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Nordrhein-Westfalen
1. Einleitung

Nordrhein-Westfalen, Bundesland im Westen der Bundesrepublik Deutschland. Es grenzt im Norden und Nordosten an das Bundesland Niedersachsen, im Osten an Hessen, im Süden an Rheinland-Pfalz und im Westen an Belgien und die Niederlande. Die Landeshauptstadt ist Düsseldorf; andere wichtige Städte sind Essen, Köln, Dortmund und Bonn.

2. Land

Nordrhein-Westfalen ist 34 080 Quadratkilometer groß und hat Anteil an der Norddeutschen Tiefebene und der deutschen Mittelgebirgsschwelle.

Mit der Niederrheinischen Bucht (Kölner Bucht) im Westen und der Westfälischen Bucht im Norden reicht das Tiefland bis tief in die Mittelgebirgsregion hinein. Weite Teile der Tiefebene wurden während des Pleistozäns von aus Skandinavien kommenden Eismassen geprägt. Größtenteils stark abgetragene (Alt-)Moränenreste liegen hier zwischen Sander- und Moorflächen.

Die Mittelgebirge im Süden Nordrhein-Westfalens gehören zum Rheinischen Schiefergebirge: Linksrheinisch liegt der Nordabfall der Eifel mit dem Hohen Venn, der Kommener Bucht und dem Aachener Becken, rechtsrheinisch das Bergische Land, das Sauerland, das Rothaargebirge, das Siegerland, Teile des Westerwaldes und des Siebengebirges. Die Mittelgebirge im Norden des Bundeslandes gehören zum Weserbergland: Von Norden nach Süden folgen aufeinander die Schichtkämme des Teutoburger Waldes und des Wiehengebirges und das Lipper Bergland.

Rhein, Ems und Weser sind die größten Flüsse im Bundesland, sie fließen in Süd-Nord-Richtung. Lippe, Ruhr, Lenne und Sieg entwässern die Mittelgebirge im Südosten des Bundeslandes.

Das Klima Nordrhein-Westfalens wird von der Meeresnähe geprägt: Die Winter sind relativ mild, die Sommer ziemlich kühl. Eine Sonderstellung nimmt die Niederrheinische Bucht ein. Sie gehört, wie weiter südlich am Rhein gelegene Gebiete, zu den wärmsten Regionen Deutschlands: Über sechs Monate im Jahr beträgt die Monatsmitteltemperatur hier über 10° C. Die nordrhein-westfälischen Mittelgebirge gehören zu den niederschlagsreichsten Gebieten Deutschlands: Im Hohen Venn und im Rothaargebirge fallen zwischen 1 200 und 1 600 Millimeter Jahresniederschlag.

3. Bevölkerung

Nordrhein-Westfalen ist mit einer Einwohnerzahl von etwa 18,08 Millionen das mit Abstand bevölkerungsreichste und mit circa 530 Einwohnern pro Quadratkilometer auch das am dichtesten besiedelte Bundesland Deutschlands. Die Bevölkerung besteht vor allem aus Rheinländern und Westfalen, 53 Prozent sind katholisch, 42 Prozent evangelisch. Die Bevölkerungsstruktur des Landes veränderte sich in der Nachkriegszeit durch die Zuwanderung von vielen Heimatvertriebenen und Flüchtlingen.

4. Verwaltung und Politik

Die Landesverfassung wurde 1950 verabschiedet. Die mindestens 181 (bis 2005 mindestens 201) Abgeordneten des Landtages werden für fünf Jahre gewählt. Das Bundesland gliedert sich in die fünf Regierungsbezirke Köln, Düsseldorf, Detmold, Münster und Arnsberg mit 31 Landkreisen und 23 kreisfreien Städten. Die Stadt Aachen vergibt seit 1950 in der Regel jährlich den Internationalen Karlspreis für besondere Verdienste um die europäische Einigung.

