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| 1. | Einleitung |
Russland, offiziell Russische Föderation (russisch Rossijskaja Federatsija), Staat in Osteuropa und Nordasien. Russland ist mit einer Fläche von 17 075 200 Quadratkilometern das größte Land der Welt und umfasst mehr als ein Neuntel der Landfläche der Erde. Vom Hauptkamm des Kaukasus im Süden bis zu den arktischen Inseln im Nordpolarmeer erstreckt sich das Land über rund 4 000 Kilometer, und vom Finnischen Meerbusen im Westen bis zur Ratmanowinsel im Beringmeer im Osten dehnt es sich über fast 10 000 Kilometer aus.
Russland besitzt Grenzen zu zahlreichen Ländern und wird von einer ganzen Reihe von Meeren bzw. Meeresteilen begrenzt. Im Norden sind dies die Meeresarme des Nordpolarmeeres; hierzu zählen von West nach Ost Barentssee, Karasee, Laptewsee, Ostsibirische See und Tschuktschensee. Im Osten grenzt Russland an den Pazifischen Ozean, an die Beringstraße, die Russland von Alaska trennt, sowie an das Beringmeer, das Ochotskische Meer und das Japanische Meer (in Korea als Östliches Meer bezeichnet). Im Südosten stößt Russland an die nordöstlichste Spitze Nordkoreas. Im Süden grenzt es an China, die Mongolei, Kasachstan, Aserbaidschan, Georgien und das Schwarze Meer. Im Südwesten grenzt es an die Ukraine und im Westen an Weißrussland, Lettland, Estland und den Finnischen Meerbusen, im Nordwesten an Finnland und Norwegen. Das zu Russland gehörende Verwaltungsgebiet Kaliningrad (Königsberg) wird von Litauen, Polen und der Ostsee begrenzt.
Zu Russland gehören Inseln im Nordpolarmeer und im Pazifik. Am weitesten nördlich liegt Franz-Josef-Land im Nordpolarmeer; der Archipel besteht aus rund 100 Inseln. Die anderen arktischen Inseln umfassen, von West nach Ost, die beiden Inseln, die Nowaja Semlja bilden, die Inselgruppe Sewernaja Semlja, die Neusibirischen Inseln (Nowosibirskie ostrava) und die Wrangelinsel. Zwischen den genannten Inseln befinden sich zahlreiche kleine Inseln und Inselgruppen. Im Pazifischen Ozean liegen die Kurilen, die sich bogenförmig südwestlich von der Südspitze der russischen Halbinsel Kamtschatka bis nach Japan erstrecken, sowie die Insel Sachalin, die das Ochotskische vom Japanischen Meer trennt.
| 2. | Land |
Russland wird zumeist in zwei geographische Großräume unterteilt: das europäische Russland westlich des Urals und Sibirien, das sich östlich des Urals bis zum Pazifischen Ozean erstreckt. In manchen Darstellungen wird als dritter Großraum der russische Ferne Osten unterschieden. Die Grenze zwischen Sibirien in diesem Sinn und dem Fernen Osten bildet die Wasserscheide zwischen Nordpolarmeer und Pazifik.
| 1. | Physische Geographie |
Im westlichen und nördlichen Teil des Landes erstreckt sich eine großräumige Ebene; sie umfasst das Osteuropäische und das Westsibirische Tiefland. Eine ausgeprägte Hochland- und Gebirgsregion bedeckt den größten Teil Mittel- und Ostsibiriens sowie den Fernen Osten des Landes; sie reicht bis an die Küste am Pazifischen Ozean.
| 1.1. | Osteuropäisches Tiefland |
Das Osteuropäische Tiefland nimmt den überwiegenden Teil des europäischen Teils von Russland ein. Es besteht aus weiten Niederungen, die von schwach gegliederten Höhenrücken unterbrochen werden. Nur wenige Erhebungen erreichen Höhen von mehr als 300 Metern. In Karelien und auf der Halbinsel Kola, die geologisch zum Baltischen Schild gehören, ist das Relief besonders im Norden bewegter. Dort wird in den Khibiny-Bergen der zentralen Kola-Halbinsel eine maximale Höhe von 1 191 Metern erreicht. Im Süden geht das Osteuropäische Tiefland in die unterhalb des Meeresspiegels gelegene Kaspische Senke über.
Die pleistozänen (eiszeitlichen) Eismassen waren vor allem in den nördlichen Bereichen des Tieflands landschaftsprägend. Hier sind auch einige ausgedehnte Sumpfgebiete entwickelt, wie z. B. das Meshchera-Tiefland südöstlich von Moskau. Während der letzten Eiszeit, die vor etwa 10 000 bis 12 000 Jahren endete, entstand eine Kette von Endmoränen, die vom Grenzgebiet zu Weißrussland aus nach Osten und nördlich von Moskau zur arktischen Küste westlich des Flusses Petschora verläuft. Die Region nördlich dieser Moränenkette wird von zahlreichen Seen und Sümpfen geprägt.
| 1.2. | Uralgebirge |
Der Ural markiert die Grenze zwischen den Kontinenten Europa und Asien. Das Uralgebirge besteht aus einer Reihe alter, abgetragener Bergketten. Die durchschnittliche Höhe liegt bei 600 Metern; höchster Berg ist mit einer Höhe von 1 894 Metern der Narodnaja Gora im Norden des Gebirges. Der Ural ist wirtschaftlich bedeutend, weil er zahlreiche Lagerstätten nutzbarer Bodenschätze umfasst.
| 1.3. | Westsibirisches Tiefland |
Östlich des Uralgebirges setzt sich bis zum Jenissej die weit gespannte Ebene im Westsibirischen Tiefland fort. Dieses überaus flache Gebiet wird von weiträumigen Sumpflandschaften eingenommen. Am mittleren Ob, in der Umgebung der Stadt Surgut, fand man in den sechziger Jahren reiche Erdölvorkommen.
| 1.4. | Mittelsibirisches Bergland |
Östlich des Jenissej erstreckt sich bis zur Lena mit ihrem Nebenfluss Aldan das wellige Mittelsibirische Bergland mit durchschnittlichen Höhen zwischen 500 und 700 Metern. Im Nordwesten dieser Region erhebt sich das Putoranagebirge, das im Kamen eine maximale Höhe von 1 701 Metern erreicht. Flüsse prägten die Gestalt der Landschaft, an einigen Stellen haben sich tiefe Cañons eingeschnitten. Im Norden fällt das Mittelsibirische Bergland zum schmalen Nordsibirischen Tiefland ab, das nach Norden zur Taimyr-Halbinsel ansteigt.
| 1.5. | Ostsibirisches Gebirgsland |
Östlich von Lena und Aldan schließt sich das Ostsibirische Gebirgsland an, das aus verzweigten Gebirgsketten besteht. Die höheren Gebirge in dieser Region, wie z. B. Werchojansker Gebirge, Tschersker Gebirge und Kolymagebirge, erreichen maximale Höhen zwischen etwa 2 300 und 3 200 Metern. Auf der Halbinsel Kamtschatka gibt es etwa 160 Vulkane, von denen 28 noch aktiv sind. Höchster Vulkankegel ist der Kljutschew mit 4 750 Metern. Die vulkanische Gebirgskette von Kamtschatka setzt sich im Süden auf den Kurilen fort. Dort gibt es rund 100 Vulkane, von denen 35 noch aktiv sind.
| 1.6. | Südliche Gebirgssysteme |
Im Süden des europäischen Teils von Russland erstreckt sich zwischen Schwarzem Meer und Kaspischem Meer der junge, geologisch aktive Kaukasus. Er umfasst zwei große Faltengebirgsketten; über den Hauptkamm des Großen Kaukasus verläuft ein Teil der Südgrenze Russlands. Das Gebirgssystem besitzt eine komplizierte geologische Struktur. Höchster Berg im Großen Kaukasus ist mit 5 642 Metern der Elbrus, ein erloschener Vulkan.
Im Süden von Mittel- und Ostsibirien setzen sich weitere Gebirgszüge ostwärts bis zum Pazifischen Ozean fort. Dazu gehören Altai, Sajangebirge, Jablonowyjgebirge, Stanowoigebirge und Dshugdshurgebirge. Im Fernen Osten erheben sich das Burejagebirge und der Sichote-Alin.
| 2. | Küsten, Flüsse, Seen und Meere |
Russland hat von allen Ländern der Erde die längste, ununterbrochene Küstenlinie. Sie erstreckt sich entlang dem Nordpolarmeer und dem Pazifischen Ozean über mehr als 32 000 Kilometer. Weitere Küstenabschnitte bestehen am Schwarzen Meer und Kaspischen Meer im Süden. Russland besitzt nur sehr wenige ganzjährig zugängige Meereshäfen; der größte Teil der Küsten liegt an Gewässern, die viele Monate im Jahr zugefroren sind. Trotz dieser Beschränkungen werden alle Meere für die Schifffahrt und den Fischfang genutzt.
Die längsten Flüsse Russlands liegen in Sibirien und dem fernöstlichen Russland. Der Ob entspringt im südsibirischen Altai und ist eine wichtige regionale Wasserstraße. Der Fluss ist rund 3 680 Kilometer lang und bildet zusammen mit dem Irtysch mit einer Gesamtlänge von 5 642 Kilometern das längste Flusssystem Asiens. Das zweitgrößte Flusssystem besteht aus Amur, Schilka und Onon. Es hat eine Gesamtlänge von etwa 4 400 Kilometern und führt vom Norden der Mongolei in östlicher Richtung entlang der chinesischen Grenze zur Pazifikküste. Die rund 4 400 Kilometer lange Lena fließt zunächst in nordöstliche Richtung, biegt nach dem Einmünden des Aldan nach Norden und mündet in einem ausgedehnten Delta in die Laptewsee. Mit einer Länge von 3 530 Kilometern ist die Wolga der längste Fluss Europas. Zusammen mit ihren beiden Nebenflüssen Kama und Oka entwässert sie einen großen Teil der Osteuropäischen Ebene nach Südosten zum Kaspischen Meer. Der fünftlängste Fluss, der Jenissej, fließt aus der Mongolei nach Norden durch Ostsibirien und mündet ins Nordpolarmeer. Sein Hauptzufluss, der Angara, stellt den einzigen Abfluss des Baikalsees dar. Der Jenissej führt dem Nordpolarmeer jährlich mehr als 620 Kubikkilometer Wasser zu; damit verzeichnet er die höchste Durchflussmenge aller russischen Flüsse, gefolgt von Lena, Ob, Amur und Wolga.
Viele andere Ströme sind als Verkehrswege und als Energiequellen bedeutend, oder sie dienen in trockenen Regionen der Bewässerung. Der Don nimmt dabei eine herausragende Stellung ein. Er liegt im bevölkerungsreichen Osteuropäischen Tiefland und entwässert nach Süden in das Asowsche Meer, einen Arm des Schwarzen Meeres. Im nördlichen Osteuropäischen Tiefland fließen Narwa und Düna (Daugava) nach Nordwesten in die Ostsee. Petschora, Nördliche Dwina, Mezen und Onega fließen Richtung Nordpolarmeer und münden ins Weiße Meer. In der nordkaukasischen Ebene sind die beiden wichtigsten Flüsse für die Bewässerung der Kuban, der nach Westen ins Asowsche Meer fließt, und der Terek, der nach Osten ins Kaspische Meer fließt.
Die Sowjetregierung beschleunigte den Bau großer Dämme zur Energiegewinnung und für eine bessere und umfangreichere Bewässerung. Die umfangreichsten Baumaßnahmen erfolgten am Flusssystem von Wolga und Kama, am Don, im oberen Teil des Jenissej-Angara-Systems und an den Läufen von Ob und Irtysch.
In Russland gibt es, besonders im ehemals vergletscherten nordwestlichen Teil des Landes, viele natürliche Seen. Das Kaspische Meer im Süden ist der größte Binnensee der Erde. Der Seespiegel des Salzwassersees befindet sich etwa 28 Meter unterhalb des Meeresniveaus. Da das Kaspische Meer keinen Abfluss hat, entweicht Wasser nur durch Verdunstung, wodurch es bei dem hier herrschenden trockenen Klima zur Auskristallisation von Salzen kommt. Das Kaspische Meer hat eine Fläche von rund 371 000 Quadratkilometern. Zweitgrößter See in Russland ist der Baikalsee mit einer Fläche von 31 500 Quadratkilometern. Mit einer maximalen Tiefe von 1 637 Metern ist der Baikalsee der tiefste Süßwassersee der Erde. Man schätzt, dass der See etwa ein Fünftel der Süßwasserreserven der Erde enthält. Die beiden nächstgrößeren Seen sind der Ladogasee und der Onegasee. Sie liegen in der Karelischen Seenplatte im Nordwesten des europäischen Teiles von Russland. Beide Süßwasserseen sind eiszeitlichen Ursprungs und haben Abflüsse, die in den Finnischen Meerbusen münden.
| 3. | Klima |
Russland umfasst eine Reihe unterschiedlicher Klimazonen. Entlang der Küste des Nordpolarmeeres herrscht polares Tundrenklima vor, das im Süden bis in die Gebirgslagen der fernöstlichen Region reicht. Südlich dieser Zone erstreckt sich ein breiter Gürtel mit subarktischem Klima, der im europäischen Russland in südlicher Richtung bis Sankt Petersburg reicht, östlich des Uralgebirges jedoch fast ganz Sibirien und den Fernen Osten Russlands umfasst. Der größte Teil des europäischen Teiles von Russland unterliegt einem gemäßigten kontinentalen Klima. Dieser Gürtel reicht von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer und umfasst im Osten auch einen schmalen Streifen des südlichen Westsibirischen Tieflandes. An dieser Klimazone hat auch der südöstliche Teil des Fernen Ostens Russlands Anteil. An der Schwarzmeerküste herrscht dagegen subtropisches Klima. Moskau liegt in der kontinentalen Klimazone. Die Durchschnittstemperaturen betragen dort -9 °C im Januar und 19 °C im Juli. In Wladiwostok im fernöstlichen Russland betragen die mittleren Temperaturen -14 °C im Januar und 18 °C im Juli.
Da sich Russland weit in hohe geographische Breiten erstreckt und das angrenzende Nordpolarmeer nicht von milden Meeresströmungen geprägt ist, herrschen im Norden des Landes raue klimatische Bedingungen. Die Winter sind lang und kalt, die Sommer kurz und im Norden auch relativ kühl. Hohe Gebirge entlang der Südgrenze von Russland und Zentralasien machen eine Zufuhr von maritimen, tropischen Luftmassen von Süden her nahezu unmöglich. Im Winter ist das Nordpolarmeer bis zur Küste zugefroren. Weil das Gebiet im Bereich des Westwindgürtels liegt, reichen warme Einflüsse vom Pazifischen Ozean nicht weit ins Landesinnere. Dies trifft besonders im Winter zu, wenn sich ein ausgeprägtes, extrem kaltes Hochdruckgebiet mit Zentrum über Ostsibirien über weite Teile Sibiriens und des fernöstlichen Russlands erstreckt.
