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| 3. | Ideenlehre |
Im Mittelpunkt von Platons Philosophie steht seine Ideen- bzw. Formenlehre. Auch seine Schriften zur Erkenntnistheorie, Ethik, Psychologie und Staatstheorie sowie seine Betrachtungen über die Kunst können nur vor dem Hintergrund dieser Lehre verstanden werden.
| 1. | Erkenntnislehre |
Platons Ideenlehre steht in direktem Zusammenhang mit seiner Erkenntnislehre. Unter dem Einfluss von Sokrates war Platon von der Möglichkeit der Erkenntnis überzeugt. Gegenstand der Erkenntnis sei das wahrhaft Wirkliche und nicht das bloße Scheinbild der Wirklichkeit. Nach Platon muss das vollkommen Wirkliche ewig und unveränderlich sein. Er setzte das Wirkliche mit der idealen Welt gleich, die der physischen Welt des Werdens entgegengesetzt ist. Den Empirismus, jene Lehre also, nach der die gesamte Erkenntnis abhängig von der Sinneswahrnehmung ist, lehnte Platon folglich ab. Nach seiner Ansicht sind die von der Sinneserfahrung abgeleiteten Behauptungen im besten Fall mehr oder weniger wahrscheinlich, gewiss aber sind sie nicht. Des Weiteren sind die Dinge der Sinneserfahrung veränderliche Erscheinungen der physischen Welt und können somit nicht genau erkannt werden.
Platons Erkenntnislehre ist in seiner Politeia enthalten, insbesondere in der Besprechung des Bildes der geteilten Linie und in dem Höhlengleichnis. In Ersterer unterscheidet Platon zwischen Meinung und Erkenntnis. Behauptungen oder Aussagen über die physische oder sichtbare Welt, die sowohl allgemeine Beobachtungen wie auch die Sätze der Wissenschaft umfassen, sind bloß Meinungen. Einige dieser Meinungen sind wohlbegründet, andere nicht, keine von ihnen kann jedoch als echte Erkenntnis gelten. Erkenntnis stützt sich vor allem auf die Vernunft. Nur die Vernunft gewährt intellektuelle Einblicke, die sicher sind, wobei die Dinge, welche diesen rationalen Einblicken entsprechen, das beständige Allgemeine sind, die ewigen Ideen oder Formen, aus denen sich die wirkliche Welt zusammensetzt.
Im Höhlengleichnis beschreibt Platon Menschen, die tief im Inneren einer Höhle festgebunden sind, und zwar so, dass ihr Gesichtskreis eingeschränkt ist und sie einander nicht sehen können. Das einzig Sichtbare ist die Höhlenwand, auf der die Schatten der Modelle oder Nachbildungen von Tieren und Gegenständen, die an einem hell brennenden Feuer vorbeigetragen werden, zu sehen sind. Einem der Gefangenen gelingt es auszubrechen und sich aus der Höhle an das Tageslicht zu flüchten. Das Sonnenlicht macht es ihm nunmehr möglich, zum ersten Mal die wirkliche Welt zu sehen. Er kehrt in die Höhle zurück und überbringt den anderen die Botschaft, dass alles, was sie bis dahin gesehen hätten, bloße Schatten gewesen seien und dass die wirkliche Welt sie erwarte, wenn sie gewillt seien, sich von ihren Fesseln zu befreien. Die Schattenwelt der Höhle symbolisiert bei Platon die physische Welt der Erscheinungen. Der Ausbruch aus der Höhle in die sonnendurchflutete Außenwelt bedeutet den Übergang in die wirkliche Welt, die Welt des vollkommen Seienden, die Welt der Ideen, dem wahren Gegenstand der Erkenntnis.
