| Suchansicht | Indianersprachen | Artikelansicht |
| 1. | Einleitung |
Indianersprachen, die Sprachen der in Nord-, Mittel- und Südamerika beheimateten Indianer. Die genaue Anzahl der Indianersprachen ist nicht bekannt. Man schätzt, dass in Nordamerika (nördlich von Mexiko) heute etwa 200 unterschiedliche Sprachen gesprochen werden (zur Zeit der ersten Kontakte mit europäischen Siedlern etwa 500 bis 600). In Mittelamerika (in Mexiko und Zentralamerika) sind etwa 350 Sprachen bekannt. Die Sprachen Südamerikas sind am wenigsten erforscht: Etwa 450 Sprachen werden heute noch gesprochen, man hat Informationen über 120 ausgestorbene Sprachen, weitere 1 500 bis 2 000 Sprachen werden in Dokumenten erwähnt.
Die Gesamtsprecherzahl der Indianersprachen lässt sich allenfalls schätzen. Man nimmt an, dass zur Zeit der Besiedlung Amerikas durch die Europäer die Indianersprachen von etwa 1,5 Millionen Menschen (heute nur noch ca. 200 000) in Nordamerika, von etwa fünf Millionen (heute etwa sechs Millionen) in Mittelamerika und von etwa 10 bis 20 Millionen (heute etwa elf bis zwölf Millionen) in Südamerika gesprochen wurden.
| 2. | Die Hauptsprachen |
Die heute am weitesten verbreiteten Indianersprachen Nordamerikas sind das Navajo (ca. 80 000 Sprecher), das Ojibwa (ca. 40 000) und das Inupiaq oder Inuktitut (siehe Eskimo). Inupiaq wird von über 60 000 Menschen gesprochen; die in Grönland verbreitete Variante ist dort sogar offizielle Landessprache. In Mittelamerika sprechen über eine Million Menschen Náhuatl (Aztekisch), circa zwei Millionen die verschiedenen Maya-Sprachen und jeweils mehrere hunderttausend eine Reihe anderer Sprachen. In Südamerika ist Ketschua (Quechua) mit über acht Millionen Sprechern die verbreitetste Indianersprache überhaupt. Guaraní ist die einzige Indianersprache, die zur Verkehrs- und literarischen Sprache einer großen Zahl von Südamerikanern wurde, deren Vorfahren nicht vom amerikanischen Kontinent stammen; die Hälfte der zwei Millionen Sprecher sind Paraguayer europäischer Abstammung. In den Anden sprechen etwa 800 000 Menschen Aymara und in Chile etwa 200 000 Araukanisch. Die überwiegende Mehrzahl der Indianersprachen wird jedoch von jeweils nur ein paar hundert bis ein paar tausend Menschen gesprochen, manche sogar von nur 50 bis 100.
| 3. | Sprachliche Entlehnungen |
Die Indianer und die europäischen Kolonisten haben eine Vielzahl von Wörtern voneinander übernommen: Die Indianer nahmen Entlehnungen aus dem Holländischen (auf den Antillen), Englischen, Spanischen, Portugiesischen, Russischen (in Alaska) und Französischen (in Kanada und Louisiana) vor, während indianische Orts-, Pflanzen- und Tiernamen in die europäischen Sprachen eingegangen sind. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele: Alaska kommt von dem alëutischen Namen für die Halbinsel Alaska, Connecticut aus dem Mohikanischen (Algonkin-Ritwan) und bedeutet „langer Fluss”, Mexiko und Guatemala aus dem Náhuatl, Nicaragua aus einem aztekischen Dialekt, dem Pilpil. Eine Vielzahl indianischer Lehnwörter ging in die europäischen Sprachen ein: Kajak (Inuit), Tomahawk, Mokassin, Skunk (Algonkin), Tomate, Kojote, Chili, Schokolade, Kakao (Náhuatl), Puma, Kondor, Pampa, Lama, Alpaka (Ketschua), Kanu, Mais, Tabak (Taino, eine arawakische Sprache). In Lateinamerika beeinflussten sich das Spanische und vor allem das Ketschua, das Guaraní und das Náhuatl gegenseitig.
