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| 1. | Einleitung |
Buchhandel und Verlagswesen, derjenige Wirtschaftszweig, der die Herstellung, Veröffentlichung und den Vertrieb von Büchern, Buchsubstituten (etwa Musiknoten und kartographische Druckerzeugnisse) und anderen Medien mit redaktionellem Inhalt (z. B. Hörbücher oder Multimediaprodukte) umfasst. Üblicherweise unterscheidet man den Verlagsbuchhandel (herstellender Buchhandel), den Zwischenbuchhandel (Buchgroßhandel) und den Bucheinzelhandel (Sortimentsbuchhandel).
| 2. | Formen des herstellenden und verbreitenden Buchhandels |
| 1. | Verlagsbuchhandel |
Verlage sind Medienunternehmen, die Bücher, Noten, Landkarten, Hörbücher, Multimediaprodukte etc. finanzieren, herstellen, vervielfältigen und verbreiten. Man unterscheidet je nach Spezialisierung auf eine bestimmte Produktform Buchverlage, Musikalienverlage, Kunstverlage, Kartenverlage usw.; Buchverlage werden dabei üblicherweise nach inhaltlichen Gesichtspunkten in Allgemeinverlage (die ein breites Spektrum an Themen abdecken) und Fachverlage (die sich auf ein oder mehrere – meist wissenschaftliche – Sachgebiete spezialisiert haben) unterteilt. In Zeiten fortschreitender Fusionierungen und Konzernbildungen sind immer mehr Verlage so genannte Imprints: Sie veröffentlichen unter ihrem angestammten, den Endkunden vertrauten Namen, sind aber Tochterunternehmen einer Verlagsgruppe und besitzen keine unternehmerische und oft auch keine verlegerische Eigenständigkeit mehr.
Der Verlag erwirbt in der Regel das Nutzungsrecht am Werk eines Autors. Der Autor als Urheber überträgt dem Verlag gegen ein Honorar vertraglich das Recht, sein Werk in vervielfältigter Form zu produzieren und zu vertreiben; im Gegenzug verpflichtet sich der Verlag in der Regel zur Finanzierung der Produktion, zur Verbreitung des Werkes über seine Vertriebswege und oft auch zur Werbung für das Werk. Mit dem Autorenvertrag erwirbt der Verlag üblicherweise auch das Recht, die äußere Gestaltung des Buches, seinen Titel, seine Auflagenhöhe sowie seinen (im Rahmen der gesetzlichen Buchpreisbindung verbindlichen) Endverkaufspreis festzulegen. Das vertraglich festgelegte Honorar für den Autor besteht normalerweise aus einer festen Basisvergütung sowie zusätzlichen Tantiemen, deren Höhe sich nach der Zahl der verkauften Bücher richtet. Für Weiterverwertungen des Werkes (z. B. Taschenbuchausgaben, Buchclubausgaben, Verfilmungen) stehen dem Autor in der Regel zusätzliche Vergütungen zu.
Ideen für Buchveröffentlichungen entstehen entweder im Verlag, wo sie von Lektoren entwickelt werden, die dann geeignete Autoren suchen, oder sie kommen von Autoren selbst, die sie dann den Verlagen – entweder selbst oder über Literaturagenten – anbieten. Hat der Autor das Manuskript fertig gestellt, wird der Lektor tätig, der es – meist in enger Zusammenarbeit mit dem Autor – im Hinblick auf Fakten, sprachlichen Ausdruck und logische Stimmigkeit bearbeitet. Lektoren betreuen im Allgemeinen mehrere Bücher gleichzeitig, und in vielen Verlagshäusern sind sie für alle Stadien der Buchproduktion verantwortlich. Immer mehr Verlage tendieren allerdings dazu, ihre Lektoratsabteilungen deutlich zu verkleinern; die Bearbeitung einzelner Buchprojekte wird mehr und mehr an freiberufliche Lektoren vergeben.