| 2. | Das Wesen der Ideen |
Die Ideenlehre kann am besten durch Beispiele aus der Mathematik veranschaulicht werden. So setzt sich ein Kreis aus allen Punkten einer Ebene zusammen, die von einem festen Punkt gleich weit entfernt sind. Allerdings hat noch niemand eine derartige Figur tatsächlich gesehen. Was der Mensch tatsächlich sieht, sind Zeichnungen, die dem idealen Kreis mehr oder weniger entsprechen. Wenn die Mathematiker einen Kreis definieren, dann sind die Punkte, auf die sie sich beziehen, eigentlich keine räumlichen, sondern logische Punkte. Sie nehmen keinen Platz im Raum ein. Und obwohl der ideale Kreis noch nie gesehen wurde und tatsächlich nie gesehen werden kann, so wissen wir trotzdem, was ein Kreis ist. Allein die Tatsache, dass man ihn definieren kann, beweist dies. Somit existiert für Platon die Idee des Kreises, jedoch nicht sein physischer Ausdruck in Raum und Zeit. Er existiert als unveränderliches Ding in der Welt der Ideen oder Formen und kann nur von der Vernunft erkannt werden. Die Ideen sind dementsprechend wirklicher als die Dinge der Erscheinungswelt, sowohl aufgrund ihrer Vollkommenheit und Beständigkeit wie auch aufgrund der Tatsache, dass sie Modelle sind. Dabei beziehen die gewöhnlichen Dinge der Erscheinungswelt ihre Realität, wie immer sie geartet sein mag, aus ihrer Ähnlichkeit mit diesen Modellen. Ein Kreis, ein Quadrat oder ein Dreieck sind demgemäß vorzügliche Beispiele für das, was Platon unter einer Form bzw. einer Idee versteht. Ein Objekt der Welt der Erscheinungen kann also als Kreis, Quadrat oder Dreieck nur insoweit bezeichnet werden, als es der Idee vom „Kreisförmigen”, „Quadratischen” oder „Dreieckigen” entspricht bzw., wie es bei Platon heißt, an ihr „beteiligt ist”.
Platon erweiterte seine Theorie jedoch über den Bereich der Mathematik hinaus. Sein besonderes Interesse galt ihrer Anwendung auf dem Gebiet der Ethik. In dieser Theorie versucht er zu klären, wie sich derselbe Allgemeinbegriff auf so viele unterschiedliche Dinge oder Ereignisse beziehen kann. Das Wort Gerechtigkeit z. B. kann auf Hunderte von Einzelvorgängen bezogen werden, da diese etwas gemeinsam haben, und zwar ihre Ähnlichkeit mit bzw. Beteiligung an der Idee der „Gerechtigkeit”. Ein Individuum ist insoweit „menschlich”, als es der Idee „Mensch” ähnelt bzw. an ihr beteiligt ist. Wird der „Mensch” als vernunftbegabtes Wesen definiert, so ist ein Individuum insoweit „menschlich”, als es vernunftbegabt ist. Eine bestimmte Handlung wird als tapfer oder feige bezeichnet, insoweit sie an der entsprechenden Idee beteiligt ist. Ein Ding ist schön, insoweit es der Idee des Schönen entspricht etc. Somit existiert alles, was der Welt des Raumes und der Zeit angehört, bloß aufgrund seiner Beteiligung an der allgemeinen Idee. Die Fähigkeit, den Allgemeinbegriff zu definieren, beweist, dass die Idee, auf die sich dieser Allgemeinbegriff bezieht, erkannt wurde.
Nach Platon sind die Ideen hierarchisch geordnet, wobei die höchste Idee die des Guten ist, die wie die Sonne im Höhlengleichnis alle anderen Ideen erhellt. In einem gewissen Sinn bezeichnet die Idee des Guten Platons Streben nach einem letzten Erklärungsprinzip. Letztendlich versucht seine Ideenlehre, die Fragen, wie man etwas erkennen kann und wie es möglich ist, dass die Dinge so sind, wie sie sind, zu beantworten. Philosophisch ausgedrückt hat sie sowohl epistemologischen (erkenntnistheoretischen) wie auch ontologischen (seinslehrenden) Charakter.