Jonathan Swift
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Jonathan Swift
2. Werk

Zu Swifts ersten Prosatexten gehört die Satire The Battle of the Books (1697), welche die damals in Literaturkreisen aktuelle Kontroverse über die Stellung der antiken gegenüber „modernen” Schriftstellern zum Thema hat – diese war 1687 von Charles Perrault und Nicolas Boileau-Despréaux in Frankreich initiiert worden. Swift sprach sich deutlich für die Vertreter der Antike aus (eine Position, die bereits Sir William Temple vertreten hatte) und kritisierte die Pedanterie und vordergründige Gelehrsamkeit zeitgenössischer Schriftsteller scharf. A Tale of a Tub (1704; Des berühmten Herrn D. Schwifts Mährgen Von der Tonne. Zur allgemeinen Besserung der Menschheit geschrieben) gilt als amüsanteste und zugleich originellste Satire des Autors. In dieser Allegorie befasste er sich ironisch neben allerlei epischen Abschweifungen mit dem seiner Ansicht nach heuchlerischen Streit der Konfessionen („Mißstände und Auswüchse im Bereich der Gelehrsamkeit und der Religion”). Nach der Veröffentlichung von A Tale of a Tub erhoben zahlreiche Kritiker Zweifel an der Ernsthaftigkeit von Swifts Haltung gegenüber der Religion; angeblich war Königin Anna derart empört, dass sie seine weitere Karriere als Geistlicher in England unterband. Eine zusätzliche Streitschrift für die literarischen Klassiker lieferte Swift mit der geistreichen Polemik A Full and True Account on the Battle Fought last Friday, Between the Antient and the Modern Books in St. James’s Library (1704; Ein wahrer und vollständiger Bericht über die am vergangenen Freitag in der Bibliothek von St. James ausgefochtene Schlacht zwischen den alten und den modernen Büchern). Sie erschien anonym gemeinsam mit A Tale of a Tub.

Mit seinem Journal to Stella (Tagebuch in Briefen an Stella, auch: Tagebuch für Stella) begann Swift im Jahr 1710; er beendete die Korrespondenz 1713. Eine erste vollständige Ausgabe mit 65 Briefen erschien posthum 1784. Swift selbst titulierte Esther Johnson erst ab 1719 als Stella; der Titel Journal to Stella wurde der Sammlung vermutlich von ihrem Herausgeber gegeben. Das Buch entstand während Verhandlungen Swifts mit Königin Anna um bessere Finanzhilfe für die Kirche von Irland in London. Die vertraulichen Briefe mit ihrem zärtlichen und verspielt-kindlichen Ton (Swift selbst nannte die zeitweilige Kindersprache der Texte „little language”) enthüllten einen bislang unbekannten Wesenszug des großen Satirikers und gaben zu Spekulationen über dessen Verhältnis zu Esther Johnson Anlass. Welcher Art die Beziehung letztendlich war, ist nicht bekannt. Das Journal to Stella gehört gemeinsam mit den Briefen an Esther Vanhomrigh („Vanessa”) zu den Höhepunkten der englischen Briefliteratur.

1. Gullivers Reisen (1726)

Swifts Meisterwerk aber ist der vierteilige phantastische Abenteuer- bzw. Reiseroman Travels into Several Remote Nations of the World (Des Capitains Lemuel Gulliver Reisen in unterschiedliche entfernte und unbekannte Länder), der 1726 ohne Nennung des Verfassernamens erschien und als Gulliver’s Travels (Gullivers Reisen) Berühmtheit erlangte. Er wurde sogleich begeistert aufgenommen. Geschildert wird die Reise des recht naiven Helden Gulliver (von englisch gullible: leichtgläubig) durch das Land der Zwerge Lilliput und das Reich der Riesen Brobdingnag sowie seine abenteuerlichen Fahrten zur fliegenden Insel Laputa, deren ausschließlich an theoretischen Wissenschaften interessierten Bewohner ihren Realitätssinn gänzlich verloren haben (so reiben sich die Lapuaner u. a. dabei auf, Sonnenstrahlen aus Gurken zu filtern und Fäkalien in Nahrung zurückzuverwandeln). Das vierte Buch endlich führt den Helden zu den äffischen Yahoos, Allegorien der „tierischen” Veranlagung des Menschen, und den Houyhnhnms, die mit ihrem Hang zu idealer Rationalität eine andere Seite menschlicher Eigenheit bespiegeln.

Travels into Several Remote Nations of the World war als harsche Kritik an Eitelkeit und Heuchelei seiner Zeitgenossen gedacht, wie Swift sie bei Hofe und in der Politik kennen gelernt hatte; so ist der Schatzkanzler von Lilliput, der sein Amt durch absonderliche Fähigkeiten erhielt (in Lilliput qualifiziert man sich durch Krabbeln, Seiltanzen und Hüpfen zum Staatsmann) als Karikatur Robert Walpoles entworfen. Anhand eines fiktiven Relativismus – Gullivers Fähigkeiten im Land der daumengroßen Zwerge sind bei den Riesen nutzlos – entlarvt das Buch in seinem Verlauf jedoch die menschliche Überheblichkeit generell; so muss Gulliver letzlich erkennen, „dass alles nur vergleichsweise groß und klein ist”. Während der etwa sechs Jahre seiner Entstehung bemühte sich Swift um eine umfassende Reflexion über die Gesamtheit der menschlichen Gesellschaft, deren Schwächen er unbeschönigt und mit aggressivem Spott bloßzustellen suchte. Der klare Stil und die Form der Abenteuerreise ließen die ersten beiden Bände von Gulliver’s Travels zu einem Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur werden. Die letzten beiden Teile, die Gullivers Reisen zu den Wissenschaftlern und den weißen Pferden schildern und gegen den Rationalismus des 17. und frühen 18. Jahrhunderts vorzugehen suchen, sind geprägt von einer bitter-zynischen Grundhaltung. Kritisiert wurde Travels into Several Remote Nations of the World u. a. von Samuel Taylor Coleridge, William Thackeray und Walter Scott. Noch George Orwell unterstellte seinem Verfasser wegen der konservativen Grundtendenz des Buchs eine „reaktionäre Geisteshaltung”. Heute gehört es aufgrund seiner gezügelten Fabulierkunst zum Kanon der meistgelesenen Bücher der Weltliteratur.