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5. Die Sprachen der Welt

Die Art der Kommunikation durch Sprechen, Gebärden und Signale ist für alle Menschen gleich. Mit jeder menschlichen Sprache kann jeder Gedanke ausgedrückt werden. Trotzdem werden in der Welt zahlreiche Sprachen gesprochen, die sich im Lautsystem und in der grammatischen Struktur sehr weit reichend unterscheiden.

1. Sprachtypologie

Sprachen lassen sich anhand ihrer grammatischen Struktur bzw. ihrer Wortbildungsmuster klassifizieren. Seit dem 19. Jahrhundert versuchen Sprachwissenschaftler, die Sprachen der Welt anhand ihrer Wortbildung (Morphologie) in vier typologische Kategorien einzuteilen: analytische (isolierende), agglutinierende, flektierende und inkorporierende Sprachen. Charakteristisch für analytische Sprachen sind einsilbige Wörter ohne Affixe (hinzugefügte Teile). Die Wörter stehen isoliert für sich. Beispiel für eine analytische Sprache ist das Chinesische. Bei agglutinierenden (vom lateinischen „ankleben” abgeleitet) Sprachen sind Wörter aus Grundelementen, den Wortwurzeln, aufgebaut, die mit einem oder mehreren Affixen (Präfixen am Wortanfang, Infixen in der Wortmitte und Suffixen am Wortende) mit unterschiedlicher Bedeutung versehen werden. Ein Beispiel dafür findet sich im Türkischen mit ev („Haus”), evde („im Haus”), evler („Häuser”) und evlerde („in den Häusern”). Bei den flektierenden Sprachen sind die Wortwurzeln und die hinzugefügten Teile, die allein keine Bedeutung mehr tragen, miteinander verschmolzen. In einer flektierenden Sprache wie beispielsweise dem Lateinischen drückt die Flexionsendung des Verbs verschiedene grammatische Kategorien wie Person und Numerus des Subjekts aus, wie bei fero („ich trage”), ferimus („wir tragen”) und ferent („sie tragen”) (siehe Flexion). Bei inkorporierenden (polysynthetischen) Sprachen werden direkte und indirekte Objekte sowie andere Satzelemente mit dem Verb zu einem einzigen Wort verschmolzen (z. B. Grönländisch, Irokesisch).

2. Genetische Klassifikation

Auch wenn zwei Sprachen auf die gleiche Weise Wörter bilden und Satzelemente strukturieren, bedeutet dies noch nicht, dass sie miteinander verwandt sind. Um den Beweis für die Verwandtschaft von Sprachen zu führen, müssen ihre historische Entwicklung und ihre genetische Klassifikation untersucht werden. Bei der genetischen Klassifikation werden anders als bei der typologischen die Laut- und Bedeutungsstrukturen von Sprachen miteinander verglichen, um ihre gemeinsame Abstammung aufzuzeigen. Vergleichbar der Familienähnlichkeit beim Menschen, hängen genetische Ähnlichkeiten verwandter Sprachen nicht davon ab, wo und wann diese Sprachen gesprochen wurden. Die Sprachen in einer Sprachfamilie stehen geschichtlich miteinander in Verbindung und stammen von einer gemeinsamen Vorgängersprache ab. Sprachstammbäume zeigen das Verwandtschaftsverhältnis unter Sprachen auf. Die älteste noch nachweisbare Vorgängersprache bildet in einer graphischen Darstellung auf oberster Ebene die Wurzel der Baumstruktur. Die darunter liegenden Zweige zeigen auf, wie nah oder entfernt verwandt die heute noch existierenden Sprachen einer Sprachfamilie sind. Sprachverwandtschaft zeigt sich darin, dass sich sowohl im Lautbestand als auch im Bedeutungsgehalt regelmäßige Entsprechungen bei den grammatischen Strukturen und im Wortschatz zeigen. Das deutsche Wort Fisch entspricht z. B. dem lateinischen piscis, das englische Wort father (Vater) dem lateinischen pater. Die deutschen und englischen sowie die lateinischen Wörter sind verwandt, d. h. genetisch gesehen weisen sie gleiche Ursprünge auf. Das deutsche f geht auf das lateinische p zurück, das englische th auf das lateinische t usw. Die komparative Linguistik analysiert die Laut- und Bedeutungsentsprechungen (d. h. die verwandten Elemente) der verschiedenen Sprachen und stellt genetische Sprachgruppen auf. Die hypothetischen Ursprachen solcher Gruppen werden durch den Vergleich moderner Sprachen versuchsweise rekonstruiert. (Rekonstruierte Ursprachen werden durch den Begriff Proto- gekennzeichnet, wie in Proto-Indogermanisch.) Die Etymologie beschäftigt sich mit der Herkunft, der Entwicklung und der Verwandtschaft der Wörter.

