Rhetorik
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Rhetorik
2. Antike Rhetorik

Aufgrund der ausgefeilten Reden, die er seinen Helden Nestor, Odysseus und Achilles in der Ilias in den Mund legt, betrachteten viele Griechen Homer als Vater der Redekunst. Mit dem Entstehen demokratischer Einrichtungen in Athen um 510 v. Chr. mussten die Bürger Pflichten des Staatsdienstes übernehmen, wozu sie praktische Redefähigkeiten benötigten, z. B. vor der Volksversammlung, vor dem Heer oder als Privatleute vor Gericht. Die Philosophenschule der Sophisten erwarb sich besondere Verdienste um die Entwicklung von Logik und Rhetorik, indem sie erstmals systematische Untersuchungen hierzu unternahm und Regeln für die Redekunst aufstellte. Protagoras, der bedeutendste und wahrscheinlich erste Sophist, schrieb über Rhetorik, Ethik, Grammatik und Rechtswissenschaft und hielt gegen ein hohes Honorar Vorträge in ganz Griechenland, wie man den schwächeren Standpunkt als den stärkeren erscheinen lassen könne. Der eigentliche Begründer der Rhetorik als Wissenschaft soll Korax von Syrakus gewesen sein, der wahrscheinlich zusammen mit seinem ebenfalls aus Syrakus stammenden Schüler Teisias das erste rhetorische Lehrbuch verfasste. Gorgias aus Leontinoi in Sizilien, neben Protagoras Hauptvertreter der griechischen Sophistik, der 427 v. Chr. als Gesandter seiner Heimatstadt nach Athen ging, trug entscheidend zur Entwicklung einer rhetorischen Kunstprosa bei, für die er, um ihre Wirkung zu erhöhen, eine gewisse Ausschmückung und die Verwendung bestimmter rhetorischer Figuren („Gorgianische Figuren”) forderte, ebenso Thrasymachos von Chalkedon, der gleichfalls in Athen unterrichtete. Isokrates, der große Lehrer der Beredsamkeit im 4. Jahrhundert v. Chr., betrachtete die Rhetorik als Vermittlerin einer universellen Bildung, indem sie den Menschen zu rechtem Handeln und praktischer Lebenstüchtigkeit erziehe.

Diesen eher technischen Ansatz der Rhetorik, der mehr Wert auf Überzeugungskraft und Scheinbeweise als auf die Suche nach Wahrheit und philosophische Durchdringung der Rede legte, verspottete Platon in seinem philosophischen Dialog Gorgias, in dem er sich mit den Ideen der Sophisten auseinandersetzte und bereits seine Ideenlehre vorbereitete. Im Phaidros erörterte er die Prinzipien, die das Wesen der Rhetorik ausmachen. Sein bedeutendster Schüler Aristoteles sah in seiner Rhetorike techne (Rhetorik), mit der er die Rhetorik auf eine wissenschaftliche Grundlage stellte, die Aufgabe der Redekunst nicht in erster Linie in der Überredung durch den Appell an die Emotionen der Zuhörer, sondern vielmehr darin, die Wahrheit und das Glaubwürdige überzeugend vorzubringen, und betrachtete damit die Rhetorik als Gegenstück oder Schwesterkunst der Logik. In Rom wurde die formale Rhetorik zunächst von Griechen gelehrt, und auch die beiden wichtigsten Vertreter der theoretischen und praktischen Rhetorik in Rom, Cicero und Quintilian, wurden beide stark von griechischen Vorbildern beeinflusst. Cicero, einer der produktivsten Redepraktiker in der Zeit der ausgehenden Republik – 57 seiner Reden sind vollständig erhalten –, verfasste auch mehrere theoretische Abhandlungen zur Rhetorik, darunter das Werk De oratore (Über den Redner). Quintilian, der als erster staatlich besoldeter Rhetoriklehrer im 1. Jahrhundert n. Chr. am Hof des Domitian lebte, hinterließ mit seinem Alterswerk, der berühmten Institutio Oratoria (Unterweisung in der Redekunst), eine gründliche Abhandlung zu den Prinzipien der Rhetorik, beginnend mit einer Elementarausbildung. Redebeispiele aus der frühen Kaiserzeit, in der sich die Redekunst ohne ausreichendes Betätigungsfeld in der Praxis auf wirklichkeitsferne Deklamationsübungen beschränkte, finden sich beispielsweise in den Suasoriae (Reden mit Ratschlägen für historische oder mythische Personen) und Controversiae (Entscheidungen in fiktiven Rechtsfällen) des Redners Seneca. In der so genannten „Zweiten Sophistik” vom 2. bis in die Mitte des 3. Jahrhunderts erlebt die Redekunst aus einem akademischen Bildungsbestreben heraus noch einmal eine äußere Blüte, die sich in formaler Eleganz und rhetorischem Prunk manifestierte, ohne jedoch originelle Leistungen hervorbringen zu können.