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| 1. | Einleitung |
Lateinamerika, im weitesten Sinne die gesamte amerikanische Landmasse südlich der Vereinigten Staaten; im engeren Sinn all jene Länder Amerikas, die aus Kolonialgebieten Spaniens, Portugals und Frankreichs hervorgingen, da die Sprachen dieser europäischen Länder auf das Lateinische zurückgehen.
Der vorliegende Eintrag behandelt nur die Entwicklung und Geschichte Lateinamerikas seit der Entdeckung der westlichen Hemisphäre durch die Europäer. Zur Geschichte der präkolumbischen Bevölkerung siehe Indianer. Zur Landesnatur und Geschichte siehe Zentralamerika, Nordamerika, Südamerika. Siehe auch Einträge zu einzelnen Ländern.
| 2. | Kolonisierung |
Beginnend mit den Seereisen Christoph Kolumbus’ von 1492 bis 1504 segelten Europäer unter spanischer und portugiesischer Flagge in die Neue Welt. Die Spanier drangen von ihrem ersten Stützpunkt auf den Westindischen Inseln nach Mittelamerika, Mexiko und Peru vor und unterwarfen die dort ansässige Bevölkerung. Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts nahmen sie große Teile Süd-, Mittel- und Nordamerikas bis hin zur heutigen Grenze der Vereinigten Staaten in Besitz. Die Portugiesen ließen sich an der Küste Brasiliens nieder. Die Eroberer zwangen den Einheimischen die spanische bzw. portugiesische Sprache und Kultur auf und versuchten, die auf der römischen Traditon beruhenden Vorstellungen von Gesetz, Verwaltung und Rechtswesen auf dem Kontinent durchzusetzen.
Der römisch-katholische Klerus „bekehrte” die Indianer zur hispanisch-christlichen Kultur. Diese wurde damit zum wichtigsten Bildungsträger in den Kolonien, errichtete Hospitäler und andere soziale Einrichtungen. Neben den königlichen Regierungen war sie auch der größte Landbesitzer in den Kolonien. Mitglieder des Klerus hatten gehobene Positionen in der Regierung inne und waren als Bankiers tätig.
| 3. | Bevölkerung |
Unmittelbar vor der Eroberung Amerikas durch die Europäer lebten dort mehr als 80 Millionen Menschen. Im Vergleich dazu belief sich die europäische Bevölkerung auf ungefähr 60 Millionen, die spanische und portugiesische auf höchstens acht Millionen Menschen. Die wenigen spanischen und portugiesischen Eroberer und Siedler gingen mit für die Einheimischen unbekannter Brutalität gegen diese vor und brachen systematisch Verträge und Vereinbarungen, um ihre Ziele zu erreichen. Darüber hinaus wurde der Großteil der Indianer, einschließlich der Azteken-, Maya- und Inka-Völker Mexikos, Mittelamerikas und der Anden, schon bald von Seuchen dahingerafft, die die Eroberer eingeschleppt hatten. Die wenigen Überlebenden, Schätzungen zufolge nicht mehr als 15 Prozent der ursprünglichen Bevölkerung, bildeten am Ende eine Unterschicht, die auf den Pflanzungen und in den Bergwerken der Iberer Zwangsarbeit leistete. Die Kolonialherren ließen afrikanische Sklaven ins Land bringen, vor allem nach Brasilien und auf die Karibikinseln, aber auch in Gebiete auf dem spanisch-amerikanischen Festland. Elemente einheimischer und afrikanischer Sprachen, Religionen, der Volkskunst und der Lebensart haben sich erhalten und sich mit europäischen Kulturelementen vermischt.
Die Iberer brachten kaum Frauen nach Amerika, sondern nahmen afrikanische und einheimische Frauen mit Gewalt. Gegen Ende der Kolonialzeit bildeten Menschen mit gemischter Abstammung (Mestizen und Mulatten) die Bevölkerungsmehrheit in vielen lateinamerikanischen Kolonien. Kulturelle Vielfalt ist charakteristisch für die Region.
