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Salman Rushdie (*1947), britischer Schriftsteller indischer Herkunft. Einem größeren Publikum bekannt wurde er mit seinem an die Tradition des magischen Realismus und des Schelmenromans anknüpfenden Welterfolg Midnight’s Children (1981; Mitternachtskinder). International großes Aufsehen erregte 1989 der Aufruf des iranischen Ayatollahs Khomeini an alle Muslime, Rushdie wegen des angeblich blasphemischen Inhalts seines Romans The Satanic Verses (1988; Die satanischen Verse) zu ermorden.
Rushdie wurde am 19. Juni 1947 als Sohn eines wohlhabenden Geschäftsmanns in Bombay geboren und liberal-muslimisch erzogen. Er besuchte englische Schulen in seiner Heimatstadt; ab 1961 lebte er vorwiegend in Großbritannien, besuchte die berühmte Public School in Rugby und studierte später am King’s College in Cambridge vor allem islamische Geschichte. 1964 wurde Rushdie britischer Staatsbürger. Ende der sechziger Jahre lebte er mit seinen Eltern in Pakistan; als sich die Familie dort jedoch politischen Repressalien ausgesetzt sah, kehrte er bald nach England zurück und arbeitete zunächst als Journalist, Theaterautor und Werbetexter.
1975 veröffentlichte Rushdie, der alle seine Bücher auf Englisch verfasste, seinen ersten Roman Grimus. Sein zweiter Roman Midnight’s Children (1981; Mitternachtskinder) übte nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung der indischen Literatur aus und wurde mit dem renommierten Booker-Preis ausgezeichnet. In diesem Werk versuchte der Autor, die Geschichte der indischen Nation in einer allegorischen Darstellung nachzuerzählen. Der Roman beginnt 1915 und schildert im ersten der insgesamt drei Bücher das Leben des Arztes Dr. Aadam Aziz, Großvater des Ich-Erzählers Saleem Sinai, der nach seinem Studium in Europa vergeblich versucht, wieder in Indien Fuß zu fassen. Im zweiten Buch berichtet Saleem, der – wie auch sein Land – zur Mitternachtsstunde am 15. August 1947 geboren wurde, von seiner eigenen Kindheit und der Zeit als Heranwachsender zwischen 1947 bis 1970; im dritten Buch wird der Zeitraum bis 1974 geschildert, eine Periode, in der in Indien mit Notstandsgesetzen regiert wurde. Saleem besitzt die Fähigkeit Gedanken zu lesen und in die Gefühle seiner Mitmenschen einzudringen. Die Überhöhungen der Realität, die magischen Komponenten der Wirklichkeitsschilderungen, instrumentalisiert Rushdie nicht als fiktionale Utopie oder Märchen, sondern als fokussierten Brennspiegel der politischen wie privaten Lebenswirklichkeit Indiens. So wird z. B. Saleem, dessen Lebensschicksal eng mit dem Indiens verbunden ist, während der Regierungszeit Indira Gandhis, der „Schwarzen Witwe”, kastriert.
In einem weiteren großen Roman, Shame (1983; Scham und Schande), wandte Rushdie u. a. auch an den Surrealismus gemahnende Erzähltechniken an. Das Buch setzt sich äußerst kritisch mit der politischen Entwicklung Pakistans, dem islamischen Nachbarstaat Indiens, auseinander. In den beiden Hauptfiguren werden die beiden ehemaligen pakistanischen Präsidenten Bhutto und Zia ul-Haq sowie ihre Familien porträtiert und karikiert. Mit The Jaguar Smile (1987; Das Lächeln des Jaguars), veröffentlichte Rushdie einen Reisebericht über das vom Bürgerkrieg zerrüttete Nicaragua.
Ein Jahr später erschien sein Roman The Satanic Verses (1988; Die satanischen Verse), eine Parabel über die Unmöglichkeit einer Vereinigung von poetischer und religiöser Offenbarung. Im Mittelpunkt stehen die antagonistischen Figuren Gibreel und Saladin, Verkörperungen von Gut und Böse, die sich während ihrer gemeinsamen Zeit in London Geschichten erzählen von Leidenschaft und Mystik, von Mördern und politischen Verführern, von Liebe und Verrat. Im Traum wird Gibreel gezwungen, Erzengel und Teufel zugleich zu sein, und dringt in die Träume des Propheten Mahound ein, der in Jahilia die Offenbarung von satanischen und göttlichen Versen erhält. Die zugespitzt-satirische Darstellung des Gleichnisses der satanischen wie göttlichen Verse (im Koran belegt) wurde in der islamischen Welt als blasphemischer Angriff auf das heilige Buch und Mohammed gedeutet und führte zu Verboten des Romans in Indien, Pakistan, Südafrika, Ägypten und Saudi-Arabien sowie zu wütenden Protesten gegen den Autor.
