Sri Lanka
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Sri Lanka
7. Geschichte

Archäologische Funde belegen, dass Sri Lanka schon im Neolithikum (ca. 6000-3500 v. Chr.) von Sammlern und Reisbauern bevölkert war. Ureinwohner der Insel sind die inzwischen auf wenige tausend Individuen dezimierten Wedda, die genetisch mit den australischen Aborigines verwandt sind. Im Zuge verschiedener Einwanderungswellen, die von Indien her Sri Lanka erreichten, wurden sie in die ariden Zonen der Insel zurückgedrängt. Vermutlich im 3. Jahrtausend v. Chr. erreichten Draviden die Insel. Dieses dunkelhäutige Bauernvolk, von dem die so genannten Ceylon-Tamilen abstammen, musste seinerseits 2 500 Jahre später vor den Ariern, einem hellhäutigen indoeuropäischen Nomadenvolk, das bereits über Eisenwaffen verfügte, nach Süden und Osten ausweichen. Da die Nachkommen der zugewanderten Arier ihre Herkunft auf einen König zurückführen, der Sohn eines Löwen (singh) gewesen sein soll, nennen sie sich Singhalesen.

1. Europäische Kolonisation

In der Zeit vor der Eroberung durch die Europäer präsentiert sich die Geschichte Sri Lankas als eine Abfolge von rivalisierenden lokalen Fürstentümern und überregionalen Königreichen. Ihr Aufstieg und Zerfall war weniger in ethnisch-religiösen als in dynastischen Machtkämpfen begründet oder Folge von Invasionen. Dennoch schufen die Singhalesen, seit im 3. Jahrhundert v. Chr. der Buddhismus die Insel erfasste, eine hoch entwickelte Kultur. 1505 landeten portugiesische Eroberer auf der Insel, gefolgt von Holländern 1655 und schließlich Engländern, die die Insel 1796 zur Kronkolonie Ceylon machten – mit Ausnahme des Königreiches Kandy, das sich Großbritannien erst 1815 einverleiben konnte.

Der Widerstand gegen Ausbeutung und Unterdrückung durch die Kolonialherren ließ nicht lange auf sich warten. 1818 und 1848 kam es zu ersten großen Aufständen, die blutig niedergeschlagen wurden. Bereits in britischer Zeit führten religiöse und soziale Gegensätze mehrmals zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Singhalesen und der tamilischen Minderheit. Dies nicht zuletzt deshalb, weil es die Kolonialherren stets verstanden, die Volksgruppen gegeneinander auszuspielen – beispielsweise durch die Einfuhr von Indien-Tamilen als Arbeitskräfte –, um den zivilen Ungehorsam der einheimischen Plantagenarbeiter zu hintertreiben. Doch in ihrem Kampf um Selbstbestimmung zogen die Volksgruppen mehr oder minder an einem Strang, wenn auch deren anfängliches Bündnis, der 1919 formierte Ceylon National Congress (CNC), schon nach drei Jahren an Auseinandersetzungen um Macht und Einfluss zerbrach. In dieser Zeit bildeten sich drei große Parteien heraus: die singhalesische United National Party (UNP), der Tamil Congress (TC), der die Interessen der Ceylon-Tamilen vertrat, und der Ceylon Indian Congress (CIC) als Organisation der Indien-Tamilen.

2. Unabhängigkeit und ethnische Spannungen

Zu einem ernsthaften Problem wurde die ethnische Vielfalt erst, nachdem Ceylon am 4. Februar 1948 seine Unabhängigkeit als Dominion innerhalb des Commonwealth of Nations erlangte. Als unheilvoll erwies sich seitdem ein vom einflussreichen buddhistischen Klerus beförderter Chauvinismus, der die Insel quasi als naturrechtmäßige Domäne allein für die Singhalesen reklamiert.