Dem Meereseinfluss unterliegt Russland vom Atlantischen Ozean im Westen her; bis aber die Atlantikluft Russland erreicht, hat sie den gesamten Westteil Europas durchquert und beträchtliche Veränderungen durchgemacht. Im Sommer durchdringt sie die Landmassen am leichtesten, wenn tiefer Druck über Russland vorherrscht. Dann kann warme, feuchte Atlantikluft östlich bis nach Mittelsibirien vordringen. Diese Luftmassen bringen Russland ein ausgeprägtes Sommermaximum an Niederschlag. Vielerorts ist die Verteilung der Niederschläge im Sommer nicht sehr günstig. Im Frühsommer gibt es oft Dürren, im Hoch- und Spätsommer fallen häufig beträchtliche Niederschläge, die die Ernten beeinträchtigen. Das trifft insbesondere auf die fernöstliche Region zu, wo einströmende pazifische Luft im Hoch- und Spätsommer Monsunregen bringt. In den nördlichen Gebieten, besonders nördlich von Moskau, ist der Himmel insbesondere im Winter so häufig bedeckt, dass die Russen dieses Phänomen Pasmurno (trübes, trostloses Wetter) nennen. In Moskau ist der Himmel im Dezember an durchschnittlich 23 Tagen bedeckt.
In weiten Teilen des Landes ist der jährliche Niederschlag gering. Das Osteuropäische Tiefland verzeichnet einen mittleren Jahresniederschlag von etwa 800 Millimetern, der bis zur Küste am Kaspischen Meer auf rund 400 Millimeter sinkt. In Sibirien und dem Fernen Osten Russlands reichen die Jahresmittelwerte in den meisten Regionen von 500 bis 800 Millimeter. In höheren Lagen sind auch Niederschläge bis zu 1 000 Millimetern möglich, doch in Becken im Landesinneren werden teilweise weniger als 300 Millimeter erreicht.
Das Klima ist durch extreme Temperaturgegensätze gekennzeichnet. Die niedrigsten Wintertemperaturen verzeichnet Ostsibirien; im Westen mäßigt die Luft vom Atlantischen Ozean her die Bedingungen etwas. Werchojansk in Ostsibirien wird oft als „Kältepol der Welt” bezeichnet. Im Januar liegen die Temperaturen bei durchschnittlich -48,9 °C, doch wurde hier auch schon ein Extremwert von -67,8 °C gemessen. Im Juli liegt die mittlere Temperatur in Werchojansk bei 15 °C, an einzelnen Tagen wurden auch Werte um 35 °C erreicht. Die Stadt verzeichnete damit eine maximale jährliche Temperaturschwankung von 102,8 °C; dieser Wert wurde bisher an keiner anderen Messstation der Erde übertroffen.
| 4. | Natürliche Vegetation und Böden |
Die breiten Vegetations- und Bodenzonen Russlands entsprechen annähernd den Klimazonen des Landes. Im hohen Norden wächst auf tief reichendem Dauerfrostboden eine Tundrenvegetation aus Moosen, Flechten und niedrigen Sträuchern. Der Untergrund ist hier bis in große Tiefen ganzjährig gefroren, nur eine dünne Oberflächenschicht taut im Sommer auf.
Über zwei Fünftel des russischen Territoriums sind waldbedeckt, der größte Teil davon liegt im asiatischen Landesteil. Insgesamt stellen die Wälder nahezu ein Viertel der Waldfläche der Erde dar. Die Waldzonen des Landes lassen sich unterteilen in einen nördlichen Teil, den borealen Nadelwaldgürtel (Taiga), und den sehr viel kleineren südlichen Mischwald. Die Taiga schließt sich südlich an die Tundra an; sie bedeckt die nördlichen zwei Fünftel des europäischen Teiles von Russland und erstreckt sich über einen großen Teil Sibiriens und des russischen Fernen Ostens. Ein erheblicher Teil dieser Region ist durch tief reichende Dauerfrostböden gekennzeichnet.
Die Taiga besteht hauptsächlich aus Nadelbäumen, doch an einigen Stellen tragen Laubbäume wie Birken, Pappeln, Espen und Weiden zur Waldvielfalt bei. Im äußersten nordwestlichen Teil der europäischen Region beherrschen verschiedene Kiefernarten die Taiga. Östlich der Westhänge des Uralgebirges dominieren Tannen, zudem wachsen hier Kiefern; in einigen Gegenden gibt es fast reine Birkenwaldbestände. Die Taiga der Westsibirischen Tiefebene besteht hauptsächlich aus Kiefernarten, entlang der Südränder des Waldes sind Birken vorherrschend. In weiten Teilen des Mittelsibirischen Berglandes und in den fernöstlichen Gebirgen dominieren Lärchen. Überall in der Taiga sind die Bäume im Allgemeinen klein und stehen weit auseinander. Ein beträchtlicher Teil des Landes ist baumlos, hauptsächlich aufgrund unzureichender Entwässerung; in diesen Gebieten bilden Sumpfgräser und Gebüsche die pflanzliche Decke. Die vorherrschenden Böden der Taiga sind Podsole; sie sind relativ unfruchtbar, da die meisten ihrer Pflanzenminerale durch das saure Grundwasser ausgewaschen worden sind.
Mischwald aus Nadel- und Laubbäumen bedeckt den zentralen Teil des Osteuropäischen Tieflandes von Sankt Petersburg im Norden bis zur ukrainischen Grenze im Süden. Im Mischwald dominieren im Norden Nadelbäume und im Süden Laubbäume, hauptsächlich Eichen, Buchen, Hainbuchen und Ahorn. Ein ähnlicher Wald beherrscht fast den ganzen Süden des fernöstlichen Russlands, am mittleren Flusstal des Amur und südlich entlang des Ussuri-Flusstales. Graubraune Waldböden findet man in der Mischwaldzone. Sie sind nicht so unfruchtbar wie die Böden der Taiga im Norden. Mit entsprechenden Anbaumethoden und starker Düngung können sie recht ertragreich sein.
Nach Süden hin geht der Mischwald in eine schmale Waldsteppenzone über, bevor die eigentliche Steppenzone beginnt. Die Waldsteppe weist Graslandvegetation mit verstreuten Baumhainen auf, ist heute jedoch größtenteils kultiviert. Sie ist durchschnittlich 150 Kilometer breit und erstreckt sich nach Osten über das mittlere Wolgatal und das südliche Uralgebirge bis in die südlichen Bereiche des Westsibirischen Tieflandes. Isolierte Gebiete dieser Zone finden sich im Süden, in den Zwischengebirgsbecken Ostsibiriens.
Die Steppe ist eine Vergesellschaftung von Gräsern mit wenigen, oft verkümmerten Bäumen. Zu dieser Region gehören die Westhälfte der Nordkaukasischen Platte und ein Landstreifen, der sich nach Osten über das südliche Wolgatal, den südlichen Ural und Teile Westsibiriens erstreckt. Ebenso wie die Waldsteppenzone ist auch ein großer Teil der Steppe kultiviert.
Waldsteppe und Steppe gedeihen auf fruchtbaren Böden, zusammen bilden sie eine Region, die als Schwarzerdegürtel bekannt ist; sie ist das landwirtschaftliche Kernland Russlands. Die Waldsteppe verfügt über schwarze Tschernosemböden, die einen hohen Humusgehalt und einen nahezu ausgewogenen Mineralstoffgehalt für die Kultivierung der meisten Feldfrüchte haben. Die Waldsteppe hat in der Wachstumsphase die bessere Feuchtigkeitsversorgung gegenüber der Steppe und ist daher die beste Landwirtschaftsregion in Russland. Die Steppenböden sind nicht ganz so humusreich wie die Tschernosemböden im Norden, doch haben sie einen sehr hohen Mineralstoffgehalt.
| 5. | Fauna |
Die Tierwelt in der Tundra entlang der arktischen und pazifischen Küste und auf den vorgelagerten Inseln ist überraschend vielfältig. Hier leben Eisbären, Eisfüchse, Rentiere, Schneehasen und Lemminge sowie Walrosse und Hundsrobben (Bart-, Sattel-, Ringel- und Kegelrobben). Zur Avifauna (Vogelwelt) gehören Schneehühner, Gerfalken, Raufußbussarde, Schnee-Eulen, Möwen und Seetaucher. Im Sommer ziehen viele Gänse, Schwäne und Enten in diese Region, um hier zu brüten. In der warmen Jahreszeit bietet die Tundra Stechmücken optimale Vermehrungsmöglichkeiten, und diese Insekten werden zur Plage. Die Taiga ist Lebensraum für Elche, Rentiere, Braunbären, Luchse, Zobel und eine Vielzahl von Waldvögeln wie Auerhühner, Haselhühner, Waldschnepfen, Tannenhäher, Seidenschwänze, Habichte, Sperber, Habichtskäuze, Bartkäuze und Sperbereulen.
In den Laubwäldern leben viele auch in der Taiga anzutreffende Arten, zu den bemerkenswerten Säugetieren gehören Wölfe, Nerze und Biber. Die Wälder im Süden des fernöstlichen Russland sind bekannt für ihre großen Sibirischen Tiger (eine vom Aussterben bedrohte Unterart) sowie für Leoparden und Braunbären. In der Steppe leben Nagetiere wie Bobaks (nahe Verwandte der Alpenmurmeltiere), Perlziesel, Zwerghamster und Blindmäuse, doch kommen dort auch Raubtiere wie Steppeniltisse und Huftiere wie die Saiga (eine Steppenantilope) vor. Die Kaukasusregion weist eine besonders reiche Tierwelt auf; große Raubtiere wie Braunbären, Leoparden, Hyänen und Schakale leben dort, aber auch Steinböcke, Bezoarziegen, Gämsen, Rothirsche und Wildschweine. In den Binnen- und Küstengewässern Russlands gibt es etwa 1 500 Fischarten.
| 6. | Umwelt |
In der Sowjetunion wurde das produzierende Gewerbe systematisch ausgebaut, Auswirkungen auf die Umwelt wurden dabei kaum beachtet. Schätzungen zufolge sind bis zu 60 Prozent der Luft, des Wassers und der Böden in Russland schwer belastet. Ein großes Problem stellt die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser dar; etwa ein Drittel des zur Verfügung stehenden Trinkwassers entspricht nicht internationalen Richtwerten. Als ein besonders sensibles Ökosystem ist auch der Baikalsee immer noch durch industrielle Verschmutzungen gefährdet. Eine große Gefahr, deren Ausmaß noch kaum abgeschätzt werden kann, ist die unkontrollierte Entsorgung und Lagerung von radioaktiven Abfällen, insbesondere der russischen U-Boot-Flotte, in den Küstengebieten und -gewässern (vor allem in den Gebieten um Murmansk und Nowaja Semlja).
Aufgrund der schlechten Wirtschaftslage in Russland fällt es ausländischen Unternehmen leicht, Lizenzen für Holzeinschläge in den sibirischen Wäldern zu bekommen. Dies hat in den letzten Jahren zu großflächigen Abholzungen geführt. Ein großer Teil der Wälder, zum Teil bisher weitgehend unberührter Urwald, ist davon bedroht. Die Luftverschmutzung ist in den meisten Städten sehr stark. Ursache hierfür sind u. a. die überwiegend veralteten Verkehrsmittel und die qualitativ minderwertigen Kraftstoffe. Bei verheerenden Bränden wurden 1997 und 1998 im Fernen Osten Russlands ausgedehnte Waldgebiete zerstört. Das verheerende Ausmaß der Umweltschäden in Russland zeigt sich auch daran, dass landesweit 4 bis 5 Prozent aller Krankheiten auf Umweltbelastungen zurückzuführen sind.
Seit 1998 haben sich die Umweltbedingungen leicht verbessert. Als Hauptgrund dafür werden Rückgänge bei der industriellen Produktion angeführt. So zeigen Umweltdaten zur Wasser- und Luftverschmutzung in einigen Regionen des Landes für 1998 jeweils einen Rückgang von einigen Prozent an. Ungefähr 1,4 Prozent der Landesfläche stehen in 89 Naturschutzgebieten und 29 Nationalparks unter Schutz. 17 Naturschutzgebiete wurden von der UNESCO zu Biosphärenreservaten erklärt.
| 3. | Bevölkerung |
Die Gesamtbevölkerung Russlands beträgt etwa 141 Millionen (2008). Das mittlere Bevölkerungswachstum beträgt rund -0,47 Prozent im Jahr. In keinem anderen Land gibt es eine derart große Vielfalt an ethnischen Volksgruppen. Viele der einzelnen Gruppen leben in eigenen Verwaltungsgebieten.
Die Bevölkerungsdichte liegt bei 8,3 Personen pro Quadratkilometer. Die Bevölkerung ist jedoch sehr ungleichmäßig über das Land verteilt. Der europäische Teil Russlands ist verhältnismäßig dicht besiedelt. In weiten Teilen Sibiriens erreicht die Bevölkerungsdichte dagegen nur geringe Werte. In der Zeit der Sowjetunion wurde Sibirien wegen seiner reichen Bodenschätze industriell erschlossen und besiedelt, besonders Südsibirien und der Ferne Osten Russlands.
Angehörige von mehr als 100 Nationalitäten leben in Russland; 18 Prozent der Gesamtbevölkerung sind Nichtrussen. Die größte Minderheit stellen die Tataren mit einem Anteil von 3,8 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Die Ukrainer (3 Prozent) sind die nächstgrößere Bevölkerungsgruppe; außerdem leben in Russland u. a. Weißrussen, Tschuwaschen, Baschkiren, Mordwinen und Deutsche. Auseinandersetzungen zwischen einzelnen ethnischen Gruppen gehören seit der Auflösung der Sowjetunion zu den großen sozialen Problemen Russlands.
| 1. | Wichtige Städte |
Knapp drei Viertel der russischen Bevölkerung leben in städtischen Gebieten. 13 Städte haben über eine Million Einwohner. Die meisten davon liegen im europäischen Teil Russlands. Die bei weitem größte Stadt ist die Hauptstadt Moskau mit einer Einwohnerzahl von etwa 10,47 Millionen (2003). Sankt Petersburg war von 1712 bis 1918 Hauptstadt Russlands; die Stadt liegt am Finnischen Meerbusen und ist eine führende Hafenstadt und eines der Hauptindustriezentren mit etwa 4,60 Millionen Einwohnern. Nishnij Nowgorod, mit 1,37 Millionen Einwohnern die größte Stadt an der Wolga, ist eines der Hauptzentren der Automobilindustrie und des Schiffbaus. Nowosibirsk, die größte Stadt Sibiriens, hat rund 1,41 Millionen Einwohner. Jekaterinburg, die größte Stadt im Uralgebirge, hat etwa 1,30 Millionen Einwohner. In Samara, einem bedeutenden Standort der Erdölverarbeitung für die Wolga-Ural-Erdölfelder, leben rund 1,13 Millionen Menschen.