Der nächste Schritt in der Buchproduktion ist die typographische Gestaltung. Der Hersteller (oder Layouter) plant Buchformat, Satzspiegel, Zeilenanzahl und -länge, Schrifttyp und -größe und die Anordnung von Abbildungen. Er legt die Ausstattung, also u. a. die Papierart, die Art der Bindung und das Buchdeckelmaterial fest. Anschließend wird das satzreife Manuskript gemeinsam mit den Vorgaben des Herstellers an eine Setzerei übermittelt (in der Regel keine Verlagsabteilung, sondern ein eigenes Unternehmen), die einen so genannten Umbruch erstellt. Dieser wird üblicherweise noch einmal redigiert (vom Autor, Lektor und/oder professionellen Korrektoren), anschließend werden die Änderungen im Satzbetrieb eingearbeitet. Der vom Autor und Lektor freigegebene endgültige Umbruch wird anschließend in einer Druckerei nach den Maßgaben des Herstellers gedruckt, eine Buchbinderei bindet die fertigen Buchblöcke in den Bucheinband. Druck- und Bindearbeiten sind heute vielfach in einem Unternehmen vereint.
Schon vor der endgültigen Fertigstellung des Buches beginnt mit der Aussendung von Vorankündigungen und Rezensionsexemplaren die Arbeit der Werbung. Viele Verlage bedienen sich heute moderner Marktforschungs- und Marketingmethoden, die häufig mehr als Qualität, Inhalt und Aufmachung über den kommerziellen Erfolg eines Titels entscheiden.
Die vierte grundlegende Abteilung eines Verlags neben Lektorat, Herstellung und Werbung ist der Vertrieb. Seine zentrale Aufgabe ist die Abwicklung der Auslieferung, also die Bearbeitung der Bestellungen. Der Vertriebsabteilung zugeordnet sind auch die Verlagsvertreter (fest angestellte Reisende des Verlags oder selbständige Handelsvertreter, die im Auftrag eines oder mehrerer – nicht konkurrierender – Verlage tätig sind), die den Sortimentsbuchhandlungen die Neuerscheinungen („Novitäten”) des Verlags, den sie vertreten, vorstellen und um Vorbestellungen werben.
| 2. | Zwischenbuchhandel |
Der Zwischenbuchhandel umfasst Unternehmen, die Verlagsprodukte an den Bucheinzelhandel weitergeben, ohne selbst verlegerisch tätig zu sein, und die nicht an den Endkunden verkaufen. Man unterscheidet im Wesentlichen Barsortimente und Verlagsauslieferungen; daneben etablieren sich zunehmend sortimentsbuchhändlerische Einkaufsgenossenschaften.
Die üblichste Form der Warenbestellung eines Sortimentsbuchhändlers – insbesondere für die Bücher, die er in seinem Ladengeschäft präsentieren möchte – erfolgt direkt beim Verlag, der dann den Buchhändler unter Gewährung des branchenüblichen Buchhandelsrabatts beliefert. Es haben sich daneben aber auch Buchgroßhändler („Barsortimente”) etabliert, deren Vorteil vor allem in der wesentlich zügigeren Bestellbearbeitung liegt, so dass Buchhändler insbesondere bei Einzeltitelbestellungen auf gezielte Kundennachfragen hin meist auf deren Dienste zurückgreifen. Barsortimente kaufen auf eigenes Risiko direkt bei den Verlagen ein. Sie erhalten von den Verlagen, denen sie in der Regel große Mengen auf einmal abnehmen, einen Grosso-Rabatt. Sie beliefern dann auf deren Bestellung hin die Bucheinzelhändler, die gewöhnlich vertraglich an sie gebunden sind und denen sie eine Rechnung in eigenem Namen stellen. Die großen Barsortimente im deutschsprachigen Raum sind moderne Logistikunternehmen; sie lagern ihre Produkte in Hochregal-Lagerhallen und sind mit Hilfe eines Echtzeit-Bestellbearbeitungssystems und eines ausgedehnten und flächendeckenden eigenen Speditionswesens in aller Regel in der Lage, ein von einem Sortimentsbuchhändler bestelltes Buch am nächsten Morgen anzuliefern („Büchersammelverkehr” und „Nachtsprungverfahren”). Barsortimente halten nicht alle lieferbaren Bücher vorrätig, sondern nur diejenigen, deren gute Verkäuflichkeit sie vermuten. Die großen deutschen Barsortimente stellen ihren Kunden als Hilfsmittel elektronische Lagerkataloge ihrer vorrätigen Produkte zur Verfügung.