Die Regierung übernahm zunächst die aus dem CNC hervorgegangene gemäßigt konservative United Congress Party (UCP); sie repräsentierte die singhalesischen Elite, die der größte Nutznießer der britischen Kolonialherrschaft war. Die von der Federal Party (FP) vertretene tamilische Minderheit, die anfangs zur Selbstbestimmung und zur Wahrung ihrer Identität vergeblich auf eine Föderation hingearbeitet hatte, sah sich schon bald mit einer systematischen Ausgrenzung konfrontiert. Um ihr die politische Teilhabe faktisch unmöglich zu machen, verabschiedete das von den Singhalesen dominierte Parlament als Erstes ein Staatsangehörigkeitsgesetz, das die aus Indien stammenden tamilischen Plantagenarbeiter zu Ausländern erklärte. Dadurch verlor etwa die Hälfte der Tamilen (8 Prozent der Inselbevölkerung) ihre Bürgerrechte. Gleichzeitig wurden die Tamilen zugunsten der Singhalesen vom Arbeitsmarkt und aus dem höheren Bildungssystem verdrängt. Durch die staatliche Zentralisierung ohnehin schon in ihrer Handlungsfähigkeit stark eingeschränkt, wurden alle wichtigen Posten in der Provinzverwaltung ausschließlich mit Singhalesen besetzt.

Weitere Maßnahmen wie der von der Regierung geförderte Zuzug von Singhalesen in die traditionellen Tamilengebiete, das gewalttätige Auftreten von Polizei und Armee, die fest in singhalesischer Hand waren, sowie nicht zuletzt der Language Act von 1956, der Singhalesisch zulasten des Tamil zur einzig anerkannten Amtssprache machte, schürten Unmut und Überfremdungsängste.

3. Radikalisierung der Tamilen

Eine neue Dimension erreichte die Diskriminierung der Tamilen, nachdem der Sozialist Solomon Bandaranaike, Führer der prosinghalesisch-nationalistischen Sri Lanka Freedom Party (SLFP), 1956 die Regierung übernommen hatte; nach seiner Ermordung durch ein Attentat 1960 wurde er von seiner Witwe Sirimawo Bandaranaike beerbt. In der Ära Bandaranaike kam es zu den ersten landesweiten Pogromen mit Tausenden von Todesopfern. Für vorübergehende Entspannung sorgte die Wahl von 1965, die zur Bildung einer Koalition der moderaten UNP mit der tamilischen FP führte. Doch ihr ehrgeiziges Ziel einer regionalen Selbstverwaltung der tamilischen Nordostprovinzen konnte nicht umgesetzt werden, bevor Bandaranaike 1970 die Macht zurückeroberte.

Für Unruhe sorgte Anfang der siebziger Jahre die Janatha Vimukthi Peramuna (JVP, zu Deutsch etwa: Volksbefreiungsfront). Die 1965 von dem ehemaligen KP-Mitglied Rohana Wijeweera gegründete Gruppierung, die den Schulterschluss mit linksradikalen Kräften im tamilisch dominierten Norden und Osten suchte, machte erfolgreich Front gegen die wirtschaftlich ruinöse und prosinghalesische Politik der SLFP-Regierung. 1971 initiierte die JVP einen landesweiten blutigen Aufstand, dem die Regierung nur mit internationaler Waffenhilfe aus West und Ost Herr werden konnte.

Die gewalttätige Unterdrückung führte zu einer zunehmenden Radikalisierung vor allem der tamilischen Jugend. In den siebziger Jahren formierten sich rund zwei Dutzend militante Gruppierungen, die in der Mehrzahl von autonomistischen Kreisen des südindischen Bundesstaates Tamil Nadu finanziert und ausgerüstet wurden, sich aber nicht auf eine gemeinsame Strategie einigen konnten. Die größten und wichtigsten waren die 1972 von Velupillai Prabhakaran gegründeten Tamil New Tigers (TNT) sowie die mit ihr rivalisierende gemäßigte Eelam People’s Revolutionary Liberation Front (EPRLF).