| 4. | Klassifikation |
Bei der Klassifikation der Indianersprachen in Sprachfamilien wurde bis heute noch kein Konsens erreicht. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts teilten zahlreiche Forscher die nordamerikanischen Sprachen in etwa 60 verschiedene Familien ein, zwischen denen sie keine vorzeigbaren genetischen (von einer gemeinsamen Proto-Sprache abstammenden) Verwandtschaftsbeziehungen erkennen konnten. Für Mittelamerika fanden sie 19 Familien und für Südamerika circa 80 Familien. Andere Wissenschaftler behaupteten, zwischen den meisten Indianersprachen genetische Beziehungen zu erkennen, und gingen daher von weniger Familien aus. Obwohl man annimmt, dass die ersten Menschen in Amerika aus Asien über die Beringstraße kamen, darf aus der großen genetischen Vielfalt der altamerikanischen Sprachen geschlossen werden, dass die Neue Welt in mehreren Wanderungsbewegungen bevölkert wurde.
Ein Hauptziel der Erforschung der Indianersprachen ist ihre genetische Klassifikation – die Einteilung dieser unglaublichen Vielzahl verschiedener Sprachen in überschaubare Familien. Diese Aufgabe scheint kaum lösbar, da ein enormer Datenbestand zu bearbeiten ist und immer mehr Sprachen aussterben. Im Jahr 1891 ging der amerikanische Ethnograph, Geologe und Sprachforscher John Wesley Powell von 58 Familien in Nordamerika aus, zu denen er allerdings aufgrund oberflächlicher Ähnlichkeiten gekommen war. Ungefähr zur selben Zeit stellte der amerikanische Sprachforscher Daniel Brinton für Südamerika 80 Familien vor. Wenn auch die Methodik seitdem strengere Richtlinien anlegt, so bilden doch diese beiden Klassifikationsschemata die Grundlage für alle späteren Einteilungen. 1929 fasste der amerikanische Sprachwissenschaftler und Ethnologe Edward Sapir die Familien Nordamerikas in sechs Großgruppen (Sprachphyla) und die Mittelamerikas in 15 zusammen. In jüngster Zeit haben jedoch Arealstudien – Untersuchungen des gegenseitigen Austausches grammatikalischer und anderer Besonderheiten unter den Familien innerhalb eines bestimmten geographischen Gebiets – gezeigt, dass zahlreiche der früher angenommenen, entfernten genetischen Ähnlichkeiten überprüft werden müssen. Der amerikanische Linguist Joseph Greenberg und andere reduzierten ihr Klassifikationsschema auf nur drei Familien: Eskimo-Alëut, Na-Dené und Amerind (mit elf Zweigen).
| 5. | Sprachliche Merkmale |
Wenn man die extremen genetischen Unterschiede zwischen den einzelnen Indianersprachen bedenkt, nimmt es nicht wunder, dass sie auch in Lautung und Grammatik stark auseinanderfallen. Es findet sich jedoch kein sprachliches Merkmal, das ausschließlich für Indianersprachen typisch ist. Die Vielfalt wird im Folgenden anhand des breiten Spektrums von Merkmalen gezeigt, aus denen die strukturellen Eigenschaften dieser Sprachen erkennbar werden.
| 1. | Phonologie |
Die Indianersprachen weisen eine große lautliche Vielfalt auf.
| 1.1. | Konsonanten |
Glottalisierte Konsonanten entstehen, wenn die Stimmbänder geschlossen sind, während der Laut mit verstärktem Druck produziert wird. Solche Laute kommen in Nordamerika u. a. in den athabaskischen, Sioux- und Salish-Sprachen vor, in Mittelamerika u. a. in den Maya-Sprachen und in Südamerika u. a. im Ketschua und Aymara.
Aspirierte Konsonanten entstehen, wenn auf die Explosion des Konsonanten ein kurzer Moment der Behauchung folgt (z. B. ist das t in tip aspiriert). In Nordamerika besitzen die Vertreter der Sioux-, der Pomo- und der Yuman-Sprachgruppe solche Laute, in Mittelamerika die taraskischen und die Oto-Mangue-Sprachen und in Südamerika u. a. das Inselkaribische (arawakischer Herkunft) und das Ketschua.
Retroflexive Konsonanten entstehen, wenn die Zungenspitze nach hinten eingerollt gegen den harten Gaumen artikuliert. (Wenn Inder Englisch sprechen, sind manche ihrer d- und t-Laute retroflexiv.) In Nordamerika besitzen die Pomo-, die Yuman- und verschiedene kalifornische Sprachen diese Konsonanten, in Mittelamerika die Mam- und die Kanjobal-Zweige der Maya-Sprachen und in Südamerika Vertreter der Pano- und der Tacaná-Familien, das Araukanische und einige andere Sprachen.