1989 rief der iranische Ayatollah Ruhollah Khomeini in einer Fatwa alle Muslime der Welt zur Ermordung Rushdies auf. Khomeinis Anhänger boten hierfür eine Belohnung in Höhe von zunächst einer Million US-Dollar für ausländische, drei Millionen US-Dollar für iranische Vollstrecker; 1992 erreichte das Kopfgeld die Höhe von fünf Millionen US-Dollar. Ein Jahr zuvor hatte Rushdie diese für ihn lebensbedrohliche Situation in dem Kinderbuch Haroun and the Sea of Stories (Harun und das Meer der Geschichten) verarbeitet. Trotz internationaler Proteste namhafter Autoren und Politiker wurde der Mordaufruf lange Zeit nicht zurückgenommen, auch nicht nach dem Tod Khomeinis. Die Auseinandersetzung über das umstrittene Femeurteil, die weltweit hohe Wogen schlug, vergrößerte indes die Nachfrage nach dem Buch; auch Gewalt- und Morddrohungen gegen Übersetzer und Verleger des Romans konnten seinen Welterfolg nicht verhindern. In Deutschland zog der ursprüngliche Verleger des Buches Alfred Neven DuMont (DuMont Verlag) nach Drohungen den Titel zurück, woraufhin eine eigens gegründete Verlegergemeinschaft namens „Artikel 19” 1989 eine deutsche Übersetzung der Satanic Verses anbot. Die Rushdie-Affäre wurde auch im Zusammenhang mit der Haltung der westlichen Regierungen im 2. Golfkrieg zu einem internationalen Politikum.
Rushdie lebte derweil versteckt an verschiedenen Orten im Untergrund und trat nur vereinzelt mit nicht angekündigten Lesungen öffentlich auf. Ab 1992 entfaltete er auf Einladung mehrerer PEN-Zentren eine rege Reisetätigkeit durch westliche Länder, bei der er unter strengen Sicherheitsvorkehrungen um staatliche Unterstützung bei seinem Kampf gegen die iranische Politik und gegen religiösen Fundamentalismus warb. Daneben veröffentlichte Rushdie wieder einen episch angelegten Roman: The Moor’s Last Sigh (1995; Des Mauren letzter Seufzer), die Familiengeschichte einer indischen Gewürzhändlerdynastie.
Im September 1998 distanzierte sich die iranische Regierung nach rund zehn Jahren vom Mordaufruf gegen den Schriftsteller. Rushdie erklärte daraufhin auf einer Pressekonferenz in London, er wolle nun „einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen”; für viele konservative Islamisten im Iran war das Todesurteil jedoch weiterhin in Kraft, so dass der Autor nach wie vor um sein Leben fürchten musste. 2000 konnte er anlässlich einer Preisverleihung zum ersten Mal nach zwölf Jahren sein Geburtsland Indien wieder betreten.
1999 erschien der Roman The Ground Beneath Her Feet (Der Boden unter ihren Füßen) über die Macht der Liebe und der (Rock-)Musik, eine moderne Variante des Mythos von Orpheus und Eurydike: Hier wird die Hauptfigur Vina Apsara, die zu einer weltberühmten Rockmusikerin avanciert, bei einem Erdbeben vom Boden unter ihren Füßen regelrecht verschlungen. Von der Stiftung zur Förderung der niederländischen Literatur eingeladen, war Rushdie der erste ausländische Autor, der einen Text als „Buchwochengeschenk” veröffentlichen durfte, so dass sein temporeicher New-York-Roman Fury (2001; Fury) unter dem Titel Woede zuerst auf Niederländisch erschien. In Shalimar the Clown (2005; Shalimar der Narr), einem erneut episch breiten Roman über die Ermordung eines ehemaligen US-Botschafters in Indien durch seinen muslimischen Chauffeur, setzt sich Rushdie u. a. mit dem Kaschmirkonflikt auseinander und bietet dabei eine neue Variation seines großen Themas, dem Aufeinanderprallen von islamisch-östlicher und christlich-westlicher Kultur.