5. Bildung und Kultur

In Nordrhein-Westfalen gibt es Universitäten in Aachen, Bielefeld, Bochum, Bonn, Dortmund, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Hagen, Köln, Münster, Paderborn, Siegen und Wuppertal, Fachhochschulen in Aachen, Bad Münstereifel, Bielefeld, Bochum, Bonn, Dortmund, Düsseldorf, Gelsenkirchen, Iserlohn, Köln, Krefeld, Lemgo, Münster, Nordkirchen und Paderborn. Düsseldorf und Münster haben Kunstakademien, Detmold, Essen, Köln und Düsseldorf Hochschulen für Musik, Köln eine Kunsthochschule für Medien und Herford eine für Kirchenmusik. In Hennef, Paderborn, Bielefeld, Wuppertal und Münster gibt es Theologische Hochschulen.

Das Rheinland ist bekannt für seine Art, den Karneval zu feiern. Alljährlich in den letzten Tagen vor dem Beginn der Fastenzeit herrscht auf den Straßen närrisches Treiben. Karnevalshochburgen sind Köln und Düsseldorf.

In Recklinghausen finden alljährlich in den Monaten Mai, Juni und Juli die Ruhrfestspiele statt. Diese als Theaterfestival für Arbeiter, vom DGB und der Stadt Recklinghausen 1947 initiierte Veranstaltungsreihe, bietet u. a. Kunstausstellungen, Kulturtage der Gewerkschaftsjugend (junges forum), wissenschaftliche Seminare und Diskussionen.

Berühmte Schriftsteller Nordrhein-Westfalens sind die bei Münster geborene Annette von Droste-Hülshoff, der in Köln geborene Heinrich Böll und Heinrich Heine, der in Düsseldorf zur Welt kam. In Bonn erblickte Ludwig van Beethoven das Licht der Welt, Jacques Offenbach in Köln und Ludwig Mies van der Rohe, führender Architekt und Architekturtheoretiker des 20. Jahrhunderts, in Aachen.

An der renommierten Düsseldorfer Kunstakademie studierten u. a. August Macke, Wilhelm Busch, Otto Dix, Günter Grass und Sigmar Polke. An der Universität Bonn studierten u. a. Karl Marx, Friedrich Nietzsche und August Wilhelm Schlegel.

6. Wirtschaft

Nordrhein-Westfalen ist das am stärksten industrialisierte und bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands. Kohlenbergbau, Koksproduktion, Roheisen- und Stahlproduktion sind die Hauptindustriebranchen. Sie konzentrieren sich im Ruhrgebiet, das über eines der größten Steinkohlevorkommen Westeuropas verfügt. Weitere bedeutende Branchen Nordrhein-Westfalens sind Textilherstellung, Chemieproduktion und Maschinenbau. Etwa ein Drittel des westdeutschen Stromes wird hier produziert.

Ausgedehnte Agrargebiete finden sich im ganzen Bundesland. Das Rheinland ist bekannt für seinen Weinbau; Getreide, Kartoffeln und Runkelrüben werden in ganz Westfalen angebaut; auch Milchwirtschaft, Vieh- und Schweinemast sind von Bedeutung.

7. Geschichte

Nordrhein-Westfalen, 1946 als Land neu gebildet, wurde 1949 Bundesland. Entsprechend der Tradition, nach der die Bürger der zwei Landesteile Rheinländer bzw. Westfalen genannt werden, dient zur Bezeichnung des historischen Raumes vor 1946 der Name Rheinland-Westfalen.

1. Von der Vorgeschichte zum frühen Mittelalter

Die frühesten menschlichen Spuren, gefunden in Mönchengladbach-Rheindahlen, datieren aus der Altsteinzeit vor mehr als 300 000 Jahren. Die im Neandertal bei Düsseldorf gefundenen Skelettreste des Neandertalers sind etwa 40 000 Jahre alt. Ab ungefähr 600 v. Chr. drangen Kelten von Süden bis ins südliche Westfalen vor, bis ihre Kultur von den seit etwa 300 v. Chr. hier siedelnden Rhein-Weser-Germanen überlagert wurde.

