Suchansicht Medizin

Wenn Sie nach einem bestimmten Wort, Namen bzw. Thema in diesem Artikel suchen möchten, wählen Sie in Ihrem Browser die entsprechende Option für Suche innerhalb der Seite. Im Internet Explorer finden Sie diese Option im Menü Bearbeiten.

Bei der Suche wird genau das Wort bzw. die Phrase berücksichtigt, das (die) Sie eingegeben haben. Sollte die Suche keine Ergebnisse zeitigen, versuchen Sie, nach einem Schlüsselwort in Ihrem Thema zu suchen bzw. die Schreibung des betreffenden Wortes oder Namens zu überprüfen.

Medizin
1. Einleitung

Medizin (lateinisch medicus: Arzt); die Wissenschaft und Kunst von der Heilung von Krankheiten sowie der Gesundheitsvorsorge.

2. Die Anfänge der Medizin

Unsere Kenntnisse über die medizinische Praxis in vorgeschichtlicher Zeit stammen aus der Paläopathologie. Diese Forschungsrichtung beschäftigt sich mit alten Darstellungen medizinischer Verfahren, mit Schädeln und anderen Skelettteilen sowie mit den medizinischen Geräten der Vorzeit und der heutigen nichtindustrialisierten Kulturen. Zum größten Teil gehören solche Themen in das Gebiet der Anthropologie. Manche Verfahren haben sich allerdings bis heute erhalten, so dass es gerechtfertigt ist, sie auch aus der Sicht der Medizingeschichte zu betrachten.

Schon für die Menschen der Vorzeit waren schwere Krankheiten ein großes Problem. Es gelang ihnen jedoch nicht, sie wirksam zu behandeln. Nach den vermeintlichen Ursachen unterschied man zwei Arten solcher Krankheiten. Für jede dieser Gruppen gab es eine Reihe von Therapiemethoden, die sich aber gegenseitig ausschlossen. Die erste und größte Gruppe waren Leiden, für die man böse Geister verantwortlich machte. Diese Dämonen, so glaubte man, versetzten einen fremden Geist, einen Stein oder einen Wurm in den Körper des arglosen Patienten. Um solche Beschwerden zu vertreiben, benutzte man Zaubersprüche, Tänze, magische Handlungen, Beschwörungen, Talismane und die verschiedensten anderen Mittel. Wenn es dem Geist gelang, in den Körper seines Opfers zu gelangen, weil man solche Vorsichtsmaßnahmen nicht ergriffen hatte oder weil sie nicht ausreichten, versuchte man, den Körper des Patienten für den Dämon unbewohnbar zu machen: Man schlug den Kranken, folterte ihn oder ließ ihn hungern. Auch mit Arzneitränken, die heftiges Erbrechen auslösten, wollte man den Geist austreiben, oder man ließ ihn durch ein in den Schädel gebohrtes Loch entweichen. Diese zuletzt genannte Methode, Trepanation genannt, diente auch als Mittel gegen Geisteskrankheiten, Epilepsie und Kopfschmerzen.

Wenn sich die Therapiemethoden jedoch unmittelbar gegen die Beschwerden richteten, waren sie oft erfolgreich. Zu den medizinischen Verfahren, die schon in frühen Kulturen praktiziert wurden, gehörten die Reinigung und Behandlung von Wunden durch Ausbrennen, Verbinden und Nähen, das Einrichten von Verrenkungen und Knochenbrüchen sowie das Schienen von Gliedmaßen. Als Arzneien verwendete man Abführmittel, harntreibende Wirkstoffe, Brechmittel und Einläufe. Die vielleicht größten Erfolge erzielte man mit Pflanzenextrakten, deren betäubende und anregende Eigenschaften man nach und nach entdeckte. Sie eigneten sich so gut zur Behandlung, dass viele von ihnen auch heute noch in Gebrauch sind. Einer der bekanntesten dürfte Digitalis sein, ein Herzmittel, das aus der Fingerhutpflanze gewonnen wird.

3. Medizinische Praxis in der Antike

Bevor sich etwa im 6. Jahrhundert v. Chr. die fortgeschrittenere griechische Medizin entwickelte, gab es in den einzelnen Kulturkreisen bereits verschiedene medizinische Systeme, die sich vorwiegend auf Magie, Hausmittel und einfache chirurgische Verfahren gründeten.

1. Ägyptische Medizin

In der Medizin des alten Ägypten sind zwei verschiedene Richtungen zu erkennen: eine magisch-religiöse, die sehr alte Elemente umfasste, und eine empirisch-rationale, die sich auf Erfahrungen und Beobachtungen stützte, während ihr die mystischen Aspekte fehlten. Die häufigsten Augen- und Hauterkrankungen behandelten die Ärzte meist ausschließlich nach Vernunftprinzipien, weil die Krankheitsherde leicht zugänglich waren. Weniger gut erkennbare Leiden versuchte man weiterhin mit den Zaubersprüchen und Beschwörungsformeln der Priester und Magier zu heilen. In der 3. Dynastie entwickelte sich der Beruf des Arztes als eine frühe Form des Wissenschaftlers, der anders vorging als die Zauberer und Priester. Der erste Arzt, dessen Namen wir kennen, war Imhotep. Er lebte etwa um 2725 v. Chr. Imhotep diente dem Pharao gleichzeitig als Wesir (d. h. als hoher Beamter), Pyramidenbaumeister und Astrologe.

Die Lehrzeit der Ärzte war hart und langwierig: Jahrelang lernten sie in Tempelschulen die Kunst der Befragung, Untersuchung und Palpation (Abtasten des menschlichen Körpers). Schon damals wurden manche Medikamente verschrieben, die über Jahrhunderte hinweg in Gebrauch blieben. Beliebte Abführmittel waren Feigen, Datteln und Rizinusöl. Tannin, das vor allem aus Akazien gewonnen wurde, war ein wertvolles Hilfsmittel zur Behandlung von Brandwunden.

Obwohl die Ägypter die Kunst des Einbalsamierens beherrschten, verfügten sie nur über geringe anatomische Kenntnisse. Deshalb versuchten sie sich nur an kleinen chirurgischen Eingriffen. Eine Ausnahme war allerdings die Trepanation. Außerdem kannten die alten Ägypter nach den Berichten des griechischen Historikers Herodot auch zahnmedizinische Operationen, denen sie eine große Bedeutung beimaßen. Manchen Hinweisen zufolge beschäftigte man sich in Ägypten auf der Grundlage der Arbeiten von Imhotep auch mit Physiologie und Pathologie.

2. Medizin in Mesopotamien

Assur und Babylon wurden von Gottkönigen beherrscht; deshalb konnte sich die Medizin in diesen Ländern nicht von den Einflüssen der Geisterlehre und Magie lösen. Keilschrifttäfelchen aus dieser Zeit enthalten eine lange Reihe genau klassifizierter Fallbeschreibungen. Erstaunlich genaue Tonmodelle der Leber, die man für den Sitz der Seele hielt, weisen darauf hin, dass man der Untersuchung dieses Organs große Bedeutung beimaß, wenn es darum ging, die Absichten der Götter zu erforschen. Zu dem gleichen Zweck beschäftigte man sich auch mit Träumen.

In Mesopotamien waren zahlreiche Heilmittel in Gebrauch, darunter über 500 Arzneien, von denen manche mineralischen Ursprungs waren. Und die von den Priestern gemurmelten Beschwörungsformeln erwiesen sich oft als wirksame Form der Psychotherapie.

3. Medizin in Palästina

Die Medizin der Juden bezog viele Einflüsse aus dem Kontakt mit Mesopotamien, während Juden in assyrischer und babylonischer Gefangenschaft waren. Krankheiten galten als Zeichen der Strafe Gottes. Die Priester übernahmen die Zuständigkeit für Hygienevorschriften, und die Stellung der Hebammen als Geburtshelferinnen war eindeutig festgelegt. Im Alten Testament werden zwar an einigen Stellen Krankheiten erwähnt, die durch das Eindringen böser Geister entstanden sein sollen. Insgesamt aber wirken die medizinischen Beschreibungen in der Bibel durchaus modern, vor allem, weil sie das Schwergewicht auf die Vorbeugung legen. Im Dritten Buch Moses finden sich genaue Anweisungen zu unterschiedlichen Themen wie weibliche Hygiene, Isolierung von Kranken und Desinfektion von Gegenständen, die Krankheitskeime enthalten könnten. Das einzige eindeutig beschriebene chirurgische Verfahren ist die Beschneidung. Man behandelte Knochenbrüche mit Rollbinden, und auf Wunden strich man Öl, Wein und Balsam. Bei dem in der Bibel häufig erwähnten Aussatz (siehe Lepra) handelte es sich nach heutiger Kenntnis vermutlich um eine ganze Reihe von Krankheiten, u. a. auch um die Schuppenflechte (siehe Psoriasis).