Weitere Städte mit mehr als einer Million Einwohnern sind u. a. Omsk, zweitgrößte Stadt in Westsibirien und wichtiger Standort der Petrochemie; Tscheljabinsk, zweitgrößte Stadt im Uralgebirge; Kasan, Hauptstadt der Republik Tatarstan am Mittellauf der Wolga; Perm, Industriezentrum im Gebiet um den Fluss Kama westlich des Uralgebirges; Ufa, Zentrum der Petrochemie im Süden des Uralgebirges; Rostow, Zentrum für Handel, Industrie und Transportwesen im Süden des europäischen Teiles von Russland, am unteren Flusslauf des Don, und schließlich Wolgograd, Standort für Maschinenbau und andere Industriezweige am Unterlauf der Wolga.
| 2. | Sprache |
Amtssprache und verbreitetste Verkehrssprache ist Russisch; einige Republiken haben die jeweils vorherrschende einheimische Sprache als zusätzliche Amtssprache eingeführt. Nur 4 Prozent der Russen innerhalb der ehemaligen UdSSR beherrschen eine der über 100 anderen im Land verbreiteten Sprachen, während die meisten der anderen ethnischen Gruppen Russisch sprechen. Millionen von Nichtrussen haben Russisch als Muttersprache angenommen. In den autonomen Republiken, in denen eine bestimmte Volksgruppe die Bevölkerungsmehrheit stellt, werden die jeweiligen nationalen Sprachen auch in den Schulen gelehrt. Das Fremdsprachenangebot in den Schulen umfasst neben Englisch auch Französisch, Deutsch und Spanisch.
| 3. | Religion |
In der UdSSR wurde die Religionsausübung staatlich kontrolliert und weitgehend unterdrückt. Heute existieren zahlreiche Glaubensgemeinschaften und religiöse Vorstellungen; neben neuen Religionen kam es zum Aufleben traditioneller Religionen wie der des (orthodoxen) Christentums, aber auch des Islam, des Buddhismus und des Judentums. Die Muslime leben vorwiegend in den Republiken des Nordkaukasus und der mittleren Wolgaregion, während die Buddhisten in den Grenzgebieten zur Mongolei wohnen.
Die orthodoxe Kirche ist die wichtigste religiöse Institution in Russland. Schätzungsweise 37 Millionen Menschen (rund ein Viertel der Bevölkerung) bekannten sich Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts zum russisch-orthodoxen Glauben. Der russische Präsident Boris Jelzin empfing den Patriarchen von Moskau und Gesamtrussland, Alexei II., das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, mehrmals und würdigte damit seine Bedeutung. Die Kirche ist jedoch gespalten hinsichtlich ihrer Rolle in der postsowjetischen Gesellschaft und der Frage einer Annäherung an den Westen. Weitere strittige Themen, denen sich die Kirche gegenübersieht, sind u. a. das Wiederaufleben der unierten Kirche in der Ukraine, die zwar den orthodoxen Riten folgt, aber den Papst als Autorität anerkennt, und die Gründung getrennter orthodoxer Kirchen in anderen früheren Sowjetrepubliken.
| 3.1. | Feiertage |
Zu den russischen Feiertagen gehören Silvester (31. Dezember), Neujahr (1. Januar), Weihnachten (7. Januar), der internationale Frauentag (8. März), Ostern, der Tag der Solidarität (1. Mai), der Tag des Sieges (9. Mai), der Unabhängigkeitstag (12. Juni) und der Tag der Oktoberrevolution (7. November). Der wichtigste Feiertag in Russland ist Neujahr. An Silvester bringt „Väterchen Frost”, gekleidet in einen roten Umhang und schwarze Stiefel, den Kindern Geschenke, die sie aber erst am nächsten Tag finden. Da die russisch-orthodoxe Kirche den julianischen Kalender verwendet, begehen die Russen das Weihnachtsfest am 7. Januar. Nach der Oktoberrevolution 1917 war es viele Jahre lang untersagt, Weihnachten zu feiern, aber nach dem Ende der Sowjetunion 1991 erweckten die Russen die Weihnachtstradition wieder zu neuem Leben, und heute ist Weihnachten in Russland ein staatlicher Feiertag. Ostern wird in Russland nach dem julianischen Kalender festgelegt. Am Samstag vor dem Palmsonntag ehren die Russen Lazarus, den Jesus von den Toten erweckt haben soll. Der Tag des Sieges erinnert an das Ende des 2. Weltkrieges.
| 4. | Bildung und Kultur |
Die russischen Bildungs- und Kulturinstitutionen wurden über annähernd sieben Jahrzehnte durch die KPdSU kontrolliert. Im Rahmen der Politik von Glasnost und Perestroika von Michail Gorbatschow wurden ihnen sehr viel größere Freiheiten gewährt. Die Liberalisierung beschleunigte sich durch die Auflösung der UdSSR, brachte aber auch große finanzielle Probleme mit sich, da die staatliche Subventionierung zum Teil entfiel.
| 1. | Bildungswesen |
Russland besitzt ein gut entwickeltes Bildungssystem. Es besteht ein umfassendes Netz von Vorschulen, Grund- und Hauptschulen sowie weiterführenden Schulen. Dazu gehört auch die kostenlose Weiterbildung für Erwachsene. Es besteht eine 10-jährige Schulpflicht (2002–2003). Der mittlere Bildungszweig beginnt in der fünften Klasse und endet nach der neunten. Danach wechseln die Jugendlichen an weiterführende Schulen oder technische Berufsschulen, zu deren Lehrplan auch die Ausbildung am Arbeitsplatz gehört.
Kleinkindhorte, Kindergärten und andere frühkindliche Bildungsstätten sind in Russland besonders gut besucht. Nahezu 70 Prozent der Kinder im Vorschulalter besuchen eine staatliche Einrichtung.
Die berufsbildenden höheren Schulen bilden Fachkräfte wie z. B. Techniker, Krankenschwestern, Grundschullehrer und andere Spezialisten aus. Sie dauern in der Regel vier Jahre und vermitteln neben einer allgemeinen höheren Bildung fachspezifisches Wissen. Die ein- bis dreijährigen technischen Berufsschulen bilden für Fachberufe aus und verbinden ebenfalls allgemeine höhere Schulbildung mit Berufsausbildung.
Die Mehrzahl der russischen Hochschulen sind Spezialinstitute zur Berufsausbildung. Ein großer Prozentsatz der Studenten belegt Fernkurse. Traditionell ist der Unterricht kostenlos, und die Studenten erhalten monatliche Stipendien. Einige Universitäten planen, Studiengebühren zu erheben. Zu den bekanntesten Universitäten des Landes gehören die Moskauer Lomonossow-Staatsuniversität (gegründet 1755), die Staatliche Universität Sankt Petersburg (1819), die Staatliche Universität Kasan (1804) und die Staatliche Universität Nowosibirsk (1959). Andere wichtige Universitäten gibt es in Rostow, Nishnij Nowgorod, Tomsk, Wladiwostok und Woronesh. Neben den Universitäten und Hochschulinstituten befindet sich in Russland die Russische Akademie der Wissenschaften, die im Bereich wissenschaftlicher Forschung führend ist.
Die Ausbildung bis zum ersten Examen an den Hochschulinstituten umfasst in der Regel ein vier- bis fünfjähriges Studium. Danach kann der Student sich zur Ausbildung für Fortgeschrittene für weitere ein bis drei Jahre einschreiben. Studenten, die ihr Studium erfolgreich abschließen, umfangreiche Prüfungen ablegen und ihre Dissertationen schreiben, erhalten den Status eines Kandidat nauka (Kandidat der Wissenschaften). Ein höherer akademischer Grad, der Doktor der Wissenschaften, wird etablierten Gelehrten verliehen, die innerhalb ihrer Disziplin herausragende Beiträge geleistet haben.
| 2. | Kultureinrichtungen |
Die großen kulturellen Einrichtungen befinden sich vor allem in Moskau und Sankt Petersburg, darunter die Eremitage, eines der größten Museen der Welt. In Moskau befinden sich u. a. die Staatliche Tretjakow-Galerie für russische Kunst, das Staatliche Puschkin-Museum für Bildende Kunst und das Volkskunstmuseum. Im Nordosten von Moskau liegt der so genannte Goldene Ring altrussischer Städte, deren Gründung meist auf Klosterbauten an Flussläufen oder Seen zurückgeht.
Russland besitzt zahlreiche Bibliotheken. Am bekanntesten ist die Russische Staatsbibliothek in Moskau; mit mehr als 30 Millionen Bänden in rund 250 Sprachen ist sie eine der größten der Welt. Weitere bedeutende Bibliotheken sind die Staatliche Saltykow- Schtschedrin-Bibliothek in Sankt Petersburg mit rund 28,5 Millionen Bänden; die Bibliothek der Russischen Akademie der Wissenschaften mit rund zwölf Millionen Bänden und die Moskauer Lomonossow-Staatsbibliothek der Universität mit rund 6,6 Millionen Bänden.
Die bekanntesten Theater in Moskau sind das Bolschoi-Theater, das Maly-Theater und das Moskauer Kunsttheater. Darüber hinaus werden viele der größeren Produktionen des Bolschoi-Balletts und der Operntruppe im Kongresspalast des Kreml aufgeführt, in dem 6 000 Zuschauer Platz finden. Andere bedeutende Theater in Moskau sind das Zentrale Moskauer Kindertheater, das Moskauer Theater für junge Zuschauer, das Zentrale Moskauer Staatspuppentheater, das Akademische Musical-Theater, das Operettentheater und das Institut für Theaterkunst. In Sankt Petersburg befindet sich das Marininskij-Ballett (früher: Kirow-Akademietheater für Oper und Ballett, siehe Kirow-Ballett), das Maly-Operntheater und das Puschkin-Theater.
| 3. | Kunst und Literatur |
siehe russische Kunst und Architektur; russische Literatur
| 5. | Verwaltung und Politik |
Nach dem Ende der Sowjetunion und der Auflösung der staatstragenden Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) 1991 durchlebte Russland eine langwierige und problematische Phase der Umgestaltung, die zum Teil schwere Verwerfungen in allen Bereichen des politischen, sozialen und wirtschaftlichen Lebens mit sich brachte und von Machtkämpfen zwischen den verschiedenen Interessengruppen geprägt war. Erst etwa ab der Jahrtausendwende stabilisierten sich die politischen Verhältnisse nach und nach, nicht zuletzt aufgrund der fortschreitenden Konzentration der Staatsmacht auf einen starken Präsidenten, die allerdings auch zu Lasten von Pluralismus und demokratischen Freiheiten geht.
Nach der Verfassung von 1993, die seither mehrmals geändert wurde, ist Russland eine Präsidialdemokratie mit föderativem Staatsaufbau.
| 1. | Exekutive |
Staatsoberhaupt ist der für vier Jahre direkt vom Volk gewählte Staatspräsident; eine einmalige unmittelbare Wiederwahl ist möglich. Der Präsident ist mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet: Er ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte, hat die Kontrolle über den Befehl zum Einsatz von Atomwaffen und ist Vorsitzender des Sicherheitsrates, des zentralen Organs für sicherheitsrelevante innen- und außenpolitische Entscheidungen. Er ernennt den Ministerpräsidenten, der dann noch von der Duma bestätigt werden muss. Lehnt die Duma den vorgeschlagenen Ministerpräsidenten in drei Abstimmungen ab, kann der Präsident das Parlament auflösen und Neuwahlen anordnen. Ebenso ernennt er die Gouverneure der Föderationssubjekte, die dann von den jeweiligen Regionalparlamenten bestätigt werden müssen (seit 2004; zuvor wurden sie in den Regionen direkt gewählt); auch in den Regionen kann der Präsident bei dreimaliger Ablehnung seines Kandidaten das Parlament auflösen.
| 2. | Legislative |
Gemäß der Verfassung von 1993 besteht das russische Parlament aus zwei Kammern, der Duma (Unterhaus) und dem Föderationsrat (Oberhaus). Die 450 Abgeordneten der Duma werden für vier Jahre in allgemeinen Wahlen und nach dem Verhältniswahlsystem gewählt (seit der Verfassungsänderung von 2004; davor wurden sie je zur Hälfte nach dem Verhältnis- und dem Mehrheitswahlsystem gewählt). Für den Einzug in die Duma gilt eine Sperrklausel von 7 Prozent, und eine Partei muss 50 000 Mitglieder aufweisen können, um überhaupt bei den Duma-Wahlen antreten zu dürfen; beide Bestimmung kamen bei den Wahlen von 2007 erstmals zur Anwendung. Der Föderationsrat besteht aus je zwei Vertretern der 85 Territorialeinheiten der Russischen Föderation, die vom jeweiligen Gouverneur oder dem Regionalparlament bestimmt werden. Um den Gouverneuren, die bis einschließlich 2001 selbst im Föderationsrat vertreten waren, ein Forum auf föderaler Ebene zu bieten, wurde der Staatsrat geschaffen, in dem sich die Gouverneure der Föderationssubjekte unter Vorsitz des Präsidenten versammeln; der Staatsrat hat jedoch ausschließlich beratende Funktion und ist kein Verfassungsorgan.
| 3. | Judikative |
Die obersten judikativen Organe sind das Verfassungsgericht, der Oberste Gerichtshof und das Oberste Schiedsgericht. Ihre Richter werden vom Präsidenten ernannt und vom Föderationsrat bestätigt.
| 4. | Kommunalverwaltung |
Das Staatsgebiet wird in 85 Territorialeinheiten (Subjekte) gegliedert, die je nach Art der Einheit einen unterschiedlichen Grad an Autonomie genießen: 21 Republiken, ein autonomes Gebiet, vier autonome Kreise (okruga), neun Regionen (kraja), 46 Gebiete (oblasti) und zwei Städte föderalen Ranges (Moskau und Sankt Petersburg). Diese 83 Territorialeinheiten wurden im Mai 2000 sieben Föderationsbezirken (Zentralrussland, Nordwestrussland, Ural, Südrussland, Wolga, Sibirien, Fernost) untergeordnet, wodurch sich die russische Zentralgewalt eine bessere Kontrolle über die einzelnen Subjekte erhoffte.
