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| 4. | Die wichtigsten Kulturareale |
Bei einem Kulturareal handelt es sich um eine geographische Region mit charakteristischem Klima, typischen Oberflächenformen sowie bestimmten Tier- und Pflanzenbeständen. Der amerikanische Doppelkontinent lässt sich in zahlreiche Kulturareale einteilen, deren Grenzen je nach den zugrunde liegenden Kriterien unterschiedlich gezogen werden können. Üblicherweise geht man von neun Kulturarealen für Nordamerika, einem für Mesoamerika (Mexiko und Mittelamerika) und vier für Südamerika aus.
| 1. | Nordamerika |
Die Kulturareale Nordamerikas umfassen den Südwesten, das östliche Waldland, den Südosten, die Plains und Prärien, Kalifornien und das große Becken, die Plateau-Region, die Subarktis, die Nordwestküste und die Arktis.
| 1.1. | Der Südwesten |
Zum Kulturareal des Südwestens gehört das Gebiet der heutigen US-Bundesstaaten Arizona, New Mexico und des südlichen Colorado sowie der benachbarten mexikanischen Bundesstaaten Sonora und Chihuahua. Bei den ersten bekannten Bewohnern des Südwestens handelte es sich um Gruppen, die mit Speeren Jagd auf Mammute und andere Wildtiere machten (um 9500 v. Chr.). Als am Ende der Eiszeit (um 8000 v. Chr.) die Mammute ausstarben, begannen die Völker im Südwesten den Bison zu jagen und verlegten sich zunehmend auf das Sammeln von Wildpflanzen. Als das Klima immer wärmer und trockener wurde, entwickelte sich zwischen etwa 8000 v. Chr. und 300 v. Chr. eine Lebensweise, die als Archaikum bezeichnet wird. Die Völker des Archaikums lebten von der Jagd auf Hirsche, Kleinwild und Vögel sowie vom Sammeln von Eicheln, Früchten und Wildpflanzensamen. Die Samen wurden auf Steinplatten zu Mehl verarbeitet. Um 3000 v. Chr. setzte im Südwesten der Anbau von Mais ein, der zuvor in Mexiko domestiziert worden war, er spielte aber für die Ernährung jahrhundertelang nur eine untergeordnete Rolle.
Um 300 v. Chr. wanderten Gruppen aus Mexiko, deren Kultur auf dem Bewässerungsfeldbau von Mais, Bohnen und Kürbis basierte, nach Südarizona. Diese Hohokamkulturen lebten in Lehmhäusern, die um öffentliche Plätze angeordnet waren. Sie gelten als die Vorfahren der heutigen Pima und Papago, die die Lebensweise der Hohokam teilweise beibehalten haben.
Die Völker im nördlichen Abschnitt des Kulturareals des Südwestens hatten nach mehreren Jahrhunderten des Handels mit den Hohokam bis um 700 n. Chr. die so genannte Anasazi-Kultur der frühen Cliff Dweller begründet. Sie bauten Mais, Bohnen und Kürbis an und lebten in mehrstöckigen Stein- oder Lehmhäusern, die um zentrale Plätze angeordnet waren. An der Dorfgrenze wiesen die Häuserwände keine Fenster auf, wodurch die Dörfer wie Festungen geschützt waren. Während des Sommers lebten viele Familien in kleineren Häusern auf ihren Feldern. Nach 1275 kam es zu verheerenden Dürrekatastrophen, in deren Folge zahlreiche Gehöfte und Dörfer der Anasazi aufgegeben wurden. Diejenigen Gruppen, die am Rio Grande lebten, expandierten dagegen und bauten die vorhandenen Bewässerungssysteme aus. 1540 trafen die ersten spanischen Eroberer mit den Nachfahren der Anasazi zusammen, den so genannten Pueblo-Indianern. 1598 hatten die Spanier die Pueblo-Indianer bereits unterworfen. 1680 gelang ein erfolgreicher Aufstand gegen die spanische Herrschaft, worauf sie bis 1692 ihre Unabhängigkeit bewahren konnten. Danach fielen die Pueblodörfer jedoch nacheinander unter die Herrschaft der Spanier, der Mexikaner und schließlich der Vereinigten Staaten. Die Pueblos versuchten, ihre Kultur zu bewahren: Sie betrieben weiterhin Landwirtschaft, hielten in einigen Dörfern eine geheime Selbstverwaltung aufrecht und praktizierten ihre Religion. Heute gibt es noch 22 Pueblodörfer.