4. Indische Medizin

Die Methoden der hinduistischen Veda-Medizin (1500- 1000 v. Chr.) wurden in späterer Zeit von den beiden Ärzten Charaka (2. Jahrhundert n. Chr.) und Susruta (4. Jahrhundert n. Chr.) beschrieben. Susruta lieferte eine eindeutige Schilderung der Behandlung von Malaria, Tuberkulose und Diabetes. Außerdem berichtete er, wie man mit Indischem Hanf (siehe Cannabis) und mit Bilsenkraut (Hyocyamus) eine Anästhesie herbeiführen kann, und er nannte Gegenmittel und geschickte Behandlungsmethoden für Giftschlangenbisse. Eine althinduistische Arznei aus den Wurzeln der indischen Pflanze Rauwolfia serpentina war der Vorläufer des ersten modernen Beruhigungsmittels. Auf dem Gebiet der Chirurgie besaßen die Hindus bekanntermaßen von allen antiken Kulturen die höchsten Fähigkeiten. Vermutlich waren sie die ersten, denen Hauttransplantationen und kosmetische Operationen an der Nase gelangen.

Als der Buddhismus aufkam, wurden anatomische Untersuchungen verboten. Mit dem Siegeszug des Islam begann der weitere Verfall der medizinischen Wissenschaft, und schließlich kam sie völlig zum Erliegen. Dennoch wurden zahlreiche wertvolle Erkenntnisse über Hygiene, Ernährung und Eugenik an das Abendland überliefert, vorwiegend durch die Schriften des arabischen Arztes Avicenna.

5. Chinesische Medizin

Im alten China war das Sezieren aus religiösen Gründen verboten, so dass man nur über unzureichende Kenntnisse über Aufbau und Funktion des menschlichen Körpers verfügte. Deshalb blieben die chirurgischen Methoden sehr einfach. Die äußerliche Behandlung umfasste Massagen und das Schröpfen: Bei letzterer Methode wird ein zuvor erwärmter Becher auf die Haut gesetzt. Während des Abkühlens entsteht ein Unterdruck, so dass Blut zur Hautoberfläche gezogen wird. Zwei weitere Verfahren, die man bei Rheuma und anderen Leiden einsetzte, waren die Akupunktur, wobei man zur Linderung von Schmerz und Blutandrang Nadeln in die Haut stach, und die Moxibustion, bei der man ölgetränkte Blätter des Beifußkrautes auf der Haut verbrannte. Zu den wichtigsten chinesischen Arzneien gehörten Rhabarber, Eisenhut, Schwefel, Arsen und vor allem das Opium. Außerdem stellte man Heiltränke nach alten Ritualen aus den Organen und Ausscheidungen von Tieren her.

6. Griechische Medizin

Im alten Griechenland beruhte die Medizin anfangs auf Magie und Zauberei. Bei Homer ist Apollon der Gott der Heilkunst. Homers Ilias lässt aber bereits erkennen, dass man über beträchtliche Kenntnisse in der chirurgischen Behandlung von Wunden und anderen Verletzungen verfügte. Die Chirurgie galt als besonderes Fachgebiet, das man von der inneren Medizin unterschied.

Später trat Asklepios als Gott der Ärzte an die Stelle Apollons, und die Priester übten in seinen Tempeln die Heilkunst aus. Sie praktizierten eine frühe Form der Psychotherapie, die als Inkubation bezeichnet wurde.

Bis zum 6. Jahrhundert v. Chr. war die griechische Medizin im Wesentlichen zu einer weltlichen Disziplin geworden: Man legte das Schwergewicht auf klinische Beobachtung und Erfahrung. In der griechischen Kolonie Crotona erkannte der Biologe Alkmäon im 6. Jahrhundert v. Chr., dass das Gehirn der physiologische Ort der Sinne ist. Nach der Vorstellung des griechischen Philosophen Empedokles war Krankheit in erster Linie eine Störung des Gleichgewichts der vier Elemente (Feuer, Wasser, Erde und Luft). Außerdem stellte Empedokles eine einfache Evolutionstheorie auf.

Die beiden berühmtesten Medizinerschulen Griechenlands befanden sich in Kos und Knidos. Ihre Blütezeit erlebten sie im 5. Jahrhundert v. Chr. Die Studenten beider Schulen trugen vermutlich zum Corpus Hippocraticum (Sammlung des Hippokrates) bei, einer Sammlung von Schriften mehrerer Autoren. Sie wird im Allgemeinen dem Arzt Hippokrates aus Kos zugeschrieben, der als Begründer der modernen Medizin gilt. Übernatürliche Heilmethoden werden in diesem Werk nicht erwähnt. Den Ärzten wurden höchste ethische Maßstäbe auferlegt. So entstand der berühmte Eid, der ebenfalls auf Hippokrates zurückgehen soll und heute noch gebräuchlich ist (siehe Hippokratischer Eid). Kenntnisse über die Anatomie des Menschen stammten vor allem aus dem Sezieren von Tieren. Grundlage der Physiologie war die Lehre von den vier Körpersäften – eine Vorstellung, die sich aus der Theorie des Empedokles von den vier Elementen ableitete. Schmerzen und Krankheiten führte man auf ein Ungleichgewicht dieser Säfte zurück. Wie genial Hippokrates wirklich war, zeigt sich in seinen Aphorismen und Prognosen. Darin fasst er prägnant eine gewaltige Menge klinischer Beobachtungen zusammen, die bis ins 18. Jahrhundert zum Anlass für zahllose Kommentare wurden. Ungewöhnlich kenntnisreich ist auch sein Werk Brüche, Verrenkungen und Wunden.

Der griechische Philosoph Aristoteles war selbst nicht als Arzt tätig, aber da er zahlreiche Tiere sezierte, trug er ebenfalls erheblich zur Weiterentwicklung der Medizin bei. Er gilt als Begründer der vergleichenden Anatomie.

Im 3. Jahrhundert v. Chr. war die ägyptische Stadt Alexandria, wo es eine berühmte Medizinschule und Bibliothek gab, das anerkannte Zentrum der griechischen medizinischen Wissenschaft. Hier nahm der Anatom Herophilus die erste historisch belegte öffentliche Sektion eines Menschen vor, und der Physiologe Erasistratos stellte wichtige Untersuchungen zur Anatomie von Gehirn, Nerven, Venen und Arterien an. Die Nachfolger dieser Gelehrten bildeten viele untereinander zerstrittene Schulen. Am bedeutendsten waren die Empiriker: Sie gründeten ihre Lehre auf die durch Ausprobieren gewonnene Erfahrung. Die Empiriker leisteten in Chirurgie und Pharmakologie Hervorragendes. Ein Vertreter dieser Schule, Mithridates VI. Eupator, König von Pontus, entwickelte die Vorstellung, dass man gegen Gifte immun werden kann, wenn man sie nach und nach in immer höherer Dosis zu sich nimmt.

7. Griechisch-römische Medizin

Die griechische Medizin beeinflusste von Alexandria aus auch die römischen Eroberer, obwohl sich diese anfangs dagegen sträubten. Asklepiades von Bithynea trug entscheidend dazu bei, dass sich die griechische Medizin im 1. Jahrhundert v. Chr. in Rom durchsetzte. Er hielt nichts von der Theorie der Körpersäfte und lehrte stattdessen, der Körper sei aus einzelnen Teilchen aufgebaut, den Atomen, die durch Zwischenräume getrennt seien. Krankheit, so meinte er, entstehe durch Einschränkungen der geordneten Bewegung der Atome oder durch Verstopfen der Zwischenräume. Als Gegenmittel setzte er keine Arzneien ein, sondern körperliche Bewegung, Bäder und Ernährungsumstellungen. Seine Vorstellungen lebten bis ins 18. Jahrhundert immer wieder in veränderter Form auf.

Neben Galen von Pergamon waren im 1. und 2. Jahrhundert v. Chr. folgende medizinische Autoren besonders wichtig: der Römer Aulus Cornelius Celsus, der eine Enzyklopädie der Medizin verfasste; der griechische Arzt Pedanius Dioscorides, der sich als erster wissenschaftlich mit Pflanzen beschäftigte; Artaeus von Kappadokien (2. Jahrhundert v. Chr.), ein weiterer griechischer Arzt und Schüler des Hippokrates; Rufus von Ephesus (Anfang des 2. Jahrhunderts v. Chr.), der mit seinen Untersuchungen an Herz und Augen bekannt wurde; und schließlich Soranus von Ephesus, ebenfalls ein griechischer Arzt, der (offenbar nach dem Sezieren von Leichen) Erkenntnisse über Geburtshilfe und Gynäkologie zusammentrug. Letzterer war zwar ein Anhänger der Schule von Asklepiades, aber er unterschied die Krankheiten anhand ihrer Symptome und des Krankheitsverlaufs.