Uvulare Konsonanten entstehen noch weiter hinten im Mund als das k oder g; sie kommen auch im Hebräischen und Arabischen vor (der Verschluss wird in der Schrift als q wiedergegeben). Diese Laute finden sich in Nordamerika in der Eskimo-Alëut-Familie, den nördlichen utoaztekischen Sprachen und dem kalifornischen Athabaskischen, in Mittelamerika im Totonakischen und den Maya-Sprachen und in Südamerika im Toba (Guaikuru-Familie), Ketschua und Aymara.
Der velare nasale Konsonant ist der Laut ng im deutschen Fang. Er findet sich in Nordamerika in den Eskimosprachen, im Haida, den Yuman-Sprachen, den kalifornischen athabaskischen Sprachen und den nördlichen utoaztekischen Sprachen, in Mittelamerika in den Maya-Sprachen und im Zoque und in Südamerika u. a. im Araukanischen und in den Jívaro-Sprachen.
Stimmlose Nasal- und Gleitlaute sind Laute ähnlich einem geflüsterten m, n, w und y. In Nordamerika finden sie sich in den östlichen Pomo-Dialekten und im Tuscarora (Irokesisch), in Mittelamerika im Náhuatl, in den oto-mangueanischen Sprachen und, als Endkonsonanten, im Quiché und Totonakischen und in Südamerika als Endkonsonanten im Toba und als Nasale im Zamuko.
Ein stimmloses I (wie ein geflüstertes I) findet sich in Nordamerika in einigen Yupik-Eskimo- und kalifornischen Sprachen sowie bei den Vertretern der athabaskischen, der Salish- und der Muskogee-Familie, in Mittelamerika im Tequistlatekischen und in Südamerika u. a. im Araukanischen und im Machoto.
Laterale Affrikaten (Verbindungen eines Verschlusslautes mit einem unmittelbar nachfolgenden Reibelaut derselben Stimmqualität) ähneln einem kräftig aspirierten tl. In Nordamerika finden sich diese Laute bei den Vertretern der athabaskischen, der Sahaptin- und der Wakashan-Sprachen und in Mittelamerika bei den Náhuatl- und den Totonak-Sprachen.
| 1.2. | Vokale |
Stimmlose Vokale finden sich in Nordamerika im Zuñi, Hopi und Keres (Pueblo-Sprachen), in den Plateau-Shoshone-Sprachen (utoaztekisch) sowie im Cheyenne (Algonkin-Ritwan), in Mittelamerika im Totonakischen und einigen oto-mangueanischen Sprachen und in Südamerika u. a. in den Tukuna-Sprachen.
Nasalierte Vokale (wie im französischen bon) kommen in Nordamerika in den athabaskischen, östlichen Algonkin-, Irokesen-, Sioux-, Muskogee- und Kiowa-Tano-Sprachen vor. In Mittelamerika finden sie sich in den Oto-Mangue-Sprachen und in Südamerika in verschiedenen Sprachen, vor allem denen der Makro-Gê-, der Tupí- und der Pano-Gruppe.
Der Vokal i, ein hoher, zentraler, ungerundeter Laut, kommt in Nordamerika im Comanche (Plateau-Shoshone) und im Küsten-Tsimshian vor, in Mittelamerika in der Mixe-Zoque-Familie, im Chol- und im yukatekischen Maya, in Otomí (oto-mangueanisch) und einigen anderen Sprachen. Er ist auch in Südamerika verbreitet, u. a. im Araukanischen, im Guaraní, Guaymí (chibchanisch) sowie in den Pano- und den Tukana-Familien.
| 1.3. | Tonaler Akzent |
In einer Sprache mit tonalem oder Tonhöhenakzent unterscheidet ein Wechsel in der Tonhöhe Wörter, die andernfalls genau gleich klingen würden. Der tonale Akzent findet sich in Nordamerika in den folgenden Sprachen und Sprachgruppen: im Athabaskischen, Mohikanischen und Cherokee (irokesisch), im Crow (Sioux-Sprache), im Cheyenne, Arapaho und Penobscot (Algonkin-Ritwan) sowie in einigen Pomo-Dialekten. In Mittelamerika kommt er u. a. im Yukatekischen und im Uspanteco-Mayanischen sowie den oto-mangueanischen Sprachen vor, in Südamerika im Tukana und den Pano-, Chibcha- und Witoto-Sprachen.