Im 15. Jahrhundert wanderten Jägervölker der athapaskischen Sprachgruppe (verwandt mit den Sprachfamilien in Alaska und im westlichen Kanada) in den Südwesten ein. Sie waren entlang der westlichen Great Plains nach Süden gezogen und plünderten die Pueblodörfer. Später, nachdem die Spanier Sklavenmärkte errichtet hatten, versuchten sie Gefangene zu machen, die sie verkaufen konnten. Von den Pueblo-Indianern übernahmen sie die Landwirtschaft und von den Spaniern die Schaf- und Pferdezucht. Sie sind die Vorfahren der heutigen Navajo und verschiedener Apache-Gruppen.
Der westliche Abschnitt des Südwestens ist von Völkern der Yuma-Sprachfamilie besiedelt. Zu diesen zählen die Havasupai, die im Tal des Grand Canyon Landwirtschaft betreiben und die Mojave, die am Unterlauf des Colorado leben. Die Völker der Yuma-Sprachfamilie leben in kleineren Dörfern mit strohgedeckten Dächern in der Nähe ihrer Felder. Im Überschwemmungsfeldbau bauen sie insbesondere Mais, Bohnen und Kürbis an.
Die Navajo, die Pueblo-Indianer und die Yuman, eine Yuma-Gruppe, verwendeten Blütenpollen, Holzkohle, Sandstein und andere farbige Materialien, um Sandbilder herzustellen, deren Symbolik bei Heilzeremonien benötigt wurde, und die später wieder zerstört wurden.
| 1.2. | Östliches Waldland |
Das Kulturareal des östlichen Waldlandes umfasst die gemäßigten Klimazonen der östlichen Vereinigten Staaten und Kanadas. Im Westen reicht das Gebiet bis in den US-Bundesstaat Minnesota bzw. die kanadische Provinz Ontario, im Osten bis zum Atlantischen Ozean und im Süden bis in den US-Bundesstaat North Carolina. Bei den ersten Bewohnern dieser ursprünglich dicht bewaldeten Region handelte es sich um Jägergruppen, die teilweise der Clovis-Kultur angehörten. Um 7000 v. Chr. entwickelte sich mit der allgemeinen Erwärmung des Klimas eine Kultur, deren Bevölkerung sich vorwiegend von Wild, Nüssen und Wildgräsern ernährte. Man hatte von den Mexikanern den Kürbisanbau übernommen, daneben wurden im Südwesten Sonnenblumen, Amarant, Holunder sowie Gänsefuß und verwandte Pflanzen angebaut. Die Samen all dieser Pflanzen wurden mit Ausnahme der Sonnenblumenkerne zu Mehl gemahlen. Der Fischfang und das Sammeln von Schalentieren erfuhren einen enormen Aufschwung, und vor der Küste Maines wurden sogar Schwertfische gefangen. Im Gebiet westlich der Großen Seen kam es zur Förderung von Kupfer im Tagebau, das schließlich im gesamten östlichen Waldland zu Klingen und Schmuck weiterverarbeitet wurde. Daneben schnitzte man aus Stein kleine Skulpturen.
Um etwa 1000 v. Chr. wurde das Klima kühler und das Nahrungsangebot knapper. Dadurch nahm die Bevölkerung an der Atlantikküste ab. Im Mittleren Westen entwickelten die Völker dagegen ein weitverzweigtes Handelsnetz und begannen große Erdhügel als Begräbnisstätten für ihre Anführer sowie als Zeremonialzentren anzulegen. Diese Kultur der frühen Moundbuilders, die so genannte Hopewell-Kultur, betrieb in kleinerem Umfang Maisanbau, war größtenteils aber von Sammelwirtschaft und Jagd abhängig.
Um 750 entwickelte sich im Mittleren Westen eine neue Kultur. Grundlage der so genannten Mississippi-Kultur war der intensive Maisanbau. Jenseits des Mississippi auf der Höhe des heutigen Saint Louis wurde während dieser Zeit die Stadt Cahokia errichtet, in der etwa 50 000 Menschen lebten. Zur gleichen Zeit wurde auch in der Atlantikregion der Maisanbau intensiviert. Hier kam es aber nicht zur Gründung größerer Städte.
