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4. Das Neue Testament

Das Neue Testament besteht aus 27 verschiedenen Schriften, die zwischen 50 und 150 n. Chr. entstanden und – neben der Lebensgeschichte Jesu Christi – Fragen zu Glaubenstheorie und -praxis in christlichen Gemeinschaften im gesamten Mittelmeerraum behandeln.

1. Text, Kanon und frühe Versionen
1.1. Manuskripte und Textkritik

Heute existieren etwa 5 000 teils vollständige, teils fragmentarisch oder lediglich als Bruchstücke erhaltene Manuskripte des Neuen Testaments. Bei keinem dieser Dokumente handelt es sich jedoch um ein Autograph, also ein von den Verfassern selbst geschriebenes Original. Das älteste Manuskript ist wohl ein Fragment des Johannesevangeliums, dessen Entstehungsdatum auf ungefähr 120 bis 140 n. Chr. geschätzt wird. Wenn man die räumlichen und zeitlichen Unterschiede bei der Entstehung sowie die unterschiedlichen Schreibmethoden und -materialien bei der Anfertigung dieser Manuskripte berücksichtigt, so ist es höchst erstaunlich, wie sehr sich die einzelnen Schriften ähneln. Trotzdem gibt es Abweichungen wie Auslassungen und Zusätze sowie unterschiedliche Ausdrucksweisen.

1.2. Präkanonische Schriften

Die 27 Bücher des Neuen Testaments sind nur ein Bruchteil der literarischen Erzeugnisse der christlichen Gemeinden während der ersten drei Jahrhunderte. Die literarischen Grundformen der neutestamentlichen Dokumente, wie Evangelium, Brief oder Apokalypse, wurden häufig imitiert; so waren zunächst vermutlich über 50 Evangelien im Umlauf. Viele dieser nichtkanonischen christlichen Schriften bilden die Apokryphen des Neuen Testaments.

Die Kenntnis der Literatur jener Periode verbesserte sich erheblich, als 1945 in Naj Hammadi eine Bibliothek der Gnostiker entdeckt wurde (siehe Gnostizismus). Diese in koptischer Sprache geschriebene Sammlung konnte nach ihrer Übersetzung veröffentlicht werden und gab danach den Forschern Aufschluss nicht zuletzt über das religiöse Denken der Zeit. Von besonderem Interesse ist dabei u. a. das Thomasevangelium, das insgesamt 114 Sprüche enthält, die angeblich Jesus selbst in Gesprächen mit dem heiligen Thomas, einem der Apostel, geäußert haben soll.

1.3. Der Kanon

Der Erste, der versuchte einen Kanon aufzustellen, war ein abtrünniger Christ namens Marcion, der um 150 n. Chr. eine Liste zusammenstellte, die u. a. das Lukasevangelium und zehn von Paulus’ Briefen umfasste. 200 n. Chr. galten offenbar 20 der 27 Bücher des Neuen Testaments als allgemein anerkannt. Hier und da existierten lokale Präferenzen, und auch zwischen den östlichen und den westlichen Kirchen gab es Unterschiede, wobei der Brief des Jakobus, der Hebräerbrief, der 2. Brief des Johannes (siehe Johannesbriefe), der Brief des Judas, der 2. Brief des Petrus (siehe Petrusbriefe) sowie die Offenbarung des Johannes im theologischen Disput der Zeit am umstrittensten waren.

Der 39. Festbrief des Athanasius, zur damaligen Zeit Bischof von Alexandria, beseitigte alle Unklarheiten bezüglich des Inhalts des neutestamentlichen Kanons. Er wurde 367 unter seiner Rechtsprechung an alle Kirchen gesandt. In diesem Festbrief, der in einer Sammlung von Botschaften erhalten geblieben ist, die Athanasius jedes Jahr zur Fastenzeit schrieb, führte der Bischof jene 27 Bücher als kanonisch an, die noch heute den Inhalt des Neuen Testaments bilden, obgleich er sie in einer anderen Reihenfolge auflistete. Diese Bücher des Neuen Testaments sind, in ihrer endgültigen Reihenfolge, die vier Evangelien des Matthäus, Markus, Lukas und Johannes (siehe Matthäusevangelium; Markusevangelium), die Apostelgeschichte, der Brief an die Römer (siehe Römerbrief), der 1. und 2. Brief an die Korinther (siehe Korintherbriefe), die Briefe an die Galater, Epheser, Philipper und Kolosser, der 1. und 2. Thessalonicherbrief, der 1. und 2. Timotheusbrief, der Titusbrief (siehe Pastoralbriefe), der Philemonbrief, der Hebräerbrief, der Jakobusbrief, der 1. und 2. Petrusbrief, der 1., 2. und 3. Johannesbrief, der Judasbrief und die Offenbarung des Johannes (siehe auch die Artikel zu den einzelnen Büchern des Neuen Testaments).