Obwohl die Republiken auf einheimischen, nichtrussischen Volksgruppen basieren, stellen die Russen immer einen beträchtlichen, oft den überwiegenden Teil der Bevölkerung. Nichtrussische ethnische Gruppen bilden nur in fünf der Republiken eine klare Mehrheit, während die Russen in neun der Republiken die stärkste Volksgruppe sind.
Nach der Auflösung der UdSSR suchten die ethnischen Republiken verstärkt nach Unabhängigkeit innerhalb Russlands. Ein Vertrag über die Beziehungen zwischen der Zentralregierung und den Republiken wurde im März 1992 unterzeichnet. Er umriss die Rechte und Pflichten beider Regierungsebenen. Mit Ausnahme der Tatarischen Republik und der Tschetschenischen Republik, die beide die völlige Unabhängigkeit von Russland anstrebten, unterzeichneten alle Republiken den Vertrag. Die neue Verfassung von 1993 löste die Vertragsvereinbarungen ab. Sie garantiert den Republiken besondere Rechte, darunter das Recht zur Annahme einer eigenen Verfassung, Staatshymne und Staatsflagge.
Die Republiken der Russischen Föderation sind:
| 5. | Politische Parteien |
Seit dem Verzicht der KPdSU auf ihre verfassungsmäßige Führungsrolle 1990 vollzog sich ein dramatischer Wandel von einem totalitären Einparteienstaat zu einer Mehrparteiendemokratie. Es bildeten sich Hunderte von politischen Gruppierungen, Splittergruppen, Bewegungen und Parteien, die ein breites, unübersichtliches politisches Spektrum von Monarchisten bis hin zu Kommunisten abdecken. Bündnisse zwischen größeren Gruppierungen erwiesen sich in der Regel als instabil, und die politischen Programme vieler Parteien blieben vage. Erst ab der Jahrtausendwende kristallisierten sich einige wenige Parteien als weitgehend stabil heraus sowie als ausreichend mitglieder- und wählerstark, um den Sprung in die Duma zu schaffen; mitverantwortlich dafür waren die Bedingungen der „gelenkten Demokratie” des Präsidenten Wladimir Putin sowie eine Reihe von Änderungen im Wahl- und Parteiengesetz.
Wichtigste Partei der Ära Putin ist die konservative Partei Einiges Russland (Jedinaja Rossija), die im Wesentlichen der Unterstützung des Präsidenten dient und für einen starken Staat plädiert. Einiges Russland entstand 2001 aus den Parteien Einheit (Jedinstwo) und Vaterland – ganz Russland (Otetschestwo – wsja Rossija), die sich wiederum zum Teil aus der untergegangenen Partei Unser Haus Russland (Nasch Dom – Rossija) rekrutierten, der Partei von Putins Vorgänger Boris Jelzin. Ebenfalls regierungsnah ist die Partei Gerechtes Russland (Sprawedliwaja Rossija), die 2006 aus dem Zusammenschluss der ebenfalls regierungsnahen Parteien Rodina, Russische Rentnerpartei und Russische Partei des Lebens hervorging. Eine weitere wichtige regierungsnahe Partei ist die bereits 1990 gegründete Liberaldemokratische Partei Russlands (Liberalno-Demokratischeskaja Partija Rossii, LDPR), eine auf dem rechten Flügel des politischen Spektrums angesiedelte nationalistische, populistische Partei.
Stärkste Oppositionspartei ist seit dem Bestehen der Russischen Föderation die aus der KPdSU hervorgegangene Kommunistische Partei der Russischen Föderation (Kommunistitscheskaja Partija Rossiskoj Federazii, KPRF). Ebenfalls nicht regierungsnah ist Jabloko („Apfel”, eigentlich Russische Demokratische Partei Jabloko, Rossijskaja Demokratitscheskaja Partija Jabloko), eine 1993/95 gegründete linksliberale Partei. Liberal ist auch die 1999 aus verschiedenen Gruppierungen entstandene Partei Union der rechten Kräfte (Sojus Prawych Sil, SPS), allerdings eher wirtschaftsliberal.
| 6. | Verteidigung |
Die Struktur der Streitkräfte in Russland hat sich in der postsowjetischen Zeit grundlegend verändert. Unmittelbar nach der Auflösung der UdSSR 1991 unterstanden die Streitkräfte der Kontrolle durch die Militärbefehlshaber der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), die das sowjetische Rüstungspotential übernommen hatte. Im Mai 1992 schuf Russland jedoch seine eigene Militärstruktur; dies geschah als Antwort auf die Bildung eigener Armeen durch verschiedene GUS-Staaten, besonders die Ukraine. Das militärische Kommando der GUS war noch für ein weiteres Jahr aktiv, obwohl seine Macht schon stark eingeschränkt war. Schließlich wurde es im Juni 1993 abgeschafft, und die meisten seiner Funktionen wurden auf das russische Militärkommando übertragen. Die Streitkräfte Russlands umfassen rund 1 Millionen Soldaten (2004) in Armee, Marine und Luftwaffe. Männliche Staatsangehörige ab 18 Jahren müssen 18 Monate dienen, wenn sie zur Armee eingezogen werden; bei der Marine und der Luftwaffe dauert die Wehrpflicht zwei Jahre.
Die Verteidigungspolitik wird vom Sicherheitsrat gestaltet, einem Exekutivorgan, das im Mai 1992 gegründet wurde. Der Sicherheitsrat besteht aus einem Vorsitzenden, einem Sekretär, drei weiteren ständigen Mitgliedern sowie nichtständigen Mitgliedern, die der Präsident ernennt. Der russische Staatspräsident hat den Vorsitz.
Die Verteidigungsfähigkeit der russischen Streitkräfte ist seit der Gründung der Russischen Föderation zurückgegangen. Die Verteidigungseinrichtungen sehen sich schwerwiegenden Problemen wie Rekrutenengpässen, unzureichenden Unterkünften, veralteter Ausrüstung und geringer Truppenmoral gegenüber.
| 6. | Wirtschaft |
Wie in den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, wurde auch die Wirtschaft in Russland durch die Auflösung der UdSSR empfindlich getroffen. Ökonomisch gesehen stand das Land 1990/91 kurz vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch. Das große Staatsdefizit nimmt rund ein Fünftel des gesamten Bruttoinlandsproduktes ein, wobei Ähnliches für die ebenfalls hohe Auslandsverschuldung gilt (1996 fast 125 Milliarden US-Dollar). Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag 2006 bei 986 940 Millionen US-Dollar.
Die Gründe für die russische Wirtschaftskrise liegen in der Zerstörung traditioneller Handelsmuster und in der verzögerten Durchführung von Wirtschaftsreformen. Der Handel zwischen Russland und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken litt häufig unter Streitigkeiten wegen der Austauschrelationen (siehe Terms of Trade), besonders hinsichtlich des Preises für russische Erdölexporte. Sich überschneidende Besitzansprüche verschiedener staatlicher Verwaltungsebenen innerhalb Russlands haben die Ausübung von Geschäften mit Russland noch schwieriger gemacht.
Marktreformen, die Präsident Jelzin und andere Befürworter Anfang 1992 noch vehement vorantrieben, trafen bei Industriemanagern und Konservativen auf großen Widerstand. Trotz der Proteste von Regierungsvertretern gewährte die Zentralbank Russlands 1992 hohe Subventionszahlungen an nicht rentable Unternehmen, die die Inflation weiter in die Höhe trieben und das Haushaltsdefizit vergrößerten. Ende 1993 war etwa ein Drittel aller Staats- und Kommunalunternehmen privatisiert worden, aber dieser Prozess hing in großem Maß von der Unterstützung durch lokale Funktionäre ab. Die Privatisierung schritt in einigen Städten, z. B. in Nishnij Nowgorod, Sankt Petersburg und Jaroslawl, viel schneller voran als in anderen Teilen des Landes. Darüber hinaus war der rechtliche Rahmen für Privatisierungen unvollständig. Der private Besitz, Verkauf und die Vermietung von Grund und Boden wurde erst im Oktober 1993 erlaubt, als Präsident Jelzin einen Regierungserlass herausgab, der ein zehnjähriges Moratorium auf den Wiederverkauf von Land aufhob.
Der Übergang von der zentral gelenkten Planwirtschaft zur Marktwirtschaft gestaltet sich weiterhin schwierig. Dies zeigt sich exemplarisch an dem Erdölkonzern Yukos, der sich vom ehemaligen Staatsunternehmen zu einem erfolgreich agierenden Privatunternehmen entwickelte und nach seiner Zerschlagung erneut unter staatliche Kontrolle kam.
Yukos entstand im April 1993 im Zuge der Privatisierung von staatlichen Erdölfirmen der ehemaligen Sowjetunion. Bis 2003 hatte sich Yukos zum größten privaten Erdölkonzern Russlands entwickelt. Weltweites Aufsehen erregte im September 2003 die Verhaftung des Vorstandsvorsitzenden Michail Chodorkowskij wegen Betrugs und Steuerhinterziehung. Anschließend beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft 44 Prozent der Yukos-Aktien. Die starken Kursverluste der noch gehandelten Anteilsscheine machten es Yukos unmöglich, durch Veräußerung eigener Aktienpakete die von den Behörden geforderten Steuernachzahlungen in Höhe von umgerechnet mehreren Milliarden Euro zu leisten.
Verhaftet wurde Chodorkowskij, der reichste Mann in Russland, nach Ansicht von Beobachtern vermutlich vor allem deshalb, weil er die Opposition gegen Staatspräsident Putin unterstützte. Das Urteil gegen Chodorkowskij – neun Jahre Lagerhaft –, das im Mai 2005 erging, wurde von vielen Seiten als politisches Urteil und der vorangegangene Prozess als unfair gewertet. Im Dezember 2004 wurde das Yukos-Tochterunternehmen Yuganskneftegas, auf das rund 60 Prozent der Erdölförderung von Yukos entfallen, bei einer Zwangsversteigerung an die bis dahin unbekannte BaikalFinansGroup verkauft. Diese Investorengruppe übernahm damit weit mehr als die Hälfte des Kerngeschäfts von Yukos, weshalb dieser Schritt der Zerschlagung des Mutterkonzerns gleichkam. Wenige Tage später erfolgte die Übernahme der BaikalFinansGroup durch den staatlichen Erdölkonzern Rosneft. Damit hatte der Staat nach Aufspaltung des Konzerns Yukos die Kontrolle über dessen Kerngeschäft übernommen.
Ein brisantes Problem für die Wirtschaft Russlands stellt die organisierte Kriminalität dar. Angaben des russischen Innenministeriums zufolge werden schätzungsweise über 40 000 Firmen von mafiaähnlichen Organisationen kontrolliert, darunter auch Banken und Staatsbetriebe.
Die Gesamtzahl der Beschäftigten beträgt 73,5 Millionen (2006). 30 Prozent der Erwerbstätigen arbeiteten 2005 in der Industrie. In der Landwirtschaft waren 10 Prozent, im Handel- und Dienstleistungsbereich 22 Prozent und im Regierungs- sowie Verwaltungsapparat nochmals 22 Prozent aller Erwerbstätigen beschäftigt. Die Arbeitslosenquote wird auf 7,9 Prozent geschätzt (2004).
Die Organisation der Arbeit hat sich seit der Sowjetzeit nicht sehr verändert. Die Gewerkschaften werden von Organisationen beherrscht, die Nachfolger der offiziellen kommunistischen Gewerkschaften der UdSSR sind. Ihre oberste Organisation, die Föderation Unabhängiger Gewerkschaften (die russische Abkürzung ist FNPR), hat 50 Millionen Mitglieder, das entspricht fast 70 Prozent der Gesamtarbeiterschaft. Im Gegensatz dazu haben Gewerkschaften, die nicht dem FNPR angeschlossen sind, weniger als eine halbe Million Mitglieder. Die FNPR-Gewerkschaften haben aus der Sowjetzeit einige Befugnisse bewahrt, darunter die Kontrolle über die Mittel der Sozialversicherung, die Berechtigung, automatisch Gewerkschaftsbeiträge von der Gehaltsabrechnung der Arbeiter einzubehalten, sowie das Recht, gegen Entlassungsvorschläge des Managements Einspruch einzulegen. Die Regierung hat versucht, diese Befugnisse der Gewerkschaften zu reduzieren, doch das veranlasste die meisten der FNPR-Gewerkschaften dazu, die konservative Opposition politisch zu unterstützen. Darüber hinaus etablierte die FNPR eine enge Verbindung zum Industriemanagement, die der Verbindung zwischen Arbeiterschaft und Management in der Sowjetzeit gleicht.
| 1. | Landwirtschaft |
Aus klimatischen Gründen sind nur 13 Prozent der Landesfläche landwirtschaftlich nutzbar, rund 60 Prozent der Landwirtschaftsfläche werden ackerbaulich genutzt. Der größte Teil der Anbauflächen des Landes liegt im so genannten fruchtbaren Dreieck, das seine Basis entlang der Westgrenze hat, die sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer erstreckt, und das nach Osten in den südlichen Ural spitz zuläuft. Dort verengt es sich auf einen Streifen von etwa 400 Kilometern Breite, der sich über die südwestlichen Ränder von Sibirien erstreckt. Östlich des Altaigebirges gibt es Landwirtschaft nur in isolierten Gebirgssenken entlang des Südrandes von Sibirien und in der fernöstlichen Region. Die Grenze des wirtschaftlich rentablen Getreideanbaus liegt bis auf wenige Ausnahmen im fernöstlichen Teil bei 60 Grad nördlicher Breite. Nach Süden hin ist das Klima ohne Bewässerung zu trocken. Während der Sowjetzeit errichtete man am Kuban und an anderen Flüssen im Süden des europäischen Teiles von Russland umfangreiche Bewässerungsanlagen, um die Landwirtschaft zu versorgen. Die wichtigsten Bewässerungsprojekte der früheren UdSSR liegen jedoch in den zentralasiatischen Republiken.
In Russland werden vor allem Weizen, Gerste, Hafer, Roggen, Zuckerrüben, Sojabohnen und Kartoffeln angebaut. Weitere wichtige Anbauprodukte sind Mais, Hirse, Buchweizen, Reis, Hülsenfrüchte, Sonnenblumenkerne und Flachs. Verschiedene Arten von Obst gemäßigter Klimazonen wie Äpfel, Birnen, Kirschen und Weintrauben werden in Russland ebenfalls in großem Umfang kultiviert. Von besonderer Bedeutung ist die Zucht von Schweinen, Rindern, Schafen und Geflügel. Im hohen Norden ist die Rentierhaltung eine der Haupteinnahmequellen der einheimischen Bevölkerung, im Norden und Osten außerdem die Jagd und Zucht von Pelztieren.