Seit Caesars Eroberungszügen 58 bis 51 v. Chr. waren die linksrheinischen Gebiete Teil der römischen Provinz Gallia Belgica, später der Provinz Germania Inferior (Untergermanien), während die rechtsrheinischen Gebiete zum von den Römern nicht eingenommenen Germania Libera (freies Germanien) gehörten: Alle Versuche, das rechtsrheinische Germanien in eine römische Provinz zu verwandeln, scheiterten endgültig an Varus’ Niederlage gegen die Cherusker 9 n. Chr. möglicherweise auf dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen. Aus römischen Militärstützpunkten entstanden die Städte Bonn, Neuss, Xanten sowie Köln, das seit Anfang des 4. Jahrhunderts auch Bischofssitz ist.

Unter den seit Mitte des 4. Jahrhunderts zunehmenden Einfällen der Franken brach bis Mitte des 5. Jahrhunderts die römische Herrschaft zusammen. Ab 507 gehörte das Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen zum Frankenreich, und unter Pippin II., dem Mittleren, wurde im 7. Jahrhundert die Region an Mosel, Maas und Niederrhein zum Machtzentrum des Karolingerreiches. In Pippins II. Auftrag missionierte der Angelsachse Suitbert die Franken zwischen Ruhr und Lippe und gründete um 700 auf einer Rheininsel bei Neuss das Kloster Kaiserswerth, später Stützpunkt zur Christianisierung der Nachbarn im Osten, der Sachsen.

2. Rheinland-Westfalen im Mittelalter

Karl der Große errichtete ab 769 die Pfalz in Aachen als Mittelpunkt des Reiches. Zur Christianisierung der Westfalen entstanden in karolingischer Zeit Bistümer wie Paderborn und Münster sowie Klöster wie Herford und Corvey und das von Liudger, dem ersten Bischof in Münster, gegründete Kloster Werden. Nach dem Zerfall des Karolingerreiches im 9. Jahrhundert bildeten sich auf dem Boden des späteren deutschen Reiches Stammesherzogtümer heraus, darunter das auch Westfalen umfassende Herzogtum Sachsen. Die aus Sachsen stammenden Ottonen, die das hochmittelalterliche Heilige Römische Reich begründeten, festigten ihre Königsherrschaft auch im rheinisch-westfälischen Raum mittels des ottonisch-salischen Reichskirchensystems, in dem der Erzbischof von Köln eine übergeordnete Stellung einnahm.

Nach dem Sturz des Sachsenherzogs Heinrich der Löwe 1180 kam der westliche Teil des Herzogtums Sachsen als Herzogtum Westfalen an das Kölner Erzbistum, das sukzessive seine Macht ausbaute, aber 1288 durch die Niederlage in der Schlacht von Worringen gegen rheinisch-westfälische Adelsgeschlechter und das Herzogtum Brabant in seine Grenzen verwiesen wurde. Den Kölner Erzbischöfen blieb jedoch ihre reichspolitische Bedeutung als Kurfürsten. Seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert entfalteten sich Territorialherrschaften wie die rheinischen Grafschaften Berg, Geldern, Jülich, Kleve, Limburg und Mark, die westfälischen Bistümer Münster, Minden und Paderborn und viele kleinere westfälische Adelsherrschaften; diese Territorialisierung hatte bis zum Ende des alten Reiches 1806 Bestand.

Im 14. Jahrhundert entfalteten sich die Städte, allen voran Köln, seit 1288 Freie Reichsstadt und ein Hauptort der Hanse. Mit der 1388 gegründeten und in Nordwesteuropa neben Leuven lange Zeit einzigen Universität bildete das „Heilige Köln”, auch ein bedeutender Wallfahrtsort, das wirtschaftliche, kulturelle und geistige Zentrum Rheinland-Westfalens. Auch Dortmund, Münster und Soest gehörten zur Hanse.

3. Rheinland-Westfalen in der Neuzeit

Im frühen 16. Jahrhundert verbreitete sich die Reformation; in manchen Orten bestanden neben dem Katholizismus sogar mehrere reformierte Konfessionen nebeneinander. Aus Holland kamen ab den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts protestantische Flüchtlinge, insbesondere Täufer in die Region.