1.4. Frühe Versionen

Die schnelle Verbreitung des Christentums über die Grenzen der Griechisch sprechenden Welt hinaus machte Übersetzungen in andere Sprachen erforderlich, z. B. ins Syrische, Altlateinische, Koptische, Armenische, Georgische, Äthiopische und Arabische. Syrische und lateinische Versionen gab es bereits im 2. Jahrhundert, im 3. Jahrhundert folgten dann koptische nach. Die Übersetzungen waren in lokalen Dialekten geschrieben und enthielten nur ausgewählte Teile des Neuen Testaments. Im 4. und 5. Jahrhundert gab es Bestrebungen, diese regionalen Versionen durch solche zu ersetzen, die mehr einem gemeinsamen Standard entsprachen und allgemein akzeptiert wurden. 382 beauftragte Papst Damasus I. Hieronymus mit der Erstellung einer lateinischen Bibel. Diese als Vulgata bekannte Bibel ersetzte die verschiedenen altlateinischen Versionen. Im 5. Jahrhundert entstand die syrische Peschitta, die an die Stelle der bis dahin verwendeten syrischen Texte trat. Mit der Zeit verschwanden die alten Versionen und wurden durch neue ersetzt.

2. Gattungen

Die Schriften des Neuen Testaments lassen sich in vier Gattungen unterteilen, und zwar in Evangelien, Geschichtsschreibung, Briefe und Apokalypse.

2.1. Evangelien

Die Evangelien des Neuen Testaments beinhalten eine Reihe persönlicher Berichte über Worte und Taten Jesu Christi, von denen jeder für sich in gewisser Weise abgeschlossen ist, die jedoch zum Teil aufeinander aufbauen. Der Evangelist brachte die Berichte in eine chronologische Reihenfolge, wobei seine eigenen Überlegungen sowie die Bedürfnisse der frühchristlichen Gemeinde eine große Rolle spielten.

2.2. Historische Erzählung

Ein Beispiel für eine historische Erzählung im Neuen Testament ist die Apostelgeschichte, die vermutlich von dem Evangelisten Lukas abgefasst wurde. Sie berichtet in einer zusammenhängenden Reihung von Jesus und der frühen Kirche, die in seinem Namen entstand und auf den sie sich berief.

2.3. Epistel

Die Epistel bzw. der Brief war in der griechisch-römischen Welt eine gebräuchliche literarische Form, die aus der Signatur, der Adresse, einem Gruß, einer Lobesrede oder Danksagung, einer Botschaft und einem Abschiedsgruß bestand. Paulus benutzte diese Form, um mit den Gemeinden Kontakt zu halten, die von ihm gegründet worden waren. Diese Form der Mitteilung wurde in der christlichen Gemeinschaft bald allgemein akzeptiert. Bei vielen dieser Briefe handelte es sich jedoch eher um Reden, Ermahnungen oder moralisch-didaktische Abhandlungen, die in die Form von Episteln gebracht wurden.

2.4. Apokalyptische Schriften

Apokalyptische Schriften tauchen im gesamten Neuen Testament auf, wobei die bekannteste die so genannte Offenbarung des Johannes ist (siehe Apokalypse des Johannes). Die literarische Gattung der Apokalypse beschreibt in visionärer, symbolisch überhöhter und pessimistisch-metaphorischer Bildlichkeit den unmoralischen und glaubenslosen Endzustand der Welt, wobei das einzige Element der Hoffnung in dem unsichtbaren, den Gerechten tröstlich-rettenden Guten im Jenseits hinter einem verwerflichen Sichtbaren des Diesseits gesehen wird. Gerechter Lohn und Vergeltung charakterisieren die Visionen vom Ende der Welt hinsichtlich einer religiösen Eschatologie. Vermutlich wurde das neutestamentliche Buch der Offenbarung während der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Domitian geschrieben, der von 81 bis 96 regierte. Damit bekäme die Endzeitversion des frühen Christentums einen äußerst realen historischen Hintergrund.

In die Evangelien, historischen Erzählungen, Episteln und apokalyptischen Visionen sind zahlreiche Gedichte, Hymnen, Bekenntnisformeln, Sprüche, Wundergeschichten, Seligpreisungen, Schmähreden, Listen von Pflichten sowie Parabeln eingebunden. Hinsichtlich des Neuen Testaments haben sich die Bibelgelehrten in der Vergangenheit vor allem mit der Gattung der Parabel beschäftigt, die sehr lange (etwa im Mittelalter mit seiner Idee eines vierfachen Schriftsinns der Bibel) als eine Form der Allegorie betrachtet worden war. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab der deutsche Bibelwissenschaftler Adolph Jülicher der Interpretation von Parabeln eine neue Richtung.