Der wichtigste Mediziner dieser Zeit war Galen von Pergamon, ebenfalls ein Grieche. Hinsichtlich seiner Bedeutung in der Medizingeschichte der Antike kommt ihm der zweite Platz nach Hippokrates zu. Da er im Verlauf des gesamten Mittelalters die unangefochtene medizinische Autorität war, verdienen seine wichtigsten Lehren eine genauere Betrachtung. Galen beschrieb die vier klassischen Symptome von Entzündungen (Rötung, Erwärmung, Schwellung und Schmerz) und leistete wichtige Beiträge zu den Kenntnissen über Infektionskrankheiten und Pharmakologie. Sein anatomisches Wissen über den Menschen war jedoch lückenhaft, denn es stützte sich auf das Sezieren von Affen. Manche Lehren Galens waren sogar dazu angetan, den Fortschritt der Medizin aufzuhalten: So vertrat er beispielsweise die Ansicht, das Blut enthalte den Lebensgeist (Pneuma), der ihm seine rote Farbe gebe. Außerdem war er der Meinung, das Blut dringe durch eine poröse Wand zwischen den Herzkammern. Auf diese Weise verzögerte er die Aufklärung der Funktion des Blutkreislaufes und andere physiologische Forschungen. Seine wichtigsten Arbeiten beschäftigten sich aber mit der Form und Funktion der Muskeln sowie mit den Funktionen der einzelnen Abschnitte des Rückenmarkes. Hervorragendes leistete er auch auf dem Gebiet der Diagnose und Prognose. Die Bedeutung von Galens Werk kann man gar nicht hoch genug einschätzen, denn durch seine Schriften wurden die Erkenntnisse der griechischen Medizin letztlich auf dem Umweg über die Araber an das Abendland überliefert.

8. Römische Medizin

Die eigenständigen römischen Beiträge zur Medizin betreffen die Gebiete Volksgesundheit und Hygiene. Die Leistungen der Römer hinsichtlich des Aufbaus von Kanalisationssystemen, Trinkwasserversorgung und öffentlichen Krankenhäusern wurden erst in moderner Zeit übertroffen.

4. Medizin im Mittelalter

Nachdem im Lauf der Zeit andere Völker die römische Kultur beeinflusst hatten, folgte in der Wissenschaft eine Zeit des Stillstands. Im frühen Mittelalter bestand die Medizin des Abendlandes aus Volksweisheiten, die mit kaum verstandenen Überresten der klassischen Lehren vermischt waren. Selbst in Konstantinopel, dem Zentrum der Gelehrsamkeit, führte eine Reihe von Krankheitsepidemien nur zum Wiederaufleben magischer Praktiken. Nur wenige hervorragende griechische Ärzte wie Oribasius, Alexander von Tralles und Paul von Ägina hielten die alten Traditionen trotz wachsenden moralischen Verfalls, Aberglaubens und geistiger Stagnation aufrecht.

1. Arabische Medizin

Im 7. Jahrhundert brachten arabische Eroberer große Teile des Orients unter ihre Herrschaft. Kenntnisse der griechischen Medizin erhielten die Araber und die Perser von den Nestorianern, einer christlichen Sekte, die aus dem Byzantinischen Reich ins Exil gegangen war. In deren Medizinschulen bewahrte man viele Schriften auf, die bei der Zerstörung der Bibliothek von Alexandria verloren gegangen waren. Übersetzungen aus dem Griechischen bildeten die Grundlage für eine Wiederbelebung der Wissenschaft und für ein arabisches medizinisches System. Dieses stützte sich auf griechisches und römisches Gedankengut und wurde in der gesamten arabischen Welt verbreitet. Einige arabische Ärzte wurden berühmt: al-Razi, praktischer Arzt und Schriftsteller, beschrieb als erster die Pocken (im Jahr 910) sowie die Masern und äußerte erstmals die Vermutung, die Ursache der Infektionskrankheiten liege im Blut. Isaak Judäus schrieb das erste Buch, das sich ausschließlich mit Ernährung beschäftigte. Und Avicenna verfasste den berühmten Canon, eine allgemein anerkannte Zusammenfassung der Lehren von Hippokrates, Aristoteles und Galen. Im 12. Jahrhundert wurden weitere arabische Mediziner weithin bekannt: Avenzoar beschrieb als erster den Parasiten (eine Milbe), der Krätze erzeugt, und stellte als einer der ersten die Autorität Galens in Frage. Averroes war anerkanntermaßen der bedeutendste Kommentator des Aristoteles; sein Schüler Maimonides schrieb viel gelesene Werke über Ernährung, Hygiene und Toxikologie. Al-Quarashi, auch Ibn al-Nafis genannt, verfasste Kommentare über die Schriften von Hippokrates sowie über Ernährung und Augenerkrankungen. Vor allem aber erkannte er als erster, dass das Blut über die Lunge von der rechten in die linke Herzkammer fließt.

Die arabischen Ärzte trugen viel dazu bei, den Ausbildungsstand der Mediziner zu verbessern, denn sie bestanden darauf, dass ein angehender Arzt seinen Beruf nur nach einer Prüfung ausüben durfte. Sie führten außerdem zahlreiche neue Arzneistoffe ein, machten große Fortschritte in der Augenheilkunde und im öffentlichen Gesundheitswesen und waren ganz allgemein viel qualifizierter als die Ärzte im Europa des Mittelalters.

2. Europäische Medizin

Europa litt im frühen Mittelalter darunter, dass Medizin nur von Laien ausgeübt wurde. Zur Befriedigung des dringenden Bedarfs nach medizinischer Versorgung entstand eine Art kirchliche Medizin. Sie hatte ihren Ausgangspunkt in den Hospitälern der Klöster und führte sehr rasch zur Gründung eigener mildtätiger Einrichtungen, die der Pflege der vielen Leprakranken und anderer Patienten dienten. Vor allem die Benediktiner waren auf diesem Gebiet sehr aktiv: In ihrer Bibliothek im italienischen Montecassino sammelten und studierten sie die medizinischen Schriften der Antike. Der heilige Benedikt von Nursia, der diesen Orden gegründet hatte, verpflichtete seine Anhänger zu wissenschaftlichen Studien, insbesondere auf dem Gebiet der Medizin. Bertharius, der Abt von Montecassino, war selbst ein berühmter Arzt.

In Deutschland wurde Fulda unter dem fränkischen Theologen Rabanus Maurus zu einem berühmten Zentrum medizinischer Gelehrsamkeit. Im 9. Jahrhundert veranlasste Karl der Große, der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, dass Medizin in den Lehrplan der Klosterschulen aufgenommen wurde. Der französische Kirchenführer Saint Bernhard von Clairvaux dagegen verbot den Zisterziensermönchen, sich mit medizinischen Büchern zu beschäftigen, und verbannte alle Heilmittel außer dem Gebet.

Im 9. und 10. Jahrhundert wurde der alte Kurort Salerno, der in der Nähe von Montecassino liegt, allmählich zum anerkannten Zentrum der medizinischen Tätigkeit. Anfang des 11. Jahrhunderts wurde dort die erste Medizinschule des Abendlandes gegründet. Die Ausbildung war praxisorientiert und weltlich geprägt; besonderen Wert legte man auf richtige Ernährung und körperliche Hygiene. Der italienische Arzt und Übersetzer Constantinus Africanus, der Benediktinermönch wurde und sich in das Kloster von Montecassino zurückzog, übertrug dort und in Salerno viele klassische medizinische Werke der Griechen für die Studenten aus dem Arabischen ins Lateinische. Im 12. Jahrhundert wurde das Medizinstudium immer theoretischer; man unterrichtete dieses Fach an der Medizinschule in Montpellier.

Gegen Ende des 12. Jahrhunderts lebte die Laienmedizin wieder auf, und die medizinische Tätigkeit außerhalb der Klöster wurde eingeschränkt. Das führte zu einem Niedergang der Klostermedizin, die sich aber bereits hohe Verdienste erworben und die Traditionen der klassischen Gelehrsamkeit bewahrt hatte. Im 13. Jahrhundert führte man die ärztliche Approbation nach einer Prüfung ein, und es wurden strenge Maßnahmen zur Verbesserung der allgemeinen Hygiene ergriffen. Die medizinische Lehre beschränkte sich aber weitgehend auf die Darlegung alter Dogmen. Zu den bedeutendsten Wissenschaftlern dieser Zeit gehören der deutsche Gelehrte Albertus Magnus, der sich mit biologischer Forschung beschäftigte, und der englische Philosoph Roger Bacon. Dieser erforschte die Optik und Lichtbrechung und äußerte als erster Gelehrter die Ansicht, man solle sich in der Medizin auf Heilmittel aus der Chemie verlassen. Aber auch Bacon, der oft als origineller Denker und Pionier der experimentellen Wissenschaft gilt, wurde von den Einflüssen der griechischen und arabischen Autoritäten beherrscht.

In Italien wurden die Universitäten von Bologna und Padua im 13. Jahrhundert zu führenden Zentren der Medizin. In Bologna versuchte man, die hergebrachten Vorstellungen über Anatomie durch das Sezieren von Menschen zu bestätigen. In Padua ging Pietro d’Abano daran, die Gegensätze zwischen den Anhängern des griechischen und arabischen Medizinsystems zu überwinden.