4. Tamilischer Sezessionskrieg

Die TNT machten erstmals 1975 mit der Ermordung des singhalesischen SLFP-Bürgermeisters der Tamilenhochburg Jaffna auf sich aufmerksam. Ihre Guerillakrieger und Terroristen, die sich seit 1976 Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) nennen, wurden zur Speerspitze im Sezessionskrieg gegen die Zentralregierung in Colombo. In Gang gesetzt wurde die Gewaltspirale durch die Parlamentswahlen von 1977: Die UNP gewann eine Zweidrittelmehrheit, die es ihr ermöglichte, sich per Referendum eine ununterbrochene Legislatur bis 1989 zu sichern. Neuer Regierungschef wurde Junius Richard Jayawardene (UNP), der eigenmächtig die Verfassung änderte, um die Macht des Staatspräsidenten zu stärken; 1978 übernahm er selbst das Amt des Staatspräsidenten. Die Feindseligkeiten zwischen den Volksgruppen entluden sich 1978, 1981 und 1982 in grausamen Pogromen, denen tausende Zivilisten zum Opfer fielen.

Jayawardene begegnete den tamilischen Separationsbestrebungen in seiner elfjährigen Amtszeit abwechselnd mit militärischer Gewalt und Repression, aber auch mit politischen Zugeständnissen – etwa indem er den Language Act und das politische Staatsbürgerschaftsrecht revidierte und so genannte Distriktentwicklungsräte für die Tamilengebiete schuf. Die Regierung sah sich bald in einen Mehrfrontenkrieg verwickelt, zum einen mit den aufständischen Tamilen in den Nordostprovinzen und zum anderen mit den aus der JVP hervorgegangenen singhalesischen Guerillaeinheiten der ultranationalistischen Dehsapremi Janatha Viyaparaya (DJV, zu Deutsch etwa: Patriotische Befreiungsbewegung), die bis zu ihrer Ausschaltung 1990 einen Kleinkrieg gegen die Regierung führte.

5. Die Rolle Indiens

Zwischen 1984 und 1987 übernahm Indien eine Vermittlerrolle. Hatte Indira Gandhi bis zu ihrer Ermordung verdeckt die Sache der Tamilen unterstützt, so kam es unter ihrem Sohn Rajiv Gandhi zu einer politischen Umorientierung. Indien wechselte die Seite und kam 1987 der sri-lankischen Regierung mit den 45 000 Mann starken Indian Peace Keeping Forces (IPKF) zu Hilfe, die den Norden und Osten der Insel besetzten, um die Kontrahenten gewaltsam zu trennen. In dieser Situation tauchte die JVP wieder aus dem Untergrund auf und konnte mit antiindischen Parolen 1988 zahlreiche Anhänger zu einem Aufstand gegen die Regierung mobilisieren. Abermals machte sie sich dabei auch zum Anwalt der diskriminierten Tamilen, wobei sie nur für ihre politische Integration und ausdrücklich nicht für einen separaten Staat eintrat.

Da sich die LTTE einer Verhandlungslösung verweigerten, gerieten die indischen Hilfstruppen immer häufiger zwischen die Fronten. Nach der Niederlage Rajiv Gandhis bei den Parlamentswahlen 1989 nutzte die neue indische Regierung die erste Gelegenheit zum Truppenrückzug. Diese eröffnete sich, als der neue sri-lankische Präsident Ranasinghe Premadasa (UNP) in direkten Verhandlungen mit den LTTE 1990 einen Waffenstillstand erreichte, der jedoch nicht von langer Dauer war.

Erst die Wahl der Bandaranaike-Tochter Chandrika Kumaratunga (SLFP) zur Präsidentin 1994 weckte die Hoffnung auf ein Ende der Gewalt, zumal nach der Rückeroberung der Tamilengebiete im Norden und Osten sowie dem Fall der Tamilenhochburg Jaffna die LTTE mit dem Rücken zur Wand standen.

6. Friedensprozess

Die Chancen für eine Friedenslösung wuchsen weiter, als nach dem 11. September 2001 weltweit die Unterstützung für terrorverdächtige Organisationen schwand. Um als Gesprächspartner überhaupt noch in Betracht zu kommen, mussten sich die LTTE von ihrem Negativimage lösen und Dialogbereitschaft zeigen, was zugleich zu einer deutlichen Mäßigung der Ansprüche führte. Bestanden die Tamilen seit 1976 stets auf ihrer Maximalforderung nach einem eigenen souveränen Staat, so kehrten sie nach einem 20-jährigen grausamen und opferreichen Bürgerkrieg nun zu ihrem bescheidenen Wunsch nach territorialer Selbstbestimmung im Rahmen einer aus zwei Staaten bestehenden Föderation zurück.