3. Geschichte im Neuen Testament
3.1. Zeitliche Abfolge

Eine genaue historische Rekonstruktion der Periode, wie sie sich im Neuen Testament darstellt, ist nicht möglich, da einerseits die Schriftstücke nach theologischen und nicht nach chronologischen Gesichtspunkten angeordnet, andererseits die Evangelien erst zwischen 70 und 90 n. Chr., also 60 Jahre nach dem Tod Jesu Christi, niedergeschrieben wurden. Außerdem schenkten die Verfasser des Neuen Testaments den historischen Fakten keine große Beachtung, da sie glaubten, das Ende der Welt stünde nahe bevor. Darüber hinaus ist das Neue Testament eine Sammlung geistlicher Literatur, die für die speziellen Zwecke des Gottesdienstes, der Predigt und der Lehre verfasst wurde. Dennoch kann an der Existenz einer historischen Figur Jesus Christus kaum mehr gezweifelt werden: Wird diese doch auch durch außerbiblische Quellen (etwa arabische Schriftrollen) bestätigt. Mit der historisch fixierbaren Gestalt beschäftigt sich die Leben-Jesu-Forschung.

Trotz dieser Schwierigkeiten ergibt sich aus dem Lukasevangelium sowie aus der Apostelgeschichte, dass Jesus seine Wanderschaft als Prediger im 15. Jahr der Regentschaft des römischen Kaisers Tiberius begann, also zwischen 28 und 29 n. Chr. Darüber gibt das Lukasevangelium Aufschluss: „Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Judäa, sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene; Hohepriester waren Hannas und Kajaphas” (Lukas 3, 1). Alle vier Evangelien stimmen darin überein, dass Jesus gekreuzigt wurde – eine für schwere Verbrechen innerhalb des römischen Herrschaftsgebiets verhängte Strafe –, und dies zu einer Zeit, als Pontius Pilatus Statthalter von Judäa war (26-36 n. Chr.). Wenn man davon ausgeht, dass Jesus nur ein Jahr lang predigte, fand seine Wanderschaft zwischen 29 und 30 n. Chr. statt. Gemäß der Theorie, dass sich sein Wirken über einen Zeitraum von drei bis vier Jahren erstreckte, predigte er zwischen 29 und 33 n. Chr.

3.2. Die Apostel und die Urkirche

Nach Jesu Tätigkeit als Wanderprediger, die in den vier Evangelien beschrieben wird, wurde die Leitung der religiösen Bewegung, die er initiiert hatte, laut Auskunft der Bibel von den zwölf Aposteln übernommen, die er als seine Jünger, also als seine Nachfolger, ausgewählt hatte. Die meisten dieser Männer gerieten in Vergessenheit oder wurden zu legendären Gestalten. Drei von ihnen werden jedoch als weiterhin aktive Führer geschildert: Dazu gehören Jakobus der Ältere, der vor 44 von Herodes Agrippa getötet wurde, Johannes, der Bruder des Jakobus und angeblich der Lieblingsjünger Christi (Johannes 21, 20-24), und Petrus. Letzterer war einer der frühen Leiter der Gemeinde von Jerusalem, unternahm jedoch auch einige Missionsreisen und wurde der Überlieferung zufolge um 65 n. Chr. in Rom als Märtyrer hingerichtet. In der Urgemeinde spielte auch Jakobus eine bedeutende Rolle, der als Bruder von Jesus bezeichnet wurde und eine wichtige Funktion in der Gemeinde von Jerusalem ausübte, bis er um 63 getötet wurde. Bevor 66 in Jerusalem der Aufstand der Juden gegen die römische Herrschaft begann, verließen die Christen die Stadt und waren daher nicht in die Kämpfe verwickelt, in deren Verlauf Jerusalem im Jahr 70 n. Chr. zerstört wurde.

Der Bericht in der Apostelgeschichte konzentriert sich auf Paulus, der zwischen 33 und 35 n. Chr. in der Nähe von Damaskus zum Christentum konvertierte (in der Bibel ist dieses Ereignis als plötzliches Bekehrungserlebnis festgehalten). Die Briefe des Paulus markieren seinen Weg als Missionar durch Syrien, Kleinasien, Makedonien, Griechenland und nach Rom, wo er wahrscheinlich 67 n. Chr. hingerichtet wurde. Paulus’ Briefe und die Apostelgeschichte vermitteln dem Leser einen Einblick in das Leben dieser frühchristlichen Gemeinden und ihr Verhältnis zu den größeren Kulturen, in die sie eingebettet waren.

Die übrigen Bücher des Neuen Testaments enthalten wenige historische Informationen und fast keine Anhaltspunkte für eine genaue Datierung. Generell scheint die Gemeinschaft, für die sie geschrieben wurden, bereits die zweite und dritte Generation gewesen zu sein. In diesen Schriften leben die direkten Nachfolger von Jesus bereits nicht mehr. Die anfängliche Euphorie und gespannte Erwartung der endgültigen Rückkehr Christi wich schon bald, wie sich ablesen lässt, dem Bedürfnis nach Bewahrung, Verwurzelung und Institutionalisierung des Vorhandenen (siehe Wiederkunft Christi). Der 2. Petrusbrief, der wahrscheinlich das zuletzt entstandene Buch des Neuen Testaments ist, versucht, die frühere Erwartungshaltung des unmittelbar bevorstehenden Endes der Geschichte neuerlich heraufzubeschwören. Dieser Versuch, den Eifer und die Überzeugung einer früheren Ära wieder zurückzuholen, ist selbst ein Anzeichen für das Ende eines Zeitalters.