Die Landwirtschaft erfuhr zu Beginn der neunziger Jahre einen starken Rückgang. Zwischen 1990 und 1992 sank die gesamte landwirtschaftliche Produktion um mehr als 4 Prozent jährlich; zwischen 1990 und 1991 sank die Weizenproduktion um 24 Prozent. Obwohl die Fleischproduktion einigermaßen stabil blieb, sank der Viehbestand beträchtlich. Zwischen 1986 und 1993 verringerte sich der Gesamtbestand an Geflügel um 10 Prozent, an Rindern um 12 Prozent und an Schweinen, Schafen und Ziegen um 19 Prozent. Die Abnahme beim Viehbestand lässt sich zum Teil auf mangelndes Tierfutter zurückführen, während der Rückgang der Landwirtschaft hauptsächlich auf fehlenden Kreditquellen und einem starken Anstieg der Preise für Maschinen, Dünge- und andere chemische Mittel, Treibstoff etc. beruht. Die Privatisierung in der Landwirtschaft erfolgt nur langsam. Nahezu das gesamte Agrarland (96 Prozent) blieb unter Kontrolle ehemaliger Kollektive und Staatsbetriebe (Kolchosen und Sowchosen), von denen die meisten als Produzentenkooperativen oder Aktiengesellschaften reorganisiert worden sind; nur etwa 4 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche werden von Privatbauern bewirtschaftet. Der Staat kauft einen Großteil der Landwirtschaftsproduktion, aber dieser Anteil nahm Anfang der neunziger Jahre stetig ab. Besonders bemerkbar macht sich dieser Rückgang bei Zuckerrüben, Gemüse, Sonnenblumenkernen und Kartoffeln.
| 2. | Forstwirtschaft |
Russland ist einer der führenden Produzenten von Nutzholz und Holzerzeugnissen; das Land verfügt über etwa ein Fünftel des Waldbestandes der Erde und über rund ein Drittel des Weltbestandes an Nadelwald; der größte Teil der russischen Nutzholzproduktion besteht aus Weichholz, hauptsächlich von Kiefern, Tannen und Lärchen. Wichtigstes Laubholz für den Handel ist Birke. Die Hauptgebiete der Nutzholzgewinnung liegen im Nordwesten des europäischen Teiles, im zentralen Uralgebirge, in Südsibirien (in der nahen Umgebung der Transsibirischen Eisenbahn) und im Süden des fernöstlichen Russlands.
Die am leichtesten zugänglichen und wertvollsten Holzbestände wurden in der Sowjetzeit stark ausgebeutet; geblieben sind Wälder in weniger zugänglichen Bereichen Sibiriens und im Norden des europäischen Teiles. Diese Wälder, besonders jene in Sibirien, enthalten einen hohen Anteil an Lärchen. Die groß angelegte Ausbeutung dieser schwer zugänglichen Lärchenwälder hat sich als sehr kostenintensiv erwiesen, da das Fällen, der Transport und die Verarbeitung der Lärchenstämme schwierig sind. In den letzten Jahren hat trotzdem die Abholzung sibirischer Wälder stark zugenommen (siehe oben unter Umwelt).
| 3. | Fischerei |
Die russische Fischindustrie ist eine der größten der Welt. Übertroffen wird sie in der Produktionsmenge nur von Japan, China und den Vereinigten Staaten. Während der Sowjetzeit stieg der Pro-Kopf-Verbrauch an Fisch auf rund 23 Kilogramm pro Jahr. Historisch war der Fischfang konzentriert auf die angrenzenden Meere und inländische Seen und Flüsse. In den letzten Jahrzehnten sind große Anstrengungen unternommen worden, die Fischfangaktivitäten auszuweiten. Die sowjetischen Fangflotten begannen damit, in fast allen Teilen der Weltmeere Fisch zu fangen, und die Fischzucht wurde in Teichen und ländlichen Bewässerungsstauseen und -gräben entwickelt. Das führte dazu, dass die Sowjetunion bezüglich der jährlichen Fischfangmenge in den achtziger Jahren an zweiter Stelle hinter Japan stand. 2005 wurden rund 3,36 Millionen Tonnen Fisch gefangen. Die See- und Hochseefischerei machte dabei etwa 92 Prozent aus, die Binnenfischerei rund 8 Prozent. Bei der Binnenfischerei machten die Fänge in den Salzwässern des Asowschen, Schwarzen und Kaspischen Meeres ungefähr 60 Prozent der Gesamtmenge aus; die restlichen 40 Prozent stammten aus Süßwasserseen, Flüssen, Stauseen und Teichen.
Eine herausragende Stellung unter den gewerblich wichtigen Fischarten in den Binnengewässern nehmen Störe aus dem Norden des Kaspischen Meeres ein. Sie sind die Hauptquelle für Kaviar. Diese Fische können bis zu 100 Jahre alt werden und bis zu 1,5 Tonnen Gewicht erreichen. Der Hausen, die wirtschaftlich bedeutendste Art der Störe, zählt zu den größten Süßwasserfischen der Welt, er kann bis zu fünf Meter lang werden. Die Störbestände des Kaspischen Meeres sind durch rücksichtslose Überfischung seit dem Ende der Sowjetunion stark gefährdet.
Etwa 25 Prozent der russischen Fangmenge stammen aus dem Nordatlantik und dem Nordpolarmeer. Ein Großteil der atlantischen Fischfangflotte ist in Häfen an der Ostsee stationiert. Kaliningrad ist der größte russische Fischereihafen an der Ostsee; ein weiterer wichtiger Ostseehafen ist Sankt Petersburg am Finnischen Meerbusen. In der Ostsee werden hauptsächlich Heringe und Sprotten für den Verkauf gefangen. Murmansk und Archangelsk sind die herausragenden Fischereihäfen an der Westküste des Nordpolarmeeres. Viele Fischereihäfen liegen am Asowschen Meer, Schwarzem Meer und Kaspischem Meer im Süden; Astrachan ist ein bekannter Fischereihafen am Kaspischen Meer.
Rund 60 Prozent des russischen Fisches werden im Pazifischen Ozean und dessen Randmeeren gefangen. Wladiwostok ist bei weitem größter Fischereihafen und größtes Fischverarbeitungszentrum in der Pazifikregion. Viele andere Fischereihäfen sind über die Festlandküste sowie über die Insel Sachalin verstreut. Aufgrund seiner kalten Gewässer ist das Ochotskische Meer einer der reichsten Fanggründe Russlands. Es ist bekannt für Lachs, aber auch die Kamtschatkakrabbe ist weltweit berühmt. Weitere Fischarten, die im Pazifik gefangen werden, sind Heringe, Flundern, Makrelen und Kabeljaue; außerdem werden Meeressäugetiere wie Walrosse und andere Robbenarten erlegt.
Während der achtziger Jahre war die frühere UdSSR die führende Walfangnation. Der kommerzielle sowjetische Walfang wurde 1979 im Nordpazifik beendet, doch wurden in den Meeren rund um die Antarktis weiter Wale erlegt. Die Walfangflotten hatten ihren Stützpunkt in Wladiwostok an der Pazifikküste. 1988 wurde der kommerzielle Walfang in der UdSSR endgültig eingestellt.
| 4. | Bergbau |
Von allen Ländern der Welt verfügt Russland über die größten Vorräte an Bodenschätzen. Besonders reich sind die Vorkommen an Energierohstoffen.
Man schätzt, dass in Russland rund die Hälfte der weltweit nachgewiesenen Kohlevorräte lagern und dass es größere Erdölvorkommen hat als jede andere Nation. Kohlelagerstätten sind über das ganze Land verstreut; die weitaus größten Felder liegen in Sibirien und dem Fernen Osten Russlands, doch die am besten erschlossenen Lagerstätten befinden sich in Westsibirien, im Nordosten des europäischen Gebiets, in der Region um Moskau und im Ural. Die Hauptvorkommen an Erdöl lagern in Westsibirien und in der Wolga-Ural-Region. Die Hauptvorkommen an Erdgas liegen entlang der arktischen Küste Sibiriens, in der nördlichen Kaukasusregion und in der Autonomen Republik der Komi im Nordosten des europäischen Teiles von Russland.
Der Bergbau ist ein Hauptsektor der russischen Wirtschaft und liefert Produkte für den Export. Russland ist ein Hauptexporteur für Eisenerz (zwölf Millionen Tonnen pro Jahr), wobei der größte Teil im Süden Zentralrusslands gefördert wird. Die Eisenerzvorkommen im Uralgebirge (bei Magnitogorsk) sind weitestgehend erschöpft. Auch bei den Kupferexporten (168 000 Tonnen pro Jahr) und bei Nickelexporten (127 000 Tonnen pro Jahr) nimmt Russland eine bedeutende Stellung ein. Kupfer- und Nickelerze werden hauptsächlich im Ural gefördert, obwohl es auch beträchtliche Nickellagerstätten auf der Halbinsel Kola nahe bei Murmansk gibt. Das Land ist einer der führenden Goldproduzenten. Gold wird im Ural, in Westsibirien und in Ostsibirien im Tal des Flusses Lena gefördert. Bauxitdepots liegen hauptsächlich im Ural und im Nordwesten des europäischen Teiles von Russland nahe bei Sankt Petersburg. Kleinere Vorkommen gibt es in Westsibirien nahe bei Kemerowo und in der Fernostregion nahe der Mündung des Amur. Zinn wird im Nordosten Sibiriens abgebaut, Blei und Zink in Sibirien und der Fernostregion. Manganvorräte lagern im Ural, in Westsibirien und im Fernen Osten.
| 5. | Industrie |
In der Sowjetunion war das Hauptaugenmerk auf die Schwerindustrie gerichtet. Dabei wurde vor allem dem Maschinenbau sowie den Metall verarbeitenden Industrien größte Bedeutung beigemessen. Ein zweites Augenmerk galt der Rüstungsindustrie. Die Industrieproduktion für die nationale Verteidigung hatte in den Sowjetplänen höchste Priorität. Die russische Rüstungsindustrie und die Luft- und Raumfahrtindustrie ist technisch sehr fortgeschritten.
Bei der Planung der Industrialisierung der UdSSR widmete die Sowjetregierung der Standortwahl der riesigen Industriekomplexe große Aufmerksamkeit. Ursprünglich waren die industriellen Fertigungszentren Russlands auf die Gebiete um Moskau und Sankt Petersburg konzentriert. Gleichzeitig wurde mit der industriellen Erschließung von Gebieten im Ural begonnen, die für ihre großen Kohle- und Mineralstoffvorkommen bekannt waren. Außerdem begann man zu Beginn der Sowjetzeit mit der Planung neuer industrieller Zentren in verschiedenen Regionen Sibiriens.
Heute konzentriert sich der Fahrzeugbau im zentralen europäischen Teil von Russland. Lokomotiven werden in den Städten Kolomna, Murom und Ljudinowo gefertigt, die alle nahe bei Moskau liegen. Der Fahrzeugbestand der Eisenbahn wird in Fabriken in Twer, nordwestlich von Moskau, und in Brjansk, südwestlich von Moskau, gebaut. U-Bahnen werden in Mytischtschi, einem nördlichen Vorort von Moskau, hergestellt. Engels im Tal der Wolga ist das Hauptzentrum für die Herstellung von Oberleitungsbussen (Trolleybus). Eine große Eisenbahnwaggonfabrik im Minusinskbecken im Osten von Sibirien beliefert die Transsibirische Eisenbahn und die Baikal-Amur-Magistrale.
Größtes Schiffbauzentrum ist Sankt Petersburg am Finnischen Meerbusen; kleinere Schiffswerften befinden sich in Archangelsk am Weißen Meer und an einigen Häfen der Pazifikküste. Die meisten Flussschiffe des Landes werden im Wolga-Kama-Flussbecken gebaut. Die älteste und immer noch größte Schiffswerft für Flussschiffe liegt in der Stadt Nishnij Nowgorod; weitere Bootsbaufabriken gibt es in Moskau, Rybinsk und Kostroma am oberen Flusslauf der Wolga.
Die Kraftfahrzeugindustrie in Russland ist hinsichtlich Menge und Qualität kaum entwickelt; viele Russen kaufen sich ihre Fahrzeuge im europäischen Ausland. Zentrum der Autoindustrie sind die beiden Städte Togliatti und Samara an der Wolga. Andere Standorte befinden sich in Moskau, Ishewsk und Nishnij Nowgorod. Lastkraftwagen und ähnliche Nutzfahrzeuge werden beispielsweise an der Kama in Nabereshnyje Tschelny, in Nishnij Nowgorod, in Moskau, in Uljanowsk (Simbirsk) an der Wolga sowie in Miass im Uralgebirge gebaut.
Die Fertigung von landwirtschaftlichen Maschinen ist ein bedeutender Industriezweig. 1990 lieferte Russland 60 Prozent der Gesamtproduktion an Landmaschinen in der ehemaligen UdSSR und war einst der größte Hersteller von Traktoren in der Welt und großer Exporteur. Die großen Fertigungsfabriken stehen im europäischen Teil Russlands, in Sankt Petersburg, Wolgograd, Wladimir, Brjansk und Lipetsk. Tscheljabinsk im Ural und Rubzowsk in der Altairegion Sibiriens sind ebenfalls wichtige Produktionszentren.
Der Zusammenbruch der Sowjetunion wirkte sich äußerst negativ auf die Textilindustrie Russlands aus. Fast die gesamte Baumwolle kam aus den ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien und der Republik Aserbaidschan. Aufgrund geringerer Lieferungen aus diesen Ländern mussten viele russische Textilfabriken schließen. 1992 sank die gesamte Textilproduktion um mehr als 50 Prozent.
Insgesamt sind die Industrieproduktionen in Russland in den letzten Jahren beträchtlich zurückgegangen. Damit hält eine allgemeine Verlangsamung des industriellen Wachstums an, die schon in den letzten Jahren der UdSSR festzustellen war.
| 6. | Währung und Bankwesen |
Die Währungseinheit Russlands ist der Rubel; Kopeken sind wegen der extremen Inflation nicht mehr im Umlauf. Die Inflationsrate lag im Sommer 1997 bei 11 Prozent, 1996 waren es noch 37,6 Prozent. Über Jahrzehnte gestattete es die UdSSR nicht, dass der Rubel auf dem Weltmarkt in Umlauf kam. Stattdessen setzte sie willkürlich einen Wert im Verhältnis zu Auslandswährungen fest. Anfang 1998 gab die russische Regierung einen neuen Rubel ohne Sowjetinsignien heraus.