Die ersten Europäer, die um 1000 n. Chr. in die Region des östlichen Waldlandes kamen, waren Isländer, die versuchten, Neufundland zu besiedeln. Während des 16. Jahrhunderts kamen europäische Fischer und Walfänger an die Küsten Kanadas. Die europäische Besiedelung des Gebiets begann im 17. Jahrhundert. Den europäischen Einwanderern wurde kaum Widerstand entgegengesetzt, nicht zuletzt deshalb, weil die ansässige Bevölkerung durch furchtbare Epidemien, die von europäischen Fischern und den spanischen Eroberern im Südosten eingeschleppt worden waren, stark dezimiert waren. Die Städte der Mississippi-Kultur waren zu dieser Zeit bereits verschwunden, was vermutlich ebenfalls auf Seuchen zurückzuführen ist.
Zu den wichtigsten Indianergruppen des östlichen Waldlandes gehörten die Irokesen und eine Reihe von Stämmen der Algonkin-Sprachgruppe wie die auch unter der Bezeichnung Delawaren bekannten Lenape, die Micmac, die Narragansett, die Shawnee, die Potawatomi, die Menomini und die Illinois. Einige Stämme des östlichen Waldlandes zogen im 19. Jahrhundert nach Westen, andere blieben in ihrem angestammten Gebiet.
| 1.3. | Der Südosten |
Beim Kulturareal des Südostens handelt es sich um die semitropische Region nördlich des Golf von Mexiko und südlich der amerikanischen Mittelatlantikstaaten. Es erstreckt sich von der Atlantikküste bis nach Zentraltexas.
Die Kultivierung einheimischer Pflanzen begann im späten Archaikum um etwa 3000 v. Chr. Im Jahr 1400 v. Chr. entstand in der Nähe der heutigen Stadt Vicksburg, im US-Bundesstaat Mississippi, eine Stadt, die von den Archäologen als Poverty Point bezeichnet wird. Wie in den Städten der Mississippi-Kultur fanden sich in Poverty Point ein großer öffentlicher Platz und gewaltige Erdhügel, die als Tempel-Plattformen oder als Bestattungsorte dienten.
Um 500 v. Chr. entwickelte sich der Maisanbau. Es wurden zahlreiche Städte gegründet und weitverzweigte Handelsbeziehungen für handwerklich hergestellte Waren aufgebaut. Als erster Europäer erkundete der spanische Eroberer Hernando de Soto mit seinen Truppen zwischen 1539 und 1542 den Südosten. Den dabei von den Spaniern eingeschleppten Epidemien fielen Tausende von Indianern zum Opfer.
Zu den wichtigsten Stämmen des Südostens gehörten die Cherokee, die Choctaw, die Chickasaw, die Creek und die Seminolen; diese fünf Stämme wurden von den Eroberern als die „Fünf zivilisierten Stämme” bezeichnet, da sie hinsichtlich Sozialorganisation und Wirtschaftsform den europäischen Staaten ähnelten. Bekannt sind auch die Natchez, deren hoch entwickelte Moundbuilder-Kultur von den Europäern im 18. Jahrhundert zerstört wurde.
| 1.4. | Die Plains |
Bei den nordamerikanischen Plains handelt es sich um die Steppengebiete, die von Zentralkanada bis nach Mexiko und vom Mittleren Westen bis zu den Rocky Mountains reichen. Seit 850 n. Chr. entstanden am Missouri und anderen Flüssen der zentralen Plains Siedlungen, in denen Ackerbau betrieben wurde. Bei den meisten Plainsstämmen handelte es sich um kleinere nomadisierende Gruppen, die den Herden hinterherzogen und sie zum Schlachten in Pferche trieben. Bis zur Ausrottung der Büffelherden in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts war die Jagd auf diese Tiere die Lebensgrundlage der meisten Gruppen dieses Kulturareals. Zu dieser Zeit lebten lediglich 130 000 Indianer in diesem riesigen Gebiet.
Die Traditionen der Plains-Indianer gelten als „typisch” für Indianer schlechthin; dazu gehören der lange Federschmuck, das Tipi, die Friedenspfeife sowie die Kostüme und die Tänze. Sie wurden im 19. Jahrhundert bekannt, als die europäischen Kolonisten das Land eroberten und Zeitungen, Zeitschriften und Photographen das Leben an der Indianergrenze (Frontier) dokumentierten.