In ganz Lateinamerika bildeten sich ähnliche soziale Strukturen heraus. Wenige königliche Beamte regierten die Kolonien gemeinsam mit dem Klerus und einer kleinen Gruppe von Landbesitzern und Händlern.
Mit Hilfe einer zentralistisch organisierten Handelsorganisation versuchten die Iberer fremde Mächte fernzuhalten, aber die Gold- und Silberfunde in den amerikanischen Kolonien lockten Eindringlinge an. Briten, Franzosen und Holländer gelang es, in den Randzonen Lateinamerikas Handelsstützpunkte zu errichten.
| 4. | Das Ende der Kolonialherrschaft |
Im 18. Jahrhundert wurde die Ausfuhr landwirtschaftlicher Erzeugnisse gesteigert, der Bergbau intensiviert, die Verwaltung effizienter gestaltet, die Landesverteidigung verbessert und Territorien wurden vergrößert. Diese Reformen brachten höhere Erträge und Einkünfte, waren aber auch für wachsende Unzufriedenheit bei der kreolischen (in Amerika geborene europäische) Bevölkerung verantwortlich, die von dieser wirtschaftlichen Entwicklung ausgeschlossen blieb. Durch den steigenden Bedarf an Land und Arbeitskraft verschlechterte sich die soziale Lage der Bevölkerungsmehrheit weiter.
Die Philosophie der Aufklärung und das Aufkommen liberalen Denkens beeinflussten die geistigen Eliten in den Kolonien nachhaltig, aber erst der Einmarsch Napoleons auf der iberischen Halbinsel (1807-1808) führte zur Unabhängigkeit Lateinamerikas. Bis zum Jahr 1825 hatte sich das gesamte spanische Amerika außer Kuba und Puerto Rico von Spanien losgesagt und Republiken unter kreolischer Führung errichtet. In Brasilien errichteten Kreolen 1822 ein unabhängiges Königreich unter einem portugiesischen Fürsten.
| 5. | Freiheitliche Republiken und Diktaturen |
Die kreolischen Führungseliten, die nach der Unabhängigkeit an die Macht gelangten, schafften ganz im Sinne der Freihandelslehre des 19. Jahrhunderts Steuern und Zölle ab. Die hohen Erwartungen wurden jedoch enttäuscht. Politische Instabilität und wirtschaftliche Rezession stellte sich ein. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatten konservative Diktatoren und Machthaber in den meisten Ländern die Macht an sich gerissen.
Die führende Weltmacht Großbritannien gewann immer größeren Einfluss, kommerzielle Landwirtschaft und Bergbau wurden von den Briten gefördert. Nach Großbritannien wurden die Vereinigten Staaten von Amerika wichtigster Abnehmer und Kapitalgeber Lateinamerikas. Im 20. Jahrhundert griffen sie häufig in die inneren Angelegenheiten einzelner Staaten ein.
In einigen Ländern, vor allem Argentinien und Brasilien, beschleunigte die Massenimmigration von Eurpäern das allgemeine Wachstum. Die Einwanderer bildeten modernere politische Parteien und beanspruchten eine stärkere politische Beteiligung. Gleichzeitig lebte die ländliche Bevölkerung weiterhin in tiefer Armut und Unterdrückung. Die Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte ließ riesige städtische Slumviertel entstehen. Nach wie vor besteht ein ausgeprägter Gegensatz zwischen städtischem und ländlichem Leben. Landwirtschaftliche Erzeugnisse sind in den meisten Ländern Lateinamerikas auch heute noch die wichtigsten Exportprodukte. Mitte der neunziger Jahre zeichnete sich in den meisten Ländern ein wirtschaftlicher Aufschwung ab. Demokratisch gewählte Regierungen haben fast überall die Diktaturen abgelöst.