2.1. Sprachfamilien in Europa und Asien

Eine der größten Sprachfamilien ist die indogermanische. Die indogermanischen Sprachen werden weltweit von etwa zwei Milliarden Menschen auf verschiedenen Kontinenten gesprochen. Zu dieser Sprachfamilie gehören die meisten in Europa und Nordindien gesprochenen Sprachen sowie einige Sprachen der dazwischenliegenden Gebiete. Das Indogermanische besteht aus folgenden Unterfamilien: Italisch (sowie die davon abstammenden romanischen Sprachen), Germanisch, Keltisch, Griechisch, Baltisch, Slawisch, Armenisch, Albanisch, Indoiranisch sowie den ausgestorbenen Sprachen Hethitisch (zum anatolischen Zweig) und Tocharisch. Innerhalb der Unterfamilien gibt es weitere Unterklassifizierungen. Deutsch gehört z. B. zum westgermanischen Zweig der germanischen Unterfamilie, Englisch zur anglofriesischen Gruppe des westgermanischen Zweiges. Mit dem Englischen am engsten verwandt ist das Friesische, das heute nur noch in Teilen Deutschlands und den Niederlanden gesprochen wird.

Die indogermanische Sprachfamilie ist nur eine von mehreren Dutzend Sprachfamilien und angenommenen größeren Sprachgruppen. In der Sprachwissenschaft gibt es unterschiedliche Ansätze zur Klassifikation.Was eine Schule als Sprachfamilie definiert, wird von einer anderen möglicherweise als Unterfamilie innerhalb einer größeren Gruppe angesehen.

In Europa gibt es neben der indogermanischen Sprachfamilie noch andere Sprachen. Baskisch ist eine isolierte Sprache, d. h. eine Sprache ohne bekannte Verwandte. Finnisch, Estnisch, Samisch (Lappisch) und Ungarisch sind die westlichsten Vertreter des finnougrischen Zweiges der uralischen Sprachfamilie (zu der auch viele Sprachen des Uralgebiets und Sibiriens gehören). Die altaische Sprachfamilie wird manchmal mit den uralischen Sprachen in einer ural-altaischen Gruppe zusammengefasst (ein Verwandtschaftsverhältnis, das heute allerdings von den meisten Sprachwissenschaftlern bestritten wird). Die Hauptzweige der altaischen Sprachfamilie sind die Turksprachen sowie die mongolischen und mandschu-tungusischen Sprachen. Einige nicht miteinander verwandte Sprachgruppen in Sibirien fasst man mit der Regionalbezeichnung paläosibirische Sprachen zusammen. Die kaukasischen Sprachen werden in die nordwestkaukasischen, ostkaukasischen und südkaukasischen Sprachen unterteilt. Die bekannteste kaukasische Sprache ist Georgisch (Südkaukasisch). Viele Sprachen Indiens und seiner nordwestlichen Nachbarn gehören zum indoiranischen Zweig des Indogermanischen. Zwei andere Gruppen – die Mundasprachen, die üblicherweise als Zweig der austroasiatischen Sprachen angesehen werden, und die drawidische Sprachfamilie – werden von mehr als 80 Millionen Menschen gesprochen (siehe indische Sprachen). Mehrere hundert Millionen Menschen sprechen die sinotibetischen Sprachen in Südostasien. Die Hauptzweige dieser Sprachfamilie sind das Tibetobirmanische und das Chinesische (das viele chinesische „Dialekte” enthält, die eigentlich eigenständige Sprachen sind). Einige Forscher zählen die Thaisprachen (einschließlich Thai oder Siamesisch) zu dieser Sprachfamilie, andere wiederum vermuten eine unterschiedliche Entwicklungsgeschichte.