Trotz verbreiteter Vorurteile kamen die anatomischen Untersuchungen voran. Chirurgen hatten damals einen niedrigeren gesellschaftlichen Rang als andere Ärzte. Dennoch erzielte der Chirurg Hugo von Lucca eindrucksvolle Fortschritte; er widerlegte einige Lehren Galens und praktizierte eine vereinfachte Behandlungsmethode für Verrenkungen, Knochenbrüche und Wunden. Er untersuchte die Sublimierung von Arsik und gilt als Gründer der Chirurgenschule von Bologna, die 1204 entstand. Wilhelm von Saliceto und sein Schüler Lanfranchi waren Wegbereiter der chirurgischen Anatomie. Lanfranchi soll der erste gewesen sein, der zwischen Brusthypertrophie und Brustkrebs unterschied. Zwei beherrschende Gestalten der französischen Chirurgie waren zu jener Zeit Henri de Mondeville, der Leibarzt des französischen Königs, der dafür plädierte, Wunden und chirurgische Nähte keimfrei zu machen, sowie Guy de Chauliac. Dieser wurde als Vater der französischen Chirurgie bekannt. Er wies in seinen Schriften darauf hin, wie wichtig das Sezieren für die Chirurgenausbildung ist, und soll als erster die Pest erkannt haben, die Europa 1348 zum ersten Mal heimsuchte. Außerdem beschrieb er wahrscheinlich als erster den Leistenbruch (1361) und erfand mehrere chirurgische Instrumente. Die medizinische Wissenschaft profitierte stark von den Arbeiten des Erzbischofs Raimundo. Er gründete um 1140 im spanischen Toledo ein Institut für die Übersetzung medizinischer Schriften aus dem Arabischen, wo u. a. die Werke von al-Razi und Avicenna ins Lateinische übertragen wurden.

5. Medizin in der Renaissance

In der Renaissance gab es keine plötzliche Veränderung im medizinischen Denken, aber die Kritik an Galen und der arabischen Schule nahm zu. Auch wurde die Lehre des Hippokrates wieder entdeckt. Die Künstler dieser Zeit beschäftigten sich mit der Anatomie des Menschen, insbesondere mit den Muskeln, um den menschlichen Körper naturgetreuer darstellen zu können. Leonardo da Vinci fertigte bemerkenswert genaue anatomische Zeichnungen an, die sich auf das Sezieren menschlicher Leichname gründeten. Der größte Teil seiner Arbeiten ging im Lauf der Jahrhunderte verloren, und zu seiner Zeit fanden sie leider kaum Beachtung.

Der belgische Anatom Andreas Vesalius veröffentlichte 1543 sein Werk De Humani Corporis Fabrica (Über den Aufbau des menschlichen Körpers), das zu einem Meilenstein der Medizingeschichte werden sollte. Der außergewöhnlich aufmerksame Beobachter wies darin auf Hunderte von anatomischen Fehlern Galens hin. Sein Zeitgenosse Gabriel Fallopius, der die Eileiter und das Trommelfell entdeckte, diagnostizierte Ohrerkrankungen mit dem Ohrenspiegel und beschrieb sehr genau die Augenmuskeln, die Tränengänge und die Eileiter. Galen wurde auch von dem spanischen Arzt Michael Servetus widerlegt, der als erster den Lungenkreislauf richtig beschrieb und erklärte, die Körperwärme werde durch die Verdauung aufrechterhalten.

Der Schweizer Arzt und Alchimist Philippus Aureolus Paracelsus, der die Lehre von den Arzneistoffen begründete, brach während seines stürmischen Berufslebens mit der Tradition: Er verbrannte die klassischen medizinischen Schriften, hielt Vorlesungen auf deutsch und entdeckte neue chemische Heilmittel. Der französische Chirurg Ambroise Paré erleichterte die Amputation von Gliedmaßen, weil er die Blutung nicht mehr durch Ausbrennen stillte, sondern mit Hilfe von Klemmen und Nähten. Girolamo Fracastoro, italienischer Arzt und Dichter, der manchmal auch als Vater der wissenschaftlichen Epidemiologie bezeichnet wird, erkannte Unterschiede bei fiebrigen Erkrankungen und entdeckte den Typhus. Der Name Syphilis für eine ansteckende Geschlechtskrankheit, die damals in Europa um sich griff, entstammt seinem berühmten Gedicht Syphilis sive Morbus Gallicus (Syphilis oder die Krankheit der Gallier, 1530). Seine Theorie, wonach ansteckende Krankheiten durch unsichtbare, vermehrungsfähige Keime übertragen werden, war ein Vorläufer der heutigen bakteriologischen Vorstellungen.

6. Die Anfänge der modernen Medizin

Die Medizin des 17. Jahrhunderts war von einem Ereignis geprägt, das den Anfang einer neuen Epoche kennzeichnete: der englische Arzt und Anatom William Harvey entdeckte den Blutkreislauf. Schon 1553 hatte Michael Servetus beschrieben, wie das Blut durch die Lunge fließt. Harvey erläuterte in seinem Essay on the Motion of the Heart and the Blood (Aufsatz über die Bewegung des Herzens und des Blutes, 1628), dass das Herz als Pumpe für einen ununterbrochenen Blutkreislauf sorgt. Der italienische Anatom Marcello Malpighi erweiterte Harveys Erkenntnisse, indem er die Kapillaren entdeckte, und Gasparo Aselli, ein weiterer italienischer Anatom, gab die erste zutreffende Beschreibung des Lymphsystems. In England erforschte der Arzt Thomas Willis die anatomischen Verhältnisse von Gehirn und Nervensystem; er erkannte auch als erster die Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) und eine Reihe von Nervenleiden. Der englische Arzt Francis Glisson legte die Grundlagen für die heutigen anatomischen Kenntnisse über die Leber, beschrieb die Rachitis und bewies als erster, dass sich Muskeln bei jeder Bewegung zusammenziehen.

Richard Lower, ein weiterer englischer Arzt, sammelte grundlegende Erkenntnisse über die Anatomie des Herzens, wies die Wechselwirkungen zwischen Luft und Blut nach und nahm als einer der ersten erfolgreich Bluttransfusionen vor. Ergänzt wurden seine Arbeiten durch die anderer Mitglieder der so genannten Oxforder Gruppe, insbesondere durch die Physiologen Robert Boyle und Robert Hooke, die bahnbrechende Arbeiten über die Physiologie der Atmung leisteten.

Von dem französischen Mathematiker und Philosophen René Descartes, der auch anatomische Sektionen vornahm und die Anatomie des Auges sowie den Sehvorgang erforschte, stammt die Behauptung, der Körper funktioniere wie eine Maschine. Diese Ansicht wurde von den Iatrophysikern übernommen; die Iatrochemiker dagegen betrachteten das Leben als Abfolge chemischer Vorgänge. Die wichtigsten Vertreter der erstgenannten Schule waren der italienische Arzt Sanctorius, der den Stoffwechsel untersuchte, und der italienische Mathematiker und Physiker Giovanni Alfonso Borelli, der auf dem Gebiet der Physiologie arbeitete. Die iatrochemische Schule wurde von Jan Baptista van Helmont gegründet, einem flämischen Arzt und Chemiker. Fortgesetzt wurden seine Arbeiten von dem preußischen Anatomen Franciscus Sylvius, der die chemischen Vorgänge bei der Verdauung untersuchte und das Schwergewicht auf die medikamentöse Behandlung von Krankheiten legte.

Der Engländer Thomas Sydenham, der auch als englischer Hippokrates bezeichnet wurde, und später der niederländische Arzt Hermann Boerhaave kümmerten sich vor allem um die medizinische Praxis und legten wieder mehr Gewicht auf die ärztliche Ausbildung am Krankenbett. Sydenham stellte umfangreiche Untersuchungen über Malaria und das Auftreten von Epidemien an; außerdem erkannte er den Unterschied zwischen Scharlach und Masern. 1632 wurde ein Medikament eingeführt, das später unter dem Namen Chinin bekannt wurde und aus der Rinde des Chinabaumes gewonnen wird – ein weiterer therapeutischer Fortschritt.

1. Neue Erkenntnisse

Nach den Entdeckungen des Astronomen Nikolaus Kopernikus, des Italieners Galilei und des englischen Mathematikers Isaac Newton bemühte man sich im 18. Jahrhundert auch in der Medizin um mehr wissenschaftliche Forschung. Dennoch erregten seltsame, unbewiesene Theorien nach wie vor Aufmerksamkeit. Nach Ansicht des deutschen Arztes und Chemikers Georg Ernst Stahl war die Seele das Lebensprinzip, das die organische Entwicklung lenkt. Friedrich Hoffmann, ebenfalls ein deutscher Arzt, hielt den Körper dagegen für eine Maschine und das Leben für einen mechanischen Vorgang. Diese gegensätzlichen Theorien des Vitalismus und der Mechanistik beeinflussten die Medizin des 18. Jahrhunderts stark. Der britische Arzt William Cullen führte Krankheit auf zu viel oder zu wenig Nervenenergie zurück. Und der Arzt John Brown aus Edinburgh lehrte, Krankheit entstehe durch Schwäche oder ungenügende Anregung des Organismus. Nach seiner Theorie ließ sich die Anregung durch Behandlung mit Reizstoffen und großen Medikamentendosen verstärken. Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte der deutsche Arzt Samuel Hahnemann die Homöopathie, die im Gegensatz zu Browns System sehr geringe Dosierungen vorsieht. Noch andere unorthodoxe Theorien wurden Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts formuliert: Die deutschen Ärzte Johann Kaspar Spurzheim und Franz Joseph Gall begründeten z. B. die Phrenologie: Danach brauchte man nur den Schädel eines Menschen zu vermessen, um Aufschlüsse über seine geistigen Eigenschaften zu gewinnen. Und der Österreicher Franz Mesmer entwickelte eine Theorie des animalischen Magnetismus; er glaubte an eine magnetische Kraft, die sich angeblich stark auf den menschlichen Organismus auswirkte.