Die Struktur des Bankwesens in Russland hat sich seit Mitte der achtziger Jahre deutlich verändert. In den letzten Jahren der UdSSR wurden die Tochterbanken von Gosbank, der Bundesbank der UdSSR, in Geschäftsbanken umgewandelt und erhielten eine neue Konzession unter der neuen Zentralbank für Russland. Die fünf großen sowjetischen Sektorenbanken (eine Allgemeine Sparkasse, die Bank für den Außenhandel und Banken für den sozialen Sektor, für die Landwirtschaft sowie für die Bauwirtschaft und die Industrie) wurden entweder in Geschäftsbanken umgewandelt oder geschlossen. Die verbliebenen Sektorbanken haben nicht länger besondere Funktionen oder Regierungsklientel, obwohl sie sich einen Großteil ihrer früheren Kunden erhalten haben. Die umgewandelten Sektorenbanken sind viel größer als in jüngster Zeit gegründete Geschäftsbanken. Das Vermögen der größten früheren Sektorenbank überstieg Mitte des Jahres 1991 knapp 110 Milliarden Rubel, gegenüber durchschnittlich 1,5 Milliarden Rubel für die führenden neuen Geschäftsbanken. Die beiden Banktypen unterscheiden sich auch in der Art der Kundschaft, die sie betreuen. Die früheren Sektorenbanken versorgen in erster Linie Staatsbetriebe, während die neuen Geschäftsbanken hauptsächlich private Unternehmen bedienen. Nur zwölf Auslandsbanken haben die Genehmigung erhalten, im Land tätig zu werden; sie sind in ihrer Tätigkeit zudem einer Reihe von Einschränkungen unterworfen. Nach der Verfassung von 1993 ist die Zentralbank von Russland unabhängig von direkter Kontrolle durch Regierung oder Parlament, obwohl ihr Vorsitzender von der Duma auf Empfehlung des Präsidenten ernannt wird. Die schwere Bankenkrise vom August 1998 zog eine allgemeine Wirtschaftskrise nach sich.
| 7. | Außenhandel |
1987 bezogen Mitglieder des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (COMECON) rund 60 Prozent der Sowjetexporte und lieferten 64 Prozent der Importe. Unter den sozialistischen Ländern war die Deutsche Demokratische Republik der führende Handelspartner der UdSSR, gefolgt von der Tschechoslowakei, Polen, Ungarn und Bulgarien. Die Haupthandelspartner der UdSSR außerhalb des Ostblocks waren die Bundesrepublik Deutschland, Italien und Japan.
Mit den politischen Veränderungen hat sich inzwischen auch die Struktur des russischen Außenhandels stark geändert. Der Handel mit den westlichen Industrieländern macht nun über die Hälfte der russischen Handelsaktivitäten außerhalb der ehemaligen Sowjetrepubliken aus. Deutschland ist Russlands größter Handelspartner (ohne den Handel mit den ehemaligen Sowjetrepubliken, vorrangig der Ukraine). Weitere Handelspartner sind die USA, Länder der EU (z. B. Italien, Großbritannien, Niederlande), die Schweiz und China.
Ein weiterer markanter Umschwung im russischen Außenhandel war ein starker Rückgang des Handelsvolumens: 1992 beliefen sich die Exporte in Gebiete außerhalb der ehemaligen UdSSR auf weniger als ein Drittel des Exportumfangs von 1988, zugleich erreichten die Importe weniger als die Hälfte des Volumens von 1988. Im ersten Quartal des Jahres 1993 ging der Außenhandel sogar noch weiter zurück, was zum Teil durch neue Importzölle verursacht wurde und durch zusätzliche Kontrollen bei strategisch bedeutsamen Exporten. Versuche, die russische Handelsbilanz genau zu ermitteln, werden jedoch durch den vorhandenen Tauschhandel und die illegale Übertragung von russischem Vermögen ins Ausland erschwert. Der Tauschhandel machte jedoch schätzungsweise 40 Prozent der Gesamtexporte und 26 Prozent der Gesamtimporte aus.
Der Tauschhandel findet hauptsächlich mit den früheren Sowjetrepubliken statt, von denen die meisten immer noch russischen Brennstoff zu subventionierten Preisen beziehen. Was die illegale Übertragung russischen Vermögens betrifft, so nehmen Schätzungen an, dass der Gesamtbetrag an illegalem Kapitalabfluss sich bisher auf zehn Milliarden US-Dollar und mehr beläuft.
| 8. | Verkehrswesen |
Das Verkehrs- und Transportwesen wird von der Eisenbahn dominiert. Die Dichte des Eisenbahnnetzes entspricht im Allgemeinen der regionalen Bevölkerungsdichte. Die russischen Eisenbahnlinien weisen den stärksten Frachtverkehr der Welt auf. Der dichteste Verkehr auf einer Einzelstrecke verläuft im westsibirischen Abschnitt der Transsibirischen Eisenbahn. Um das Schienennetz zu entlasten, wurden in Westsibirien und Nordkasachstan parallele Trassen gebaut. Eine neue Eisenbahnstrecke, die Baikal-Amur-Magistrale (BAM), verläuft durch ganz Sibirien und die Fernostregion nördlich der heutigen Transsibirischen Eisenbahn.
Die Sowjetregierung vernachlässigte den Gütertransport auf Straßen aufgrund der hohen Bau- und Instandhaltungskosten für das Straßennetz und aufgrund der hohen Gesamttransportkosten. Etwa die Hälfte der Straßen hat einen Beton- oder Asphaltbelag, der Rest sind unbefestigte Straßen. Nur wenige der Straßen des Landes haben mehr als zwei Fahrspuren. Wie das Eisenbahnnetz ist auch das Straßennetz im europäischen Teil des Landes am dichtesten.
Ende der achtziger Jahre gehörte die Handelsflotte der UdSSR zu den größten der Welt. Zu den wichtigsten zivilen Seehäfen in Russland zählten neben Noworossijsk am Schwarzen Meer, Sankt Petersburg und Kaliningrad an der Ostsee auch Nachodka, Vostochnyy, Wladiwostok und Vanino an der Pazifikküste sowie Murmansk und Archangelsk an der arktischen Küste.
Die Wolga ist die wichtigste inländische Wasserstraße Russlands. Über sie läuft mehr als die Hälfte der Binnenschifffahrt des Landes. Haupthäfen an der Wolga sind Rybinsk, Nishnij Nowgorod, Samara, Wolgograd und Astrachan im Mündungsgebiet am Kaspischen Meer. Rostow, ebenfalls ein bedeutender Hafen, liegt am Asowschen Meer nahe der Donmündung. Die Häfen von Moskau sind über den Moskaukanal mit dem Wolgaflusssystem verbunden. Dieser Kanal fließt nördlich von Moskau in die Wolga. In Sibirien und der Fernostregion sind die Flüsse die einzigen Verkehrswege in Gebieten, die fern jeder Eisenbahnlinie liegen. Die meisten sibirischen Flüsse, darunter Lena, Jenissej und Ob, fließen nach Norden ins Nordpolarmeer. Der nach Osten fließende Amur ist der wichtigste schiffbare Strom in der Fernostregion.
Russland verfügt über ein umfangreiches Netz an Rohrleitungen für Erdöl und Erdgas, von denen die meisten von Ost nach West verlaufen. Ölpipelines verbinden Fördergebiete in Westsibirien und in der Wolga-Ural-Region mit Verbrauchsgebieten im europäischen Russland und in anderen europäischen Ländern. Auch Erdgas gelangt über Pipelines aus dem Nordwesten von Sibirien, dem Nordosten des europäischen Russlands und dem Nordkaukasus nach Westen. Verschiedene Leitungen verbinden Russland mit Gas- und Erdölfeldern in zentralasiatischen Republiken und Westkasachstan. Weitere Leitungsnetze verlaufen von Süden nach Osten von Westsibirien bis nach Irtkutsk. Einige kleine, isolierte Rohrleitungen findet man in Nordsibirien und in der Fernostregion.
| 9. | Tourismus |
Der Fremdenverkehr ist für Russland eine wichtige Einnahmequelle für Devisen. Hauptzielorte vieler Auslandsgäste sind vor allem die Großstädte Moskau und Sankt Petersburg. Wichtige Erholungsgebiete befinden sich außerdem am Schwarzen Meer.
| 10. | Energie |
Etwa 80 Prozent des Gesamtenergiebedarfs erzeugen Wärmekraftwerke. Bis 1955 hatte die Kohle den größten Anteil an der Energieerzeugung Russlands – das Land besitzt rund die Hälfte des Weltvorkommens. Ab 1955 fand eine allmähliche Umstellung auf Erdöl und Erdgas statt. Bis zu den siebziger Jahren waren Öl und Erdgas schließlich die Hauptenergiequellen des Landes geworden, und die UdSSR wurde der weltgrößte Produzent für fossile Brennstoffe. Nach der Auflösung der UdSSR sank die Energieproduktion insgesamt ab.
Weitere bedeutende Energiequellen in Russland sind die Wasserkraft und die Kernenergie. Wasserkraftwerke erzeugen rund 5 Prozent der gesamten Jahresstrommenge. Wichtige Wasserkraftwerke befinden sich an den großen Flüssen wie Wolga, Kama, Jenissej und Angara. Die Atomkraft liefert 15,67 Prozent der Gesamtenergieproduktion Russlands (2003). Die meisten Atomkraftwerke liegen im europäischen Teil Russlands. So decken beispielsweise die beiden größten Städte des Landes, Moskau und Sankt Petersburg, gut ein Drittel ihres Strombedarfs durch Kernenergie. Der Reaktorunfall in Tschernobyl am 26. April 1986 bewog die Sowjetfunktionäre zunächst dazu, bereits fertig gestellte Pläne zur umfangreichen Ausweitung der nuklearen Kapazitäten aufzugeben, aber 1992 verkündete die russische Regierung erneut Erweiterungspläne der nuklearen Energieproduktion. Im Juli 1998 wurde der Bau von sieben neuen Atomreaktoren beschlossen.
| 7. | Geschichte |
Historisch bezeichnet Russland das Zaren- bzw. Kaiserreich, das mit dem Kiewer Reich (Kiewer Rus) und dem Großfürstentum Moskau zwei Vorläufer hatte und bis zur Oktoberrevolution 1917 bestand. Nach der Oktoberrevolution schufen die Bolschewiki die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik (RSFSR), die im Juli 1918 eine erste Verfassung erhielt und die dominierende Teilrepublik der 1922 gegründeten Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR, Sowjetunion) wurde. Heute wird der Name gemeinhin auf die Russische Föderation angewendet, die sich 1990 für souverän erklärte und nach der Auflösung der UdSSR 1991 zum unabhängigen Staat wurde. Wörtlich übersetzt müsste der neue Staat, gemäß der Unterscheidung im Russischen zwischen russkij und rossijsskij, eigentlich „Russländische” Föderation (Rossijskaja Federatsija) heißen.
1914 nahm das russische Kaiserreich mit rund 22 Millionen Quadratkilometern flächenmäßig etwa ein Sechstel der Erdoberfläche ein. Das Land erstreckte sich vom Bottnischen Meerbusen bis zum Pazifik und bestand aus dem eigentlichen russischen Kernland im östlichsten Teil Europas, zu dem auch das Großherzogtum Finnland und der größte Teil Polens gehörte, den Steppengebieten im Südwesten, dem Kaukasus, Sibirien und Russisch-Turkestan.
| 1. | Frühzeit und Kiewer Rus (bis 1242) |
| 1.1. | Frühzeit, Völkerwanderungen und slawische Landnahme |
In vorchristlicher Zeit war das Gebiet des heutigen Russland nur spärlich von Nomadenstämmen besiedelt. Im Norden, einer Region mit ausgedehnten Wäldern, lebten die Stämme, die später unter dem Oberbegriff Slawen zusammengefasst wurden. Weitaus wichtiger war der Süden. Dort wurde die nicht genau abzugrenzende Region mit dem Namen Skythien durch verschiedene asiatische Reitervölker besetzt, darunter – in chronologischer Folge – die Kimmerier, die Skythen und die Sarmaten. Seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. errichteten griechische Händler und Kolonisten Handelsposten und Niederlassungen, besonders an der Nordküste des Schwarzen Meeres und auf der Halbinsel Krim.
Die offenen Ebenen des europäischen Russland erleichterten das Vordringen verschiedener Volksstämme, die Siedlungen gründeten und sich mit der ansässigen Bevölkerung vermischten. So wurden in den ersten Jahrhunderten nach Christus die asiatischen Völker aus Skythien von den germanischen Goten verdrängt, die am Schwarzen Meer ein Königreich errichteten. Im 4. Jahrhundert n. Chr. eroberten die eindringenden Hunnen das Land, vertrieben die Goten und vernichteten auch das schon seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. bestehende Bosporanische Reich beiderseits der Straße von Kertsch. Die Hunnen hielten das Gebiet, das die heutige Ukraine und Bessarabien umfasste, bis zu ihrer Niederlage auf den Katalaunischen Feldern (im heutigen Frankreich) im Jahr 451. Im 6. Jahrhundert drangen die Awaren über die südrussische Steppe vor, gefolgt von den Magyaren und den Chasaren, die bis etwa Mitte des 10. Jahrhunderts das Gebiet zwischen Wolga und Don beherrschten.
Während dieser langen Periode aufeinander folgender Invasionen begannen sich die slawischen Stämme, die wahrscheinlich nordöstlich der Karpaten in den Sumpf- und Waldgebieten zwischen oberem Bug und dem Mittellauf des Dnjepr lebten, über Osteuropa auszubreiten und sich in verschiedenen größeren Gruppen zu formieren. Im Sog der zahlenmäßig sehr viel schwächeren Awaren drangen sie nach Mittel- und Südosteuropa vor. Aus den westlichen Stämmen entwickelten sich u. a. Polen, Tschechen und Slowaken, aus den südlichen Stämmen gingen die Serben, Kroaten und Slowenen hervor. Die Ostslawen betätigten sich als Kaufleute, drangen über das System von Flüssen und Wasserwegen, das sich von den Waldaihöhen aus erstreckte, vor und legten Handelsposten an, so z. B. Kiew im Süden und Nowgorod im Norden. Die Waldaihöhen im Nordwesten Russlands sind die höchsten Erhebungen in der Osteuropäischen Ebene und das Quellgebiet vieler wichtiger Flüsse, z. B. Wolga, (westliche) Düna und Dnjepr. Durch diese strategisch wichtige Region, die sich leicht überwinden ließ, verliefen die Handelswege von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Von den Waldaihöhen breiteten sich die Ostslawen ab dem 6. Jahrhundert weiter aus.
| 1.2. | Die ersten Rurikiden (862-1054) |
| 1.2.1. | Rurik |
Die verschiedenen ostslawischen Stämme, die sich bis zum 8. Jahrhundert herausbildeten, schufen keine eigene Staatlichkeit, sondern allenfalls lockere Herrschaften, die sich untereinander in beständigem Konflikt befanden. Der russischen Überlieferung zufolge – Hauptquelle ist die Anfang des 12. Jahrhunderts in Kiew entstandene Nestorchronik – wurden die internen Streitigkeiten und Stammesfehden unter den Ostslawen rund um Nowgorod so heftig, dass diese entschieden, sich unter die Oberhoheit eines fremden Fürsten zu begeben. Ihre Wahl fiel auf Rurik, einen skandinavischen Stammes- und Heerführer, der 862 Herrscher über Nowgorod wurde. Zwei andere Skandinavier, Dir und Askold, erlangten die Herrschaft über Kiew. Daher gilt 862 auch als „Geburtsjahr” Russlands, obwohl zu diesem Zeitpunkt weder von einem Staat noch von Russen gesprochen werden kann. In der Nestorchronik werden die Skandinavier Waräger (Wikinger aus Schweden) genannt; sie erhielten später, wie auch die von ihnen unterworfenen Ostslawen, den Namen Rus (in griechischen Quellen Rhos) wovon sich wahrscheinlich Russen und Russland ableiten. Allerdings gibt es auch Theorien, die als Ursprung den finnischen Namen für die Schweden, Ruotsi, oder den Namen eines Alanenstammes in Südrussland, Rukhs-As, annehmen.