2.2. Sprachen in Afrika und im pazifischen Raum

Die drei wichtigsten Sprachgruppen im pazifischen Raum sind die austronesischen Sprachen (malaiopolynesischen Sprachen), eine Sprachfamilie mit einem westlichen oder indonesischen Zweig und einem östlichen oder ozeanischen Zweig, die Papuasprachen, eine regionale Gruppe in Neuguinea, die mehrere isolierte Sprachen und Sprachfamilien (von denen einige möglicherweise miteinander verwandt sind) umfasst, und die Sprachen der australischen Ureinwohner (die untereinander, aber nicht mit Sprachen außerhalb Australiens verwandt sind). Das ausgestorbene Tasmanisch ist möglicherweise eine vierte Gruppe.

Die Sprachen der hamitosemitischen oder afroasiatischen Sprachfamilie werden im Nahen Osten und in Afrika gesprochen. Sie ist in fünf Sprachzweige aufgeteilt: Semitisch, zu dem Arabisch und Hebräisch gehören (siehe semitische Sprachen), Tschadisch, zu dem das in Westafrika weit verbreitete Haussa gehört, Berberisch, Kuschitisch und Ägyptisch-Koptisch (heute ausgestorben). In Afrika finden sich drei weitere wichtige Sprachfamilien. Der Hauptzweig der niger-kordofanischen Sprachfamilie sind die Niger-Kongo-Sprachen, zu denen die in Afrika am weitesten verbreitete Gruppe der Bantusprachen gehört (wie Suaheli und Zulu), und das Kordofanische. Die wichtigste Untergruppe der nilosaharanischen Sprachfamilie sind die Chari-Nil-Sprachen, zu deren nilotischem Zweig Sprachen wie das Masai gehören. Zur Familie der Khoisan-Sprachen gehören die Sprachen der San und anderer Völker der Kalahari. Charakteristisch für die Khoisan-Sprachen sind deren Schnalzlaute (siehe afrikanische Sprachen).

2.3. Sprachen in Amerika vor der Kolonialisierung

Die Versuche, die amerikanischen Indianersprachen zu klassifizieren, haben nach herkömmlichen Kriterien zur Einteilung in 150 Sprachfamilien geführt. Freiere Einteilungen fassen sie zu etwa einem Dutzend so genannter Makrogruppen zusammen, eine Kategorisierung, die jedoch durch neuere Untersuchungen in Frage gestellt wird. Sogar mit einem freieren Ansatz lassen sich viele kleine Sprachfamilien nicht in größere Gruppen integrieren, zudem gibt es eine große Zahl isolierter Sprachen. Entlang der arktischen Küste und in Grönland sprechen die Inuit (Eskimo) das Inupik (eskimo-alëutische Sprachfamilie). Im subarktischen Teil Kanadas finden sich verschiedene athabaskische und die Algonkin-Sprachen. Die vorherrschenden Indianersprachen in den USA östlich des Mississippi sind Algonkin, Irokesisch und Muskogee. Die größte Sprachfamilie der Great Plains ist Sioux, es werden aber auch Caddo- und westliche Algonkin-Sprachen gesprochen. Die Schoschonen-Sprachen (uto-aztekische Sprachfamilie) beherrschen das Große Becken und grenzen im Norden an die Sprachfamilie des Sahaptin. An der Nordwestküste finden sich die Sprachfamilien des Salish und Wakash, Tlingit (bei dem man eine Verwandtschaft zu den athabaskischen Sprachen vermutet) und Haida, eine möglicherweise isolierte Sprache. Apache, ein Sprachzweig des Athabaskischen, ist im gesamten Südwesten verbreitet. Daran grenzen in Arizona und Südkalifornien die Sprachfamilie des Yuman und die Pima-Papago-Sprachen (Uto-Aztekisch). In Kalifornien gibt es viele kleine Sprachfamilien, deren Verwandtschaft untereinander stark umstritten ist.

In Mexiko und Mittelamerika sind die uto-aztekische Sprachfamilie (u. a. Aztekisch oder Náhuatl), die oto-mangueanische Makrogruppe (Mixtekisch, Otomí und Zapotekisch) und Sprachfamilien wie Mixe-Zoque, Totonakisch und Tequistlatekisch von Bedeutung. Die Maya-Sprachfamilie besteht aus etwa zwei Dutzend Sprachen mit Millionen von Sprechern.