Zu den frühen Plains-Stämmen gehörten die Blackfoot, die auf Büffeljagd gingen, sowie die Mandan und Hidatsa, die am Missouri Landwirtschaft betrieben. Als die europäischen Kolonisten das östliche Waldland übernahmen, wanderten zahlreiche Stämme des Mittleren Westens in die Plains aus. Zu diesen gehörten die Sioux, die Cheyenne und die Arapaho. Zuvor, um etwa 1450, waren bereits die Schoschonen und die Comanchen aus den Tälern westlich der Rocky Mountains in die Plains eingewandert. Um 1630 hatten sich diese Stämme darauf spezialisiert, Pferde von den spanischen Ranches in New Mexico zu stehlen und im gesamten Gebiet der Plains gegen andere Waren einzutauschen. Der Diebstahl des Lieblingspferdes eines bedeutenden Kriegers war mit hohem Ansehen verbunden.
| 1.5. | Kalifornien und das Große Becken |
Zu diesem Kulturareal gehören die Gebirgszüge und Täler Utahs, Nevadas und Kaliforniens. Um 8000 v. Chr. entwickelte sich hier eine Lebensweise, die auf der Jagd auf Wild, Bergschafe und Zugvögel sowie Fischfang, vor allem aber auf dem Sammeln von Eicheln und Wildgräsern, gründete und erst um 1850 n. Chr. aufgegeben wurde. Die Dörfer bestanden aus strohgedeckten Häusern. Ausgefeilte Bodenbautechniken fanden Anwendung, die Korbflechterei hatte sich zu einer Kunstform entwickelt. An der kalifornischen Küste betrieb man Fischfang und jagte von Booten aus Seelöwen, Delphine und andere Meeressäuger. Die üppigen Ressourcen wurden in einem gut organisierten Handelssystem verteilt, als Zahlungsmittel diente Muschelgeld.
Die Paiute, die Ute und die Schoschonen siedelten im Großen Becken, die Klamath, die Modoc und die Yurok im Norden; die Pomo, die Maidu, die Miwok, die Patwin und die Wintun in der Zentralregion und die Missionsindianer im Süden Kaliforniens. Diese erhielten ihren Namen von den spanischen Missionsstationen, die zur Bekehrung der Bevölkerung errichtet worden waren.
| 1.6. | Die Plateau-Region |
Dieses Kulturareal umfasst die immergrünen Wälder und Gebirge in Idaho, im östlichen Oregon und Washington sowie im westlichen Montana und im benachbarten Kanada. Die wirtschaftliche Grundlage ähnelt der des Großen Beckens, wurde aber noch durch den Lachsfang ergänzt, der saisonal in den Flüssen Columbia, Snake und Fraser sowie deren Nebenflüssen möglich war. Daneben wurden so genannte Camas (im Westen der Vereinigten Staaten vorkommende essbare Knollenpflanze) und andere nahrhafte Knollengewächse und Wurzeln gesammelt. Die Menschen lebten im Winter in Dörfern, die aus in den Boden eingelassenen Rundhäusern bestanden, und im Sommer in mit Matten bedeckten Hütten. Als Wintervorrat trockneten sie Lachs und Cama. Die Wishram und Wasco hatten einen Markt für Händler von der Pazifikküste und der Plainsregion eingerichtet, wo sich diese Gruppen treffen, Handel treiben und getrocknete Nahrungsmittel kaufen konnten.
Zu den Plateaustämmen gehören die Nez Percé, die Wallawalla, die Yakima und die Umatilla, die alle der Shahaptin-Sprachfamilie angehören; die Flathead, die Spokane und die Okanagon, die alle der Sprachfamilie der Salish angehören, sowie die Cayuse und die Kutenai.
| 1.7. | Die Subarktis |
Das Kulturareal der Subarktis umfasst den größten Teil Kanadas und erstreckt sich vom Atlantischen Ozean bis zu den Gebirgen am Pazifik sowie von der Tundraregion bis etwa 300 Kilometer südlich der amerikanisch-kanadischen Grenze. Die östliche Hälfte dieser Region war während der Eiszeit vergletschert, die sumpfigen Böden lassen kaum Vegetation gedeihen. In der subarktischen Region ist aufgrund der extrem kurzen Sommerperiode keine Landwirtschaft möglich, daher verlegten sich die Bewohner dieser Gebiete auf die Elch- und Karibujagd sowie auf den Fischfang. Es handelte sich teilweise um Nomaden, die in Zelten oder in runden Grubenhäusern lebten. Für ihre Wanderungen benutzten sie im Sommer Kanus und im Winter Schlitten. Aufgrund des beschränkten Nahrungsangebots blieb die Bevölkerung in der subarktischen Region relativ klein.
