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| 1. | Einleitung |
Niedersachsen, Bundesland im Norden der Bundesrepublik Deutschland. Nach Norden wird Niedersachsen von der Nordsee und den Bundesländern Hamburg und Schleswig-Holstein begrenzt. Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt grenzen im Osten, Thüringen, Hessen und Nordrhein-Westfalen im Süden an. Im Westen grenzt Niedersachsen an die Niederlande. Der Stadtstaat Bremen wird von Niedersachsen umschlossen. Hauptstadt des Bundeslandes ist Hannover. Weitere große Städte sind Braunschweig, Osnabrück, Oldenburg, Wolfsburg, Göttingen, Hildesheim und Salzgitter.
| 2. | Land |
Niedersachsen ist mit einer Fläche von 47 614 Quadratkilometern das zweitgrößte deutsche Bundesland. Es reicht von der Nordseeküste bis zur deutschen Mittelgebirgsschwelle.
Große Teile des Landes gehören zur Norddeutschen Tiefebene, mit der Lüneburger Heide und dem Wendland im Osten, ausgedehnten Heide- und Moorgebieten zwischen Weser und Emsland im Westen und dem flachen Küstenraum der Nordsee mit Ostfriesland und den Ostfriesischen Inseln im Norden. Das Norddeutsche Tiefland ist bedeckt von pleistozänen Ablagerungen. Skandinavische Eismassen bedeckten während der Elster- und während der Saale-Eiszeit wiederholt das Land und hinterließen (Alt-)Moränen und Sanderflächen. Den aus dieser Oberflächenformung resultierenden, in Norddeutschland verbreiteten Landschaftstyp nennt man Geest. An die Geest schließt sich zur Nordsee hin das tiefer liegende Marschland an, auf das im Gezeitenbereich das Wattenmeer folgt – lediglich am Jadebusen und bei Cuxhaven reicht die Geest bis an die Nordsee.
Im Südosten hat Niedersachsen Anteil an den deutschen Mittelgebirgen. Das Relief der ansteigenden Mittelgebirgsschwelle wird im Übergangsbereich zum Norddeutschen Tiefland durch die teilweise mächtigen Lößdecken der Bördenlandschaften (z. B. Hildesheimer Börde) verwischt. An den Grenzen zu Sachsen-Anhalt und Thüringen reicht der Harz, mit der höchsten Erhebung des Bundeslandes (Wurmberg, 971 Meter hoch), nach Niedersachsen hinein; an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen liegen die weit gespannten Aufwölbungen des Weserberglandes, die Schichtstufen des Leineberglandes und die Schichtkämme des Weser- und Wiehengebirges. Zwischen dem Solling und dem Harzvorland ist der Leinegraben eingesenkt.
Die wichtigsten Wasserstraßen des Bundeslandes sind in nordsüdlicher Richtung Ems, Weser, Aller, Elbe und der Elbeseitenkanal sowie in ostwestlicher Richtung der Mittellandkanal.
Das Klima Niedersachsens wird im Norden durch die Nordsee geprägt, im Südosten weist es kontinentalere Züge auf. In weiten Teilen des Landes fallen durchschnittlich 600 bis 800 Millimeter Jahresniederschlag, lediglich am Harz werden über 1 200 Millimeter erreicht.
Der Harz weist eine nahezu geschlossene Waldbestockung auf, verbreitet sind Fichtenbestände. Auf den geringmächtig entwickelten Böden des Weserberglands stehen vor allem Laubwälder. Auf der Geest findet man neben der Heidevegetation Hochmoore und Kiefernbestände. In den Marschlandgebieten sind Wiesen und Weiden vorherrschend.
| 3. | Bevölkerung |
Die Einwohnerzahl des Bundeslandes beträgt etwa 7,99 Millionen. Die Bevölkerungsdichte liegt bei 168 Einwohnern pro Quadratkilometer; im südlichen Landesteil (Ballungsraum Hannover) werden auch Werte von 500 Einwohnern pro Quadratkilometer erreicht. Die Bevölkerung besteht vor allem aus Friesen und Niedersachsen. Etwa 65 Prozent der Einwohner sind evangelisch, 20 Prozent sind katholisch.