| 2. | Grammatik |
Die Indianersprachen weisen erhebliche Unterschiede in der grammatikalischen Struktur auf. Im Folgenden werden einige gemeinsame grammatikalische Merkmale angeführt.
| 2.1. | Wortstellung |
Sprachen werden häufig nach gewissen Grundmustern der Wortstellung eingeteilt, da eine bestimmte Art der Wortstellung oft andere grammatikalische Strukturen nach sich zieht. So haben z. B. Sprachen mit der Wortstellung Subjekt-Prädikat-Objekt auch meist die Reihenfolge Adjektiv-Substantiv und Präposition-Substantiv, während der Wortstellung Subjekt-Objekt-Prädikat in der Regel die Reihenfolge Substantiv-Adjektiv und Substantiv-Präposition zugeordnet ist.
Obwohl Bedeutung und Funktion der Wortstellung von Sprache zu Sprache differieren, lassen sich in den folgenden Indianersprachen bestimmte Wortstellungen erkennen: Die Wortstellung Subjekt-Prädikat-Objekt kommt im Totonakischen und im Taraskischen in Mittelamerika vor, Subjekt-Objekt-Prädikat im Zapotekischen in Mittelamerika, den Pano-Sprachen in Südamerika und mehreren kalifornischen Sprachen, Prädikat-Subjekt-Objekt im Guaraní, Prädikat-Objekt-Subjekt im Quiché und Objekt-Subjekt-Prädikat im Haida.
| 2.2. | Ergative Typologie |
Das Konzept der ergativen Typologie verweist auf ein Kasussystem, das sich von dem Nominativ-Akkusativ-Muster des Englischen, Deutschen sowie der meisten bekannteren Sprachen unterscheidet. In diesen uns vertrauten Sprachen steht das Subjekt des Satzes im Nominativ, d. h., das Subjekt hat immer dieselbe Form und Funktion, ob nun der Satz transitiv (mit Akkusativobjekt) oder intransitiv (ohne Akkusativobjekt) ist. Im Gegensatz dazu hat das Subjekt eines transitiven Verbs in Sprachen mit ergativischer Struktur eine Kasusform (den Ergativ), während das Subjekt eines intransitiven Verbs eine andere Form aufweist – dieselbe Kasusform wie das Objekt eines transitiven Verbs (den Absolutiv). Die folgenden Indianersprachen kennen den Ergativ: in Nordamerika das östliche Pomo, das Tsimshian und einige andere Sprachen, in Mittelamerika einige mayanische und Mixe-Zoque-Sprachen sowie einige Sprachen in Südamerika.
| 2.3. | Switch Reference |
Sprachen mit Switch Reference zeigen durch das Verb an, ob sich Subjekt oder Objekt eines Satzes mit Subjekt oder Objekt eines vorhergehenden Satzes decken oder nicht. Das Kennzeichnungsverfahren von Switch Reference findet sich bei den nordamerikanischen Indianersprachen im Algonkin, Süd-Paiute, Papago und Yuman, in Mittelamerika im Jicaque und in Südamerika im Ketschua von Ecuador.
| 2.4. | Grammatikalische Unterscheidungsmerkmale |
Verschiedene grammatikalische Differenzierungen, die in einer Sprache durch eine bestimmte Wortart (z. B. das Substantiv) angezeigt werden, können in einer anderen Sprache durch eine andere Wortart (z. B. das Verb) ausgedrückt werden.
Bei Sprachen wie Russisch oder Latein, die die Funktion eines Substantivs (z. B. Subjekt, Akkusativobjekt, Dativobjekt) durch verschiedene Kasus markieren, spricht man von nominalen Kasussystemen. In Nordamerika finden sich solche Systeme in den Eskimosprachen, im Yuman, Nez Percé (Sahaptin) und einigen kalifornischen Sprachen sowie in den utoaztekischen Sprachen Nord- und Mittelamerikas.
In manchen Sprachen kommen bestimmte Substantive – in der Regel Verwandtschaftsbezeichnungen und Namen von Körperteilen – nur in der Form vor, die den unveräußerlichen Besitz anzeigt. Diese grammatikalische Kategorie des unveräußerlichen Besitzes gibt es in Nordamerika in den Eskimosprachen sowie den Algonkin-, Wakashan-, Salish-, Irokesen- und Sioux-Sprachen, in Mittelamerika außer im Utoaztekischen und den Maya-Sprachen in fast allen anderen Sprachen und in Südamerika nur in einigen wenigen Sprachen.