Abhängig vom wissenschaftlichen Ansatz werden die südamerikanischen Sprachen in etwa 90 Sprachfamilien und isolierte Sprachen oder in drei fast alle Sprachen umfassende Makrogruppen (Oberfamilien oder Gruppen mit möglicher entfernter Verwandtschaft) eingeteilt: Makro-Chibchan, Anden-Äquatorialisch und Ge-Pano-Karib. Die verbreitetsten südamerikanischen Indianersprachen sind Quechua und Aymara, Guaraní und Mapuche oder Araukanisch. In Mittelamerika und im nördlichen Südamerika sind die Makro-Chibchan-Sprachen (wie Guaymi, Páez und Warao) und auch die große arawakische Gruppe (einschließlich Garifuna oder Black Carib, Goajiro und Kampa) von Bedeutung. Zu der von vielen Wissenschaftlern anerkannten Makro-Ge-Gruppe gehören viele in den tropischen Gebieten Brasiliens gesprochene Sprachen.

3. Geographische Klassifikation

Die geographische oder areale Klassifikation von Sprachen ist ebenfalls nützlich. Die areale Klassifikation beruht auf der Untersuchung der gegenseitigen Beeinflussung benachbarter Sprachen. Bei der Analyse des Wortschatzes wie auch der Grammatik benachbarter Sprachgebiete ist häufig festzustellen, dass Elemente einer Sprache in der anderen wiederzufinden sind. Diese regionalen Ähnlichkeiten sind auf Sprachkontakt und Entlehnungen zurückzuführen, die im Laufe der Zeit in Bezug auf Grammatik, Laute und Wortschatz stattgefunden haben. Derartige Interferenzen lassen jedoch nicht unbedingt auf genetische Verwandtschaft schließen.

4. Geschriebene und gesprochene Sprache

Allgemein geht man von der Priorität der gesprochenen vor der geschriebenen Sprache aus, aus verschiedenen Gründen: Erstens folgt historisch gesehen die Entwicklung der Schrift auf die Entstehung der gesprochenen Sprache, zweitens überwiegt rein quantitativ die mündliche Kommunikation vor der schriftlichen, drittens ist der mündliche Gebrauch der Sprache nicht an die Beherrschung von Lesen und Schreiben gebunden. Gibt es von einer Sprache eine gesprochene und eine geschriebene Form, stellt das Schriftsystem häufig nicht alle Einzellaute der Sprache dar, das heißt, es gibt nicht in allen Sprachen eine Eins-zu-eins-Entsprechung von Lauten und Schriftzeichen. Das Schriftsystem einer Sprache kann Zeichen aus dem Schriftsystem einer anderen Sprache zur Darstellung von Lauten, Silben oder Morphemen benutzen, für die sie ursprünglich nicht vorgesehen waren. Dieser Fall liegt beispielsweise dann vor, wenn ein Volk die Schrift eines anderen Volkes übernommen hat. Die gesprochenen und geschriebenen Formen einer Sprache lassen sich dadurch vergleichen, dass man die Entsprechung von Schriftsystem und gesprochener Sprache untersucht.

Es gibt viele verschiedene Schriftsysteme. Im Chinesischen wird für jedes Morphem ein eigenes Schriftzeichen verwendet. Die Schriftform des Cherokee hat für jede aus einem Konsonanten und einem Vokal bestehende Silbe ein Zeichen. Auch das Japanische wird mit einem solchen System, einem Syllabarium, geschrieben. Bei Schriftsystemen, die ein Alphabet wie etwa das lateinische verwenden, steht theoretisch jedes Zeichen für einen Laut der gesprochenen Sprache. Das lateinische Alphabet hat 26 Buchstaben. Sprachen, die das lateinische Alphabet verwenden, benutzen üblicherweise alle 26 Zeichen, unabhängig davon, ob die gesprochene Sprache mehr oder weniger Laute besitzt.

Die Schriftform einer Sprache ist vergleichsweise statisch, sie spiegelt den Sprachstand zur Zeit der Einführung des Alphabets, Syllabariums oder Schriftzeichensystems wider, es sei denn, es haben größere Reformen stattgefunden. Die gesprochene Sprache ist dynamisch, d. h., sie ist in einem ständigen Wandel begriffen. So kommt es vor, dass sich geschriebene und gesprochene Sprache weit auseinanderentwickeln, wie es beispielsweise im heutigen Englisch und Französisch der Fall ist. Um eine derartige Entwicklung zu vermeiden, gibt es die Möglichkeit durch sprachpflegerische Maßnahmen wie eine Rechtschreibreform einzugreifen. Bei Sprachen, die erst in neuerer Zeit ein Schriftsystem erhalten (wie Suaheli) oder eine Rechtschreibreform erfahren haben (wie Hebräisch), passen geschriebene und gesprochene Formen besser zueinander.