Die Stämme der östlichen Hälfte der subarktischen Region gehören der Sprachfamilie der Algonkin an; dazu gehören die Cree, die Ojibwa, die Montagnais und die Naskapi. Die Stämme der westlichen Hälfte gehören der nördlichen Sprachfamilie der Athapasken an; dazu gehören die Chipewyan, die Beaver, die Kutchin, die Ingalik, die Kaska und die Tanana. Obwohl viele subarktische Stämme heute in festen Siedlungen leben, jagen sie immer noch Wild und Pelztiere und betreiben Fischfang.
| 1.8. | Die Nordwestküste |
Dieses Kulturareal umfasst die Westküste Nordamerikas vom südlichen Alaska bis zum nördlichen Kalifornien. Zwischen dem Ozean und den Gebirgen im Osten liegt meist nur ein schmaler bewohnbarer Küstenstreifen. Das Meer ist reich an Meeressäugetieren und Fischen, dazu gehören Lachs und Heilbutt; im Landesinneren sind Bergziegen und -schafe sowie Wapitis beheimatet. Zahlreiche Beeren sowie nahrhafte Wurzeln und Knollengewächse dienen ebenfalls als Nahrung. Dieses reiche Nahrungsangebot ließ eine hohe Bevölkerungsdichte zu. Die Menschen lebten in großen Dörfern mit Holzhäusern, die mitunter mehr als 30 Meter lang waren. In jedem Haus wohnte eine Großfamilie, teilweise mit Sklaven. Jedes Dorf wurde von einem Häuptling angeführt. Während des Winters führten die Dorfbewohner aufwendige religiöse Zeremonien durch. Daneben wurden Potlatch-Feste veranstaltet. Im Handel mit Nordasien bezog man Eisen für Messer. Die Kulturen der Nordwestküste sind berühmt für ihre imposanten Holzschnitzereien. Sie entwickelten dabei eigene Stile, die sich von Kultur zu Kultur unterschieden. Zu den berühmtesten Beispielen zählen die so genannten Totempfähle. Darunter versteht man große bemalte und mit Schnitzereien versehene Baumstämme, die bestimmte Vorfahren eines Clans oder mythologische Gestalten darstellen sollten.
Erste Spuren dieser Kulturen werden auf 3000 v. Chr. datiert, als sich der Meeresspiegel stabilisiert und Lachse sowie Meeressäugetiere sich in den Küstengewässern angesiedelt hatten. Zu den wichtigsten Stämmen an der Nordwestküste gehören die Tlingit, die Tsimshian, die Haida, die Kwakiutl, die Nootka, die Chinook, die Salish, die Makah und die Tillamook.
| 1.9. | Die Arktis |
Das Kulturareal der Arktis erstreckt sich entlang der Küste Alaskas und Nordkanadas. Aufgrund der langen und dunklen Wintermonate ist hier keine Landwirtschaft möglich. Lebensgrundlage sind der Fischfang sowie die Jagd auf Seehunde und Karibus; im nördlichen Alaska und im Osten Kanadas der Walfang. Im Sommer lebten die Menschen gewöhnlich in Zelten. Den Winter verbrachten sie in runden, gut isolierten Erdhäusern, die mit Seehundfellen und Gras bedeckt waren; in Zentralkanada wurden die Häuser auch oft aus Eisblöcken errichtet. Aufgrund des knappen Nahrungsangebots lebten in diesem Kulturareal nur wenige Menschen.
Bevölkert wurde die Arktis erst, nachdem um etwa 2000 v. Chr. die Gletscher in der Region schmolzen. Eskimo-Gruppen wanderten um etwa 1000 n. Chr. über Kanada nach Grönland aus, wo die so genannte Thule-Kultur entstand. Aufgrund dieser Wanderung gleichen sich Sprache und Kultur der Eskimos von Alaska bis Grönland. In Südwestalaska und im Osten Sibiriens sind die Yuit beheimatet, die zwar kulturell mit den Inuit verwandt sind und die gleichen Vorfahren haben, deren Sprache sich aber leicht unterscheidet. Den Inuit und Yuit verwandte Gruppen bewohnen seit 6000 v. Chr. die Inselgruppe der Alëuten und leben vom Fischfang und der Jagd auf Meeressäugetiere. Wie die Stämme der Subarktis haben sich die Eskimo und die Alëuten ihre traditionelle Kultur bis zum heutigen Tag zum Teil bewahren können.