Das Herzogtum Jülich-Kleve-Berg hatte sich bis zum 16. Jahrhundert in dem sonst territorial zersplitterten Rheinland-Westfalen zu einem unter einer Herrschaft zusammengefassten, dominierenden Land entwickelt; infolge einer Auseinandersetzung mit Kaiser Karl V. um das Herzogtum Geldern, in der Jülich-Kleve-Berg unterlegen war, verlor es jedoch seine politische Bedeutung. Im Jülich-Kleveschen Erbfolgestreit wurde das Herzogtum 1614 aufgeteilt: Kleve, Mark und Ravensberg kamen an die Brandenburger Hohenzollern, Jülich und Berg an die bayerisch-pfälzischen Wittelsbacher. Damit wurden diese Gebiete zu Nebenländern entfernter Fürstentümer.

Ab 1568 war Rheinland-Westfalen immer wieder Schauplatz des 80-jährigen Niederländischen Freiheitskampfes, der wie der Dreißigjährige Krieg 1648 mit dem Westfälischen Frieden endete, der im westfälischen Münster und dem nicht weit entfernten Osnabrück ausgehandelt und unterzeichnet worden war. Nach dem Siebenjährigen Krieg, der auch Rheinland-Westfalen verheerte, erlebte das Land im späten 18. Jahrhundert einen wirtschaftlich-technischen und kulturellen Aufschwung, begleitet von den ersten sozialen Unruhen unter Handwerkern und Arbeitern. 1770 wurde im rheinischen Neuwied das erste Blechwalzwerk in Deutschland errichtet und 1784 die erste mechanische Spinnerei in Rheinland-Westfalen.

Nach der Französischen Revolution besetzte Frankreich von 1794 bis 1813 das linksrheinische Gebiet.

4. Rheinland-Westfalen im 19. Jahrhundert

Durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 wurde nicht nur durch die Säkularisation die mehr als 1 000-jährige Klosterkultur Rheinland-Westfalens weitgehend beseitigt, sondern auch die zersplitterten Länder arrondiert. Unter dem Diktat Napoleons entstanden rechtsrheinisch 1806/07 als Mitglieder des Rheinbundes das Großherzogtum Berg, das den größten Teil des heutigen rechtsrheinischen Nordrhein-Westfalen umfasste, und das Königreich Westphalen. Durch den Wiener Kongress von 1815 kam das Rheinland als Rheinprovinz, Westfalen als Provinz Westfalen an Preußen, das mit seinen zwei neuen Westprovinzen Länder erwarb, die wirtschaftlich und gewerblich neben Sachsen und Schlesien zu den am weitesten fortgeschrittenen deutschen Ländern zählten. Frühindustrielle Schwerpunkte waren die Textilindustrie im Wuppertal, in Ravensberg und links des Niederrheins sowie die Eisenproduktion und -verarbeitung im Bergischen Land und im Siegerland.

4.1. Industrialisierung

Verbesserte Verkehrsbedingungen, zunehmender Einsatz von Dampfmaschinen, der Anschluss an den Deutschen Zollverein 1834 und die liberale preußische Wirtschaftspolitik beschleunigten ab 1850 in Rheinland-Westfalen die Hochindustrialisierung. Mit dem ersten Tiefschacht zur Erschließung der Steinkohlevorkommen bei Essen-Borbeck 1837, dem Eisenbahnbau ab 1838, dem ersten Kokshochofen auf der Friedrich-Wilhelms-Hütte in Mülheim an der Ruhr 1849 sowie dem Ausbau von Binnenschifffahrtswegen entwickelten sich Bergbau, Eisen- und Stahlindustrie und Chemie an Rhein, Ruhr, Lippe und Emscher und damit auch das Ruhrgebiet. Dieses wanderte, dem Abbau der Steinkohle folgend, allmählich nach Norden und wuchs zur größten urban-industriellen Agglomeration Europas heran.

