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| 2. | Historische Entwicklung |
Würde man die Spekulation mit Waren oder Geldbeständen bereits als Börsentätigkeit beschreiben, so reichte deren Geschichte bis in die römische Antike zurück. Die Gründung der ersten Börse, die auch diesen Namen trug, wird jedoch allgemein auf das Jahr 1409 datiert. Die Patrizierfamilie van der Beurse stellte ihr Haus in Brügge als Unterkunft für durchreisende Kaufleute zur Verfügung, wodurch es sich zunächst zum allgemeinen Treffpunkt und schließlich zum Geschäftsplatz entwickelte. Die drei Geldbeutel in ihrem Wappen gaben der Börse ihren Namen. Auf diesem Markt und seinen Nachfolgern in Venedig, London, Lyon, Toulouse, Köln, Hamburg, Nürnberg und Augsburg wurden zunächst hauptsächlich Warentermingeschäfte abgewickelt. Deren Schema war einfach: Die Schiffe mit Kolonialwaren waren lange auf den gefährlichen Weltmeeren unterwegs; der Kaufmann aber brauchte sein Geld schon vorher, um seine nächste Ladung finanzieren zu können. Die Ware wurde deshalb vorab – auf Termin – mit einem Risikoabschlag verkauft. Das Schicksalhafte dieser Geschäftsform hat Shakespeare eindrucksvoll im Kaufmann von Venedig dargestellt: Sein Schiff geht unter, was er nun fast mit seinem Leben bezahlen muss. Der risikoreiche Terminhandel wurde zwischenzeitlich in den Niederlanden und Großbritannien verboten – allerdings ohne Erfolg.
Die erste Effektenbörse wurde 1602 in Amsterdam gegründet, gehandelt wurden hauptsächlich Aktien der Ostindischen Kompanie. Hier entwickelte sich auch der erste Markt für Staatsanleihen, es entstanden moderne Geschäftsformen wie Options- und Kompensationsgeschäfte, es bildeten sich Haussekonsortien und Baissesyndikate. Holland ist auch der Schauplatz der ersten großen Spekulation: Anfang des 17. Jahrhunderts entwickelte sich die Tulpe vom Statussymbol der Adeligen und Bürger zum Objekt der Spekulanten. Ungebremst jagte der Preis seltener Zwiebeln in die Höhe, bis eine Tulpeninflation und der Ausstieg einiger Kaufleute 1637 zum Zusammenbruch führten. Seitdem lässt sich die Geschichte der Börse auch als eine Reihe von „Crashs” lesen.
In den folgenden Jahrhunderten wurde das Börsengeschehen von den großen Handelsgesellschaften beherrscht. Ihre neue Erfindung, den Aktienkurs durch übertriebene Versprechungen hochzureden, führte zu den Zusammenbrüchen von 1688 (Zusammenbruch der Ostindischen Kompanie), 1711 (Südseeschwindel) und 1720 („Mississippi-Skandal”).
Zum Finanzierungsinstrument für industrielle Großprojekte (z. B. die Eisenbahn) wurde die Börse schließlich im 19. Jahrhundert, der Handel mit Anteilsscheinen von Unternehmen (Aktien) zu deren Refinanzierung verbreitete sich schnell. Diese produktive Zielrichtung änderte nicht viel am spekulativen Charakter des Geschehens: Künstliche Kapitalerhöhungen (Ausgabe neuer Aktien, die man selbst aufkauft, um eine Expansion vorzugaukeln) und andere raffinierte Schwindeleien machen das Börsengeschehen zum spannenden Thema für die Literatur. Dumas (Die schwarze Tulpe), Balzac (Cesar Birroteau) und Zola (Das Geld) schildern detailgenau eine Geschäftswelt, in der bereits die meisten der modernen Handelsmethoden auftauchen. Von 1869 bis 1929 erschütterte eine Kette sich ständig verschärfender Zusammenbrüche die Finanzwelt; der Schwarze Freitag wurde zum Inbegriff der Ängste der Börsianer. Gleichzeitig entwickelte sich die Beteiligung am spekulativen Geschäft zum Volkssport, die „Dienstmädchenhausse” zum Schlagwort. Auf der anderen Seite wurden Spekulantenkartelle immer mächtiger, seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts begannen international agierende Fonds, das Börsenparkett zu beherrschen.
Im 20. Jahrhundert wurde von staatlicher Seite verstärkt versucht, die Spekulation zu kontrollieren. Schon 1896 wurde in Deutschland ein Börsengesetz geschaffen, schließlich eine Börsenaufsicht installiert. An den meisten Börsenplätzen der Welt wurden nach dem Schwarzen Freitag von 1929 Beschränkungen eingeführt, nach dem Crash von 1987 die Aussetzung der computergesteuerten Verkaufsprogramme im Krisenfall vorgeschrieben. Bereits seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde aber auch die „Deregulierung” der Finanzmärkte betrieben, die eine unüberschaubare Menge von Finanzinstrumenten hervorbrachte und den Umfang des spekulativen Geldes ins Unermeßliche steigen ließ. An der Börse werden heute, vermittelt über moderne Kommunikationstechniken, in Sekundenschnelle Geldmengen umgesetzt, deren Umfang den des so genannten produktiven Sektors um ein Zigfaches übersteigen. Durch die Globalisierung ist der tatsächliche Ablauf kaum mehr kontrollierbar, Gesetze können durch das Ausweichen auf „exotische” Finanzplätze umgangen werden. Die Weltbörsen, die durch die fortschreitende Vernetzung immer stärker voneinander abhängig sind, wurden in den letzten Jahrzehnten verstärkt von gigantischen Investmentfonds beherrscht und zugleich zum Schauplatz unfreundlicher Übernahmen, die nicht mehr produktive Erweiterung, sondern Kurssteigerungen und ein spekulatives Ausschlachten von Unternehmen zum Ziel haben.