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Anglonormannische Sprache und Literatur, das Normannische ist ein französischer Dialekt, der nach der Invasion der Normannen (siehe Wikinger) in der Normandie entstand und auch als Literatursprache diente. In den drei Jahrhunderten nach der normannischen Eroberung Englands im Jahr 1066 herrschte auf der Insel die französische Kultur vor, die von den Eroberern und deren Nachkommen vermittelt wurde. Diese wird als anglonormannisch bezeichnet. Der normannische Dialekt (der später Elemente des Hochfranzösischen aufnahm) war die Sprache der Gerichte, der Kirche und des gebildeten England. So entstand eine reichhaltige anglonormannische Literatur. Darüber hinaus kamen viele Gedichte und Erzählungen aus Frankreich über den Ärmelkanal.
Als die Normannen das Französische als Literaturmedium übernahmen, behielten sie viele skandinavische Wendungen bei, die diesen französischen Dialekt, wenn auch in stark veränderter Form, prägten. Dies betrifft vor allem Eigennamen und Ortsbezeichnungen. Anfangs spielte das Normannische eine wichtige Rolle sowohl in der französischen Literatur, als auch in der Herausbildung des Mittelenglischen und der englischen Literatur.
Zu den bedeutendsten in diesem Dialekt geschriebenen Werken gehören geschichtliche Berichte. Geoffrey Gaimar, ein anglonormannischer Dichter und Geschichtsschreiber des 12. Jahrhunderts, schrieb die Estorie des Engles, in der die historischen Taten der Anglonormannen geschildert werden. Wace, ein weiterer anglonormannischer Chronist des 12. Jahrhunderts, verfasste zwei Reimchroniken, La Roman de Brut (auch: La geste des bretons; beendet um 1155), eine etwa 15 000 Achtsilber umfassende Darstellung der Geschichte des britannischen Königtums, sowie La Roman de Rou (auch: La geste des normande; 1160-1174), eine Chronik der normannischen Herzöge und Könige in etwa 11 500 Verszeilen.
Weitere Werke des 12. Jahrhunderts waren u. a. das Cumpoz (ein Kirchenkalender) und das Bestiarium des normannischen Dichters Philippe de Thaon (Thaün), die Gesetzestexte von Wilhelm dem Eroberer, mehrere Fassungen von Epen wie dem Rolandslied und das Chançun de Guillelme (Wilhelmslied), das wahrscheinlich aus dem ausgehenden 11. Jahrhundert stammt.
Das 13. Jahrhundert war zweifelsohne die Zeit der größten Blüte der anglonormannischen Literatur. Dichter dieser Zeit waren u. a. Fantosme, Autor einer Chronik der Schotteneinfälle (1173-1174), Angier, Verfasser einer Biographie über den heiligen Georg, und Guillaume de Berneville, der eine Vita über den heiligen Gilles schrieb. Der englische Märtyrer Thomas Becket, der sagenhafte englische Ritter Bevis of Hampton (Boeve de Haumtone), der heilige Auban, und weitere historische Gestalten lieferten die Stoffe für anonyme Gedichte. Darüber hinaus entstanden zahlreiche Fassungen der Pèlerinage de Charlemagne (Pilgerreise Karls des Großen), des Mysterienspiels von Adam, und ein Fabliau du Héron. Im 14. Jahrhundert, als die anglonormannische Literatur bereits im Rückgang begriffen war, wurden die Contes moralisées von Nicole Bozon und Nachdichtungen von Bibelstoffen geschrieben.
Nach dem Niedergang der anglonormannischen Literatur blieb Französisch bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts die Gerichtssprache in England. Im 18. Jahrhundert war das Gerichtsfranzösisch, abgesehen von einigen Ausdrücken an den Gerichten auf den Kanalinseln, völlig verschwunden.