Der stetig steigende Bedarf an Arbeitskräften besonders in der Montanindustrie wurde zunächst durch die Anwerbung von Bergleuten aus Oberschlesien, seit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 verstärkt auch aus anderen ostdeutschen Gebieten gestillt; bis 1914 stieg deren Zahl auf 800 000, darunter etwa 400 000 Menschen polnischer Sprache. Die Ansiedlung moderner Industrien, begleitet von der größten Binnenwanderung seit der Ostkolonisation im hohen Mittelalter, führte zu massiven Strukturveränderungen: Bäuerliche Siedlungen mussten Zechen weichen, aus Dörfern wurden riesige Industriesiedlungen wie Gelsenkirchen, Castrop, Bottrop und Wanne-Eickel; andere Städte wie Oberhausen entstanden erst durch die Industrieansiedlung. Die Bevölkerung im Ruhrgebiet wuchs von 1815 bis 1870 auf fast das Sechsfache an, und von 1871 bis 1925 verfünffachte sie sich noch einmal. Neben der Verschärfung der Klassengegensätze hatte die Industrialisierung auch ökologische Folgen – die Verschmutzung von Luft, Wasser und Böden –, gegen die sich schon seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts Proteste regten.

4.2. Organisation der Arbeiterschaft

Mit der Industrialisierung begann die Herausbildung des so genannten vierten Standes, der (Industrie-)Arbeiterschaft, die in den Rheinländern Karl Marx und Friedrich Engels ihre bedeutendsten Theoretiker fand. Nach ersten Erfolgen Ferdinand Lassalles und seines Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins 1864 im Bergischen Land konnte sich die sozialistische Arbeiterbewegung in Rheinland-Westfalen zunächst kaum durchsetzen, zumal da die katholische Zentrumspartei – anders als liberal-protestantische Gruppen – hier bereits 1870 die „Arbeiterfrage” als Problem erkannte. Im Boom der Gründerjahre kam es 1872 in Essen zu einem erfolglosen Streik, woraufhin Sozialdemokratie und Zentrum die Arbeiterschaft in Gewerkschaften zu organisieren begannen. Der große, im ganzen Revier ausgerufene Ruhrbergarbeiterstreik von 1889 erzwang Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und Löhne. Weitere, teils erfolgreiche Bergarbeiterstreiks (1905, 1912) – die größten deutschen Streikbewegungen vor 1918 – folgten parallel zu dem steilen wirtschaftlichen Aufstieg, den die Region infolge der um 1895 einsetzenden Hochkonjunktur bis zum Beginn des 1. Weltkrieges nahm.

5. Vom 1. zum 2. Weltkrieg

Während des 1. Weltkrieges spielte das Ruhrgebiet als ein Zentrum der Rüstungsproduktion eine überaus wichtige Rolle; dem zunehmenden Mangel an Arbeitskräften suchte das Hilfsdienstpflichtgesetz entgegenzuwirken. Infolge des Versailler Vertrags wurde das linke Rheinufer bis 1926 – mit Brückenköpfen um Köln, Koblenz und Mainz – von alliierten Truppen besetzt. Wie der von Freikorps und Reichswehr niedergeschlagene Versuch der USPD und der KPD, im unbesetzten Teil der Rheinprovinz, u. a. in Duisburg und Düsseldorf, Anfang 1919 eine Räterepublik zu errichten, fanden auch von Frankreich inspirierte separatistische Forderungen nach einer Rheinisch-Westfälischen Republik keine Mehrheit in der Bevölkerung.

In den ersten Nachkriegsjahren erschütterten das Ruhrgebiet Streiks und Unruhen, die im Ruhraufstand 1920 ihren Höhepunkt fanden: Mit Hilfe seiner Roten Ruhr-Armee aus etwa 50 000 Mann übernahm der größte bewaffnete Arbeiteraufstand der deutschen Geschichte Ende März 1920 die Macht im Ruhrgebiet, wurde jedoch von Reichswehr und Freikorps niedergeschlagen. Am 11. Januar 1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet und lösten mit dem Ruhrkampf eine neue Krise aus. Die Reichsregierung reagierte unter Zustimmung von Reichstag und Gewerkschaften mit einem Aufruf zum passiven Widerstand, der u. a. durch Stilllegung der Produktion, insbesondere der Kohleförderung, Reparationsleistungen unmöglich machen sollte. Nach dem Abbruch der Aktion steigerte sich die seit 1921 galoppierende Geldentwertung zur Hyperinflation.

Mitte der zwanziger Jahre begann der Rückgang der Schwerindustrie. Die durch Rationalisierung und Mechanisierung in der Schwerindustrie ausgelöste Arbeitslosigkeit konnte auch während des wirtschaftlichen Aufstiegs der Jahre 1925 bis 1928 nicht ausgeglichen werden.