2. Das späte 18. Jahrhundert

Zu den wichtigen Medizinern des 18. Jahrhunderts gehörte auch der Brite William Smellie, der Neuerungen in die Geburtshilfe einführte. Ebenso bedeutsam war der britische Anatom und Geburtshelfer William Hunter, ein Bruder des britischen Anatomen und Chirurgen John Hunter. William Hunter, der gemeinsam mit Smellie studiert hatte, gab der anatomischen Forschung in England neue Impulse und setzte Smellies Bemühungen fort, die Geburtshilfe zu einem eigenständigen Fachgebiet der Medizin zu machen.

Darüber hinaus gab es zu jener Zeit weitere wichtige Fortschritte: Die Disziplin der Pathologie etablierte sich durch die Arbeiten des italienischen Anatomen und Pathologen Giovanni Battista Morgagni. Der italienische Naturforscher und Biologe Spallanzani beschäftigte sich mit Physiologie und widerlegte die Theorie von der Spontanzeugung. Die Physiologie der Nerven und Muskeln erforschte der Schweizer Wissenschaftler Albrecht von Haller. Mit dem Blutdruck befasste sich der britische Botaniker, Chemiker und Physiologe Stephen Heles. In der Botanik leistete der schwedische Botaniker und Systematiker Carl von Linné Hervorragendes: Er entwickelte die moderne binominale Nomenklatur der Biologie (siehe Klassifikation); der britische Arzt, Botaniker und Mineraloge William Withering schließlich verwendete erstmals Digitalis als Medikament.

John Hunter machte in der Chirurgie große Fortschritte; der britische Arzt James Lind beschäftigte sich mit der Vitamin-C-Mangelkrankheit Skorbut und verschrieb den Patienten Zitronensaft. Der britische Sozialreformer John Howard sorgte in ganz Europa für eine humanere Behandlung von Krankenhauspatienten und Gefängnisinsassen. 1796 entdeckte der britische Arzt Edward Jenner das Prinzip der Impfung als Vorbeugungsmaßnahme gegen Pocken. Seine Erkenntnisse ermöglichten die Eindämmung dieser gefürchteten Krankheit und bildeten die Grundlage für die Wissenschaft von der Immunisierung.

7. Medizin im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert führten zahlreiche Entdeckungen zu großen Fortschritten in der Diagnose und Therapie von Krankheiten sowie in den chirurgischen Methoden. Die Diagnose von Lungenkrankheiten hatte sich schon im 18. Jahrhundert durch die Methode des Abklopfens verbessert, die der österreichische Arzt Leopold Auenbrugger von Auenbrugg 1761 erstmals beschrieb. Seine Arbeiten blieben aber bis 1808 unbeachtet. Dann erschienen sie in einer französischen Übersetzung, die Napoleons Leibarzt verfasst hatte. Ungefähr um 1819 erfand der französische Arzt René Théophile Hyacinthe Laënnec das Stethoskop, das bis heute meistbenutzte Einzelinstrument der Ärzte. Mehrere hervorragende britische Mediziner entwickelten die neuen Methoden zur Diagnose von Krankheiten weiter: Mit ihren Namen werden bis heute häufig diagnostizierte Krankheiten bezeichnet. So entdeckte Thomas Addison eine Störung der Nebennieren, die heute als Addison-Krankheit bekannt ist. Richard Bright diagnostizierte die Nephritis, die manchmal auch Bright-Krankheit genannt wird. Thomas Hodgkin beschrieb eine bösartige Erkrankung des lymphatischen Gewebes, die Hodgkin-Krankheit. Der Chirurg und Paläontologe James Parkinson erkannte die chronische Nervenkrankheit, die man heute Parkinson-Krankheit nennt. Und der irische Arzt Robert James Graves sowie der deutsche Mediziner Karl von Basedow diagnostizierten eine Schilddrüsenkrankheit mit hervortretenden Augen und Kropf, die Basedow- oder Graves-Krankheit heißt.

1. Entdeckungen in Europa

Die Medizin hat den deutschen Universitäten viel zu verdanken, denn dort räumte man durch neue wissenschaftliche Entdeckungen endgültig mit der alten Vorstellung von den Körpersäften auf. Von grundlegender Bedeutung war z. B. die Zelltheorie des deutschen Botanikers Matthias Jakob Schleiden, welche die individuelle Entwicklung der Lebewesen (siehe Embryologie) erklärte und den Weg für die mikroskopische Untersuchung erkrankten Gewebes ebnete. Der deutsche Anatom und Physiologe Theodor Schwann wandte Schleidens Theorie später auf die Evolution der Tiere an. Die Arbeiten des französischen Anatomen und Physiologen Marie François Xavier Bichat zur systematischen Untersuchung menschlichen Gewebes waren ein Grundstein für die Wissenschaft der Histologie. Der österreichische Pathologe und Arzt Baron Karl von Rokitansky nahm über 30 000 Obduktionen vor und entdeckte als erster, dass Endokarditis von Bakterien hervorgerufen wird. Weitere wichtige Pioniere der mikroskopischen Pathologie waren u. a. Schwann, der deutsche Physiologe und Neurologe Robert Remak, der tschechische Physiologe Johannes Evangelista Purkinje, der Schweizer Anatom und Physiologe Rudolf Albert von Kolliker sowie der deutsche Pathologe und Anatom Friedrich Gustav Jacob Henle. Ebenfalls in Deutschland machte der estnische Biologe Karl Ernst von Baer seine bahnbrechenden embryologischen Experimente, bei denen er die menschliche Eizelle entdeckte. Und der deutsche Physiologe Peter Müller entwickelte die Vorstellung von der spezifischen Energie der Nerven. Den Höhepunkt in dieser außergewöhnlichen Reihe von Entdeckungen bildeten die Arbeiten des deutschen Pathologen Rudolf Virchow. Seine Lehre, wonach die Zelle der Ort der Erkrankung ist, bildet bis heute einen Kernpunkt der medizinischen Wissenschaft.

2. Darwin, Pasteur und Koch

Die von Darwin formulierte Evolutionstheorie belebte das Interesse an vergleichender Anatomie und Physiologie. Ähnlich wirkten sich die Pflanzenkreuzungsexperimente des österreichischen Mönches Gregor Johann Mendel auf die Wissenschaftsgebiete der Humangenetik und Vererbungslehre aus.

Die ersten Untersuchungen des französischen Chemikers und Mikrobiologen Louis Pasteur zur Gärung führten dazu, dass man die Vorstellung von der Spontanzeugung endgültig fallen lassen musste. Außerdem erwachte nun wieder das Interesse an der Theorie, dass Krankheiten von bestimmten übertragbaren Erregern hervorgerufen werden könnten. Von besonderer Bedeutung für die Entwicklung dieser Keimtheorie waren die bahnbrechenden Arbeiten des amerikanischen Arztes und Autors Oliver Wendell Holmes, der sich mit dem Kindbettfieber beschäftigte. Mit derselben Krankheit befasste sich auch der ungarische Geburtshelfer Ignaz Philipp Semmelweis. Er konnte zeigen, dass die hohe Sterblichkeit von Frauen nach der Entbindung auf infektiöse Erreger zurückzuführen war, die durch die ungewaschenen Hände der Ärzte übertragen wurden.

Pasteur und der deutsche Arzt und Bakteriologe Robert Koch gelten als gleichermaßen bedeutsame Begründer der Bakteriologie. Die Entwicklung dieses Gebiets war nach allgemeiner Ansicht der größte Einzelfortschritt in der Geschichte der Medizin. Innerhalb weniger Jahrzehnte isolierte man die Erreger vieler uralter Geißeln der Menschheit, so von Milzbrand, Diphtherie, Tuberkulose, Lepra und Pest. Weitere Erkenntnisse lieferte der deutsche Physiologe Emil Heinrich du Bois-Reymond durch seine Untersuchungen des Stoffwechsels und der Physiologie von Muskeln und Nerven.

3. Bakteriologie und Chirurgie

Zu den ersten Bakteriologen gehörten auch der deutsche Physiologe Edwin Theodor Albrecht Klebs, der deutsche Bakteriologe August Johannes Löffler und der norwegische Arzt Gerhard Henrik Hansen. Klebs entdeckte das Diphtheriebakterium und erforschte die Bakteriologie von Milzbrand und Malaria; außerdem erzeugte er bei Rindern Tuberkulose sowie bei Affen Syphilis. Löffler isolierte den Erreger der Gonorrhö, und Hansen entdeckte die Leprabakterien. Der deutsche Frauenarzt Karl Sigismund Franz Credé entwickelte eine Methode, bei der man in die Augen des Neugeborenen einige Tropfen einer Silbernitratlösung träufelte, um die durch Gonorrhö hervorgerufene Augenentzündung zu verhüten. Mit Pasteurs Methode der Immunisierung durch Injizieren abgeschwächter Viren gelang die Behandlung der Tollwut, und der deutsche Bakteriologe Emil Adolph von Behring entwickelte Immunseren gegen Diphtherie und Tetanus. Der russische Bakteriologe Élie Metchnikoff konnte als Erster zeigen, dass es phagozytierende weiße Blutzellen gibt, die mit einem Vorgang namens Phagozytose Bakterien zerstören.