| 4. | Verwaltung und Politik |
Die Landesverfassung wurde 1951 verabschiedet. Seit 1998 werden die 152 Mitglieder des Landtages für eine Amtszeit von fünf Jahren gewählt; vorher dauerte eine Legislaturperiode vier Jahre. Niedersachsen gliedert sich in neun kreisfreie Städte und 38 Landkreise. 1996 durften bei den Kommunalwahlen erstmals auch 16- und 17-Jährige wählen. Damit war Niedersachsen das erste Land Europas, in dem Jugendliche unter 18 Jahren an Wahlen teilnehmen durften.
| 5. | Bildung und Kultur |
In Niedersachsen gibt es Universitäten in Hannover, Braunschweig, Göttingen, Hildesheim, Lüneburg, Oldenburg, Osnabrück und Clausthal-Zellerfeld. Fachhochschulen bestehen in Emden, Hannover, Hildesheim, Lüneburg, Vechta, Wilhelmshaven und Wolfenbüttel. In Braunschweig gibt es eine Hochschule für bildende Künste, in Hannover eine für Musik und Theater.
Eine in ihrer Fülle einmalige Sammlung zur europäischen Kulturgeschichte von der späten Antike bis zum 18. Jahrhundert birgt die Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, in der u. a. Gotthold Ephraim Lessing und Gottfried Wilhelm Leibniz als Bibliothekare arbeiteten. Die alte Universitätsstadt Göttingen war im 19. Jahrhundert ein Zentrum der liberalen Bewegung in Deutschland, angeführt von den Professoren der Göttinger Sieben (mit u. a. den Gebrüdern Jacob und Wilhelm Grimm). Ein bekannter Schriftsteller Niedersachsens ist Hermann Löns, der Dichter der Lüneburger Heide.
Von Juni bis Oktober 2000 fand in Hannover die erste Weltausstellung (Expo) in Deutschland statt.
| 6. | Wirtschaft |
Niedersachsen ist ein an Rohstoffen reiches Bundesland: Fast 100 Prozent des in Deutschland geförderten Erdgases und über 90 Prozent des geförderten Erdöls kommen aus Niedersachsen. Im Emsland, im Raum Sulingen (zwischen Nienburg und Vechta), südlich von Oldenburg und im Norden der Lüneburger Heide wird Erdgas gefördert, im Raum Celle-Hankensbüttel, im Emsland und östlich von Vechta Erdöl. Um Hannover, Hildesheim und Salzgitter wird Kalisalz abgebaut, im Raum Helmstedt Braunkohle.
Die wichtigsten Industriebranchen des Bundeslandes sind der Fahrzeugbau (in Wolfsburg, Braunschweig, Osnabrück, Emden und Hannover), die Nahrungs- und Genussmittelindustrie, der Maschinenbau und die chemische Industrie. Niedersachsen weist ausgeprägte strukturelle Unterschiede auf: Der Norden ist dünn besiedelt und wenig industrialisiert, während die Räume Hannover und Braunschweig hoch industrialisiert und stark verdichtet sind. Die größte Industrieschau der Welt, die Hannovermesse, findet seit 1947 in der Landeshauptstadt statt.
Die Landwirtschaft profitiert von den fruchtbaren Lößböden und den jungen Marschböden an der Nordseeküste. In diesen Bereichen werden vor allem Weizen, Zuckerrüben, Silomais und Gemüse angebaut; in Ostfriesland ist auch die Milchwirtschaft verbreitet. Im Alten Land (im Westen von Hamburg), im nördlichen Emsland, zwischen Vechta und Cloppenburg und im Norden des Wesergebirges ist der Obstanbau verbreitet. Der Räume Oldenburg und Vechta sowie das südliche Emsland sind Zentren der Viehwirtschaft in Deutschland. Hier werden meist in Großbetrieben Schweine, Hühner und Rinder gehalten.