Verlagsauslieferungen sind keine Großhändler im engeren Sinn, sondern Unternehmen, die Verlagen gegen entsprechende Gebühren die komplette Lagerhaltung, die Bestellannahme und -bearbeitung, den Versand und die Rechnungsstellung abnehmen. Sie ersparen den Vertriebsabteilungen der Verlage also die komplette Auslieferung, was für einen Verlag insofern günstig ist, als er sich nicht auf saisonale Schwankungen im Personalbedarf (z. B. im Weihnachtsgeschäft) oder auf Schwankungen im Lagerflächenbedarf einstellen muss. Verlagsauslieferungen halten stets das gesamte Programm ihrer Verlagskunden auf Lager. Im Gegensatz zum Barsortiment tragen sie in der Regel kein Verkaufsrisiko, sondern handeln auf Rechnung des Verlags, entweder als reiner Versanddienstleister in dessen Namen oder als Kommissionär in eigenem Namen.
Eine jüngere Form des Zwischenbuchhandels ist die Einkaufsgenossenschaft, bei der sich mehrere, in der Regel eher kleinere Sortimentsbuchhändler zusammenschließen, um beim Wareneinkauf bessere Konditionen – insbesondere höhere Rabatte – zu erzielen. Diese Verbünde entstanden als Reaktion auf die zunehmende Konkurrenz durch große Buchhandelsketten mit überregionalen Filialnetzen, die durch eine zentrale Lagerhaltung und dementsprechend hohe Bestellmengen bei den Verlagen deutlich günstigere Rabatte erzielen konnten.
| 3. | Bucheinzelhandel |
Der Bucheinzelhandel bildet die unterste Vertriebsstufe im dreistufigen Buchhandelssystem; seine Aufgabe ist die Versorgung der Bevölkerung mit dem Kulturgut Buch und den damit verwandten Produkten. Die klassische Form des Bucheinzelhandels ist die Sortimentsbuchhandlung. Daneben sind der Versandbuchhandel, der Antiquariatsbuchhandel und Buchverkaufsstellen von Bedeutung. Eine Sonderform des Bucheinzelhandels stellen Buchgemeinschaften dar.
Sortimentsbuchhandlungen sind Ladengeschäfte, die ein breites Angebot an Büchern für den Endkunden bereithalten, ihn bei seiner Kaufentscheidung fachkundig beraten und Titel, die sie nicht auf Lager haben, für ihn bestellen. Sie beziehen ihre Ware direkt beim Verlag oder bei einem Zwischenbuchhändler, in der Regel von beiden. Beim Einkauf erhalten sie den so genannten Buchhändlerrabatt, der vom festgelegten Endverkaufspreis abgezogen wird. Normalerweise besitzen sie – bei Einhaltung bestimmter zeitlicher Fristen – ein Rückgaberecht für nicht an den Endkunden verkaufte Bücher (Remittenden).
Die verbreitetste Form des stationären Bucheinzelhandels ist die allgemeine Sortimentsbuchhandlung, die sich durch eine große Sortimentsbreite sowohl im Hinblick auf die Anzahl der vorrätig gehaltenen Titel als auch auf thematische Vielfalt auszeichnet. Diese Buchhandlungen geraten allerdings zunehmend unter den Konkurrenzdruck von Buchhandelsketten mit großem Filialnetz, die aufgrund von Synergieeffekten nicht nur größere Handelsspannen erzielen, sondern die Endkunden auch oft mit wesentlich größeren Ladengeschäften locken wie etwa die enorm großen so genannten Buchkaufhäuser. Neben dem allgemeinen Sortiment existieren verschiedene Formen thematisch spezialisierter Sortimentsbuchhandlungen, etwa Fachbuchhandlungen, Universitätsbuchhandlungen, religiöse Buchhandlungen, Kinder- und Jugendbuchhandlungen, Krimibuchhandlungen oder Frauenbuchläden. Zwei Sonderformen des Sortimentsbuchhandels sind der Warenhausbuchhandel, der insbesondere auf dem Taschenbuchmarkt von nicht zu unterschätzender wirtschaftlicher Bedeutung ist, und der in der Regel auf „leichte” Unterhaltungsliteratur, Reiseführer sowie Presseerzeugnisse spezialisierte Bahnhofsbuchhandel.
Von zunehmender Bedeutung ist der Versandbuchhandel. Versandbuchhandlungen beliefern ihre Kunden auf dem Postweg oder durch eine Spedition. Sie haben in der Regel kein Ladengeschäft und sparen dadurch Miet- und Personalkosten. Ihr Sortiment stellen sie ihren Kunden in Katalogen sowie in Werbeanzeigen bzw. Prospektbeilagen in Zeitungen und Zeitschriften vor. Eine vergleichsweise junge, wirtschaftlich immer mächtigere Form des Versandhandels mit Verlagsprodukten ist die Internetbuchhandlung.
