP und Entstehung neuer Parteien geführt hatte, verlor die LDP bei den vorgezogenen Neuwahlen zum Parlament im Juli 1993 ihre absolute Mehrheit im Unterhaus. Durch eine Koalition von acht Parteien, die Hosokawa Morihiro von der Neuen Partei Japans zum Ministerpräsidenten wählte, wurde sie erstmals seit 1955 in die Opposition verwiesen, kehrte aber nach elf Monaten in einer Koalition mit den bisher gegnerischen Sozialdemokraten unter Murayama Tomiichi (1994-1996), dem ersten sozialistischen Regierungschef seit 1948, wieder in die Regierung zurück. Eine wichtige Veränderung der innenpolitischen Machtverhältnisse brachte der Zusammenschluss der meisten nichtkommunistischen Oppositionsparteien am 28. September 1994 zur neuen Partei Shinshinto (Neue Fortschrittspartei, NFP). Unter Führung des ehemaligen LDP-Ministerpräsidenten Kaifu Toshiki bildete sie nach der LDP und vor den Sozialdemokraten die zweitstärkste Fraktion im Parlament. Generalsekretär der neuen Partei wurde Ozawa Ichiro.
Innenpolitisch umstritten blieb der Umgang mit der Vergangenheit vor 1945. Als das Unterhaus am 9. Juni 1995 aus Anlass des 50. Jahrestages des Kriegsendes eine Erklärung verabschiedete, sprach es zwar den Opfern der japanischen Aggression Beileid aus, vermied jedoch eine formelle Entschuldigung. Selbst zu dieser Geste nicht bereit, boykottierte ein großer Teil der Abgeordneten die Abstimmung. Am 50. Jahrestag der japanischen Kapitulation (15. August 1995) entschuldigte sich Ministerpräsident Murayama Tomiichi auf einer Pressekonferenz für die von japanischen Truppen begangenen Kriegstaten, doch während der offiziellen Gedenkfeier beschränkte er sich auf die Bekundung von Beileid und Bedauern.
Mit Hashimoto Ryutaro, der den im Januar 1996 als Konsequenz aus einer Reihe von Korruptionsskandalen zurückgetretenen Murayama als Regierungschef ablöste, stellte die LDP nach zweieinhalb Jahren wieder den Regierungschef. Nach den Unterhauswahlen im November 1996 bildete Hashimoto eine LDP-Minderheitsregierung, die jedoch nach dem Übertritt von Abgeordneten der Shinshinto-Partei ein Jahr später wieder über eine absolute Mehrheit verfügte. Hashimoto setzte eine umfassende Reform ins Werk, durch die die Effektivität der Regierungsarbeit und die Transparenz der Verwaltung erhöht werden sollten und die Anfang 2001 in Kraft trat. Erfolglos in der Bewältigung der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise wurde Hashimoto nach Niederlagen bei Regionalwahlen und Nachwahlen im Juli 1998 von Obuchi Keizo (LDP) abgelöst. Mit teilweise unkonventionellen Maßnahmen wie der Verteilung von Warencoupons an Bedürftige, kostspieligen Maßnahmen zur Sanierung der Kreditwirtschaft und riesigen Investitionsprogrammen suchte Obuchi einen Ausweg aus der Krise. Erschwert wurde seine Arbeit durch Bestechungs- und Amtsmissbrauchsaffären, die den Verteidigungs- und den Justizminister ihre Kabinettsposten kosteten.