| 2. | Mesoamerika |
Die ersten Staaten in Mexiko und dem nördlichen Teil Mittelamerikas entstanden um 1400 v. Chr. Diese Kulturen entwickelten sich aus einer Sammler- und Jägerkultur, die um 7000 v. Chr. bereits im kleineren Umfang auch den Anbau von Bohnen, Kürbis und Mais betrieb. Um 2000 v. Chr. bildeten diese Anbauprodukte zusammen mit Amarant, Avocados und anderem Gemüse sowie Chilipfeffer die Lebensgrundlage. Erste Städte wurden gegründet. Um 1400 v. Chr. errichteten die Olmeken in ihrer Hauptstadt Paläste, Tempel und Denkmäler. Sie lebten im Dschungel an der Ostküste Mexikos. Handelsverbindungen reichten bis nach Monte Albán im westlichen Mexiko (im heutigen mexikanischen Bundesstaat Oaxaca) und ins Tal von Mexiko im zentralen Hochland. Mit dem Ende der Olmekenherrschaft um 400 v. Chr. etablierten sich im zentralen Hochland urbane Zentren. Kurz vor der Zeitenwende entstand der Stadtstaat Teotihuacán im Tal von Mexiko, der zwischen 450 und 600 ganz Mexiko beherrschte und Handel mit Monte Albán sowie den Maya-Reichen, die im Südwesten Mexikos entstanden waren, trieb. Die Macht Teotihuacáns reichte im Süden bis in das Tal von Guatemala, wo rivalisierende Reiche unterworfen wurden.
700 n. Chr. brannte Teotihuacán nieder. Ebenfalls im 8. Jahrhundert wurden zahlreiche Maya-Städte verlassen, vielleicht, weil der Handel mit Teotihuacán zum Erliegen gekommen war. Andere Maya-Städte, insbesondere im nördlichen Yucatán, waren davon jedoch nicht betroffen. Um 1000 entstand in Zentralmexiko das mächtige Reich der Tolteken; es erstreckte sich vom Tal von Mexiko bis ins Maya-Territorium Chichén Itzá. Das Toltekenreich ging 1168 unter. Bis 1433 gelang es drei miteinander verbündeten Reichen im Tal von Mexiko, die Herrschaft über den größten Teil Mexikos an sich zu reißen. Das Azteken-Reich gewann bald die Vorherrschaft in diesem Dreibund. 1519, als der spanische Eroberer Hernán Cortés vom östlichen Mexiko her zusammen mit verbündeten mexikanischen Völkern auf die aztekische Hauptstadt Tenochtitlán vorrückte, war das Bündnis bereits durch innere Auseinandersetzungen geschwächt, eine Pockenepidemie hatte die Bevölkerung dezimiert. Cortés konnte die Stadt 1521 einnehmen, ohne auf heftigen Widerstand zu stoßen.
Zur Zeit der ersten spanischen Eroberungen bestanden in Mexiko neben dem Aztekten-Reich außerdem die Reiche der Mixteken im heutigen mexikanischen Bundesstaat Puebla, der Tarasken im Bundesstaat Michoacán, der Zapoteken in Oaxaca, der Tlaxcalteken in Michoacán, der Otomí in Hidalgo und der Totonaken in Veracruz. Des Weiteren siedelten hier Angehörige der früheren Maya-Reiche, die Mayapán auf Yucatán, sowie eine Reihe kleinerer, noch intakter Maya-Staaten im Süden und zahlreiche unabhängige Gruppen in den Grenzregionen wie die Yaqui, die Huichol und die Tarahumara in Nordmexiko und die Pipil in Südmexiko. Nach der spanischen Eroberung ganz Mexikos, die mehr als zwei Jahrhunderte in Anspruch nahm, wurde die einheimische Bevölkerung gezwungen, als Kleinbauern unter der Herrschaft einer spanisch-mexikanischen Elite zu leben.
| 3. | Nördliches Südamerika und Karibik |
Zum Kulturareal des nördlichen Südamerikas gehören Dschungelgebiete, Savannenregionen, die nördlichen Anden, einige regenarme Regionen des westlichen Ecuador und die karibischen Inseln. Die indigene Bevölkerung im nördlichen Südamerika lebte in kleinen, unabhängigen Staaten.