Die Keimtheorie war von großem Nutzen für die Chirurgie. Der britische Chirurg und Biologe Joseph Lister führte das Phenol (damals Karbolsäure genannt) als Antiseptikum ein und konnte damit die Sterblichkeit durch Wundinfektionen stark vermindern. Listers Nachweis, dass Bakterien durch die Luft übertragen werden können, führte später zu der Erkenntnis, dass sie auch an Händen und Instrumenten haften. Diese desinfizierte man nun, und damit begann das Zeitalter der keimfreien Chirurgie. Ein weiterer großer Fortschritt der Chirurgie war die Einführung der Narkose.

4. Physiologie

Mit den Fortschritten der Physik und Chemie kam auch die Wissenschaft der Physiologie im 19. Jahrhundert stark voran. Zu den herausragenden Physiologen dieser Zeit gehören der deutsche Chemiker Justus von Liebig, der in der organischen Chemie neue Analysemethoden entwickelte und sich mit Lebensmittelchemie und Stoffwechsel beschäftigte, sowie der deutsche Physiker und Physiologe Hermann Ludwig Ferdinand von Helmholtz. Letzterer erfand den Augenspiegel und das Ophthalmometer, untersuchte die Geschwindigkeit der Nervenimpulse und Reflexe und führte entscheidende Forschungen in Optik und Akustik durch. Der französische Physiologe Claude Bernard, der als Begründer der experimentellen Medizin gilt, machte wichtige Entdeckungen zur Funktion von Bauchspeicheldrüse, Leber und sympathischem Nervensystem. Bernards Arbeiten über die Zusammenhänge zwischen Verdauung und vasomotorischem System, das die Erweiterung und Verengung der Blutgefäße steuert, wurden von dem russischen Physiologen Ivan Petrovich Pavlov weiterentwickelt. Von Pavlov stammt auch die Theorie vom bedingten Reflex, die zur Grundlage des Behaviorismus wurde.

Weitere Physiologen des 19. Jahrhunderts waren u. a. der französisch-amerikanische Arzt und Physiologe Charles Édouard Brown-Séquard, der die Tätigkeit der verschiedenen Drüsen im endokrinen System untersuchte, und Carl Friedrich Wilhelm Ludwig, ein deutscher Physiologe, der mit neuartigen Funktionsuntersuchungen die Herz- und Nierentätigkeit erforschte. Der spanische Histologe Santiago Ramón y Cajal lieferte neue Erkenntnisse über Struktur und Funktion des Nervensystems.

Ein anderes wertvolles Diagnosemittel waren die Röntgenstrahlen, die der deutsche Physiker Wilhelm Conrad Röntgen durch Zufall entdeckte. Der dänische Arzt Niels Ryberg Finsen entwickelte eine Ultraviolettlampe (siehe Ultraviolettstrahlung), mit der sich bessere Prognosen für Hauttuberkulose und andere Hautkrankheiten stellen ließen. Nachdem das französische Physikerehepaar Pierre und Marie Curie das Radium entdeckt hatte, boten sich neue Möglichkeiten für die Behandlung mancher Formen von Krebs.

1803 beschrieb der amerikanische Biologe John Richardson Young die Säureproduktion bei der Verdauung im Magen. Dreißig Jahre später veröffentlichte der amerikanische Chirurg William Beaumont seine außergewöhnlichen Untersuchungen über die Magensäfte und die Physiologie der Verdauung; dazu hatte er einen Patienten beobachtet, der an einer Magenfistel litt. Auf dem Gebiet der Gynäkologie leisteten der amerikanische Chirurg Ephraim McDowell und der Gynäkologe James Marion Sims Bedeutendes: McDowell entfernte erstmals operativ einen Eierstocktumor, und Sims rettete unzähligen Frauen das Leben, weil er die Vesikovaginalfistel (eine Öffnung zwischen Harnblase und Scheide) chirurgisch korrigierte; diesen Eingriff nahm er 1845 zum ersten Mal vor.

Im Jahr 1900 griff Walter Reed, ein Chirurg und Bakteriologe der US-Armee, zusammen mit seinen Kollegen einen Vorschlag des kubanischen Biologen Carlos Juan Finlay auf: Sie zeigten, dass Mücken Gelbfieber übertragen. Nur wenige Jahre zuvor hatte der britische Arzt Ronald Ross die Bedeutung der Mücken als Überträger des Malariaparasiten nachgewiesen.

8. Medizin im 20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert konnte man viele Infektionskrankheiten mit Impfstoffen, Antibiotika und verbesserten Lebensbedingungen eindämmen. Krebs wurde häufiger, aber man hat auch Behandlungsmethoden entwickelt, mit denen sich einige Krebsformen wirksam bekämpfen lassen. Auch die Grundlagenforschung, die sich mit lebenden Systemen beschäftigt, weitete sich im 20. Jahrhundert erheblich aus. In vielen Bereichen gab es wichtige Entdeckungen, insbesondere im Hinblick auf die Vererbung von Eigenschaften sowie die chemischen und physikalischen Mechanismen der Gehirnfunktion.

1. Genetik

Eine grundlegende Entdeckung des 20. Jahrhunderts betraf den Weg, auf dem erbliche Merkmale weitergegeben werden. Ein entscheidender Schritt dazu gelang Oswald Theodore Avery und seinen Kollegen in den vierziger Jahren am Rockefeller Institute: Wie sie damals zeigen konnten, lassen sich erbliche Eigenschaften in Form einer Verbindung namens Desoxyribonucleinsäure (DNA) von einer Bakterienzelle zur anderen übertragen. 1953 beschrieben der englische Physiker Francis Harry Compton Crick und der amerikanische Biologe James Dewey Watson ein Strukturmodell der DNA, mit dem sich auf elegante Weise erklären ließ, wie diese Substanz die genetische Information speichert. In den sechziger Jahren klärte der amerikanische Biochemiker Marshall Warren Nirenberg wichtige Einzelheiten dieses Mechanismus auf, und 1970 synthetisierte der in Indien geborene amerikanische Biochemiker Har Gobind Khorana auf der Grundlage dieser Erkenntnisse zum ersten Mal ein Gen. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre entwickelte man Methoden zur gezielten Veränderung von Genen, und seit Mitte der achtziger Jahre finden einige dieser Methoden auch medizinische Anwendung. Mit den gleichen Verfahren, die man zusammenfassend als Gentechnik oder Genklonierung bezeichnet, kann man auch Produkte des menschlichen Organismus wie Hormone oder Interferon in großen Mengen und in reiner Form herstellen.

2. Chirurgie

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnte man Operationen vornehmen, die früher als unmöglich galten. 1962 wurde erstmals ein an der Schulter abgetrennter Arm wieder angenäht. Weniger Aufsehen erregend waren häufigere Eingriffe wie das Annähen von Fingern oder Zehen, die durch Unfälle abgerissen waren. Solche Eingriffe wurden möglich, weil man nun das Mikroskop bei Operationen zu Hilfe nahm. Damit kann der Chirurg die winzigen Nerven und Blutgefäße erkennen, die er zusammenfügen muss, um das angesetzte Körperteil wieder funktionsfähig zu machen. Ein weiterer Fortschritt waren Entwicklungen wie das künstliche Hüftgelenk, das Patienten mit Arthritis Bewegungen erleichterte, und die batteriebetriebene Armprothese. Nierenversagen, das früher zum Tod führte, behandelt man heute routinemäßig mit einer Transplantation oder mit der Langzeittherapie an einer künstlichen Niere. Wie sich 1975 in einer groß angelegten Studie herausstellte, kann man Diabetikern, bei denen Blutgefäße in den Augen geschädigt sind, die Sehfähigkeit häufig mit einer Laserbehandlung erhalten. Manche Formen der schweren Epilepsie heilt man, indem man die fehlerhafte Stelle im Gehirn aufspürt und mit einer Sonde zerstört, die mit flüssigem Stickstoff gekühlt wird.

3. Infektionskrankheiten

Viele Infektionskrankheiten konnte man im 20. Jahrhundert durch bessere hygienische Verhältnisse, Antibiotika und Impfstoffe eindämmen. Die gezielte medikamentöse Therapie von Infektionskrankheiten begann, als der deutsche Arzt Paul Ehrlich das Arsphenamin entdeckte, eine arsenhaltige Verbindung, mit der man Syphilis behandeln konnte. 1932 veröffentlichte der deutsche Wissenschaftler Gerhard Domagk die Beobachtung, dass die Verbindung Prontosil gegen Streptokokkeninfektionen wirkt. Nachdem man das Sulfanilamid entdeckt hatte, den aktiven Bestandteil des Prontosils, konnte man die ersten Sulfonamid-Antibiotika entwickeln. Die britischen Biochemiker Howard Florey und Ernst Chain legten 1938 eine Reinform des Penicillins vor. Es war zehn Jahre zuvor von Alexander Fleming entdeckt worden, der die Bakterien tötende Wirkung des Pilzes Penicillium bemerkt hatte. Der Ausbruch des 2. Weltkrieges führte dazu, dass Penicillin sofort in großem Maßstab hergestellt wurde: Die Folge war ein erheblicher Rückgang der Todesfälle.