Antiquariate sind auf alte, seltene und gebrauchte Bücher spezialisiert, bei denen keine Preisbindung mehr besteht; der Antiquar setzt die Preise seiner Waren also in Abhängigkeit von Zustand, Seltenheitswert und Marktlage selbst fest. Man unterscheidet grob bibliophile Antiquariate, die vor allem alte und wertvolle Druckerzeugnisse wie z. B. Inkunabeln, Autographen, seltene Erstausgaben oder besonders illustrierte Bücher führen, und wissenschaftliche Antiquariate, die sich auf vergriffene wissenschaftliche Bücher und Zeitschriften spezialisiert haben; ihre Kunden sind Sammler, Wissenschaftler und Bibliotheken. Eine Sonderform des Antiquariatsbuchhandels ist das Moderne Antiquariat, das relativ aktuelle Bücher mit aufgehobenem Ladenpreis, den in der Branche so genannten „Ramsch” (Remittenden, beim Verlag nicht verkaufte Restlagerbestände oder Bücher mit kleinen äußerlichen Fehlern), zu reduzierten Preisen anbietet. Antiquariatsbuchhandlungen können Ladengeschäfte und/oder (Internet-)Versandbuchhandlungen sein.
Zum Bucheinzelhandel zählen auch die so genannten Buchverkaufsstellen, deren wirtschaftliche Bedeutung zunimmt. Buchverkaufsstellen finden sich im Einzelhandel, der eigentlich auf andere Produkte spezialisiert ist und Bücher im Nebensortiment anbietet. Beispiele sind Supermärkte, Schreibwarengeschäfte, Kiosks, Tankstellen sowie u. a. Apotheken, die Gesundheitsratgeber führen, Zoofachhandlungen mit Tierbüchern oder Baumärkte mit Heimwerker-Ratgeberliteratur.
Buchgemeinschaften oder Buchclubs stellen eine Sonderform des Bucheinzelhandels dar. Ihr Prinzip beruht auf einem kleinen Sortiment und auf Mitgliedschaft; die von ihnen vertriebenen Bücher werden den Mitgliedern entweder verbilligt oder sogar exklusiv angeboten. Die Mitgliedschaft ist meist kostenlos, die Mitglieder verpflichten sich aber zumeist, eine bestimmte Anzahl an Büchern pro Jahr zu erwerben. Buchgemeinschaften sind üblicherweise gleichzeitig ein Verlag oder arbeiten exklusiv mit einem Verlag zusammen; die von ihnen angebotenen Bücher sind in der Regel nur bei ihnen, also nicht im regulären Sortimentsbuchhandel erhältlich. Dabei handelt es sich in den seltensten Fällen um Erst- oder Originalausgaben, sondern fast immer um (besonders schön ausgestattete oder besonders preisgünstige) Nachdrucke in Lizenz des Originalverlags. Buchclubs können Ladengeschäfte besitzen; häufiger sind sie jedoch Versandbuchhandlungen und präsentieren ihr Angebot in Katalogen oder online.
| 3. | Geschichte |
| 1. | Antike |
Die Geschichte des gedruckten Buches – und damit des Buchhandels im engeren Sinn – begann mit Johannes Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, der überhaupt erst die Verbreitung identischer Exemplare eines Textes an eine potentiell unbegrenzte Zahl von Lesern ermöglichte. Im Sinne des kommerziellen Handels mit schriftlich fixierten Texten ist der Buchhandel jedoch wesentlich älter; er reicht bis in die griechische Antike zurück, und zwar in die Zeit Platos: Seine Schüler verkauften Niederschriften seiner Vorträge und damit wahrscheinlich als Erste regelmäßig literarische Produkte. Im 4. Jahrhundert v. Chr. etablierte sich in Athen der Handel mit Papyrusrollen; die ersten „hauptberuflichen” Buchhändler waren vermutlich Personen niederen Standes, die Schriftrollen auf Vorrat selbst anfertigten und an gebildete Stände verkauften. Etwa um die Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. entwickelte sich Alexandria zu einem der ersten großen Buchmärkte der Welt, und zwar im Zusammenhang mit der Alexandrinischen Bibliothek, die in ihrer Blütezeit rund 500 000 Rollen besaß und in deren Umfeld ein florierender Handel mit von ortsansässigen Schreibern angefertigten Abschriften entstand. Durch Nutzung der Verteilungswege, die durch die Handelsbeziehungen der Stadt gegeben waren, behielten die Buchhändler Alexandrias mehr als zwei Jahrhunderte lang die Kontrolle über den größten Teil der Buchproduktion der hellenistischen Welt.
