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Trickfilm
1. Einleitung

Trickfilm, populäre Sammelbezeichnung für Filme, in denen die Bewegung von Gegenständen und Figuren durch technische Verfahren künstlich simuliert wird. Im Gegensatz zum Spielfilm werden die Bewegungsabläufe nicht in Echtzeit abgefilmt, sondern jedes Bild wird einzeln aufgenommen. Die Schnelligkeit der Projektion täuscht dann die Belebung des aufgenommenen Objektes vor („Animation”). Verwendet werden Puppen oder andere Figuren, Scherenschnitte („Silhouettenfilm”) oder Zeichnungen („Zeichentrickfilm”); eine Sonderform ist der Sachtrickfilm, der vor allem für wissenschaftliche und Werbefilme genutzt wird. Diese Techniken werden unterdessen mehr und mehr durch Computeranimation abgelöst, bei der die Grenzen zwischen „Realfilm”, Trickfilm und Spezialeffekten verschwinden.

2. Der stumme Trickfilm

Die technischen Verfahren der Animation im Film haben zahlreiche Vorläufer, die sich alle das Phänomen der Trägheit des menschlichen Auges und der hierdurch möglichen Bewegungssimulation zunutze machten, wie schnell laufende Trommeln, die mit einer Folge gezeichneter Einzelbilder versehen waren. Beispiele hierfür sind das „Zoetrop” oder „Reynauds Praxinoskop” (siehe Geschichte des Films). Als Erfinder der filmischen Einzelbildanimation gilt Edwin S. Porter, ein Filmvorführer und Techniker der amerikanischen Edison Company, der 1905 mit experimentellen Filmen hervortrat, u. a. mit The Whole Dam Family and the Dam Dog: Die Kamera wurde während der Aufnahme angehalten, um das Bild zu verändern, danach wurde die Aufnahme fortgesetzt. Für diese Technik musste die normale Filmkamera so verändert werden, dass sie ein Einzelbild aufnehmen konnte und danach mit geschlossenem Verschluss stehen blieb, anstatt mit der üblichen Geschwindigkeit von 16 Bildern pro Sekunde durchzulaufen.

Der Amerikaner James Stuart Blackton von der Firma Vitagraph wandte das Verfahren der Einzelbildaufnahme zum ersten Mal bei Zeichnungen an, sein Film Humorous Phases of Funny Faces (1906) gilt als erster Zeichentrickfilm. Noch im selben Jahr produzierte Blackton den Film A Midwinter Night’s Dream, in dem er Spielzeugpuppen dadurch scheinbar zum Leben erweckte, dass er die Positionen ihrer Glieder zwischen den Aufnahmen der Einzelbilder ein wenig veränderte. Dieses Werk gilt als der erste Puppenfilm. In The Haunted Hotel (1907) verfeinerte er seine Technik, indem er aus Knetmasse gefertigte Objekte allmählich in andere Gegenstände verwandelte.

Nach 1913 verlagerte sich das Interesse der Trickfilmer auf gezeichnete Bilder. Das amerikanische Verfahren wurde auch von europäischen Filmemachern wie dem Spanier Segundo de Chomón und dem Franzosen Émile Cohl übernommen. Cohl fertigte die erste Serie animierter Cartoons, in der einfache Strichzeichnungen menschlicher Figuren herumsprangen und dabei in verblüffender Weise ihr Erscheinungsbild veränderten wie in Fantasmagorie (1908). In Europa entstanden schon früh künstlerisch ambitionierte Trickfilme wie die Puppenfilme von Wladyslaw Starewicz, u. a. Prekrasnya Lukanida (1910) oder die Silhouettenfilme von Lotte Reiniger; nach dem 1. Weltkrieg experimentierten in Deutschland Walther Ruttmann, Viking Eggeling, Hans Richter und Oskar Fischinger mit der Animation abstrakter Formen.

