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| 2. | Blütenbau und Bestäubung |
Orchideen unterscheiden sich von anderen Ordnungen der Blütenpflanzen durch eine Vielzahl von Merkmalen im Blütenbereich. Die Blüten der Orchideen sind gestielt wie die anderer Pflanzen auch, doch drehen sich diese Stiele während des Wachstums und der Entwicklung der Blüte zusammen mit dem unterständigen Fruchtknoten um 180 Grad, so dass die reife Orchideenblüte sozusagen auf dem Kopf steht. Der Blütenbau weist drei Kelchblätter (äußere Blütenhülle) und drei Kronblätter (innere Blütenhülle) auf. Alle Kelchblätter und die beiden seitlichen Kronblätter sind einander in der Regel ähnlich, während das dritte Kronblatt (als Labellum oder Lippe bezeichnet) meist sehr auffällig in Form und Farbe ist. Es ist in der Regel deutlich größer, oft stark zerteilt oder gar becherförmig, wie z. B. beim Frauenschuh. Häufig dient es als „Landeplatz” für die Bestäuber der Orchidee, die durch die Charakteristik der Lippe, aber auch durch den oft betörenden Duft der Orchidee angelockt werden.
Der spezifische Bau einer Blüte ist manchmal auf ganz bestimmte Bestäuber ausgerichtet. So ist das Labellum der Angraecum-Orchidee auf Madagaskar in seinem unteren Teil zu einem bis zu 30 Zentimeter langen Sporn ausgesackt, in dem sich der Nektar befindet. Charles Darwin schloss aus diesem Blütenbau, dass es ein seinerzeit unbekanntes Insekt mit einem etwa 30 Zentimeter langen Rüssel geben müsse. Erst viel später entdeckte man in der Tat einen so gebauten Schwärmer.
Die Fortpflanzungsorgane der Orchideenblüte (Stempel und Staubblätter) sind zu der so genannten Griffelsäule verwachsen, die gegenüber der Lippe liegt. Orchideen haben oft nur ein Staubblatt; bei den meisten Arten besitzt dieses lediglich einen Staubbeutel (in dem die Pollen gebildet werden). Bei einigen wenigen Arten gibt es jedoch zwei Staubbeutel. Anders als bei den meisten Blütenpflanzen ist der Pollen nicht körnig oder pulverig, sondern zu zwei bis acht Paketen oder Beuteln von mehliger bis harter Beschaffenheit verklebt. Diese Pakete werden als Pollinien bezeichnet; sie befinden sich an der Spitze der Griffelsäule und besitzen meist ein Stielchen mit einem speziellen Klebkörper an dessen unterem Ende. Besucht ein Insekt eine Orchideenblüte und landet auf der Lippe, so muss es beim weiteren Vordringen in den Blütengrund so an der Griffelsäule vorbeikrabbeln, dass die Pollinien abgebrochen werden und mit ihrem Kleber am Insektenkörper – meist an der Stirn – haften bleiben. Eine Hummel oder Biene krabbelt dann mit zwei gelben „Hörnchen” wieder aus der Blüte. Beim Besuch der nächsten Blüte werden diese Pakete an der dreilappigen Narbe abgestreift.
Orchideenblüten werden von einer Vielzahl fliegender Tiere bestäubt. Angelockt werden diese von Düften, die von den feinsten Aromen, die auch der Parfümindustrie Anregungen geben, bis hin zu üblen Gerüchen reichen. Rund die Hälfte aller Orchideenarten werden von Bienen bestäubt; Schmetterlinge, Zweiflügler (Fliegen und Mücken), Vögel und andere Tiere bestäuben die übrigen Arten. Viele Orchideenblüten sind an die Bestäubung durch eine einzige Insektenart angepasst und gleichzeitig auch auf diese angewiesen, wie die schon erwähnte Angraecum-Orchidee. Eine besonders interessante Art der Anlockung von Insekten zur Bestäubung haben die mediterran verbreiteten, terrestrisch wachsenden Orchideen der Gattung Ragwurz entwickelt. Sie werden von Hummeln bestäubt, die aber keinen Nektar im Blütengrund suchen, sondern von der Farbe und dem haarigen Erscheinungsbild der Lippe angelockt werden. Diese ähnelt nämlich dem Hinterleib einer weiblichen Hummel. Bei den fruchtlosen Kopulationsversuchen werden den Hummeln zunächst die Pollinien auf die Stirn geklebt und beim nächsten Versuch wieder entfernt.