Die NSDAP fasste in Rheinland-Westfalen, verglichen mit dem Reichsdurchschnitt, langsamer Fuß, aber seit der Weltwirtschaftskrise 1929, die das hochindustrialisierte Gebiet mit horrender Arbeitslosigkeit besonders hart traf, fand sie die Unterstützung der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie und gewann auch in der Arbeiterschaft zunehmend Anhänger. Gefolgt von der SPD blieb jedoch in der Weimarer Zeit das Zentrum bis 1933 stärkste Partei – mit Persönlichkeiten wie dem Reichskanzler Wilhelm Marx sowie Konrad Adenauer.

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 erfolgte die Gleichschaltung Rheinland-Westfalens. Die nördliche Rheinprovinz wurde in drei, Westfalen in zwei Gaue aufgeteilt. Ab 1933 erfuhr die rheinisch-westfälische Schwerindustrie erneut eine Belebung, die – durch die Aufrüstung ab 1935 forciert – bis in den 2. Weltkrieg anhielt. In das entmilitarisierte linksrheinische Gebiet ließ Hitler 1936 gegen den Versailler Vertrag Wehrmachttruppen einmarschieren.

Im 2. Weltkrieg zerstörten britisch-amerikanische Luftangriffe Städte wie Köln, Münster, Paderborn, Düren und Jülich. Die Produktion, insbesondere in Bergbau und Rüstungsindustrie, wurde durch massiven Einsatz von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen bis Kriegsende größtenteils aufrechterhalten. Im Winter 1944/45 war Rheinland-Westfalen Schauplatz heftiger Kämpfe.

6. Das Bundesland Nordrhein-Westfalen

Nach Kriegsende zählte das Gebiet zur britischen Besatzungszone. Im August 1946 bildete die britische Militärregierung aus der ehemals preußischen Provinz Westfalen und dem nördlichen Teil der ehemals preußischen Rheinprovinz das Land Nordrhein-Westfalen; das ehemalige Land Lippe kam im Januar 1947 dazu. Im Juli 1946 eingesetzt, regierte Rudolf Amelunxen, 1945 einer der Wiederbegründer des Zentrums, als erster Ministerpräsident bis 1947. Am 11. Juli 1950 trat die Landesverfassung in Kraft.

Von den ersten Landtagswahlen 1947 bis 1966 stellte die CDU – mit Ausnahme der Jahre 1956 bis 1958, als die SPD mit Fritz Steinhoff als Ministerpräsidenten regierte – als stärkste Partei die Ministerpräsidenten: Karl Arnold (1947-1956) koalierte zunächst mit SPD, KPD und Zentrum, von 1950 bis 1954 mit dem Zentrum, anschließend mit FDP und Zentrum; Franz Meyers (1958-1966) stützte sich bis 1962 auf die absolute Mehrheit seiner Partei und bildete 1962 eine Koalitionsregierung mit der FDP, bis er 1966 von der SPD abgelöst wurde.

Von 1966 bis 2005 führte die SPD die Regierung an: Ministerpräsident Heinz Kühn (1966-1978) regierte in Koalition mit der FDP, Johannes Rau (1978-1998) setzte bis 1980 die Koalition mit der FDP fort, regierte bis 1995 mit einer absoluten SPD-Mehrheit und dann in Koalition mit Bündnis 90/Die Grünen; Wolfgang Clement (1998-2002) setzte bis zu seinem Wechsel in die Bundesregierung die rotgrüne Koalition fort, auf die sich auch sein Nachfolger Peer Steinbrück (2002-2005) stützte. Unter Steinbrück verlor die SPD bei den Landtagswahlen im Mai 2005 die Mehrheit an die CDU, die nun nach 39 Jahren in der Opposition mit Jürgen Rüttgers (CDU) an der Spitze in einer Koalition mit der FDP die Regierungsverantwortung übernahm.

Der in den fünfziger Jahren einsetzende Rückgang der Montanindustrie erzwang in Nordrhein-Westfalen einen umfassenden Strukturwandel, dessen Bewältigung auch heute noch zu den vordringlichsten Aufgaben gehört.