Als erster bedeutender Vertreter des populären Zeichentrickfilms gilt der amerikanische Zeitungscartoonist Winsor McCay mit Gertie the Dinosaur (1909); er verwendete in seinem Vitagraph-Film Little Nemo (1911) die ersten animierten Cartoons, die bis ins Detail ausgefeilt waren und einen natürlichen Bewegungsfluss aufwiesen. Bis in die dreißiger Jahre blieben McCays Trickfilme in ihrer Qualität unerreicht. Verfahren zur Reduzierung des enormen Arbeitsaufwands im handgezeichneten Trickfilm, insbesondere was die ständige Neuzeichnung eines konstanten Hintergrundes betraf, wurden erst 1914 entwickelt. Man ging dazu über, die beweglichen Figuren auf transparente Folien aus Nitrocellulose zu zeichnen, die auf die Papierzeichnung des Hintergrundes gelegt wurden. John Bray und Earl Hurd ließen sich diese Technik patentieren (Folientechnik). Um die Positionen zwischen den Einzelzeichnungen deckungsgleich festzuhalten, wurden die gestanzten Pausen von Passstiften fixiert, die auf dem Tricktisch unter der Kamera montiert waren (Patent Charles Barré). Diese Methoden blieben jahrzehntelang, bis zum Einsatz von Xerographie und Computer-Design, Standard der Animationsindustrie.

Bray, Hurd und Barré bildeten die Trickfilmavantgarde ihrer Zeit: Bray startete 1913 mit Colonel Heeza Liar die erste amerikanische Cartoonserie, Hurd produzierte die handlungsreiche Serie Bobby Bumps, Barré schuf einen Trickfilm aus Bud Fishers beliebtem Comic Mutt and Jeff (ab 1916). Alle diese animierten Cartoons waren relativ grobe Schwarzweißdarstellungen und wirkten noch unbeholfen im Bewegungsablauf, wie z. B. auch die frühen Felix the Cat-Filme von Otto Messmer (ab 1921). In den zwanziger Jahren war Felix die bekannteste Kunstfigur des Kinos, auch aufgrund des raffinierten Merchandisings durch Pat Sullivan. Max und Dave Fleischer erreichten mit ihrer Fabel-Serie Out of the Inkwell (ab 1920) eine neue Qualitätsstufe; die Fleischers erfanden das Rotoskop, mit dem sich die Einzelbilder eines Filmstreifens auf die Rückseite einer Glasoberfläche projizieren ließen, sodass die Konturen sich bewegender Personen auf Papier gepaust werden konnten. Sie kombinierten auch als erste Cartoons und Realfilme miteinander, eine Idee, die Walt Disney aufgriff mit seiner Serie Alice in Cartoonland (ab 1923), in der sich die reale Figur eines kleinen Mädchens in einer animierten Cartoonwelt bewegt.

1923 war Disney nach Hollywood umgezogen. Sein Studioteam, in dem er selbst für die Handlung und Ub Iwerks für die Animation zuständig war, setzte 1928 mit dem ersten Mickey-Mouse-Tonfilm Steamboat Willie eine historische Zäsur. Die Disney-Studios stiegen in der Folgezeit künstlerisch und kommerziell zum Branchenführer auf, als Konkurrenzunternehmen positionierten sich zunächst die Warner Brothers Zeichentrick-Studios, deren Anfänge auf das Jahr 1930 datieren (mit Figuren wie Porky Pig, Daffy Duck, Bugs Bunny), und auch noch die experimentierfreudigen Fleischer-Brüder mit Minnie the Moocher (1932), Superman (1941) und der Popeye-Serie (1956).

3. Das „goldene Zeitalter” des amerikanischen Trickfilms

In den dreißiger Jahren führte Disney das erste komplett systematisierte Produktionsverfahren für Trickfilme ein, das immer weiter perfektioniert wurde. Zwischen 1928 und 1937 kamen aus den Disney-Studios mehr als 100 witzige Mickey-Mouse-Zeichentrickfilme, auch schon mit den Nebenfiguren wie Pluto, Goofy oder Donald Duck, die später auch eigene Filme bekamen. Daneben produzierten die Disney-Studios ambitionierte Trickfilme zu Themen aus Märchen, Sagen und Natur, u. a. Flowers and Trees (1932), Silly Symphonies (1934) und The Old Mill (1937).