Obuchis gesundheitlicher Zusammenbruch brachte im April 2000 Mori Yoshiro (LDP) ins Amt des Regierungschefs, in dem er sich schnell mit reaktionären Äußerungen, unsensiblem Auftreten und politischen Fehlentscheidungen disqualifizierte. Darüber hinaus schwächten neuerliche Bestechungsskandale, die zu Rücktritten von Kabinettsmitgliedern führten, seine Position. Nach Moris Rücktritt als Partei- und Regierungschef setzte sich in der LDP der politische Außenseiter, aber populäre und charismatische Koizumi Junichiro als neuer Hoffnungsträger durch. Am 26. April 2001 zum neuen Ministerpräsidenten gewählt, kündigte er durchgreifende, aber auch schmerzhafte Reformen zur Revitalisierung der Wirtschaft an. Jedoch müsse sich Japan auf eine längere Phase der wirtschaftlichen Stagnation einstellen, bevor sich positive Effekte zeigten. Bei den Parlamentswahlen im November 2003 wurde Koizumis Regierungskoalition bestätigt. Als die Regierung Koizumi in ihrer zweiten Amtszeit jedoch nach der Rentenreform, die im Wesentlichen aus einer Erhöhung der Beiträge bestand, das Kernstück ihres Reformprogramms in Angriff nahm, nämlich die Privatisierung der Post, stieß sie zunehmend auf Widerstand, auch aus den eigenen Reihen. Die Post galt den Reformern als Musterbeispiel eines ineffizienten Staatsbetriebs und als Symbol für das Klientelsystem der LDP, das zu zerschlagen die Regierung Koizumi ebenfalls angetreten war. Während das Unterhaus der Privatisierung der Post mit knapper Mehrheit zustimmte, lehnte sie das Oberhaus mit den Stimmen einiger LDP-Abgeordneter am 8. August 2005 ab. Koizumi, der die Abstimmung über die Postreform auch als Vertrauensabstimmung über seine Regierung verstand, löste daraufhin das Unterhaus auf. Die Unterhauswahlen am 11. September 2005 erbrachten einen deutlichen Sieg für die LDP und damit für Koizumis Reformpolitik: Zum ersten Mal seit 15 Jahren gewann die LDP wieder die absolute Mehrheit der Mandate, und zwar mit 296 der insgesamt 480 Sitze. Die oppositionelle Demokratische Partei (DPJ) fiel von 177 auf 113 Sitze zurück. Gut einen Monat nach den Wahlen verabschiedeten beide Häuser des Parlaments die Postreform mit klarer Mehrheit.
Am 26. September 2006 wurde Koizumi, dessen Amtszeit als LDP-Chef und damit traditionell auch seine Amtszeit als Regierungschef ausgelaufen war, von Abe Shinzo als Ministerpräsident abgelöst. Abe trat nach nur einem Jahr im Amt u. a. wegen einiger Skandale innerhalb seiner Regierung, die im Sommer 2007 für die LDP zum Verlust der Mehrheit im Oberhaus geführt hatten, als Ministerpräsident und LDP-Vorsitzender zurück; sein Nachfolger in beiden Ämtern wurde Fukuda Yasuo.
| 8.3. | Außenpolitik |
| 8.3.1. | Beziehungen zu den USA |
Die Beziehungen zu den USA blieben in den neunziger Jahren geprägt von den Fragen der Sicherheitspolitik und des bilateralen Handels. Im Oktober 1992 besuchte US-Präsident George Bush Japan; Hauptthema der Gespräche war der japanische Überschuss im Handel mit den USA. Wirkliche Fortschritte wurden nicht erzielt. Erst 1995 kam es zu einer Einigung über die Öffnung japanischer Märkte für ausländische Unternehmen.
Angesichts der ablehnenden Haltung der Bevölkerung Okinawas blieb die Stationierung amerikanischer Militäreinheiten auf der Insel ein besonderes Problem. Auf der Basis eines erneuerten Bündnisvertrages mit den USA, den Ministerpräsident Hashimoto und US-Präsident Bill Clinton am 17. April 1996 in Tokyo unterzeichneten und der an die Stelle des Sicherheitsvertrages von 1960 trat, vereinbarten beide Staaten eine Verringerung der militärischen Nutzung Okinawas durch die USA (von 20 auf 8 Prozent der Inselfläche), wobei die Stärke der US-Einheiten erhalten bleiben sollte (knapp 30 000 Soldaten). Im April 1998 einigten sich die USA und Japan über die militärische Zusammenarbeit im Krisenfall: Japan verpflichtete sich, die USA im Ernstfall militärisch, vor allem im Bereich der Logistik, zu unterstützen, wenn es zu Auseinandersetzungen in seiner Umgebung kommen sollte. Nicht vorgesehen war jedoch die Teilnahme von japanischen Einheiten an direkten militärischen Kämpfen.