Die ersten Buchhändler in Rom waren Adelige, die sich Sklaven als Schreiber hielten, von ihnen (größtenteils importierte griechische) Texte abschreiben ließen und diese verkauften. Freigelassene Sklaven kopierten und vertrieben Texte auch als selbständige Händler. Es entstanden stationäre Buchhandlungen mit Ladengeschäft, die auch zu Versammlungsorten von Intellektuellen wurden. Während Leser und Käufer in der Provinz zuvor auf die Versendung von Schriftrollen aus Rom angewiesen waren, gab es spätestens ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. auch in anderen größeren Städten des Römischen Reiches Buchhandlungen. Obwohl im 3. und 4. Jahrhundert die Schriftrolle vom Kodex (zwischen Einbanddeckeln zusammengenähte Pergamentblätter) abgelöst wurde, der wesentlich leichter handhabbar war und damit eine potentiell günstigere Handelsware darstellte, erstarb mit der Verlegung der Hauptstadt des Römischen Reiches nach Konstantinopel 330 n. Chr. und der folgenden Agonie des Weströmischen Reiches auch der kommerzielle Handel mit Büchern im abendländischen Kulturkreis für nahezu ein Jahrtausend.
| 2. | Mittelalter |
Im mittelalterlichen Europa ging die Verwaltung des Wissens und mit ihr die Buchkultur, die in der Antike von Intellektuellen, Bibliophilen und öffentlichen Bibliotheken gepflegt worden war, fast vollständig an die Kirche über. Die Buchherstellung war im Großen und Ganzen das Monopol der Skriptorien, also der Schreibstuben der Klöster. Einige Jahrhunderte lang wurden in den Klöstern Bücher fast ausschließlich für den Gebrauch durch die Mönche und ihre Laienschüler hergestellt. Daher blieb auch über Jahrhunderte hinweg die Kunst des Lesens und Schreibens fast nur auf die Geistlichkeit beschränkt. Die klösterliche Buchkultur des Mittelalters brachte prunkvolle Kodizes mit Meisterwerken etwa der Kalligraphie oder der Illustration hervor; ein kommerzieller Buchhandel existierte jedoch praktisch nicht.
Durch die Gründung von Dom- und Klosterschulen sowie Universitäten ab dem 12. Jahrhundert erhielt der Buchhandel einen neuen Impuls. Hierbei spielten die Universitäten von Bologna und Paris eine besondere Rolle: Sie überwachten die Herstellung von Lehrbüchern und bestimmten die Preise für den Verkauf und Verleih. Die Buchkopisten und -verkäufer, die Stationarii, waren im Allgemeinen Universitätsangehörige oder Hochschulabsolventen. Zur weiteren Entwicklung des nun wieder auch weltlich gewordenen Geisteslebens und damit auch des Handels mit Handschriften trug massiv die Verbreitung des Papiers als neues Beschreibmaterial bei, das zwar schon im Jahr 105 n. Chr. in China erfunden worden war, aber erst im 12. Jahrhundert nach Europa gelangte. Um 1250 entstanden erste Papiermühlen in Italien, im 14. Jahrhundert dann auch in Frankreich und Deutschland, die das im Vergleich zu Pergament wesentlich kostengünstigere Papier in quasi unbeschränkter Menge produzieren konnten. Mit diesem neuen Beschreibmaterial verlor das Buch schon vor Gutenberg seinen exklusiven und sakralen Nimbus und wurde zum – teilweise auch schon Unterhaltungsbedürfnisse befriedigenden – Gebrauchsgegenstand für die gebildeten oberen Schichten. Der spätmittelalterliche Handschriftenhandel florierte; von der Ware Buch profitierten u. a. Papiermacher, Schreiber, Illustratoren, Kupferstecher, Holzschneider und Buchbinder.
| 3. | Von der Erfindung des Buchdrucks bis zum 18. Jahrhundert |
Der Buchhandel wurde durch Johannes Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern um 1450 in Mainz revolutioniert. Mainzer Gesellen verbreiteten die Buchdruckerkunst ab circa 1459 in andere Städte, zunächst Straßburg, Bamberg, Köln, Eltville, Basel, Augsburg und Nürnberg. 1470 gab es bereits an 17 Orten Buchdruckerwerkstätten, 1480 schon in über 120 europäischen Städten. Die neue Erfindung vereinfachte die Buchproduktion immens und ermöglichte eine deutlich größere Wirtschaftlichkeit, verlangte erstmals aber auch die spekulative Einschätzung der Nachfrage (die Kalkulation der Auflage), den Einsatz von Risikokapital (die Bücher mussten nun vorfinanziert werden) und den Aufbau von (zum Teil überregionalen) Vertriebsstrukturen – Kennzeichen auch des heutigen Verlags.