Anders als beim Sprechen kann man beim Schreiben Tonhöhe und Betonung ignorieren, Vokale weglassen oder Zeichensetzung und Großschreibung verwenden. Die geschriebene und gesprochene Form einer Sprache unterscheidet sich auch dadurch, dass die Schrift gesprochene dialektale Unterschiede nicht abbildet. Obwohl sie sich mündlich nicht verständigen können, weil sie unterschiedliche Dialekte sprechen, können beispielsweise Sprecher von chinesischen Dialekten die geschriebene Form verstehen. Eine ähnliche Erscheinung gibt es auch im Deutschen, wo die Sprecher der verschiedenen deutschen Dialekte Hochdeutsch schreiben, die gemeinsame Standardform der Sprache.

5. Hochsprache und Umgangssprache

Die geschriebene Form einer Sprache entspricht in der Regel der Hoch- oder Standardsprache. Sie genießt in der Regel höheres Ansehen als die gesprochene Form und weist meist eine komplexere grammatische Struktur und einen spezifischen Wortschatz auf. Der Gebrauch von Hoch- oder Umgangssprache hängt von der jeweiligen Sprechsituation ab. Als überregionale Verkehrssprache wird bei offiziellen Anlässen oder formellen Sprechsituationen die Hochsprache benutzt. In informellen Sprechsituationen überwiegt der Gebrauch der Umgangssprache. Oftmals ist der Gebrauch von Hoch- bzw. Umgangssprache abhängig vom Bildungsniveau. In den arabischen Ländern verwenden die gebildeten Schichten das klassische Arabisch sowohl bei Unterhaltungen als auch beim Schreiben, während Personen mit niedrigem Bildungsstand das umgangssprachliche Arabisch benutzen. Verwendet ein Sprecher zwei Varietäten einer Sprache in unterschiedlichen Situationen, nennt man dieses Phänomen Diglossie. Personen, die die gesprochene Form der Hochsprache in der Öffentlichkeit und den erlernten regionalen Dialekt im Gespräch mit Freunden verwenden, nennt man demnach diglossisch (charakteristisches Beispiel: das Schwyzerdütsch der deutschsprachigen Schweiz).

Die Standardsprache entwickelt sich in den meisten Sprachen aus dem Dialekt, der sich gegenüber den anderen durchsetzen konnte und schließlich als allgemein verbindlich angesehen wird. Als genormte Ausformung eines Dialekts ist die Standard- oder Hochsprache die Schriftsprache einer Sprachgemeinschaft und besitzt ein System von orthographischen Regeln (Rechtschreibung) und einen Bestand an geschriebenen Texten. Nur wenige Menschen sprechen tatsächlich eine ausgeprägte Hochsprache. Vielmehr nähern sie ihre eigene regionale Sprachvarietät der Hochsprache an. Mit der Standardsprache steht den Sprechern regionaler Dialekte auch eine gemeinsame Basis der Kommunikation zur Verfügung.

6. Dialekt, Argot und Jargon

Ein Dialekt ist eine regionale Varietät einer Sprache, die sich deutlich von anderen Varietäten der gleichen Sprache unterscheidet, die in anderen geographischen Gebieten verwendet werden. Innerhalb einer Gruppe von Menschen, die die gleiche Sprache sprechen, gibt es andere, von spezifischen Situationen oder sozialen Gruppen abhängige Sprachvarietäten. Menschen aus dem gleichen Umfeld oder mit dem gleichen Beruf können eine gemeinsame Sondersprache benutzen, die sie von anderen Menschen außerhalb ihrer Gruppe unterscheidet. Zu diesen Varianten der Umgangssprache gehören Argot, Jargon und Slang. Argot ist zum einen die Bezeichnung für die saloppe französische Umgangssprache, wird aber auch als Begriff für eine Sonder- oder Geheimsprache benutzt, die von sozialen Randgruppen verwendet wird, um sich von Außenstehenden abzugrenzen. Eine ebenso informelle, saloppe Variante der Umgangssprache ist der Slang. Er zeichnet sich besonders durch neuartige Verwendung des vorhandenen Vokabulars sowie durch Wortneuschöpfungen aus und wird ebenfalls von sozialen Gruppen verwendet. Slang wird oft mit Argot gleichgesetzt. Eine weitere Variante der Umgangssprache ist der Jargon, eine Sprachform, die sich von der Standardsprache durch einen gruppen- oder fachspezifischen Wortschatz unterscheidet. Argot, Jargon und Slang sind schwer voneinander abzugrenzen – häufig werden die Begriffe gleichbedeutend verwendet.

