Afrikanische Kunst und Architektur
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Afrikanische Kunst und Architektur
2. Die Bedeutung der Kunst in der afrikanischen Gesellschaft

Die Artefakte, die im Westen zur afrikanischen Kunst zusammengefasst werden, entstammen unterschiedlichen historischen und zeitgenössischen Kulturen. Die Sammler legten bei der Auswahl ein an der griechischen Antike orientiertes eurozentristisches Kunstverständnis zugrunde. Die meist geraubte, manchmal auch als Auftragsarbeit entstandene afrikanische Kunst, so wie sie in Museen ausgestellt wird, ist eher für den westlichen Blick auf Afrika repräsentativ als für das kulturelle Schaffen von Afrikanern. Im Folgenden kann also lediglich ein Schlaglicht auf die Kunst einiger afrikanischer Kulturen geworfen werden. Sie werden dabei losgelöst von ihrer zweifellos vorhandenen Bedeutung für die Kunstwelt in ihrer gesellschaftlichen Funktion und Bedeutung vorgestellt. Die traditionelle Kunst Schwarzafrikas findet ihren Ausdruck in Skulpturen (in Form von figurativen Darstellungen und Masken), Architektur (vorwiegend Wohnbauten), Möbeln und Einrichtungsgegenständen, Töpferwaren, gewebten Textilien und Schmuck. Darüber hinaus sind Körperschmuck (Körpermalerei, komplizierte Haartrachten und Frisuren, Kopfschmuck und Kopfbedeckungen, Ziernarben) und Gebäude- sowie Stoffmalerei von Bedeutung.

1. Darstellungen sozialer Rollen

In vielen Maskenzügen, bei denen Menschen- und Tiercharaktere von entsprechend gekleideten und maskierten Stammesangehörigen dargestellt werden, übernehmen diese die Funktion des sozialen Regulativs, indem sie in einer Vielfalt von Rollen richtiges und unangebrachtes Verhalten in der Gesellschaft vorführen. In den Maskenzügen der Ijo und der Ibo im Süden Nigerias kommen so z. B. unsoziale Charaktere wie der Geizhals, der Gierige, die Prostituierte, der unfähige Heiler und der skrupellose Rechtsberater vor. Bei den Egungun-Maskeraden der benachbarten Yoruba wird den Mitgliedern der Gemeinschaft negatives Sozialverhalten in Form des Klatschmaules, des Vielfraßes und des Fremden mit seltsamen Manieren abschreckend vor Augen geführt.

2. Die politische Bedeutung

In Afrika spielt Kunst bei der politischen Machtausübung eine überaus wichtige Rolle. Bei den Dan in Liberia, den Kota in Gabun, den Pende in der Demokratischen Republik Kongo (ehemals Zaire) und anderen tragen Angehörige der Gesellschaft, die als Vermittler, Richter und Polizisten fungieren, besondere Masken. Die Maskenträger der Kwele Gon in Gabun sind für diese Art maskierter Amtsträger ein besonders gutes Beispiel. Aufgrund der durch die Maskierung herbeigeführten Anonymität und besonderer Befugnisse sind sie berechtigt, die im Allgemeinen normativen Regeln und Vorschriften der Gesellschaft zu durchbrechen, um so beispielsweise in Zeiten der Lebensmittelknappheit die vorhandenen Vorräte und Tiere in der Gemeinschaft aufzuteilen. Eine andere Art sozialer Kontrolle wird von besonderen Figuren und architektonischen Motiven ausgeübt. Die Reliquiarfiguren der Kota, Sogo und Fang in Gabun dienen z. B. als Schutzbilder, die die Heiligtümer der Verstorbenen vor Diebstahl und Schaden bewahren. Die Dogon in Mali und die Senufo an der Elfenbeinküste verzieren die Türen ihrer Häuser mit Schnitzereien, um so gemäß der allgemeinen Überzeugung die Gemeinschaftsvorräte und Heiligtümer zu schützen.

3. Fruchtbarkeit

Der elegante hölzerne Antilopenkopfschmuck zu Ehren der Gottheit Chi Wara wird bei den Bambara in Mali bei Pflanz- und Erntezeremonien getragen. Chi Wara, der sagenhafte und mythenumwobene Begründer des Feldbaus, hat sich den Legenden zufolge in einem Akt der Selbstopferung in der Erde begraben. Der Tanz der Maskierten, die Chi Wara darstellen, findet traditionell auf den Feldern, Chi Waras Grab, statt und dient sowohl der Verehrung dieses Wesens als auch der Erinnerung an die Mühen, die die jungen Bauern der Bambara jedes Jahr für die Bearbeitung der Ackerflächen aufwenden. Bei den Senufo an der Elfenbeinküste werden zierlich geschnitzte Figuren dazu verwendet, die Bauern bei ihrer beschwerlichen Arbeit zu ermutigen und anzuspornen. Zu diesem Zweck werden Daleu-Stäbe mit Frauen- oder Vogelabbildungen am Ende der Pflanzreihen in den Boden gesteckt und sollen so als Zielpunkt, Symbol und Trophäe bei Pflanzwettbewerben dienen.

4. Ahnenverehrung

Afrikanische Kunst dient auch der sichtbaren und greifbaren Erinnerung an bedeutende Menschen und Ereignisse der Vergangenheit. Die Dogon in Mali haben ihre legendären Ahnen, die Nommo, die zu Beginn der Zeit vom Himmel auf die Erde herabstiegen, immer wieder in unterschiedlichsten Formen abgebildet. Die Nommofiguren, die manchmal mit erhobenen Händen auf ihre ursprüngliche Heimat im Himmel deuten, wurden an wichtigen Orten angebracht – vor allem an den Türen der Vorratsspeicher und an sakralen Bauwerken – und erscheinen auch in Höhlenmalereien.

Im mächtigen Reich Benin in Nigeria bildeten komplizierte, im Wachsausschmelzverfahren hergestellte Bronzen die Gesichter berühmter Persönlichkeiten ab oder stellten bedeutende geschichtliche Ereignisse dar, u. a. Zusammentreffen mit fremden Würdenträgern, Kampfszenen, Hofzeremonien, Edelleute in Staatstracht, religiöse Zeremonien und Musiker.

5. Heilkunst

Die traditionelle afrikanische Heilkunst hat ebenso die Entwicklung einer besonderen Kunstform mit sich gebracht. Prophezeiungen und Weissagungen, also die Kunst, Schwierigkeiten und ihre jeweiligen Lösungsmöglichkeiten zu erkennen, war der Schwerpunkt der künstlerischen Aktivitäten in diesem Bereich. Die Ifa-Seher der Yoruba in Nigeria verwendeten beispielsweise kompliziert geformte Weissagungstafeln, Schalen und Stößel, die einen festen Bestandteil des Rituals bildeten. Die Baule an der Elfenbeinküste benutzten zum Erkennen eines Orakels ebenfalls besonders geformte Weissagungsgefäße, und bei den Kongo in der Demokratischen Republik Kongo (ehemals Zaire) besaßen puppenähnliche Holzfetische, die mit Eisennägeln durchstochen wurden, die Macht, Personen vor Gefahr und traumatischen Erlebnissen zu schützen.