Die ersten Drucker waren daher gleichzeitig auch Verleger; man spricht von Druckerverlegern. Bedeutende deutsche Druckerverleger der Inkunabelzeit waren Anton Koberger (der Taufpate Albrecht Dürers), der 1470 in Nürnberg ein Geschäft eröffnete und später insgesamt 16 Läden sowie Buchvertreter in fast jeder Stadt der christlichen Welt besaß, sowie Johannes Fust und Peter Schöffer, die Gutenbergs Mainzer Offizin übernommen hatten und mit der Wahl des Messeplatzes Frankfurt als Standort ihres Buchhandelsunternehmens als frühe Buchgroßhändler gelten können. Die Buchdruckerkunst breitete sich schnell in ganz Europa aus; Druckerverleger von über ihre Landesgrenzen hinausgehender Bedeutung waren z. B. der Venezianer Aldus Manutius, der günstige Ausgaben lateinischer und griechischer Klassiker in ganz Europa vertrieb, sowie William Caxton, der ab 1476 in London als Erster Bücher in englischer Sprache druckte.
Ab 1480 gingen die Druckerverleger zunehmend dazu über, den Vertrieb ihrer Bücher anderen zu übergeben; der Beruf des „Buchführers” (so bis ins 17. Jahrhundert die Bezeichnung für Buchhändler) entstand. Buchführer hatten gelegentlich Niederlassungen, zumeist aber waren sie Wanderhändler, die ihre Waren (die sie in „Bücherfässern” bei sich führten) auf Märkten und Messen in Reichs-, Residenz- und Universitätsstädten feilboten. Indem sie konkrete Druckaufträge an Buchdruckerwerkstätten erteilten, konnten sie auch als Verleger tätig sein; man spricht von Verlegersortimentern.
In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gelangte das Buch durch die Reformation zu neuer Bedeutung, indem es zum volkssprachlichen Massenmedium wurde. Im Jahr 1500 betrug das Verhältnis lateinischsprachiger zu deutschsprachigen Neuerscheinungen 20:1, im Jahr 1524 nur noch 3:1. Diese Entwicklung ist insbesondere Martin Luther und seinen Schriften zu verdanken, die das zuvor unbedeutende Wittenberg zu einer Metropole des Buchdrucks und -handels machten und die an vielen Orten nachgedruckt wurden. Im Kampf gegen das reformatorische Gedankengut griffen Kirche und Staat zu rigiden Zensurmaßnahmen, unter denen nicht nur die Verfasser der entsprechenden Schriften (oft Flugblätter), sondern auch die Drucker und Buchhändler als ihre Distributoren zu leiden hatten.
Das Buch trug in dieser Zeit nicht nur mit reformatorischen Schriften, sondern auch mit einer Vielzahl von Volksbüchern (z. B. von Hans Sachs) signifikant zur Alphabetisierung der Bevölkerung bei, wovon natürlich auch das gesamte Buchhandelswesen profitierte. Manche Schriften erreichten zuvor nie gekannte Auflagenzahlen, von Luthers Bibelübersetzung etwa wurden zwischen 1534 und 1574 mehr als 100 000 Exemplare verkauft. Auch die Menge der Neuerscheinungen stieg mit dieser Entwicklung rapide an; waren es im gesamten 15. Jahrhundert noch etwa 30 000 Titel gewesen, wird die Zahl der Neuerscheinungen des 16. Jahrhunderts auf 130 000 bis 150 000 geschätzt.