Den historischen Hintergrund der Berufungslegende liefert das Vordringen bewaffneter skandinavischer Kaufleute über die Fernhandelsrouten von der Ostsee über Wolchow bzw. Düna, Dnjepr und das Schwarze Meer nach Konstantinopel („Weg von den Warägern zu den Griechen”) seit dem 8. Jahrhundert. Rurik und die Dynastie, die er begründete, die Rurikiden (bis 1598), leiteten eine Zeit innerer Konsolidierung ein und führten zu einer Ausdehnung des ostslawischen Territoriums, besonders im Nordosten und Nordwesten, wo die ansässigen finnischen Völker assimiliert wurden. Die Waräger und ihre skandinavischen Gefolgsleute bildeten dabei die zahlenmäßig allerdings nur sehr dünne Oberschicht im sich ausbildenden Reich.
| 1.2.2. | Oleg und Swjatoslaw |
Ruriks Nachfolger wurde 879 sein Sohn Igor, der von 912 oder 913 bis 945 regierte. Da dieser noch ein Kind war, übernahm Oleg, ein Verwandter Ruriks, die Herrschaft. Fürst Oleg, der den strategischen Wert des Gebiets um Kiew für den Fernhandel erkannte, ließ die warägischen Herrscher der Stadt 882 töten, vereinte dann die beiden Zentren in einer Hand und machte Kiew zu seiner Hauptstadt. Er dehnte sein Herrschaftsgebiet beträchtlich aus, indem er Nachbarstämme unterwarf und sein Heer aus Warägern, Slawen und Finnen nach Süden bis Konstantinopel führte (907). Der dort 911 geschlossene Handelsvertrag mit dem Byzantinischen Reich ist das erste datierte Ereignis in der altrussischen Geschichte. Seit dieser Zeit gestalteten sich die Beziehungen zu Byzanz immer enger; ein weiterer Handelsvertrag wurde 944 und ein Friedensvertrag 971 geschlossen.
Die Witwe Igors, Olga, die für ihren minderjährigen Sohn Swjatoslaw die Regentschaft führte (945-964), soll 955 zwar Christin geworden sein, scheiterte aber mit dem Versuch, das Christentum allgemein durchzusetzen. Doch bereitete sie den Boden für die spätere Christianisierung. Unter Olga und Swjatoslaw (bis 972), dem ersten Fürsten, der einen slawischen Namen trug, erlangte Kiew die Führungsposition unter den altrussischen Städten. Beide Herrscher schufen die Grundlagen für eine staatliche Ordnung im Kiewer Reich, wo das slawische Element allmählich bestimmend wurde. Swjatoslaw war ein großer Heerführer, der sich ganz der Stärkung der russischen Position im Süden und Osten widmete. Er führte seine Truppen gegen die Bulgaren an Wolga und Donau, gegen die Chasaren und gegen die Petschenegen, einen kriegerischen Nomadenstamm, der aus der Schwarzmeersteppe nach Norden vordrang.
| 1.2.3. | Wladimir der Heilige und Jaroslaw der Weise |
Das Reich wurde nach dem Tod Swjatoslaws unter seinen drei Söhnen aufgeteilt. Die sich daraus ergebenden Herrschaftskonflikte endeten 980, als der jüngste Sohn, Wladimir I., den man später Wladimir den Großen oder den Heiligen (978-1015) nannte, sich als Großfürst von Kiew durchsetzte. Das bedeutendste Ereignis während seiner Herrschaft war seine christliche Taufe im Jahr 988, mit der das Christentum zugleich zur offiziellen Staatsreligion erhoben wurde. Nachdem er seine heidnischen Frauen verstoßen hatte, heiratete er Anna, die Schwester des byzantinischen Kaisers Basileios II. Wladimir war damit der erste nichtgriechische Herrscher, der eine dynastische Verbindung mit dem byzantinischen Kaiserhaus einging und so für sich eine bedeutende Rangerhöhung erreichte. Russland öffnete sich also nicht dem Christentum lateinisch-abendländischer Prägung, sondern der byzantinischen Kirchentradition, die allerdings über Bulgarien vermittelt war. Doch ging die russisch-orthodoxe Kirche von Beginn ihre eigenen Wege. Unter der Leitung von Metropoliten, die von etwa 1039 bis 1299 in Kiew residierten, erreichte sie ein großes Maß an Autonomie, obgleich sie der kanonischen Autorität des ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel unterstand und der Großfürst ihr tatsächliches Oberhaupt war (siehe orthodoxe Kirche). Die Liturgie bediente sich des Slawischen, das als Sprache der Kirche zur ostslawischen Schriftsprache wurde. In der Architektur, d. h. vor allem im Kloster- und Kirchenbau, in der bildenden Kunst und Musik entfaltete sich hingegen kraftvoll das byzantinische Kulturerbe.
Nach dem Tod Wladimirs 1015 stritten seine Söhne um das Erbe. Der älteste, Swjatopolk, genannt der Verfluchte, erlangte die Oberherrschaft und ließ, um seine Stellung zu sichern, seine Brüder Boris und Gleb ermorden, wurde aber im Gegenzug von seinem Bruder Jaroslaw Mudry, dem Fürsten von Nowgorod, besiegt und abgesetzt. Jaroslaw Mudry, der Weise (Großfürst 1019-1054), versuchte, das Reich seines Großvaters Swjatoslaw wieder erstehen zu lassen; bis 1036 konnte er sich als Gesamtherrscher durchsetzen. Mit ihm erreichte das Kiewer Reich, außenpolitisch durch dynastische Verbindungen zu zahlreichen europäischen Höfen abgesichert, seine größte Macht. Jaroslaw erbaute im großfürstlichen Kiew prachtvolle Klöster und Kirchen, darunter die Sophienkathedrale (Kathedrale der Heiligen Weisheit), errichtete Schulen und schuf den ersten russischen Gesetzeskodex, die Russkaja Prawda („Russische Wahrheit”).
| 1.3. | Der Niedergang Kiews (1054-1242) |
Jaroslaws Tod 1054 leitete den Niedergang des Kiewer Reichs und den Aufstieg der verschiedenen russischen Teilfürstentümer ein, die fast ständig Krieg gegeneinander führten. Die Fürstenversammlung von Ljubetsch bestätigte den verschiedenen Rurikiden-Linien die Erblichkeit ihrer Territorien. Jaroslaws Enkel, Wladimir II. Monomach (1113-1125), unternahm einen letzten Versuch, das Land zu einen, aber sein Tod beendete alle Bemühungen, den Gesamtstaat zu erhalten. Andere Fürstentümer forderten nun den Großfürsten von Kiew heraus, darunter Galitsch (Halitsch, später Galizien) und Wolhynien im Westen (ab 1199 vereint), Wladimir-Susdal im oberen und mittleren Teil des Wolgabeckens, Tschernigow und Nowgorod-Sewerskij im Desna-Becken, Polozk, das die Flussbecken von Düna und Beresina umfasste, Smolensk am oberen Teil von Düna und Dnjepr, sowie Nowgorod, der bei weitem größte Teilstaat, zwischen Finnischem Meerbusen, Peipussee, dem Oberlauf der Wolga, Weißem Meer und Nördlicher Dwina.
Wirtschaftlich hatte das Kiewer Reich unter dem Niedergang des Fernhandels nach der Einnahme Konstantinopels durch die Kreuzfahrer 1204 zu leiden (siehe Kreuzzüge). Damit einher ging eine Bevölkerungsabwanderung nach Norden, wo Nowgorod zur blühenden Handelsstadt und östlichem Außenposten der Hanse aufstieg (Peterhof circa 1200-1494). Die Dnjepr-Metropole Kiew verlor ihre Bedeutung als politisches und geistlich-kulturelles Zentrum; ihren Platz übernahmen die Städte Susdal, Wladimir, die Hauptstadt des militärisch stärksten Fürstentums (ab 1169 Sitz des Großfürsten) und schließlich Moskau ein. Zusammengehalten wurden die Teilfürstentümer durch die gemeinsame Sprache, Religion und Kultur. Im Westen mussten sie sich gegen Polen, Litauer und den Deutschen Orden, im Süden gegen die Einfälle der Polowzer Nomaden (Kumanen) verteidigen.
| 2. | Ära der Goldenen Horde und der Aufstieg Moskaus (1242-1547) |
| 2.1. | Der Mongolensturm |
1223 tauchten die Mongolen unter Dschingis Khan im Südosten auf. Die Polowzer in der südrussischen Steppe wandten sich an die russischen Fürsten um Hilfe gegen diesen gemeinsamen Feind; noch im selben Jahr wurde jedoch die Koalition aus Polowzern und Russen in der Schlacht an der Kalka (heute Kalmius) vernichtend geschlagen. Nach ihrem Sieg wandten sich die Mongolen wieder nach Innerasien; zwölf Jahre lang führte ihr Weg sie nicht mehr in Richtung Westen, das Mongolenreich endete vorerst an der unteren Wolga. Erst 1237 stießen die Mongolen bzw. Tataren (der Name des mongolischen Stammes ging später auf die Gesamtheit der turksprachigen Steppenvölker über) unter Batu Khan, einem Enkel Dschingis Khans, erneut vor. Auf ihrem Vormarsch nach Norden zerstörten sie 1238 die meisten Städte im Großfürstentum Wladimir; erst südlich von Nowgorod stoppten unwegsame Wälder und Sümpfe den Mongolensturm. Batu Khan zog mit seinen Armeen nach Südosten ab, setzte seinen Angriff jedoch 1240 fort, überrannte den Südwesten und zerstörte Kiew. Die Tataren zogen dann weiter nach Polen, Ungarn und Schlesien. 1242 errichtete Batu das Khanat der Goldenen Horde mit der Hauptstadt Sarai an der unteren Wolga (nahe dem heutigen Wolgograd).
Die Invasion hinterließ nicht nur schwere Verwüstungen, sondern war auch ein wichtiger Einschnitt in der russischen Geschichte, weil sie Russland politisch und kulturell von Europa isolierte. Mit der Zerstörung der Städte ging auch die vielerorts sich entwickelnde kommunale Selbstverwaltung verloren. Auch wenn sich die Tataren zurückzogen und ihre Herrschaft eher indirekt durch die Verpflichtung, Tribut- und Heeresfolge zu leisten, ausübten, blieb ihr Einfluss doch spürbar. Die Region um Kiew und die Steppengebiete entvölkerten sich, weil ein Großteil der slawischen Bevölkerung nach Westen floh, um den Massakern der Mongolen zu entgehen. So entstand in den westlichen Teilfürstentümern des Kiewer Reiches, die nicht von den Tataren unterworfen worden waren, sondern unter polnisch-litauische Herrschaft gerieten, das Volk der Weißrussen. Eine zweite Gruppe, bestehend aus den slawischen Bewohnern des Kiewer Landes und angrenzender Gebiete, formierte die Kleinrussen oder Ukrainer. In Nordrussland bildete sich, vermischt mit finnougrischen Bevölkerungsteilen, die Bevölkerungsgruppe der Großrussen.
| 2.2. | Selbstbehauptung zwischen West und Ost |
Nowgorod erreichten die Mongolen auf ihren Eroberungsfeldzügen nicht; dennoch wurde der Nordwesten Russlands ebenfalls bedroht, und zwar aus dem Westen: 1240 landete eine schwedische Armee an den Ufern der Newa. Fürst Alexander Newskij von Nowgorod, Sohn des Großfürsten von Wladimir-Susdal, brachte den Schweden jedoch eine schwere Niederlage bei; seither trug er den Beinamen Newskij, „von der Newa”. Zwei Jahre später rückte der Deutsche Orden gegen Nowgorod vor, wurde aber von Alexander Newskij in der so genannten „Eisschlacht auf dem Peipussee” vernichtend geschlagen.
Um angesichts der anhaltenden Bedrohung der Nordwestgrenze keine Invasion aus dem Süden zu riskieren, ließ sich Alexander auf eine Politik loyaler Unterwerfung unter die Goldene Horde und die Versöhnung mit Batu Khan ein und wurde im Gegenzug von Batu 1252 als neuer Großfürst von Wladimir-Susdal anerkannt. Die meisten russischen Fürsten folgten Alexanders Beispiel, zahlten Tribut und betrachteten sich als Vasallen der Tataren, wollten sie keine Strafexpeditionen provozieren (z. B. 1258/59 gegen Galitsch-Wolhynien).
| 2.3. | Der Aufstieg Moskaus |
| 2.3.1. | „Sammlung russischer Erde” |
Die Stadt Moskau, 1147 von Jurij Dolgorukij als Grenzfestung des Fürstentums Wladimir-Susdal gegründet, lag geographisch günstig an den Haupthandelsstraßen. 1261 übergab Alexander Newskij Moskau an seinen jüngsten Sohn Daniel, der zum Ahnherr der Moskauer Linie der Rurikiden wurde. Als Günstlinge der Tataren weiteten die Moskauer Fürsten ihren Besitz allmählich aus, indem sie umliegende Territorien annektierten. 1328 wurde Daniels Sohn Iwan I. Danilowitsch, genannt Kalita („Geldbeutel”), seit 1325 Fürst von Moskau, auch Großfürst von Wladimir. Er scheint den Metropoliten der russischen Kirche veranlasst zu haben, seinen Sitz von Twer nach Moskau zu verlegen, wo er dann auch bleiben sollte. So begannen die Moskauer Fürsten mit Zustimmung der Kirche, der einzigen gesamtrussischen Institution, mit der beharrlichen, aber nicht von Rückschlägen verschonten „Sammlung russischer Erde”. Feldzüge gegen die benachbarten konkurrierenden Fürstentümer konnten zunächst ohne die Unterstützung tatarischer Truppen nicht erfolgreich sein, etwa gegen Twer 1327 und Smolensk 1339/40. Seit Iwan I. nannten sich die Fürsten von Moskau „Großfürsten der gesamten Rus”, d. h. von ganz Russland; dieser Titel war zu diesem Zeitpunkt allerdings mehr Anspruch als Wirklichkeit. Iwan I. gelang es immerhin, sein Fürstentum im Innern zu konsolidieren, einen gewissen Wohlstand zu sichern und diesen dazu zu nutzen, das Moskauer Territorium durch Landkauf, aber auch durch geschickte Heiratspolitik zu vergrößern.