Touristische Anziehungspunkte Niedersachsens sind die Nordseeküste mit den Ostfriesischen Inseln, die Lüneburger Heide, Harz und Solling.
| 7. | Geschichte |
Das Land Niedersachsen wurde 1946 gebildet und erhielt 1949 den Status eines Bundeslandes. Der Raum dieses Landes war Schauplatz wesentlicher Ereignisse der deutschen Geschichte.
| 1. | Von der Vorgeschichte zum frühen Mittelalter |
Die älteste bekannte Holzjagdwaffe der Welt, der etwa 350 000 Jahre alte Speer von Schöningen, ist die früheste Spur von Menschen im Gebiet des heutigen Niedersachsen; ab etwa 5500 v. Chr. war die Gegend dauerhaft besiedelt. Um die Zeitenwende lebten hier germanische Stämme: im Westen Friesen und Chauken, im Norden Langobarden, in der Mitte Angrivarier, im Süden Cherusker, die unter Arminius die Eroberung des rechtsrheinischen Germanien durch Rom verhinderten.
Während der Völkerwanderung drangen Sachsen von der Nordseeküste nach Süden vor und beherrschten seit dem 7. Jahrhundert n. Chr. Nord- und Mitteldeutschland bis zur Unstrut, mit Siedlungsschwerpunkt in Niedersachsen. Alljährlich trafen sich die sächsischen Teilstämme zur Stammesversammlung in Marklo, vermutlich das heutige Markloh bei Nienburg an der Weser.
| 2. | Niedersachsen im Mittelalter |
In den Sachsenkriegen 772 bis 804 wurden die von Widukind geführten Sachsen von Karl dem Großen unterworfen. Zur Christianisierung entstanden unter Karl und seinen Nachfolgern Bistümer wie Bremen, Osnabrück und Hildesheim sowie bedeutende Stifte und Klöster wie Corvey und Gandersheim. Zu wichtigen Handelsplätzen entwickelten sich u. a. das erstmals 805 erwähnte Bardowick sowie Brunswik (Braunschweig).
| 2.1. | Vom Stammesherzogtum zur Königslandschaft |
Mit dem Zerfall des Karolingerreiches traten im 9. Jahrhundert mächtige sächsische Adelsgeschlechter hervor, darunter die Ottonen, die das sächsische Stammesherzogtum begründeten und, beginnend mit Heinrich I., von 919 bis 1024 die Könige bzw. Kaiser des Heiligen Römischen Reiches stellten, womit sich der Südosten Niedersachsens um die Pfalzen Werla bei Goslar, Grohnde und Pöhlde zu einer Kernlandschaft des Reiches entfaltete. Goslarer Kupfer und Silber sowie Lüneburger Salz beschleunigten die wirtschaftliche Entwicklung Niedersachsens, mit der auch eine kulturelle Blüte (Roswitha von Gandersheim, Widukind von Corvey, Bernward von Hildesheim) einherging.
Nach dem Aussterben der Ottonen 1024 erlangten die fränkischen Salier die Königs- und Kaiserwürde. Sie konnten sich aber bis zu ihrem Aussterben 1125 gegen die mächtigen sächsischen Adelsgeschlechter nicht durchsetzen, wie die 1073 von Otto von Northeim und 1115 von Lothar von Supplinburg geführten Aufstände zeigen. Mit Letzterem wurde 1125 wieder ein Sachse zum König gewählt; er belehnte 1137 den bayerischen Herzog, den Welfen Heinrich X., den Stolzen, auch mit dem Herzogtum Sachsen.