Speerspitzen der Clovis-Kultur weisen darauf hin, dass sich bereits um 9000 v. Chr. Sammler und Jäger in diesem Gebiet aufhielten. Andere Funde in der nördlichen Region deuten darauf hin, dass dieser Bereich bereits um 18000 v. Chr. besiedelt wurde. Der ursprüngliche Lebensstil blieb nach dem Aussterben der Mastodonen und Mammute während der Clovis-Periode bis etwa 3000 v. Chr. erhalten. Danach entwickelten sich der Maisanbau in Ecuador und der Maniokanbau in Venezuela; die Keramikherstellung erlebte eine Blüte. Zu dieser Zeit wurden auch erstmals die karibischen Inseln besiedelt. Um 500 v. Chr. lassen sich in Städten in bestimmten Bereichen des nördlichen Südamerika eigene regionale Stile bei der Herstellung von Skulpturen und Metallarbeiten feststellen. Die Chibcha-Reiche in Kolumbien sind z. B. berühmt für kunstvollen Goldschmuck. Im gesamten karibischen Raum lebten kleinere Gruppen wie die Mískito in Nicaragua, die Cuna in Panamá sowie die Arawak und die Kariben von Landwirtschaft und Fischfang. Kariben siedelten nicht nur auf den gleichnamigen Inseln, sondern auch an der Küste Venezuelas.
| 4. | Zentral- und Südanden |
Das Gebirge der Anden, das den gesamten Westen Südamerikas durchzieht, sowie die schmalen Küstenebenen zwischen den Bergen und dem Pazifischen Ozean waren die Wiege der großen Kulturen Altamerikas.
In den letzten Jahren haben archäologische Funde am Monte Verde im südlichen Chile den Beweis dafür geliefert, dass diese Gegend bereits vor 11000 v. Chr. bewohnt war. Weiter im Norden, in Peru, hat man bei Grabungen festgestellt, dass bereits um 7000 v. Chr. verschiedene Bohnenarten und Chili angebaut wurden. Einige Jahrhunderte später erfolgte die Domestizierung des Lamas. Meerschweinchen deckten meist den Fleischbedarf. Allmählich weitete sich die landwirtschaftliche Produktion auf Baumwolle, Kartoffeln, Erdnüsse und andere Nahrungsmittel aus; um 2000 v. Chr. wurde der Maisanbau eingeführt. Daneben nutzten die Völker an der Pazifikküste von Chile über Peru bis nach Ecuador auch das reichhaltige Nahrungsangebot des Meeres, das aus zahlreichen Fischarten, Seevögeln, Seelöwen, Delphinen und Meeresfrüchten bestand.
Nach 2000 v. Chr. wurden in zahlreichen Dörfern an der Pazifikküste in Zentralperu auf gewaltigen Plattformen große Tempel aus Stein oder Lehm errichtet. Nach etwa 900 v. Chr. dienten diese Tempel vermutlich einer neuen Religion, deren Zentrum die in den Bergen gelegene Stadt Chavín de Huántar war. Die Symbole dieser Religion waren der Adler, der Jaguar, die Schlange (vermutlich eine Anakonda) und der Kaiman. Die Symbole ähneln den bei den mexikanischen Olmeken verwendeten, obgleich Kontakte zwischen diesen beiden Kulturen nicht eindeutig zu belegen sind. Nach 300 v. Chr. ließ der Einfluss bzw. die politische Macht Chavíns nach. An der Nordküste Perus entstand daraufhin die Moche-Kultur, an der Südküste die Nazca-Kultur. Beide legten große Bewässerungsanlagen, Städte und Tempel an und betrieben Fernhandel, u. a. exportierten sie Keramik. Die Moche hielten ihr Alltagsleben und ihre Mythen in Zeichnungen und Skulpturen fest. Dabei stellten sie sich als Furcht erregende Krieger dar, fertigten aber auch Skulpturen von domestizierten Pflanzen, Familienszenen, Fischern und sogar Liebespaaren an. Auch die Metallbearbeitung war hoch entwickelt.
Um 600 n. Chr. verloren die beiden Reiche allmählich an Einfluss, und es entstanden zwei neue mächtige Reiche in Peru: die Huari im zentralen Hochland und die Tiahuanaco im südlichen Gebirge in der Nähe des Titicacasees. Bei Tiahuanaco handelte es sich vermutlich um ein bedeutendes religiöses Zentrum, das die Symbolik der Chavín-Kultur wiederbelebte. Diese Staaten bestanden allerdings nur wenige Jahrhunderte. Nach 1000 n. Chr. erlangten die Küstenstaaten wieder größere Bedeutung, insbesondere Chimú im Norden mit der gewaltigen und prächtigen Hauptstadt Chan Chan. Schließlich wurde aber ganz Peru von einem Staat unterworfen, der im zentralen Hochland um die Stadt Cuzco entstanden war: von dem Quechua-Staat, der von den Inka regiert wurde. Der damalige Inka-Herrscher Pachacuti Inca Yupanqui leitete im 15. Jahrhundert die gewaltsame Expansion des Reiches ein. Um 1525 reichte die Herrschaft der Inka von Ecuador bis nach Chile und Argentinien. Die regionalen Produkte wurden mittels Lamakarawanen an die Küste, ins Gebirge sowie in die östlichen Dschungelgebiete exportiert. Die Reiche der Region wurden von Statthaltern verwaltet, denen Soldaten und Priester zur Seite standen. Die Peruaner kannten zwar keine Schrift, benutzten aber den Abakus für mathematische Berechnungen und dokumentierten bestimmte Steuer- und Tributleistungen mit Hilfe geknoteter Schnüre.