Der erste abendfüllende Zeichentrickfilm, aus der Hand von über 300 Figurenzeichnern, war Snow White and the Seven Dwarfs (1937; Schneewittchen und die sieben Zwerge). Der in vielerlei Hinsicht innovative Film war ein phänomenaler Erfolg und wurde mit einem Spezial-Oscar ausgezeichnet. Bis in die fünfziger Jahre produzierte Disney dann einen abendfüllenden Zeichentrickfilm pro Jahr; in dieser Phase des „klassischen Studio-Films” entstanden Klassiker wie Fantasia (1940; Fantasia), Pinocchio (1940; Pinocchio), Bambi (1942; Bambi), Cinderella (1950; Cinderella), Alice in Wonderland (1951; Alice im Wunderland), Peter Pan (1953; Peter Pans heitere Abenteuer) und The Lady and the Tramp (1955; Susi und Strolch), aus Kostengründen auch Zeichentrickfilme mit „Realfilm”-Sequenzen wie Fun and Fancy Free (1947; Mickey, Goofy und Donald im Märchenland) und Song of the South (1946; Onkel Remus’ Wunderland). Neben der Disney-Produktion belieferten auch die anderen großen Hollywoodstudios den florierenden Zeichentrickfilm-Markt, Metro-Goldwyn-Mayer mit der Serie Tom und Jerry (1940-1967) von Bill Hanna und Joe Barbera sowie Warner Brothers mit Tweety/Sylvester (1944-1964) und Roadrunner/Coyote (1949 und 1952-1966) von Chuck Jones.

Streiks der unterbezahlten Animationskünstler und der 2. Weltkrieg brachten die Cartoonindustrie in eine Krise. Eine Gruppe von Zeichnern, die Disney nach dem Streik von 1941 verlassen hatte, gründete die United Productions of America (UPA) und brachte Cartoons in die Kinos, die sich durch moderne künstlerische Gestaltung auszeichneten und die oft auf literarischen Vorlagen beruhten wie Gerald McBoing Boing (1950) oder The Tell-Tale Heart (1953, nach Edgar Allan Poe).

Mit der Einführung der xerographischen Kopiermaschinen vereinfachte sich zwar der Herstellungsprozess, die Konkurrenz des Fernsehens trug aber zum Niedergang der für das Kino produzierten Cartoons bei. Disneys Tierfilm One Hundred and One Dalmatians (1961; 101 Dalmatiner) kam zu einer Zeit in die Kinos, als die meisten großen Studios bereits ihre Trickfilmabteilung aufgegeben hatten. Erst eine neue Generation jüngerer Trickfilmkünstler, die sich aktueller Technologien bediente, schuf für Disney wieder erfolgreiche Kino-Zeichentrickfilme, u. a. The Little Mermaid (1989; Arielle – Die Meerjungfrau), Beauty and the Beast (1991; Die Schöne und das Biest), Aladdin (1992; Aladdin), The Lion King (1994; König der Löwen) und Pocahontas (1995; Pocahontas); die Bewegungen des fliegenden Teppichs in dem Zeichentrickfilm Aladdin wurden z. B. ausschließlich vom Computer animiert.

4. Der experimentelle Animationsfilm

An der Grenze vom Publikumstrickfilm zum experimentellen Animationsfilm steht z. B. Ralph Bakshis Fritz the Cat (1971) nach dem bekannten Comic von Robert Crumb. Brillante Animationsfilme, die das Genre filmtechnisch ausloteten sowie in Graphik und Ton neue Dimensionen erkundeten, kamen eher aus kleinen Studios und von unabhängigen Animatoren aus aller Welt. Zu den bedeutenden experimentellen Animatoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählen u. a. die kalifornischen Brüder John und James Whitney mit Five Film Exercises (1943/44), die Polen Jan Lenica und Walerian Borowczyk mit Dom (1957; Zuhause), der Russe Jurij Norstein mit Skazka Skazok (1979; Die Geschichte der Geschichten, ausgezeichnet 1984 in Los Angeles als der beste Animationsfilm aller Zeiten) und der Tscheche Jan Svankmajer mit surrealistischen Puppen- und Zeichentrickfilmen. Der Neuseeländer Len Lye und der Brite Norman McLaren schufen bedeutende abstrakte Animationsfilme wie Free Radicals (1958) und Synchromie (1971). Jules Engel entwickelte diese Stilrichtung in raffinierter computergenerierter Graphik weiter, u. a. mit Icarus Montgolfier (1963). In Japan stellt Osamu Tesuka kommerzielle Actionfilme nach Comic-Vorlagen her wie Kimba, Emperor of the Jungle (1965), aber auch experimentelle Filme wie Broken Down Film (1985), der die konventionelle Zeichentrickfilmästhetik persifliert.