7. Pidgin- und Kreolsprachen

So wie bei einer Sprache Varietäten in Form von Dialekten und Slang oder Jargon entstehen können, kann sie sich auch als Ganzes verändern (die verschiedenen romanischen Sprachen haben sich z. B. aus dem Lateinischen entwickelt). Der Kontakt von Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen, führt manchmal zu einem rapiden Sprachwandel. Unter solchen Umständen kann sich eine Pidginsprache entwickeln. Pidginsprachen beruhen auf der Grammatik einer Sprache, werden aber vor allem im Wortschatz von anderen beeinflusst. Sie verfügen über ein vergleichsweise kleines Lautsystem, einen eingeschränkten Wortschatz und eine vereinfachte und veränderte Grammatik. Das Verstehen dieser Mischsprachen ist sehr stark kontextabhängig. Pidginsprachen entstanden vor allem in überseeischen Gebieten durch den Kontakt von Händlern mit Insel- und Küstenvölkern während der Kolonialisierung. Pidginsprachen sind keine Muttersprachen. Entwickelt sich eine Pidginsprache zur Muttersprache eines Volkes (z. B. indem die Kinder nur noch diese lernen), wird sie zur Kreolsprache. Sobald genügend Menschen die Kreolsprache sprechen, um eine Sprachgemeinschaft zu bilden, kann sie sich zu einer vollständig entwickelten Sprache ausbilden. Dies geschah mit Krio, der heutigen Nationalsprache im westafrikanischen Sierra Leone. Krio entstand aus einem ursprünglich auf Englisch basierendem Pidgin.

8. Welthilfssprachen

Inmitten der sprachlichen Vielfalt dieser Welt wurden verschiedene internationale Sprachen entwickelt als Mittel zur Lösung der weltweiten Kommunikationsprobleme. So wurde vielfach gefordert, dass jeder Mensch eine der verbreitetsten Sprachen der Welt wie Englisch oder Französisch beherrschen sollte. Daneben wurden künstliche Sprachen geschaffen, die diese Kommunikationsprobleme beseitigen sollten. Mehrere künstliche Sprachen wurden favorisiert, gerieten dann jedoch wieder in Vergessenheit. Eine dieser künstlichen Sprachen, Esperanto, hatte wegen der regelmäßigen Grammatik, der „einfachen” Aussprache und dem Wortschatz, der auf dem Lateinischen, dem Altgriechischen sowie den romanischen und germanischen Sprachen aufbaut, vergleichsweise großen Erfolg. Den Sprechern anderer Sprachfamilien erscheint Esperanto jedoch weniger international und ist für sie schwer auszusprechen und zu lernen. Eine neue, für den internationalen Gebrauch vorgeschlagene Sprache ist LOGLAN (LOGical LANguage, logische Sprache), eine auf dem Reißbrett entstandene Sprache mit dem Anspruch, nicht kulturell gebunden zu sein und klaren und unzweideutigen Ausdruck zu ermöglichen. Sie besitzt ein beschränktes Lautsystem und wenige grammatische Regeln, ihr Wortschatz ist den acht heute in der Welt am weitesten verbreiteten Sprachen entnommen, darunter Hindi (siehe indische Sprachen), Japanisch, Chinesisch, aber auch Russisch und anderen indogermanischen Sprachen.

Selbst wenn eine perfekte internationale Sprache entwickelt und eingeführt werden könnte, ist noch nicht gesichert, dass damit die weltweiten Kommunikationsprobleme verringert werden würden. Zudem ist anzunehmen, dass auch künstliche Sprachen wie Esperanto oder LOGLAN bei ihrer Einführung für internationale oder öffentliche Belange dem Prozess des Sprachwandels unterworfen wären. So könnten beispielsweise regionale Dialekte der betreffenden internationalen Sprache oder auch Pidgin- und Kreolsprachen entstehen. Englisch und Französisch haben sich tatsächlich in verschiedenen Teilen der Welt eigenständig entwickelt. Das Englisch, das z. B. in Indien gesprochen wird, unterscheidet sich sowohl vom amerikanischen als auch vom britischen Englisch. Siehe auch Welthilfssprache