Die Männer trugen Lendenschurze und Umhänge, die über einer Schulter zusammengeknotet waren; die Frauen Wickelröcke und weite Blusen. Diese Kleidungsstücke bestanden aus gesponnener Baumwolle oder aus feiner Lamawolle. Zwischen 1525 und 1532 herrschte ein Bürgerkrieg, so dass der spanische Eroberer Francisco Pizarro keine Probleme hatte, mit seinen Truppen das erschöpfte Inka-Reich zu erobern.
| 5. | Der tropische Regenwald |
Archäologische Funde weisen darauf hin, dass das Dschungeltiefland im Osten Südamerikas vermutlich erst nach 3000 v. Chr. besiedelt wurde. Die Bevölkerungsdichte war seit jeher gering. Die Gruppen siedelten an den Flussläufen, wo man Fische fangen sowie Maniok und andere Kulturpflanzen anbauen konnte. Neben verschiedenen Kräutern und Nahrungsmitteln wurden auch Halluzinogene für die Verwendung bei religiösen Ritualen angebaut, die bis nach Peru exportiert wurden. Außer Tapiren und Affen kamen im Dschungel kaum größere Wildtiere vor. Aufgrund der feuchten Hitze trugen die Menschen kaum Kleidung, dennoch wurden Baumwollstoffe gewebt und man schmückte sich durch Körperbemalung. Zu den vielen Gruppen des Kulturareals des Regenwaldes gehören die Makiritare, die Yanomami, die Mundurucu, die Tupinamba, die Shipibo und die Kayapó. Im nördlichen Regenwald leben Gruppen, die Arawakisch und karibische Sprachen sprechen. Obwohl sich die Völker des tropischen Regenwaldes ihre traditionelle Lebensweise zum Teil bewahren konnten, leiden sie heute unter den von Europäern eingeschleppten Krankheiten und unter der Zerstörung ihrer natürlichen Umwelt durch Viehzüchter, Holzfäller, Goldsucher sowie durch Bergbau und Agro-Business.
| 6. | Südliches Südamerika |
In Argentinien und Chile leben noch heute Agrarvölker wie die Mapuche, eine Gruppe der chilenischen Araukaner, die Mais, Kartoffeln und Getreide anbauen. Ursprünglich betrieben sie Lamazucht. Nach der spanischen Eroberung begannen sie aber auch Rinder, Schafe, Schweine und Hühner zu züchten. Zum Viehhüten und für Kriegszwecke halten sie zudem Pferde. Weiter im Süden in der Pampa, die sich nicht zur landwirtschaftlichen Nutzung eignet, betrieb man Jagd auf Guanakos und Nandus, an der Küste wurde gefischt und es wurden Meeresfrüchte gesammelt. In Feuerland lässt sich eine Sammler- und Jägerkultur ab 7000 v. Chr. nachweisen. In der Pampa änderten sich die Jagdbräuche, als die Spanier nach 1555 das Pferd einführten. Die Tehuelche gingen mit Pferden auf die Guanako-Jagd, und wie die nordamerikanischen Plains-Indianer konnten sie aufgrund der besseren Transportmöglichkeiten größere Tipis bauen sowie mehr Kleidung und persönlichen Besitz auf ihren Wanderungen mit sich führen. Noch weiter im Süden, in der Region um Kap Hoorn, lebten die Ona, die Yahgan und die Alacaluf hauptsächlich von Fisch und Meeresfrüchten, machten aber auch Jagd auf Robben und Seelöwen. Es handelte sich um Nomaden, die in kleineren, mit Rinde bedeckten oder mit Robbenfell bespannten Wigwams lebten. Trotz des kalten und nebligen Klimas trugen sie nur wenig Kleidung. Die indigenen Völker hatten jedoch stark unter den von den Europäern eingeschleppten Krankheiten zu leiden. Viele Gruppen sind bereits ausgestorben.