Der Buchhandel der Barockzeit wird zumeist als Epoche des Mess- und Tauschhandels charakterisiert. Zum bedeutendsten Umschlagplatz für Bücher war seit Mitte des 16. Jahrhunderts die jährliche Frankfurter Buchmesse geworden, bei der Verlegersortimenter aus ganz Europa ihre (zumeist noch lateinischsprachigen) Bücher austauschten, um ihr Sortiment zu verbreitern (es reisten aber auch Druckerverleger an, die Buchführer für nicht verkaufte Restauflagen zu finden hofften). Durch den Dreißigjährigen Krieg brach die bis dahin außerordentlich florierende Buchproduktion rapide ein. Nach dem Krieg begann sich der Niedergang des Lateinischen als gesamteuropäische Gelehrtensprache zu beschleunigen, was auch den Bedeutungsverlust der Frankfurter Buchmesse zur Folge hatte, denn der Buchmarkt in Europa organisierte sich allmählich nationalsprachlich (und damit nationalstaatlich). Die Buchmesse in Leipzig trug diesem Umstand Rechnung, da auf ihr zunehmend deutschsprachige Bücher gehandelt wurden, und löste damit um das Ende des 17. Jahrhunderts Frankfurt als bedeutendsten Messeplatz ab.
| 4. | Der Beginn des modernen Buchhandels |
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ging der deutsche Buchhandel – ausgelöst durch Philipp Erasmus Reich, der als Geschäftsführer eines Leipziger Großverlegers für weitreichende Reformen des gesamten Buchhandelssystems sorgte – von der Tausch- zur Geldwirtschaft über, was einen entscheidenden Schritt zur Entstehung des modernen Verlags bedeutete: Reich setzte den so genannten Nettohandel als Handelsprinzip durch, d. h., Buchhändler, die seine Bücher zum Zweck des Weitervertriebs beziehen wollten, mussten diese gegen Barzahlung und ohne Rückgaberecht käuflich erwerben. Dieses Prinzip setzte sich bald durch und leitete die Trennung von Verlags- und Sortimentsbuchhandel ein. Als unmittelbare Reaktion auf den Nettohandel nahm das Nachdruckwesen – das seit Erfindung des Buchdrucks zwar schon existierte, bis dahin aber als eine Art Kavaliersdelikt betrachtet worden war – ungekannte und für viele Originalverleger existentiell bedrohliche Ausmaße an.
Noch vor der Wende zum 19. Jahrhundert entstand mit dem Kommissionshandel eine Vorform des modernen Buchgroßhandels, der die Trennung von Verlag und Sortiment besiegelte. 1796 gründete Friedrich Christoph Perthes die vermutlich erste reine Sortimentsbuchhandlung Deutschlands. Der Verleger als Persönlichkeit, die das Geistesleben ihrer Zeit entscheidend mit beeinflusst, trat hervor; bedeutende Verlegerpersönlichkeiten dieser Epoche waren etwa Christoph Friedrich Nicolai, der als Freund Gotthold Ephraim Lessings zum wichtigsten Verleger der Aufklärung wurde, Georg Joachim Göschen, der u. a. Goethe, Schiller, Wieland und Klopstock verlegte, sowie Johann Friedrich Cotta, der als der bedeutendste Verleger der Weimarer Klassik gelten kann. Auch in anderen europäischen Ländern und den USA entstanden vergleichbare Verlagshäuser.
Während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Buchdruck, der sich seit Gutenberg kaum verändert hatte, durch die Einführung mechanischer Druckmaschinen (Erfindung der Zylinderdruckpresse 1810, der Rotationspresse 1845) und die Industrialisierung der Papierproduktion (erste dampfbetriebene Papiermühle 1818) grundlegend verbessert. Die neuen Techniken ermöglichten die Herstellung einer großen Zahl von Druckwerken in kurzer Zeit und zu günstigen Preisen, so dass ein Massenmarkt beliefert werden konnte; sie führten aber auch zum Entstehen einer Medienkonkurrenz mit den nun ebenfalls massenhaft auf den Markt gelangenden Erzeugnissen der Presse. Durch diese Entwicklungen, die im 19. Jahrhundert mit einer „Leserevolution” einhergingen, gewann die Buchbranche an Selbstbewusstsein. Auch in Reaktion auf die zunehmende staatliche Bevormundung, insbesondere durch die in den Karlsbader Beschlüssen von 1819 festgelegte rigorose Präventivzensur, entstand in Deutschland die Standesorganisation des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der 1825 in Leipzig gegründet wurde. Dieser sollte nicht nur die Interessen des gesamten Berufsstandes nach außen vertreten (und vertritt sie noch heute), sondern auch die immer komplizierteren Abrechnungsverfahren zwischen Verlagen und Buchhändlern vereinfachen und vereinheitlichen. Einer der nachhaltigsten Beschlüsse des Börsenvereins war die nach seinem damaligen Vorsteher benannte „Kröner’sche Reform” von 1887, mit der die – in modifizierter Form bis heute bestehende – Buchpreisbindung eingeführt wurde.