Auch gegen die Tuberkulose fand man ein wirksames Medikament: das Streptomycin. Als Bakterien dagegen resistent wurden, entwickelte man ein Kombinationspräparat aus Rifampicin und Isoniazid – das bis heute wichtigste Mittel gegen diese Krankheit. Lepra lässt sich mit den Medikamenten einer anderen Gruppe, den Sulfonen, wirksam behandeln. Und gegen Malaria verabreicht man Derivate des Wirkstoffes Chinin, der ursprünglich aus der Rinde des Chinabaumes gewonnen wurde (heute stellt man ihn synthetisch her). Gegen Viren helfen Antibiotika jedoch nicht, und deshalb wurde bei Viruskrankheiten die vorbeugende Impfung zur wichtigsten Form der Bekämpfung. Die ersten Impfungen wurden gegen folgende Krankheiten entwickelt: Pocken (Impfstoff entdeckt von Edward Jenner 1796); Typhus (Impfstoff entwickelt von dem englischen Bakteriologen Almroth Wright 1897); Diphtherie (1923); und Tetanus seit den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Einen wichtigen Fortschritt in der Herstellung von Impfstoffen gegen Viren brachten die dreißiger Jahre. Damals entwickelten die amerikanischen Mikrobiologen John Franklin Enders und Frederick Chapman Robbins Methoden, mit denen man Viren in Gewebekulturen züchten konnte. Das führte bald darauf zu Impfstoffen gegen Gelbfieber, Kinderlähmung, Masern, Mumps und Röteln. Mit gentechnischen Methoden stellte man Anfang der achtziger Jahre Impfstoffe gegen Hepatitis B, echte Grippe (Influenza), Herpes simplex und Windpocken her; auch ein Impfstoff gegen Malaria wurde erprobt.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde der Kampf gegen die Infektionskrankheiten schwieriger: Einerseits wurden die Erreger gegen Antibiotika resistent, und andererseits entdeckte man auch neue Krankheiten, so z. B. die Legionärskrankheit und AIDS.

4. Die Funktion des Gehirns

Das Gehirn gehört zu den Körperteilen, die erst sehr spät wissenschaftlich untersucht wurden. Im 19. Jahrhundert unterschied der spanische Neuroanatom Santiago Ramón y Cajal mit Hilfe chemischer Farbstoffe zwischen verschiedenen Gehirnbereichen, aber um diesen Feldern bestimmte Funktionen zuzuordnen, bedurfte es der raffinierteren Hilfsmittel des 20. Jahrhunderts. Zunächst regte der amerikanische Neurochirurg Wilder Graves Penfield bei Operationen verschiedene Punkte im Gehirn der Patienten an und konnte auf diese Weise zeigen, dass die einzelnen Muskel- und Gefühlsfunktionen durch unterschiedliche Stellen gesteuert werden. Bei der Untersuchung von Personen, deren rechte und linke Gehirnhälfte durch einen chirurgischen Eingriff getrennt worden waren, stellte sich heraus, dass jede der beiden Hemisphären andere Aufgabenschwerpunkte hat. Nachdem man an den National Institutes of Health in den USA in den siebziger Jahren neue, verbesserte Bildgebungsverfahren entwickelt hatte, konnte man zeigen, welche Gehirnbereiche für die Steuerung von Hören, Sprechen und Bewegung zuständig sind.

Ebenso wichtig war die Aufklärung der Nervenfunktion. Nach der im 20. Jahrhundert entwickelten Neurotransmittertheorie werden die Impulse durch das Zusammenwirken elektrischer und chemischer Signale von einem Nerv zum anderen übertragen. Eine weitere bedeutende physiologische Entdeckung machte man in den siebziger Jahren: Das Gehirn steuert manche Körperfunktionen durch die Ausschüttung von Hormonen. Diese werden im Hypothalamus (einem Teil des Gehirns) gebildet und beeinflussen die Hypophyse, die gewissermaßen als Kontrolldrüse die anderen Hormondrüsen reguliert. Diese Arbeiten der amerikanischen Endokrinologen Roger Guillemin und Andrew Victor Schally stellten eine Verbindung zwischen Gefühlen und Biochemie her. Für die Medizin ergaben sich daraus zum ersten Mal Behandlungsmöglichkeiten für Nervenleiden wie Epilepsie und Parkinson-Krankheit.

5. Das Immunsystem

Bis ins 20. Jahrhundert hinein wusste man über das Immunsystem nur wenig. Bekannt war vor allem, dass es nach Infektionen oder Impfungen Antikörper produziert. In den dreißiger Jahren wies der deutsche Immunologe Karl Landsteiner nach, wie verblüffend spezifisch die Antikörperreaktionen sind. Außerdem entdeckten andere Wissenschaftler, dass es mehrere Typen von Antikörpern gibt; Antikörper sind Eiweiße, die mit einem in den Organismus eindringenden Antigen reagieren. Insbesondere stellte sich heraus, dass einer dieser Typen, das Immunglobulin E, mit Allergien zu tun hat, und in den fünfziger Jahren wurde die genaue Struktur eines Immunglobulintyps aufgeklärt.

Wie man nun feststellte, ist das Immunsystem die Ursache einer durch den Rhesusfaktor bedingten Erkrankung sowie der Abstoßungsreaktionen nach Organverpflanzungen. Nach Transplantationen der Nieren und anderer Organe verabreicht man heute Medikamente, die das Immunsystem vorübergehend schwächen. Wie man ebenfalls bemerkte, sind Antikörper auch die Ursache mehrerer tödlicher Erkrankungen, die nach Bluttransfusionen auftreten können. Durch die Blutgruppenbestimmung nach immunologischen Gesichtspunkten wurde die Übertragung von Spenderblut zu einer ungefährlichen medizinischen Standardmethode.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entdeckte man einen weiteren Teil des Immunsystems; die Träger dieser so genannten zellulären Immunität sind die Lymphozyten (bestimmte weiße Blutkörperchen). Nachdem man die zelluläre Immunität kannte, konnte man sich die Entstehung vieler Krankheiten erklären, die auf Defekte in bestimmten Untergruppen der Lymphozyten zurückgehen. Die Versuche, solche Fehler zu beheben, konzentrieren sich derzeit darauf, dem Patienten Zellen aus dem Knochenmark eines gesunden nahen Verwandten zu injizieren. Andere Forschungsarbeiten beschäftigen sich mit den Hormonen, welche die unreifen Lymphozyten des Embryos zur funktionsfähigen Form heranwachsen lassen.

6. Radiologie

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte man verbesserte Methoden, um in das Innere des menschlichen Körpers zu blicken. Seit den siebziger Jahren gibt es eine Spezialkamera für Gammastrahlung, mit der man die Lage von Krebsherden feststellen kann. Von großem Nutzen für die Diagnose von Kopfverletzungen war die Computertomographie (CT), ein computergestütztes Röntgenverfahren, das 1975 erfunden wurde. Weitere neue Bildgebungsverfahren waren die Positronen-Emissionstomographie (PET) und die Kernresonanz-Bildgebung (NMR). Auch Ultraschall wird seit einiger Zeit in ähnlicher Weise eingesetzt.

7. Geistige Störungen

Geisteskrankheiten waren noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast ein Tabuthema, und Personen mit geistigen Störungen sperrte man auf grausame Weise ein, ohne ihnen zu helfen. Heute gibt es für manche dieser Leiden wirksame Behandlungsmethoden. Das hat zu besseren Heilungsaussichten für die Betroffenen sowie teilweise zur Aufhebung ihrer gesellschaftlichen Ächtung geführt.

Zu den ersten Versuchen, Fehlfunktionen des Geistes und der Seele zu verstehen, gehörten die Theorien, die Sigmund Freud formulierte. Aber die von ihm entwickelten und von seinen Nachfolgern abgewandelten Methoden der Psychoanalyse erwiesen sich bei manchen schweren geistigen Störungen als unwirksam. Zwei frühe Versuche zur Behandlung von Psychosen waren die Leukotomie, auch Lobotomie genannt, die man 1935 einführte, und die Elektroschocktherapie, die 1938 entwickelt wurde. Die Leukotomie und andere, weniger schwerwiegende gehirnchirurgische Eingriffe, werden heute kaum noch vorgenommen. Die Elektroschocktherapie dient derzeit vor allem zur Behandlung von Depressionen, die auf eine medikamentöse Therapie nicht ansprechen.