Nach Gründung des internationalen Verbands der ASIFA (The International Association for Animated Film) 1960 entstanden Festivals speziell für Animation u. a. in Zagreb, Ottawa, Hiroshima und Stuttgart.

1. Der digitale Animationsfilm

Neue Technologien potenzierten in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Möglichkeiten des Animationsfilms: Bewegte Bildfolgen werden ohne Einsatz einer Kamera in einem Computer rechnerisch generiert („Computeranimation”). Sind Bilder digitalisiert, kann man jeden einzelnen Blickpunkt beliebig verändern, Gegenstände und Figuren transformieren („Morphing”). Computergraphik und Scanner ermöglichen animierte Spezialeffekte und den fließenden Übergang zwischen Realität und Fantasie. Mit der „travelling matte” lässt sich ein Darsteller in jeden beliebigen Hintergrund hineinversetzen. Als Vorlage für Computeranimationen können Zeichnungen, Modelle, Fotos, Film- und Videobilder dienen, die im Rechner weiter bearbeitet werden („Digital compositing”). Die Computeranimation ermöglicht auch die beliebige Kombination verschiedener Filmmaterialien, eine Technik, die z. B. bei Jurassic Park (1993; Jurassic Park) oder Forrest Gump (1994; Forrest Gump) angewandt wurde.

Die Firma Industrial Light and Magic (ILM) von George Lucas spezialisierte sich als „Illusionsschmiede” für alle Formen der Animation in Sciencefiction-, Horror-, Fantasy- und Actionfilmen. In den Disney-Studios wurden in Who Framed Roger Rabbit (1988; Falsches Spiel mit Roger Rabbit) die animierten Figuren während des Zusammenkopierens mit den Schauspielern so schattiert, dass ihre Bewegungen eine „reale” Raumwirkung annehmen.

Toy Story (1995; Toy Story) aus den Pixar Animation Studios war der erste ausschließlich mit dem Rechner produzierte abendfüllende Spielfilm. Eine Fortsetzung dieser relativ kostengünstigen Methode lieferte die 1994 u. a. von Steven Spielberg gegründete Produktionsfirma DreamWorks mit Antz (1998; Antz), kurz bevor Pixar mit A Bug’s Life (1998; Das große Krabbeln) einen weiteren Schritt in der Perfektionierung des virtuellen Films machte. Die beiden in Kalifornien ansässigen Studios Pixar (ursprünglich eine Tochterfirma von Lucasfilms, 1986 von Apple-Mitgründer Steve Jobs in die Selbständigkeit geführt, 2006 für 7,4 Milliarden US-Dollar von der Walt Disney Company gekauft) und DreamWorks Animation (2000 von DreamWorks als eigene Geschäftseinheit gebildet, 2004 in die Selbständigkeit geführt, 2006 von Paramount Pictures gekauft) beherrschen seitdem den Markt der computergenerierten Trickfilme. Die größten Erfolge der Pixar-Studios seit der Jahrtausendwende waren Monsters, Inc. (2001; Die Monster AG), Finding Nemo (2003; Findet Nemo), The Incredibles (2004; Die Unglaublichen) und Cars (2006; Cars); DreamWorks brachte Shrek (2001; Shrek), Shrek 2 (2004; Shrek 2), Shrek the Third (2007; Shrek der Dritte), Madagascar (2005; Madagascar) und Over the Hedge (2006; Ab durch die Hecke) in die Kinos. In Koproduktion mit DreamWorks entstanden in den britischen Aardman Animations zudem die computeranimierten Weiterentwicklungen des Puppenfilms mit Knetfiguren Chicken Run (2000; Chicken Run – Hennen rennen) und Wallace and Gromit: The Curse of the Were-Rabbit (2005; Wallace und Gromit auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen) von Nick Park und Peter Lord. Die einzige Filmgesellschaft, die sich neben den beherrschenden Marktführern Pixar und DreamWorks etablieren konnte, ist Blue Sky Studios mit Ice Age (2002; Ice Age), Robots (2005; Robots) und Ice Age: The Meltdown (2006; Ice Age 2: Jetzt taut’s). Kennzeichnend für die kommerziell ausgerichteten Animationsfilme der Gegenwart ist der Einsatz von prominenten Schauspielern und Comedians als Synchronsprecher.