| 2.2. | Heinrich der Löwe und die Aufteilung des Stammesherzogtums Sachsen |
Heinrichs des Stolzen Sohn, Heinrich der Löwe, seit 1156 Herzog von Bayern und Sachsen, geriet wegen seiner Machtpolitik in Gegensatz zu den Großen des Reiches, besonders zu Kaiser Friedrich I. Barbarossa, und wurde 1180 abgesetzt. Das Herzogtum Sachsen wurde aufgeteilt: Westfalen fiel an das Erzbistum Köln, der östliche Teil Sachsens kam als Herzogtum an die Askanier, die wie ihre Nachfolger, die Wettiner, ihr Herrschaftsgebiet nach Südosten verlagerten, wohin der Name Sachsen mitwanderte; seit dem 14./15. Jahrhundert wurden die altsächsischen Gebiete als „Niedersachsen” von „Obersachsen”, den mitteldeutschen Landen des Kurfürstentums Sachsen, unterschieden.
Im verbleibenden Teil, etwa dem heutigen Niedersachsen entsprechend, bildeten sich nach 1180 an die 40 Landesherrschaften, unter denen später die Welfenlande Braunschweig und Hannover sowie die nichtwelfischen Oldenburg und Schaumburg-Lippe die bedeutendsten waren.
| 2.3. | Niedersachsen im späten Mittelalter |
Mit dem Ende der Versuche des Sohnes von Heinrich dem Löwen, Ottos IV. von Braunschweig, sich gegen die Reichsfürsten durchzusetzen, verlor Niedersachsen seinen unmittelbaren Einfluss auf die Herrschaft im Reich. Heinrichs des Löwen Enkel, Otto das Kind, wurde 1235 von Kaiser Friedrich II. mit dem welfischen Restbesitz, dem Herzogtum Braunschweig-Lüneburg, belehnt. Darin bildeten sich durch Erbteilungen im 13. und 15. Jahrhundert u. a. die Fürstentümer Wolfenbüttel, Calenberg, Göttingen, Grubenhagen und Lüneburg. Um 1450 umfasste das Gesamtherzogtum Braunschweig-Lüneburg ein fast geschlossenes Herrschaftsgebiet von der Elbe bis zur Oberweser.
Gestützt auf ihre Wirtschaftskraft, blühten seit dem 13. Jahrhundert die Städte auf und machten sich von den Landesherrschaften unabhängig. Dazu gehörten Braunschweig, Lüneburg, Hannover und Göttingen, alle Mitglieder des sächsischen Städtebundes und der Hanse. Daneben erlangten Ritter und Prälaten Macht gegenüber den meist hoch verschuldeten Fürsten.
| 3. | Von der Reformation bis zu den Napoleonischen Kriegen |
Mit Ausnahme kleinerer katholischer Enklaven mit den Bistümern Osnabrück und Hildesheim erfasste die Reformation ganz Niedersachsen. In Ostfriesland, in der Grafschaft Bentheim und um Bederkesa zog der Calvinismus ein. In den Fürstentümern Wolfenbüttel und Calenberg setzte Herzog Heinrich Julius (1589-1613) gegen die Stände eine für das Bauerntum über Jahrhunderte richtungweisende Regelung durch: Indem er die Abmeierung (siehe Bauernlegen) verbot, verhinderte er die Leibeigenschaft. Der Dreißigjährige Krieg belastete auch Niedersachsen, jedoch abgemildert durch oldenburgische und welfische Neutralitätspolitik.
| 3.1. | Hannover und Braunschweig-Wolfenbüttel |
Nach der letzten Teilung 1635 nahmen das zusammengefasste Fürstentum Calenberg-Grubenhagen-Göttingen mit Residenz in Hannover (seit 1636) sowie das Fürstentum Wolfenbüttel einen bedeutenden Aufschwung. Beide errichteten einen straffen Absolutismus, dem sich auch die früher unabhängigen Städte beugen mussten, und führten ihre Länder in eine wirtschaftlich-kulturelle Blütezeit; ein herausragendes Zeugnis dieser Zeit ist die von Herzog August dem Jüngeren (1634-1666) entscheidend ausgebaute Bibliotheca Augusta in Wolfenbüttel. Besonders Herzog Karl I. (1735-1780) förderte Wolfenbüttel durch die Gründung von Manufakturen wie der Porzellanmanufaktur Fürstenberg sowie des Collegium Carolinum, der ersten Technischen Hochschule Deutschlands, und durch die Berufung Gotthold Ephraim Lessings zum Bibliothekar in Wolfenbüttel. 1753 verlegte er die Residenz von Wolfenbüttel nach Braunschweig.