| 8.3.2. | Beziehungen zu Russland |
Angesichts der offenen Frage des Friedensvertrags und der Zukunft von vier Kurilen-Inseln, die im September 1945 von der Sowjetunion besetzt und 1947 annektiert worden waren und deren Rückgabe Japan verlangt, blieben die Beziehungen zur Sowjetunion bzw. zu Russland schwierig. Nach einer Verständigung über vertrauensbildende Maßnahmen, die der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse im Juli 1990 vorgeschlagen hatte, und einem Besuch des sowjetischen Staats- und Parteichefs Michail Gorbatschow im April 1991 in Tokyo kam es zwar zu keiner Einigung über die Rückgabe der Kurilen-Inseln, doch erkannte die Sowjetunion an, dass die Kurilen ein noch zu lösendes Problem der Beziehungen zwischen beiden Staaten darstellten. Die Forderung Russlands, Japan solle im Gegenzug zum Rückerhalt der Kurilen die Stationierung amerikanischer Truppen auf japanischem Boden beenden, lehnte die japanische Seite kategorisch ab. Ungeachtet der ungelösten Kurilen-Frage bemühten sich beide Seiten um eine Verbesserung der Beziehungen und schlossen 15 Abkommen über Umwelt-, Wirtschafts- und Verkehrspolitik ab, und Japan gewährte einen weiteren größeren Kredit. Neuerliche Verhandlungen über einen Friedensvertrag, die 1998 begannen, gerieten bald wieder ins Stocken. Auch ein Gipfeltreffen zwischen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und Mori im März 2001 in Krasnojarsk (Sibirien) führte nicht zum Durchbruch.
| 8.3.3. | Beziehungen zu China |
Trotz positiver Entwicklung der wirtschaftlichen Beziehungen zur Volksrepublik China litten die politischen Beziehungen weiterhin unter der Hypothek der Vergangenheit. Im Januar 1990 besuchte Ministerpräsident Kaifu Peking und vereinbarte einen Entwicklungshilfekredit für China in Höhe von neun Milliarden DM, und im März 1994 verhandelte der chinesische Vizepräsident Zhu Rongji in Japan über Wirtschaftsfragen. Zu einer ernsten Verstimmung kam es im Juli 1996, als Japan die zwischen beiden Staaten umstrittenen Senkaku-Inseln zum Bestandteil seiner 200-Seemeilen-Wirtschaftszone erklärte. Gegen dieses Vorgehen protestierte China scharf. Auch die nationalchinesische Regierung auf Taiwan wies die japanischen Ansprüche zurück.
Während des Besuchs von Staatspräsident Jiang Zemin im November 1998 in Japan blieb die vielfach erwartete Entschuldigung des Gastgebers für japanische Verbrechen im 2. Chinesisch-Japanischen Krieg (1937-1945) aus. Auch als der japanische Ministerpräsident Obuchi im Juli 1999 zum Gegenbesuch nach China reiste, blieb die Vergangenheit ausgeklammert. Erst als es im Frühjahr 2005 in China zu heftigen antijapanischen Protesten und Übergriffen auf japanische Einrichtungen kam, die durch die nach Auffassung Chinas verharmlosende Darstellung japanischer Kriegsverbrechen in japanischen Schulbüchern ausgelöst worden waren, konstatierte Ministerpräsident Koizumi, dass „Japan durch seine Kolonialherrschaft und Aggression den Menschen in vielen Ländern gewaltigen Schaden und Leid zugefügt” habe und bekundete die „tiefe Reue” seines Landes.