Ein wichtiger Fortschritt in der Behandlung dieser Krankheiten waren die Psychopharmaka. Die ersten derartigen Wirkstoffe, die Phenothiazine, dienten Anfang der fünfziger Jahre zur Behandlung der Schizophrenie; sie linderten die Symptome vor allem bei Patienten, die an der akuten Form dieser Krankheit litten. Der anfängliche Optimismus, man könne nun die psychiatrischen Kliniken schließen, erwies sich jedoch als Illusion. Heute wissen die Ärzte, dass Medikamente nicht bei allen Patienten helfen und dass stets eine unterstützende psychologische Therapie erforderlich ist. Wie sich außerdem herausstellte, bekommen manche Menschen nach mehrjähriger Einnahme von Phenothiazinen das dystone Syndrom, eine bizarre Erkrankung von Nerven und Muskeln. Einen weiteren wichtigen Fortschritt in der medikamentösen Behandlung geistiger Störungen brachte das Lithium, das man heute bei manisch-depressiven Erkrankungen einsetzt. Andere Wirkstoffe, so die trizyklischen Antidepressiva, werden heute häufig mit Erfolg ebenfalls zur Behandlung von Depressionen eingesetzt.

8. Herzkrankheiten

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in den Industrieländern nach wie vor die häufigste Todesursache. In Diagnose und Therapie gibt es aber große Fortschritte. Die Diagnosemöglichkeiten wurden durch die Methode der Herzkatheterisierung verbessert, die der deutsche Mediziner Werner Forßmann 1929 im Selbstversuch entwickelte. Sie ermöglicht Druckmessungen in den einzelnen Herzkammern und in den wichtigsten Blutgefäßen. Ein Röntgenverfahren zur Betrachtung dieser Bereiche ist die Angiographie. Mit neueren Bildgebungsverfahren kann man das Ausmaß der Herzschäden bei Patienten feststellen, bei denen die Pumpleistung des Herzens nach einem Herzinfarkt abgenommen hat. Unter den vielen neuen Medikamenten ist besonders die Gruppe der Betablocker zu erwähnen, die bestimmte Funktionen des sympathischen Nervensystems unterbinden. Solche Präparate benutzt man bei Angina pectoris (Brustschmerzen durch Arterienverengung), Herzrhythmusstörungen und Bluthochdruck.

Die Fortschritte der Chirurgie führten 1958 zur ersten Implantation eines Herzschrittmachers und später zur Bypass-Operation, bei der man verengte Blutgefäße mit Transplantaten überbrückt, zum Ersatz infektionsgeschädigter Herzklappen und zur Korrektur vieler angeborener Herzfehler. Seit 1967 nimmt man Herztransplantationen vor, gelegentlich wird vorübergehend ein künstliches Herz eingesetzt, und Mitte der achtziger Jahre pflanzte man mehreren Patienten auf Dauer künstliche Herzen ein. Zu den Fortschritten bei der Vorbeugung gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören die bessere Kenntnis von Risikofaktoren wie Rauchen, Stress, Übergewicht, Bluthochdruck und ein erhöhter Cholesterinspiegel. Die Sterblichkeit durch die koronare Herzkrankheit ist in den Industrieländern seit den zwanziger Jahren stetig und drastisch zurückgegangen. Diese Abnahme führt man auf veränderte Ernährungsgewohnheiten, die medizinische Behandlung des Bluthochdrucks, die abnehmende Zahl von Rauchern und vermehrte sportliche Betätigung zurück.

9. Vitamine und Hormone

Der Begriff Vitamin wurde 1912 von dem polnischen Biochemiker Casimir Funk geprägt. Seither hat man zahlreiche Vitamine isoliert und ihre Funktion für die Ernährung aufgeklärt, so dass man nun Pellagra, Beriberi, Rachitis und andere Mangelkrankheiten heilen konnte. 1926 entdeckten die amerikanischen Ärzte George Minot und William Murphy in der Leber ein wirksames Mittel gegen die perniziöse Anämie, das sie 1948 in reiner Form herstellten und als Vitamin B12 bezeichneten.

Die wachsenden Kenntnisse über die Tätigkeit der endokrinen Drüsen führten zu zahlreichen Versuchen, ihre Produkte, die Hormone, zu isolieren. Eines der ersten therapeutisch eingesetzten Hormonpräparate war ein Schilddrüsenextrakt, der sich sehr gut zur Behandlung der angeborenen Schilddrüsenunterfunktion Kretinismus und des Myxödems eignete. Von großer Bedeutung für die Behandlung der Zuckerkrankheit war die Isolierung des endokrinen Wirkstoffes Insulin aus der Bauchspeicheldrüse; dies gelang den kanadischen Ärzten Frederick Banting und Charles Best 1923. Die Synthese der Produkte männlicher (siehe Testosteron) und weiblicher (siehe Östrogen) Geschlechtsdrüsen lieferte wertvolle neue Wirkstoffe gegen Erkrankungen der Fortpflanzungsorgane. Aus den Nebennieren stammt der wichtige gefäßverengende Wirkstoff Adrenalin, den der japanisch-amerikanische Chemiker Takamine 1901 erstmals isolierte. In den vierziger Jahren konnte der Kanadier Hans Selye zeigen, dass diese Substanz Stressreaktionen auslöst. 1943 isolierte man aus dem Hypophysenvorderlappen in reiner Form das Hormon ACTH, das die Tätigkeit anderer endokriner Drüsen steuert. Die künstliche Synthese des Cortisons, das von den Nebennieren produziert wird, gelang erstmals 1946.

10. Krebs

Vorwiegend aufgrund des wachsenden Anteils älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung ist der Anteil derjenigen Todesfälle, die auf Krebs zurückzuführen sind, beispielsweise in den USA von vier Prozent im Jahre 1900 auf etwa 20 Prozent Anfang der achtziger Jahre angestiegen. Die Krankheitsentstehung ist immer noch nicht vollständig aufgeklärt, aber zu den Ursachen zählen berufliche und umweltbedingte Kontakte mit bestimmten Chemikalien. Insbesondere Zigarettenrauch erzeugt bekanntermaßen Lungenkrebs sowie manche Krebserkrankungen von Blase, Mund, Rachen und Bauchspeicheldrüse. Für die Verringerung der Sterblichkeit ist eine frühe Diagnose entscheidend, so z. B. beim Gebärmutterhalskrebs. Anfangs behandelte man diese Krebsform mit Bestrahlungen, aber seit den sechziger Jahren setzt man Medikamente ein. Die Chemotherapie führte in vielen Fällen von Brust- und Hodenkrebs sowie bei manchen Formen von Blutkrebs zur Heilung, im letzteren Fall vor allem bei kleinen Kindern. Außerdem untersuchte man, ob sich Zytokine (z. B. Interferon), eine Gruppe natürlich vorkommender Substanzen, als Krebsmittel eignen.

11. Ärztliche Ethik

Mit dem wachsenden Umfang der medizinischen Versorgung stellten sich neue Fragen nach der Anwendung bestimmter Therapieformen. Soll man z. B. todkranke Patienten durch Beatmung und ähnliche Maßnahmen künstlich am Leben erhalten? Der Oberste Gerichtshof des US-Bundesstaates New Jersey urteilte 1975 in einem berühmten Verfahren, die Eltern und Ärzte einer im Koma liegenden jungen Frau hätten das Recht, die lebenserhaltenden Apparate abzuschalten. In anderen Fällen entschieden die Gerichte, man dürfe die lebenserhaltenden Maßnahmen beenden, wenn der Patient zuvor den Wunsch geäußert habe, sein Leben nicht durch derartige Mittel zu verlängern. Eine ähnliche Frage stellt sich bei der Abtreibung eines Fetus, der mit einem Geburtsfehler zur Welt kommen würde. Die erweiterten Möglichkeiten zur Diagnose solcher Fehlbildungen verschaffen den Eltern die Möglichkeit, ausschließlich Kinder mit normalem Körperbau zu bekommen. Manche Ethiker lehnen den Schwangerschaftsabbruch als Tötung menschlichen Lebens grundsätzlich ab, auch wenn eine schwere Missbildung des Fetus diagnostiziert wurde.

12. Schwangerschaft und Geburt

Zu großen Fortschritten in der Empfängnisverhütung kam es in den fünfziger Jahren durch verbesserte Intrauterinpessare und 1960 durch die Einführung des ersten oralen Empfängnisverhütungsmittels (die „Pille”), das der amerikanische Biologe Gregory Pincus entwickelt hatte. Nachdem diese Methoden in sehr großem Maßstab angewandt wurden, erkannten Mediziner jedoch, dass sie nicht völlig ungefährlich sind. Deshalb geht die Suche nach besser geeigneten Methoden der Schwangerschaftsverhütung weiter.

Seit 1975 kann man angeborene bzw. ererbte Krankheiten schon vor der Geburt diagnostizieren. Dazu entnimmt man eine Probe des Fruchtwassers, das den Fetus umgibt, oder auch eine Probe des kindlichen Blutes und stellt daran fest, ob eine erbliche Blutkrankheit, das Down-Syndrom, ein offener Rücken (Spina bifida) oder eine andere angeborene Fehlbildung vorliegt (siehe Amniocentese). Auch das Geschlecht des Kindes lässt sich auf diese Weise feststellen.

Große Fortschritte gab es auch bei den Methoden zur künstlichen Befruchtung. Seit Anfang der achtziger Jahre bedienen sich viele Paare verschiedener Methoden zur In-vitro-Fertilisation („Reagenzglasbabys”), oder sie lassen eine befruchtete Eizelle von einer Gebärmutter in die einer anderen Frau verpflanzen.