Bei den vorgezogenen Parlamentswahlen vom 5. Dezember 2001 verlor die People’s Alliance (PA), ein Bündnis aus neun Linksparteien unter der Führung von Kumaratungas SLFP, ihre Position als stärkste Kraft im Parlament an die bisher oppositionelle UNP. Neuer Ministerpräsident wurde der UNP-Vorsitzende Ranil Wickremasinghe, der kurz darauf mit den LTTE ein Waffenstillstandsabkommen vereinbarte und in Friedensverhandlungen eintrat. Im Dezember 2002 einigten sich beide Seiten auf ein Rahmenabkommen über die Umwandlung Sri Lankas in einen föderativen Staat nach dem Vorbild der Schweiz. Mit dem Ausschluss der LTTE von einer internationalen Sri-Lanka-Konferenz 2003 stockte der Friedensprozess vorübergehend, und auch in der Folgezeit kam er trotz teilweise ermutigender Ansätze immer wieder zum Erliegen.

Abgesehen vom buddhistischen Klerus sowie Teilen der LTTE und des Militärs wird der Friedensprozess immer wieder von rassistischen Organisationen torpediert. Die Anfangserfolge der chauvinistischen Sektierergruppe Sihala Urumaya beispielsweise veranlasste die reorganisierte JVP angesichts ihrer schwindenden Anhängerschaft zu einer ideologischen Kehrtwende. So mobilisierte sie etwa zehntausende Menschen zum Protest gegen den ihrer Meinung nach landesspalterischen Verfassungsentwurf von Präsidentin Kumaratunga. Von der neuen Welle des Chauvinismus erfasst wurden auch große Parteien wie die PA und UNP, die aus Sorge um ihr Wählerklientel plötzlich ebenfalls nichts mehr von einem Frieden um jeden Preis wissen wollten und sich gegenseitig den Ausverkauf singhalesischer Interessen vorwarfen.

Unterdessen eskalierte die Cohabitation zwischen PA und UNP zu einem Machtkampf zwischen Kumaratunga und Wickremasinghe, der schließlich in der Auflösung des Parlaments und vorgezogenen Neuwahlen im April 2004 mündete. Aus diesen Wahlen ging das neue linke Parteienbündnis United People’s Freedom Alliance (UPFA), die Nachfolgerin der PA, als stärkste Kraft hervor; sie musste aber die tamilenfeindliche JVP an der Regierung beteiligen. Neuer Ministerpräsident wurde Mahinda Rajapakse (UPFA).

Der gewaltige Tsunami, der am 26. Dezember 2004 die Küstengebiete vor allem im östlichen Indischen Ozean überrollte, richtete auch in Sri Lanka schwere Schäden an. Der Norden und die Ostküste wurden von der Flutwelle nahezu völlig verwüstet, aber auch die Südküste wurde schwer getroffen. Mindestens 31 000 Menschen kamen ums Leben, die Existenzgrundlagen ganzer Dörfer wurden vernichtet. Kurzzeitig kam die Hoffnung auf, die Naturkatastrophe könne dazu beitragen, die gespaltene Insel wieder zu vereinen und zu befrieden, denn Regierung und tamilische Organisationen einschließlich der LTTE arbeiteten effizient und reibungslos zusammen, um vor allem in dem am schwersten betroffenen tamilischen Nordosten der Insel Hilfe zu leisten. Aber schon bald brachen die Gräben zwischen den Lagern wieder auf.

Die Präsidentschaftswahlen im November 2005 gewann knapp der amtierende Ministerpräsident Rajapakse, unter dessen Regierung es zwar wieder zu Verhandlungen mit der LTTE kam, die aber regelmäßig ergebnislos endeten oder abgebrochen wurden.