In manchen Sprachen wird neben Singular (ein) und Plural (mehr als zwei) der Dualis (zwei) gebildet. Der Dualis kommt in Nordamerika im Inuit sowie in den athabaskischen, Sioux-, Irokesen-, Muskogee- und Plateau-Shoshone-Sprachen vor, in Südamerika u. a. in der araukanischen Sprachfamilie. Es gibt auch den Dualis nur mit Pronomina, z. B. im Puelche: ma „du” (Singular), makma „ihr zwei” und mešma „ihr” (Plural).
Sprachen mit dem Unterscheidungsmerkmal inklusives/exklusives wir besitzen verschiedene Formen für wir, je nachdem ob der Sprecher den Angesprochenen in das wir mit einschließt oder nicht. Diese Opposition inklusiv/exklusiv findet sich in Nordamerika in den Shoshone-, Irokesen- und einigen Sioux-Sprachen, den Blackfoot-, Cheyenne- (Algonkin-Ritwan) und anderen Sprachen, in Mittelamerika im Chol-Mayanischen und einigen oto-mangueanischen Sprachen und in Südamerika u. a. in der karibischen Sprachfamilie und im Ketschua.
Verschiedene Formen für männlichen und weiblichen Genus gibt es in Südamerika in den arawakischen, Witoto- und Tukana-Sprachen, in Nordamerika im Küstensalish und einigen anderen Sprachen sowie im Pomo und Irokesischen. Die Unterscheidung belebtes/unbelebtes Genus findet sich in Nordamerika im Algonkin, Dakota, Kiowa, Comanche und anderen Sprachen sowie in Südamerika in einigen Sprachen.
Numeralklassifikatoren zeigen bei zählbaren Substantiven an, welcher Gegenstand gezählt wird, ähnlich wie im Englischen „four loaves of bread”. In Nordamerika gibt es sie im Menominee, Chippewa (Algonkin-Ritwan), Wakash, Salish, Tlingit und Tsimshian, in Mittelamerika im Maya, Taraskischen, Náhuatl und Totonakischen und in Südamerika im Mapuche (Peba-Záparo).
Bei der Inkorporierung werden Substantive oder Teile davon direkt vom Verb aufgenommen und mit Verbstämmen zu komplexen Verben kombiniert; z. B. in Náhuatl ni-tlaškal-čiwa, „ich-Tortillas-mache”. In Nordamerika erscheint dieses Wortbildungsverfahren in den nordathabaskischen, den Tsimshian-, einigen Caddo-, den irokesischen, utoaztekischen und Tano-Sprachen sowie in einigen anderen, in Mittelamerika im Náhuatl sowie den Maya- und den totonakischen Sprachen und in Südamerika in sehr vielen Sprachen.
Ein Direktivum ist eine Partikel im Verb, das die Richtung der Handlung angibt (in der Regel auf den Sprecher oder Empfänger zu oder von ihm weg): Im Mohikanischen heißt tasatáweya’t „komm herein”, während ya’satáweya’t „geh hinein” bedeutet. Direktiva finden sich in Nordamerika u. a. in der utoaztekischen, Algonkin-, athabaskischen, irokesischen und Sioux-Sprachfamilie, in Mittelamerika in den Maya-, utoaztekischen, oto-mangueanischen, taraskischen und totonakischen Sprachen und in Südamerika im Ketschua, Machoto, Toba und Záparo.
Sprachen mit klassifikatorischen Verbsystemen gebrauchen bestimmte Verben für Substantive, die eine bestimmte Gestalt oder Beschaffenheit bezeichnen (ähnlich dem deutschen trinken für Flüssigkeiten und essen für feste Nahrungsmittel). In Nordamerika kommen klassifikatorische Verben in den Muskogee-, Sioux-, athabaskischen, irokesischen und anderen Sprachen vor, in Mittelamerika im Maya und Taraskischen und in Südamerika u. a. in den Chibcha- und Tukana-Sprachen.
In vielen Sprachen ist der Aspekt des Verbs (der Dauer, Wiederholung oder Vollendung einer Handlung oder eines Ereignisses ausdrückt) wichtiger als das Tempus (die Zeit der Handlung oder des Ereignisses). In Nordamerika wird der Aspekt in den Tsimshian-, Salish-, athabaskischen und irokesischen Sprachen besonders betont, in Mittelamerika in den meisten Maya-Sprachen und in Südamerika im Jébero (aus der Jívaro-Familie) und in anderen Sprachen. Es gibt jedoch auch viele Indianersprachen, in denen das Tempus wichtiger ist als der Aspekt.