Bereits in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatten die Calenberger die politische Vorrangstellung gewonnen: Auf Herzog Johann Friedrich (1665-1679), der Gottfried Wilhelm Leibniz nach Hannover holte, folgte sein Bruder Ernst August I., dem gegen den erbitterten Widerstand des Wolfenbütteler Herzogs Anton Ulrich (1685-1714) die Erhebung seines Fürstentums Calenberg zum Kurfürstentum (Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg), genannt Kurhannover, gelang. Als Kurfürst Georg Ludwig 1705 auch noch Lüneburg erbte, verfügten die Calenberger über den größten Teil des welfischen Gebiets. Aufgrund dynastischer Verbindung mit England wurde Georg Ludwig, der einzige protestantische Urenkel König Jakob I., als Georg I. englischer König und regierte England und Hannover in Personalunion. Wegen dieser Verbindung hatte das Kurfürstentum im Siebenjährigen Krieg 1757 unter französischer Besetzung zu leiden.
Während der Napoleonischen Kriege belasteten Kontinentalsperre und Kriegsfolgen auch Niedersachsen. Von 1807 bis 1813 waren das südliche Hannover und Braunschweig französisch besetzt und wurden Teil des Königreiches Westphalen, das nördliche Niedersachsen kam zum Kaiserreich Frankreich.
| 4. | Vom Wiener Kongress bis zum Ende der Monarchien |
Nach den Befreiungskriegen bestanden als Ergebnisse des Wiener Kongresses auf niedersächsischem Boden im Wesentlichen das 1814 zum Königreich erhobene Kurfürstentum Hannover, das sich dank der Personalunion mit England beträchtlich – bis an die Nordsee – vergrößerte, das Herzogtum Braunschweig, das Großherzogtum Oldenburg und das Fürstentum Schaumburg-Lippe, die alle dem Deutschen Bund angehörten. Die Personalunion England-Hannover endete 1837.
Zwar hatte das Herzogtum Braunschweig nach einem Aufruhr 1832 eine neue Verfassung mit konstitutioneller Monarchie erhalten, aber die Märzrevolution 1848 festigte hier wie auch in Hannover, Oldenburg und Schaumburg-Lippe die konstitutionellen, liberaleren Verhältnisse nicht. Die 1855 durch König Georg V. wieder aufgehobene liberale Verfassung Hannovers von 1848 wurde immerhin Vorbild für andere deutsche Staaten.
Die Industrialisierung erfolgte im Herzogtum Braunschweig mit Jute- und Flachsverarbeitung, Mühlenbau und Zuckerfabriken, Maschinen- und Anlagenbaubetrieben, Eisengießereien und Braunkohleabbau. Mit der Eisenbahnlinie von Braunschweig nach Wolfenbüttel wurde 1838 die erste deutsche Staatsbahn in Betrieb genommen. In Oldenburg entwickelten sich u. a. Textilindustrie, Maschinenbau und Eisengießereien. In Schaumburg-Lippe wurden Steinkohle und Kali abgebaut.
