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Ethnologie, Lehre von den Kulturen der Welt. Die deutsche Ethnologie oder Völkerkunde beschäftigt sich traditionell mit schriftlosen außereuropäischen Gesellschaften. Mit europäischer Ethnologie ist das Fach Volkskunde befasst. Diese Einteilung entspricht aber immer weniger den Erfordernissen einer modernen Kulturwissenschaft. Zunehmend werden, wie im angloamerikanischen Wissenschaftsverständnis in den Disziplinen social anthropology und cultural anthropology üblich, alle Kulturen, also auch die modernen Industriegesellschaften, Gegenstand dieser Wissenschaft. Untersucht werden dabei alle Aspekte menschlichen Zusammenlebens, der Schwerpunkt liegt aber im Gegensatz zur Soziologie auf der Untersuchung der symbolischen Formen und damit des Selbstverständnisses der Kulturen. Seit der Antike sind Aufzeichnungen über fremde Kulturen, im heutigen Sprachgebrauch Ethnographien, bekannt. Hekataios von Milet (um 500 v. Chr.) und Herodot gelten als Urväter der Ethnographie. Bereits in den Werken antiker Autoren war die eigene positiv besetzte Kultur Maßstab der Beurteilung der fremden Barbaren. Aus dieser eurozentristischen Sichtweise resultieren Dichotomien wie „primitiv” versus „zivilisiert”, Naturvolk versus Kulturnation, Eingeborener versus Entdecker oder auch Eigenes versus Fremdes, die die europäische Geistesgeschichte bis zum heutigen Tag stark beeinflusst haben.
Aus dem 14. Jahrhundert, gegen Ende der Blütezeit islamischer Expansion, stammen die umfangreichen ethnographischen Berichte der arabischen Reisenden Ibn Battuta und Ibn Chaldun. Die Entstehung der modernen europäischen Ethnologie ist in der Epoche des Kolonialismus anzusiedeln: Im Streit darüber, ob die häufig noch als absonderlich monströs beschriebenen Einwohner Amerikas überhaupt als Menschen zu gelten hätten und damit von den Kolonisatoren als solche behandelt werden müssten, hatte der spanische Missionar Bartolomé Las Casas bereits im 16. Jahrhundert eine positive Darstellung der Lebensweise der Indianer und einen unnachsichtigen Bericht über die Gräueltaten der spanischen Eroberer verfasst. Ab dem 18. Jahrhundert verlangte die Aufklärung nach einer rationalen moralischen Rechtfertigung, respektive Missbilligung, der Unterwerfung fremder Kulturen. Kulturevolutionisten wie Johann Jakob Bachofen und Lewis Henry Morgan versuchten, in ihren wissenschaftlichen Studien eine bestimmte Abfolge menschlicher Entwicklungsstufen festzulegen. Sie leisteten in ihren empirischen Forschungen zwar wertvolle Beiträge zur Ethnographie untergehender Kulturen, ihre Arbeiten dienten aber auch dazu, wissenschaftlich zu rechtfertigen, dass zeitgenössische fremde Kulturen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer vermeintlich früheren Entwicklungsperiode gewaltsam zivilisiert werden konnten.
Der Terminus Ethnologie fand erstmals Ende des 18. Jahrhunderts im französischen Sprachraum Verwendung, die Begriffe Ethnographie und Völkerkunde wurden etwa zur selben Zeit in Deutschland an der Universität Göttingen geprägt. Ethnologische Gesellschaften und Museen sowie ethnologische Zeitschriften bereiteten im 19. Jahrhundert den Weg zur akademischen Disziplin. Erste Lehrstuhlinhaber waren Adolf Bastian in Berlin (1864), Sir Edward B. Tylor in Oxford (1896), Franz Boas in New York (1899) und Sir James G. Frazier in Liverpool (1906). Die neue universitäre Disziplin spaltete sich zunächst in zwei Richtungen. Die Kulturevolutionisten gingen von einer überall gleichen, unilinearen menschlichen Entwicklung aus. Demgegenüber betrachten die Diffusionisten menschliche Kulturen als historische Überlagerungs- und Mischformen, die sich durch Eroberung, Völkerwanderungen, Handel und andere Kulturkontakte von wenigen ursprünglichen Diffusions-Zentren aus entwickelt hätten. Nach dem 1. Weltkrieg konzentrierten sich die britischen Funktionalisten, deren bedeutendster Vertreter Bronislaw Malinowski war, auf die Erforschung der Institutionen von Gesellschaften und entwickelten die Forschungsmethode der teilnehmenden Beobachtung. Die amerikanische cultural anthropolgy, deren wichtigste Vertreter Franz Boas, Ruth Benedict und Margaret Mead waren, wurde in den dreißiger Jahren zur einflussreichsten Gesellschaftswissenschaft des Landes. Die Frage nach den Ordnungsprinzipien geistigen und sozialen Lebens bestimmte die strukturalistische Ethnologie Claude Lévi Strauss’ und seiner Schüler in den sechziger Jahren in Frankreich, wo der Strukturalismus zur einflussreichsten Disziplin aufgestiegen war. Neomarxistische Ethnologen wie Maurice Godelier versuchten, in Anlehnung an den Strukturalismus, ökonomische Determinanten der kulturellen Entwicklung zu bestimmen. Heute haben sich angesichts des weit gefächerten Aufgabengebiets geographische und inhaltliche Spezialisierungen herausgebildet, die häufig ein Überschreiten der traditionellen Grenzen der universitären Disziplin Ethnologie erforderlich machen. In den USA fand in den achtziger Jahren der unkritische Umgang mit den schriftlichen anthropologischen Quellen die Kritik von Kulturanthropologen um Clifford Geertz. In einer grundlegenden Neuorientierung, dem literary turn, bestimmten sie Ethnographie als eigene literarische Gattung, die sie mit den Mitteln der Literaturwissenschaften zu interpretieren suchten. In der Schweiz und Deutschland entstand die so genannte Ethnopsychoanalyse, bei der Ethnologen mit den Methoden der Psychoanalyse versuchen, Einblicke in das kollektive Unbewusste der untersuchten Gesellschaften zu gewinnen.
Die Ethnologie ist seit ihrer Gründung als wissenschaftliche Disziplin umstritten: Die britische social anthropology verstand sich zunächst als Kolonialwissenschaft, das Wissen über die untersuchten Gesellschaften sollte für eine effektive Kolonialverwaltung nutzbar gemacht werden; die deutsche Völkerkunde verkam während des Dritten Reiches zu einer Legitimationswissenschaft für die rassistischen Theorien des Nationalsozialismus; amerikanische Anthropologen waren in den siebziger Jahren an Aufstandsbekämpfungsprogrammen des CIA beteiligt. Als Reaktion auf diese politischen Verstrickungen der Ethnologie entstanden Strömungen, bei denen die Forscher versuchten, ihre Arbeit in den Dienst der untersuchten Kulturen zu stellen und diese bei Rechtsstreitigkeiten, in der Öffentlichkeitsarbeit und bei Ähnlichem zu unterstützen.
Von Seiten feministischer Wissenschaftlerinnen wurde seit den siebziger Jahren immer wieder Kritik an der Männerzentriertheit der Ethnologie geübt. Diese bediene aufgrund vorurteilsgeladener Fragestellungen häufig eurozentristische patriarchale Klischees, statt Aussagen zum tatsächlichen Geschlechterverhältnis in den untersuchten Kulturen zu treffen.