| 8.3.4. | Beziehungen zu Süd- und Nordkorea |
Auch im Verhältnis zu den beiden miteinander verfeindeten koreanischen Bruderstaaten erwiesen sich die Probleme der Vergangenheitsbewältigung weiterhin als Hürde besserer Beziehungen. Beim Besuch des südkoreanischen Präsidenten Roh Tae Woo im Mai 1989 bekundete ihm Ministerpräsident Takeshita „tiefstes Bedauern” für die Ereignisse während der Ära der Besetzung Koreas (1910-1945), vermied jedoch ein dezidiertes Schuldbekenntnis. Dagegen entschuldigte sich Ministerpräsident Kaifu Toshiki beim nordkoreanischen Staatschef Kim Il Sung für die japanische Kolonialherrschaft, als Japan und Nordkorea im September 1990 erstmals in einen politischen Dialog eintraten. Angesichts nordkoreanischer Schadensersatzansprüche blieb eine Einigung über die weitere Gestaltung der Beziehungen jedoch aus.
Im Zeichen der intensiven wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern bot Südkoreas Präsident Kim Young Sam im März 1994 die Versöhnung beider Länder an und forderte Japan auf, die historische Wahrheit zu akzeptieren. Doch erst im Oktober 1998 erreichte Kim Dae Jung in Tokyo, dass Ministerpräsident Obuchi einer gemeinsamen Erklärung zustimmte, in der sich Japan für die Verbrechen in Korea entschuldigte.
Provoziert durch den Test einer nordkoreanischen Rakete am 31. August 1998, die innerhalb des japanischen Luftraumes abstürzte, brach Japan die Kontakte zu Nordkorea ab und stellte seine Hilfslieferungen für das von einer Hungersnot heimgesuchte Land ein. Eine gewisse Entspannung erfolgte erst im Dezember 1999, als eine japanische Delegation Pjöngjang besuchte. Ab April 2000 wurden die Gespräche mit Nordkorea über die Normalisierung der Beziehungen und die Herstellung diplomatischer Beziehungen wieder aufgenommen. Nordkorea beharrte jedoch auf seiner Forderung nach Entschädigung für die japanische Kolonialherrschaft. Ab August 2003 beteiligte sich Japan an der Seite von Südkorea, Russland, China und den USA an den Verhandlungen mit Nordkorea über dessen Atomprogramm.
| 8.3.5. | Internationales Engagement |
Zuvor fast ausschließlich auf wirtschaftlichem Gebiet global aktiv, beteiligt sich Japan seit Anfang der neunziger Jahre stärker an der Lösung internationaler Konflikte. Für den Golfkrieg gegen den Irak Anfang 1991 stellte es den Alliierten unter Führung der USA insgesamt elf Milliarden US-Dollar zur Finanzierung der Kriegslasten zur Verfügung. Am 9. Juni 1992 billigte das japanische Unterhaus erstmals die innenpolitisch stark umstrittene Beteiligung japanischer Soldaten an UN-Friedenseinsätzen im Rahmen nichtmilitärischer logistischer Aktivitäten.
Nach den Terroranschlägen gegen die USA am 11. September 2001 schloss sich Japan der internationalen Antiterrorkoalition an. Mit der Entsendung von Marineverbänden zur logistischen Unterstützung der US-Truppen im Krieg gegen das Taliban-Regime in Afghanistan im November 2001 brach es erstmals mit dem in der Verfassung verankerten Prinzip, sich an kriegerischen Auseinandersetzungen im Ausland nicht zu beteiligen. Am Irak-Krieg und dem Wiederaufbau des Irak nach dem Krieg beteiligte sich Japan in großem Umfang finanziell und ab Anfang 2004 auch mit Soldaten, die jedoch entsprechend der japanischen Verfassung nicht an Kampfeinsätzen teilnehmen durften, sondern nur im Wiederaufbau eingesetzt wurden.