| 5. | Die Entwicklung seit dem 20. Jahrhundert |
Nach der Wende zum 20. Jahrhundert blühte die Buchindustrie auf; der Buchmarkt hatte eine breite thematische Differenzierung erreicht und bot Bücher aus allen Fachgebieten und für alle literarischen Geschmacksrichtungen an – das Buch war ein industriell gefertigter, für alle sozialen Schichten erschwinglicher Massenartikel geworden. Deutschland stand dabei in den Jahren vor Ausbruch des 1. Weltkrieges an der Spitze der Weltbuchproduktion; bedeutende Verlegerpersönlichkeiten, die die literarische Produktion dieser Zeit prägten, waren u. a. Samuel Fischer (S. Fischer Verlag), Eugen Diederichs (Eugen Diederichs Verlag), Albert Langen (Albert Langen Verlag, später Langen Müller Verlag), Anton Kippenberg (Insel Verlag), Kurt Wolff (Kurt Wolff Verlag) und Ernst Rowohlt (Rowohlt Verlag). Vor allem in diesen „Kulturverlagen” entstand um die Jahrhundertwende der Beruf des Lektors.
Nach Absatzeinbrüchen während des 1. Weltkrieges, als Druckereien die Papierzuweisungen gekürzt wurden und Bücher der Zwangswirtschaft unterlagen, war die deutsche Buchbranche auch in der Epoche der Weimarer Republik von Krisen gekennzeichnet, zurückzuführen vor allem auf die allgemeine Wirtschaftskrise und den damit zusammenhängenden Kaufkraftverlust der Bevölkerung – um 1920 kam das Schlagwort der „Bücherkrise” auf. Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurden sämtliche jüdischen Buchhandlungen und Verlage geschlossen oder „arisiert”, u. a. auch der große Ullstein-Medienkonzern. Fast die gesamte Buchbranche – die Unternehmen ebenso wie die Verbände und Standesorganisationen – wurden gleichgeschaltet und unterlagen der von der Reichsschrifttumskammer, einer Unterorganisation der Reichskulturkammer, organisierten staatlichen Lenkung. Nicht nur die namhaftesten deutschen Schriftsteller, sondern auch zahlreiche Buchhändler und Verleger waren zur Emigration gezwungen. Im Ausland – insbesondere in den Niederlanden, der Schweiz, Schweden, der Tschechoslowakei, den USA und Lateinamerika – entstanden Exilverlage, die zwar rückblickend von großer literatur- und kulturgeschichtlicher Bedeutung sind (Exilliteratur), deren Produktion aber in den seltensten Fällen die in Deutschland verbliebene Bevölkerung erreichte, sondern fast ausschließlich in Emigrantenkreisen rezipiert wurde.
Nach dem 2. Weltkrieg erlebte die Buchbranche in Deutschland wie auch international einen Aufschwung. Zu immenser wirtschaftlicher Bedeutung gelangte das Taschenbuch, das bereits im 19. Jahrhundert in den USA aufgekommen war; als preiswertes und massenhaft herstellbares Gut erlebte es in der Nachkriegszeit eine nachhaltige Wiedergeburt. Massenwerbung und verschiedene technische Neuerungen ermöglichten eine breite Verteilung des Produktes Buch; eine neue Verlegergeneration setzte auf Massenvermarktung, verbunden mit dem Bestreben, möglichst viele Bestseller zu produzieren. Kennzeichnend für den Buchhandel der Gegenwart – des herstellenden wie des verbreitenden – ist der Hang zur Konzentration: Im Sortimentsbuchhandel entstehen mächtige Ketten, die den Einzelhändler ohne Filialnetz zunehmend vom Markt verdrängen, und im Verlagsbereich bilden sich durch Übernahmen und Zusammenschlüsse große Verlagsgruppen und Medienkonzerne. Da diese viel stärker nach rein betriebswirtschaftlichen Kriterien geführt werden als der klassische Verlag, der seine Aufgabe nicht nur in der Gewinnmaximierung, sondern oft auch im Dienste der Literatur und des Kulturgutes Buch sah, neigt der Buchmarkt deutlich zur Kommerzialisierung, also zur immer stärkeren Fokussierung auf (potentielle) Bestseller und gleichzeitig zur Vernachlässigung der – wirtschaftlich riskanten – Förderung von Werken junger, unbekannter Autoren.