Im Westen stand diesen Bestrebungen das immer weiter expandierende Litauen (ab 1386 in Personalunion mit Polen verbunden) entgegen, das bis Anfang des 15. Jahrhunderts die west- und südwestrussischen Gebiete unter seine Kontrolle brachte (z. B. 1362 Kiew, 1404 Smolensk) und zeitweise über ein Territorium gebot, das von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichte.
Andererseits schwächten ab Mitte des 14. Jahrhunderts innere Konflikte das Khanat der Goldenen Horde. Diese Schwäche nutzte Großfürst Dmitrij Donskoj (1350-1389), ein Enkel Iwans I. Er führte den ersten erfolgreichen Aufstand gegen die Tataren und errang 1380 auf dem Schnepfenfeld (Kulikowo pole) am Ufer des oberen Don einen bedeutenden Sieg (daher auch der Beiname Donskoj: „vom Don”). Diese Niederlage brachte die Tataren endgültig in die Defensive, und Moskau wurde immer stärker.
| 2.3.2. | Moskau, das Dritte Rom |
Die Eroberung von Konstantinopel 1453 durch die Osmanen war nicht nur für die abendländische Geschichte, sondern auch für Russland ein epochales Ereignis, betrachtete sich die russisch-orthodoxe Kirche mit Moskau als Zentrum doch nun als legitime Verwalterin des rechtgläubigen Christentums byzantinischer Prägung. Die russische Orthodoxie hatte schon vorher ihre Selbständigkeit durchgesetzt, als sie sich weigerte, die vor dem Hintergrund der türkischen Bedrohung geschlossene Kirchenunion mit dem lateinischen Westen (Florenz 1439) anzuerkennen, und 1448 auf einer Bischofssynode erstmals selbst einen Metropoliten (ab 1458 für ganz Russland) wählte, ohne das Einverständnis des ökumenischen Patriarchen einzuholen. Auch der doppelköpfige byzantinische Adler wurde in das Moskauer Staatswappen aufgenommen. Das „heilige Russland” trat als das „Dritte Rom” die Nachfolge des untergegangenen Konstantinopel („Zweites Rom”) an. Die Heirat des Großfürsten Iwan III. Wassiljewitsch (1462-1505) mit Zoë Sophia (1472), der Nichte des letzten byzantinischen Kaisers, untermauerte diesen religiös-symbolischen Akt noch dynastisch.
Der Großfürst selbst beanspruchte den Titel eines Zaren (ab 1473); er herrschte als von Gott eingesetzter Souverän autokratisch und nicht als Oberhaupt des Adels. Iwan III. machte sich faktisch zum Herren über Russland, indem er die (nicht unter litauischer Oberhoheit stehenden) Teilfürstentümer zerschlug; wichtige Stationen waren dabei 1478 die Unterwerfung der reichen Handelsrepublik Nowgorod und 1485 des langjährigen Rivalen Twer. 1480 nutzte Iwan die Schwäche der Goldenen Horde, die seit 1430 in mehrere unabhängige Khanate zerfallen war: Er weigerte sich, den jährlichen Tribut zu entrichten und sich am Hof in Sarai einzufinden. Ein Tatarenheer zog daraufhin an die Grenze des moskowitischen Fürstentums, um die Zahlung zu erzwingen, wich einer militärischen Konfrontation aber aus und zog wieder ab. Das Jahr 1480 wird daher als das Ende der Tatarenherrschaft angesehen.
Iwan konnte nun seine Aufmerksamkeit dem Westen zuwenden. Während die Auseinandersetzungen mit dem Deutschen Orden um Livland nicht von Erfolg gekrönt waren, gelang es Iwan, Polen-Litauen bis 1503 einen Großteil des von orthodoxen Slawen (Ukrainern, Weißrussen) bewohnten Grenzlandes zu entreißen. Sein Sohn Wassilij III. Iwanowitsch (1505-1533) setzte die aggressive, gegen Westen gerichtete Expansionspolitik seines Vaters fort; 1510 annektierte er Pleskau (Pskow) am Peipussee, 1514 Smolensk und 1521 das nominal unabhängige Großfürstentum Rjasan. Die kontinuierliche Erweiterung des Moskauer Territoriums war im Innern von der formellen Bekräftigung der autokratischen Herrschaft begleitet.
| 3. | Das Moskowiter Zarenreich (1547-1682) |
| 3.1. | Iwan der Schreckliche |
| 3.1.1. | Reformen |
Iwan IV. Wassiljewitsch (1533-1584), später der Schreckliche (russisch Grosnyj: der Strenge) genannt, war beim Tod seines Vaters Wassilij III. 1533 erst drei Jahre alt. Während der Jahre seiner Minderjährigkeit war der Moskauer Staat zerrissen durch Machtkämpfe zwischen den Bojaren, dem nichtfürstlichen Adel. Bei Erreichen der Volljährigkeit 1547 übernahm Iwan selbst die Herrschaft und begründete das russische Zarenreich, indem er sich in einem formellen Akt zum Zaren krönen ließ. Im selben Jahr heiratete er Anastasia Romanowna, eine Angehörige der Bojarenfamilie Romanow.
Die Erfahrungen seiner Kindheit ließen Iwan zu einem erbitterten Gegner des alten Adels werden. 1549 berief er erstmals eine Landesversammlung (Semskij Sobor) ein, in der mit Ausnahme der Bauern alle russischen Stände vertreten waren. Iwans Ziel war die Festigung seiner autokratischen Stellung durch die Zentralisierung des Staates. Die Mittel dazu waren Reformen, die nahezu alle Bereiche des staatlichen und kirchlichen Lebens sowie des Rechts- und Finanzwesens erfassten. Den Widerstand der Bojaren gegen ihre Entmachtung brach Iwan mit Gewalt: Sie wurden enteignet, vertrieben oder hingerichtet. Weite Gebiete beschlagnahmte Iwan als sein persönliches Eigentum; den anderen Teil des enteigneten Bojarenlandes, die so genannte Opritschnina, verteilte er an seine Anhänger als Belohnung für erwiesene Dienste, die so genannten Opritschniki. Aus dem so von ihm begünstigten Kleinadel entwickelte sich im 16. Jahrhundert eine neue soziale Schicht mit genau umrissenen Aufgaben in Staatsverwaltung und Armee. Die Opritschniki dienten Iwan als Leibgarde und verbreiteten Angst und Schrecken im Land. Nach der Einnahme Moskaus durch die Krimtataren 1571 ließ Iwan sie jedoch durch besoldete Truppen, die Strelitzen, ersetzen.
Unter dem Staatsterror und im Zuge sozialer Umwälzungen sank der Bauernstand, der hartem Steuerdruck und Dienstzwang ausgesetzt und an Grund und Boden gebunden war, allmählich in die Leibeigenschaft herab.
| 3.1.2. | Expansion |
Viele Bauern entzogen sich Zwang und Knechtschaft, indem sie ins russische Grenzland, vor allem das Becken des Don und den Unterlauf der Wolga auswichen und sich dort den Kosaken anschlossen. Ein Teil von ihnen zog weiter nach Norden und beteiligte sich an der Expedition des Kosaken-Hetman Jermak Timofejewitsch, der im Auftrag der Kaufmannsfamilie Stroganow das Gebiet östlich des Uralgebirges erschließen sollte. Jermak leitete die Unterwerfung Sibiriens ein (ab 1582) und brachte fast das gesamte Becken des Ob unter russische Herrschaft. Auch kämpften die Kosaken im Auftrag des Zaren gegen die Krimtataren.
Schon zuvor hatte Iwan IV. die Expansion nach Osten begonnen. 1552 eroberte er das Khanat von Kasan (und ließ ab 1555 in Erinnerung an den Sieg neben dem Moskauer Kreml die Basilius-Kathedrale erbauen) und 1556 Astrachan an der Mündung der Wolga. Die Befriedung der Süd- und Ostgrenzen öffnete das weithin unerschlossene Land für die russische Kolonisierung.
Im Westen konnte Iwan IV. dagegen keine Geländegewinne erzielen. Um den Zugang zur Ostsee führte Iwan einen langen Krieg (Livländischer Krieg, 1558-1582), der jedoch mit einer Niederlage endete. Auf der anderen Seite suchte Iwan auch den friedlichen Kontakt zum Westen; so schloss er z. B. ein Handelsabkommen mit englischen Kaufleuten (Muscovy Company, ab 1553) und holte zahlreiche westliche Fachleute ins Land. Damit begründete er eine Tradition, die im weiteren Verlauf der russischen Geschichte immer wieder aufgegriffen wurde.
| 3.2. | Die Zeit der Wirren |
| 3.2.1. | Das Ende der Rurikiden-Dynastie |
Die Regentschaft für den geisteskranken Thronerben Fjodor I. Iwanowitsch (1584-1598) – seinen Erstgeborenen hatte Iwan IV. 1581 in einem Tobsuchtsanfall erschlagen – übernahm sein Schwager, der Bojare Boris Godunow, ein Opritschnik und enger Vertrauter Iwans IV. Zwar konnte Boris trotz großer wirtschaftlicher Probleme die russische Expansion fortsetzen (Sibirien, Finnischer Meerbusen, Kaukasus), jedoch wuchs die Unzufriedenheit der Bauern, deren Leibeigenschaft 1597 durch einen Erlass bekräftigt wurde. Die russisch-orthodoxe Kirche erreichte mit der Errichtung eines eigenen Patriarchats 1589 auch formell die Loslösung vom griechischen Patriarchat in Konstantinopel.
Mit dem Tod des kinderlosen Fjodors 1598 endete die Dynastie der Rurikiden, die seit dem Warägerfüst Rurik die Geschichte der russischen Reiche geprägt hatten.
Die nachfolgenden Machtkämpfe um den Thron, die mit der Wahl von Boris Godunow zum neuen Zaren (1598-1605) durch ein Semskij Sobor (Nationalversammlung) begannen, schwächten das Reich. Godunow regierte mit Geschick und Umsicht, sah sich aber einer Adelsopposition gegenüber, die ihn der Ermordung des jüngsten Sohnes Iwans des Schrecklichen, Dmitrij, bezichtigte. Dieser war 1591 unter ungeklärten Umständen gestorben. Im Volk hielt sich jedoch der Glaube, Dmitrij lebe noch, was verschiedene Anwärter, die unter seinem Namen auftraten, auf den Plan rief – ein immer wiederkehrendes Phänomen in der russischen Geschichte. Eine Zeit der sozialen Unruhen und Aufstände, bekannt als Smutnoje Wremja („Zeit der Wirren”) oder Smuta, begann.
| 3.2.2. | Die Smuta |
1604 erschien ein Thronanwärter, der sich Dmitrij I. nannte und als der erste falsche Dmitrij/Demetrius oder Pseudodemetrius I. in die Geschichte einging. Dieser falsche Dmitrij hatte die Unterstützung des polnischen und des litauischen Adels sowie der Kosaken und des russischen Adelsgeschlechtes der Romanow, das von Godunow 1601 politisch ausgeschaltet worden war. Drei Monate nach dem Tod des Zaren Boris Godunow zog Dmitrij 1605 als angeblich rechtmäßiger Thronfolger in Moskau ein.
Nach der Ermordung des Pseudodemetrius 1606 bestimmten die Bojaren Fürst Wassilij Schuiskij zum neuen Herrscher. Dagegen opponierten wiederum die Kosaken und die aufständischen Bauern, die sich aus der drückenden Leibeigenschaft befreien wollten. Sie erhoben sich im Süden Russlands und schlossen sich einem zweiten Pseudodemetrius an, der sich bereits auf dem Vormarsch nach Moskau befand. Zugleich drang König Sigismund III. von Polen, der selbst den russischen Thron beanspruchte, von Westen vor, während Schweden Truppen zur Unterstützung Wassilijs entsandte. Der Bojarenzar wurde jedoch nach langen Kämpfen 1610 gestürzt, und Moskau fiel an Polen, bis es von einer russischen Armee, die aus dem Nordosten Russlands herangeführt worden war und von den Kosaken unterstützt wurde, 1612 wieder befreit wurde.
Mit der Wahl von Michail Fjodorowitsch (1613-1645) aus dem Hause Romanow zum Zaren endete 1613 die Smuta. Gewählt wurde er durch eine Landesversammlung, an der auch Vertreter des Dienstadels, der Städte und der Kosaken teilnahmen. Obwohl die breite soziale Unzufriedenheit eines der Hauptmerkmale der „Zeit der Wirren” war, folgten keine wirklichen Reformen. Die nachhaltigste Folge dieser chaotischen Zeit war der endgültige Ruin der alten Bojarenaristokratie und der Machtzuwachs des Dienst- und kleinen Landadels.
| 3.3. | Die ersten Zaren der Romanow |
Der bei seiner Wahl erst 16-jährige Michail Fjodorowitsch, Großneffe von Anastasia Romanowna, der ersten Frau Iwans des Schrecklichen, begründete die Dynastie der Romanow, die bis 1917 an der Macht bleiben sollte.
Unter den ersten beiden Zaren der Romanows, Michail und seinem Sohn Aleksej Michajlowitsch (1645-1676), wurden die Rechte des Landadels und der Städte gestärkt, die Leibeigenschaft wurde jedoch weiter verschärft: Die Gesetzessammlung von 1649, die im Wesentlichen bis ins 19. Jahrhundert gültig war, machte den Bauern vollends zum rechtlosen Sklaven seiner Scholle. Diejenigen, die sich nicht als Leibeigene unterwerfen wollten, fanden Zuflucht in den freien Kosakengemeinschaften an Ural, der unteren Wolga, Don und (ukrainischem) Dnjepr. Der stetige Zustrom geflohener Bauern verschärfte jedoch dort die sozialen Konflikte. 1670 begann unter der Führung des Hetmans der Donkosaken, Stepan (Stenka) Rasin, im Südosten Russlands ein großer Bauernaufstand. Er wurde im folgenden Jahr unter großen Verlusten für beide Seiten von den Truppen des Zaren niedergeschlagen; Rasin wurde verraten und in Moskau hingerichtet. Diese große Bauernrevolte diente späteren Aufständen als Vorbild.