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| 2. | Frühwerk |
Joyce’ erste literarische Einzelveröffentlichung Chamber Music (1907, Kammermusik) umfasst 36 sprachlich vollendete, dabei aber doch konventionelle Liebesgedichte, die unter dem Einfluss der elisabethanischen Dichter des 19. Jahrhunderts entstanden. Bereits die zweite Publikation aber, die Erzählsammlung Dubliners (1914, Dubliner), verrät das literarische Können ihres Autors. In dieser Sammlung von 15 leicht lesbaren Kurzgeschichten befasste sich Joyce mit prägnanten Stationen seiner eigenen Kindheit bzw. Jugend, skizzierte irische Charaktere und schilderte, nicht ohne Hang zur Nostalgie, das private und öffentliche Leben der Bewohner Dublins zur Jahrhundertwende. Die meisterlichste dieser Geschichten, The Dead (Die Toten), die anhand eines grandios beschriebenen Familienfestes die Erstarrung der irischen Oberschicht sowie, parallel dazu, die Geschichte eines verlebten Ehelebens offenbart, wurde 1987 von John Huston opulent verfilmt.
In seinem ersten längeren Prosatext, dem Roman A Portrait of the Artist as a Young Man (1916, Porträt des Künstlers als junger Mann), verarbeitete Joyce seine Jugend, intellektuelle Reife und Schulzeit bei den Jesuiten aus der Perspektive des sensiblen Protagonisten Stephen Dedalus. (Eine Frühfassung des Buches, Stephen Hero, wurde erst 1944 posthum veröffentlicht; seinen Titel verdankt das Buch Michail Lermontows Roman Ein Held unserer Zeit.) Hier fand Joyce erstmals zu seinem originellen Stil. Aufgrund der sexuellen Freizügigkeit und der antiklerikalen Stoßrichtung mancher Passagen war kein englischer Verleger bereit, das Porträt herauszubringen. Schließlich wurde es von Harriet Shaw Weaver, einer von Joyce’ Gönnerinnen und Herausgeberin des Magazins Egoist, als Privatdruck veröffentlicht (zuvor hatte Weaver die Einzelseiten separat in den USA drucken lassen). Im Porträt bediente sich Joyce erstmals der für sein Hauptwerk zentralen Technik des Stream of consciousness, die eine akribische Nachzeichnung der Gedanken und Empfindungen der Figuren ermöglichte und so dem Leser das Geschehen möglichst unmittelbar nahe zu bringen suchte. Auch machte Joyce im Porträt seine Thomas von Aquin entlehnte und ästhetisch umgedeutete Idee einer Epiphanie anschaulich, bei der den Figuren tief greifende Erkenntnis – eine Art „Wesensschau” der Dinge – plötzlich mittels optischer oder akustischer Reize möglich wird (die Theorie der Epiphanie als Offenbarung bzw. Manifestation ist ins Romangeschehen mit eingeflochten). Das Porträt des Künstlers als junger Mann machte Joyce über einen Kreis von Eingeweihten hinaus bekannt.
Joyce’ nach dem Ulysses und Finnegans Wake herausgegebene Veröffentlichungen, wie die 1936 mit Chamber Music zu Collected Poems zusammengefasste Gedichtsammlung Pomes Penyeach (1927) oder Stephen Hero (1944), fanden nur geringere Resonanz beim Lesepublikum. Die Musikalität der Gedichte regte allerdings eine Reihe von Komponisten zu Vertonungen an.