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| 3. | Ulysses (1922) |
Internationalen Ruhm erlangte Joyce vor allem mit der Veröffentlichung seines Ulysses. Nachdem der Vorabdruck in der amerikanischen Zeitschrift Little Review (seit 1918) 1920 durch Eingreifen der Zensur eingestellt werden musste, konnte der Roman erst 1922 in Paris in Buchform erscheinen (die erste vollständige Ausgabe erst 1958 in London): Nach der noch unter Mithilfe von James Joyce vorgenommenen – und reichlich fehlerhaften – Eindeutschung durch Georg Goyert (1927) liegt erst seit 1981 eine durch Hans Wollschläger vorgenommene kongeniale Übersetzung vor.
Der Titel und das zentrale Motiv des Ulysses, die Irrfahrt (hier: durch die große Stadt), gehen auf Homers Odyssee zurück. Unter permanentem Perspektivewechsel beschreibt der Roman parallel eine Zeitspanne von 24 Stunden im Leben zweier Personen: des Dubliner Anzeigenvertreters Leopold Bloom und des aus dem Porträt des Künstlers als junger Mann bzw. aus Stephen der Held bekannten Stephen Dedalus. (Noch heute wird diesem 16. Juni 1904 von Joyce-Verehrern in Dublin als Bloom’s Day gedacht.) Das vordergründige Hauptthema des von Hermann Broch als „Welt-Alltag” hochgelobten Ulysses ist Blooms im Grunde banaler Tagesablauf und Dedalus’ wachsende Erkenntnis seiner dichterischen Sendung; eigentlich aber entfaltet Joyce ein grandioses Puzzle der Stadt Dublin und ihrer Menschen. Der Dichter selbst gab als Ziel des Romanes an,„ein so vollständiges Bild von Dublin vermitteln” zu wollen, „dass die Stadt, wenn sie eines Tages vom Erdboden verschwände, nach meinem Buch wieder aufgebaut werden könnte”. Tatsächlich aber richtet Joyce sein Augenmerk keineswegs vorwiegend auf markante architektonische Punkte Dublins, sondern lässt den Diskurs der Stadt, ihre abstrakte „Sprache”, lebendig werden. Im berühmten Kapitel Oxens of the Sun gar imaginiert Joyce anhand der Niederkunft einer Frau die „Geburt” der irischen Sprache.
In den zwölf Teilen des Ulysses ließ Joyce sein gewaltiges enzyklopädisches Wissen einfließen (der Wortschatz des etwa 1 000 Seiten dicken Buches beträgt nahezu 30 000 Wörter; dies entspricht ungefähr dem Wortschatz Goethes): Aufgenommen sind auch abwegige Neologismen, die in der Weltliteratur nur einmal vorkommen und die Joyce gänzlich entlegenen Publikationen entnahm. Überhaupt ist jedes Kapitel des Buches in einem anderen Stil geschrieben; so werden nicht zuletzt alle nur denkbaren literarischen Traditionen parodiert und persifliert. Auch der Stream of consciousness wird im Ulysses meisterlich zur facettenreichen Darstellung von Charakteren eingesetzt (besonders deutlich im berühmten Molly’s Monologue am Ende des Romans, der sich auf ein letztes „Ja” hin verengt). Die variantenreiche Sprache bezieht auch die ungefilterte Wiedergabe der Gossensprache mit ein. Diese provokante Mischung der Sprachebenen hat Joyce zu einer eigenständigen literarischen Methode entwickelt. Auch wenn Vladimir Nabokov dem Roman unterstellte, eher das Wissen seines Autors zur Schau stellen zu wollen als ein organisch organisiertes Ganzes zu entwerfen, musste er dem Ulysses doch zugestehen, „glänzend geschrieben und ein Werk von Dauer” zu sein.
1997 kam eine „bereinigte” Fassung des Ulysses in einer von Danis Rose besorgten Reader’s Edition heraus, die angeblich der Absicht des Autors entspricht. An den 250 000 Worten des Buches wurden knapp 10 000 Änderungen vorgenommen, darunter bei verwirrenden Zeichensetzungen, anscheinend zufälligen Apostrophen und vermeintlichen Rechtschreibfehlern. Unter Joyce-Forschern war die Ausgabe heftig umstritten. Joyce’ Enkel Stephen James Joyce urteilte: „Wer die Unverschämtheit besitzt, den Namen James Joyce auf diese schändliche Fehlinterpretation von Ulysses, dem einzigartigen Meisterwerk meines Großvaters, zu setzen, leugnet sein kreatives phantasievolles Genie.”