Instrumentale Verbalaffixe (Präfixe, Suffixe, Infixe) werden dem Verb an- oder eingefügt, um das Mittel anzuzeigen, durch das eine Handlung vollzogen wird. In Karok bedeutet z. B. das Präfix pa- den Gebrauch des Mundes, páčup heißt „küssen” und paxut „im Mund halten”. Derartige Präfixe finden sich in Nordamerika u. a. im Haida und Tlingit, in Mittelamerika in den utoaztekischen, totonakischen und anderen Sprachen und in Südamerika im Jébero.
| 3. | Soziale und kulturelle Besonderheiten |
In manchen Indianersprachen sind Sprachverhalten und Sprachanwendung geschlechtsspezifisch. Diese Besonderheit findet sich in Nordamerika im Yanan, Muskogee und Atsina und in Südamerika u. a. im Inselkaribischen, im Karif (Arawakisch), Cocama (Tupí-Sprache) und Tacaná. Eine vom übrigen Sprachgebrauch abgehobene, rituelle Sprache – besondere Formen, die Festen und Zeremonien vorbehalten sind – gibt es im Irokesischen, in Zuñi, Maya, Náhuatl, Ketschua und einigen anderen Sprachen. In manchen Gegenden, in denen mehrere Sprachen gesprochen werden, bildeten sich Handelssprachen heraus, die mit reduziertem Wortschatz und vereinfachter Grammatik eine Mischung aus mehreren Sprachen darstellen. Dazu gehören in Nordamerika das Wawa, das Mobilian und die Handelssprache von Delaware. Wieder andere Sprachen entwickelten eine besondere Form der Pfeifsprache, in der die Melodie des Pfeifens dem Tonhöhenverlauf der Sprache entspricht. Solche Pfeifsprachen werden z. B. bei der Brautwerbung eingesetzt. Man findet sie in Mexiko an der Grenze zu Texas im Kickapoo (Algonkin-Ritwan), in Mittelamerika in einigen oto-mangueanischen Sprachen, Náhuatl-Dialekten und den totonakischen Sprachen und in Südamerika im Aguaruna (Jívaro) und Sirionó (Tupi-Sprache).
| 4. | Schriften |
Die Inka, deren Sprache das Ketschua war, verwendeten das quipu (eine geknotete Schnur, mit der gerechnet wurde) zur Aufzeichnung von Informationen; daneben malten sie Zeichen auf Bohnen und webten ikonographische Symbole in Textilien. Alle diese Mittel dienten der Aufzeichnung und Weitergabe von Informationen, stellen aber noch keine wirkliche Schrift dar. In Nordamerika bildeten sich – meist durch das unmittelbare Studium der europäischen Sprachen oder auch durch Anregungen, die von ihnen ausgingen – bei manchen Indianerstämmen interessante Schreibsysteme heraus. Dazu gehören vor allem die Silbenschriften der Cherokee, Micmac, Cree und Inuit (jedes Symbol stellt den Klang einer bestimmten Silbe dar).
Echte Schreibsysteme entwickelten sich in präkolumbianischer Zeit nur in Mittelamerika. Man weiß, dass Hieroglyphenschriften von den Azteken, den Mixteken, den Zapoteken von Oaxaca, den Sprechern der Mixe-Zoque-Sprachen und den Maya verwendet wurden. Sie basieren auf Morphemzeichen, d. h., die Hieroglyphen sind Logogramme, in denen das Zeichen ein ganzes Wort darstellt. Diese Zeichen wurden durch Bilder ergänzt, in denen das Zeichen für ein Wort dazu benutzt wurde, ein anderes Wort darzustellen, das genauso wie das erste klingt. Im klassischen Maya gab es darüber hinaus noch phonetische Zeichen, die den Silbenwert Konsonant + Vokal hatten.
Aus der Erforschung der Indianersprachen resultieren lohnende Erkenntnisse bezüglich der linguistischen Theorie, des Sprachwandels, der Vorgeschichte des amerikanischen Kontinents und der Beziehungen zwischen Sprache und Kultur einerseits und Sprache, Denkweisen und Wahrnehmung andererseits. Obgleich viele dieser Sprachen im Aussterben (siehe Sprachtod) begriffen sind, haben sich im 20. Jahrhundert immer mehr Menschen, deren Muttersprache die Indianersprachen sind, ihrer systematischen Erforschung zugewandt.