In der Auseinandersetzung um die Vormachtstellung in Deutschland stellte sich Hannover unter König Georg V. im Deutschen Krieg 1866 gegen Preußen und musste nach der Schlacht von Langensalza am 29. Juni kapitulieren. Preußen annektierte das Königreich Hannover und machte es zu einer preußischen Provinz. Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe traten 1871 dem Deutschen Reich bei, Hannover kam als Teil Preußens zum Deutschen Reich. Infolge der Novemberrevolution von 1918 dankten wie im übrigen Deutschland auch in den niedersächsischen Ländern die Monarchen ab.
| 5. | Weimarer Republik und Nationalsozialismus |
Die Novemberrevolution am Ende des 1. Weltkrieges 1918 verlief in den Ländern des heutigen Niedersachsen unterschiedlich: Hannover blieb preußische Provinz und wurde von 1920 bis 1933 von einem Oberpräsidenten, dem Sozialdemokraten Gustav Noske, verwaltet. Die SPD blieb trotz abnehmender Stimmenzahl stärkste Partei. Oldenburg und Schaumburg-Lippe, zunächst von Arbeiter- und Soldatenräten regiert, konstituierten sich 1919 bzw. 1922 mit neuen Verfassungen als Freistaaten. In Oldenburg war die Deutsche Demokratische Partei stärkste Partei, bis sie 1932 in dieser Position von der NSDAP abgelöst wurde; in Schaumburg-Lippe behauptete sich die SPD als stärkste Kraft.
Wegen eines Konflikts zwischen neu gewählter Landesversammlung und Arbeiter- und Soldatenräten in der „Sozialistischen Republik Braunschweig” riefen Spartakisten einen Generalstreik aus, der 1919 von Truppen der Reichsregierung niedergeschlagen wurde. 1922 konstituierte sich Braunschweig mit neuer Verfassung als Freistaat. Von 1924 bis 1927 regierten bürgerliche Parteien. Die 1927 gebildete SPD-Regierung hatte bereits mit heftiger Opposition zu kämpfen. Nach den Wahlen im September 1930 übernahm eine bürgerliche Einheitsliste in Koalition mit der NSDAP die Regierung. 1932 wurde der österreichische Staatsbürger Adolf Hitler durch Übernahme in den braunschweigischen Beamtenstand naturalisiert und in Deutschland wählbar gemacht.
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 wurden auch die Länder des heutigen Niedersachsen gleichgeschaltet. Der Blut-und-Boden-Mythos wurde in dem überwiegend agrarischen Niedersachsen besonders verbreitet und z. B. durch das Reichserbhofgericht in Celle und die Ernennung Goslars zur Reichsbauernstadt unterstützt. Mit der Aufrüstung ab 1935 wurden neue Großindustrien wie die Reichswerke Salzgitter und 1938 das Volkswagenwerk in Wolfsburg aufgebaut. Im 2. Weltkrieg wurden u. a. die alten Fachwerkstädte Braunschweig, Emden, Hildesheim, Osnabrück und Hannover zu großen Teilen zerstört.
Nach Kriegsende nahm auch Niedersachsen eine große Zahl der aus dem Osten Vertriebenen auf; deren Eingliederung zählte zu den Hauptaufgaben der ersten Nachkriegsregierungen.
| 6. | Niedersachsen seit 1945 |
1946 bildete die britische Militärregierung, zu deren Besatzungszone das Gebiet gehörte, aus den Ländern Hannover, Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe das Land Niedersachsen, das 1949 Bundesland der Bundesrepublik Deutschland wurde.
Bis 1974 stärkste Kraft im Landtag, regierte die SPD bis 1976 u. a. mit Georg Diederichs (1961-1970) und Alfred Kubel (1970-1976) als Ministerpräsidenten in verschiedenen Koalitionen. Anschließend führte bis 1990 die CDU unter Ernst Albrecht die Regierung, zumeist in einer Koalition mit der FDP. Von 1990 bis 2003 hatte erneut die SPD die Regierungsverantwortung inne, zunächst in einer Koalition mit Bündnis 90/Die Grünen, ab 1994 dann gestützt auf eine absolute SPD-Mehrheit im Landtag; Ministerpräsidenten dieser Phase waren Gerhard Schröder (1990-1998), Gerhard Glogowski (1998/99) und Sigmar Gabriel (1999-2003). 2003 kehrte die CDU mit Christian Wulff als Ministerpräsident in einer Koalition mit der FDP in die Regierung zurück.