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Semantik
1. Einleitung

Semantik (griechisch semantikos: zum Zeichen gehörend), Teilbereich der Sprachwissenschaft, der sich mit der Bedeutung sprachlicher Zeichen beschäftigt, bisweilen auch Bezeichnung der Bedeutung eines sprachlichen Zeichens selbst.

2. Geschichte

Auch wenn die Beschäftigung mit der Bedeutung von sprachlichen Ausdrücken in der Philosophie eine lange Geschichte hat, wurde die Semantik (früher auch Semasiologie) als eigenständiges Gebiet der Sprachwissenschaft erst im 20. Jahrhundert anerkannt bzw. ihr Aufgabenbereich systematisch bestimmt. Der Begriff „Semantik” wurde zwar bereits 1883 von Michel Bréal geprägt, jedoch erst die Einordnung innerhalb der Semiotik durch Charles William Morris (1938) kann als Ausgangspunkt für die heutige Semantikforschung gelten. Er verstand Semantik als Untersuchung der Beziehung von Zeichen zum Bezeichneten. Somit wird sie sowohl von der Syntaktik, welche die Beziehungen der Zeichen untereinander betrachtet, als auch von der Pragmatik, welche die Beziehung des Zeichens zum Benutzer betrachtet, unterschieden. Die strukturalistische Sprachwissenschaft des 20. Jahrhunderts übernahm diese Einordnung und öffnete sich somit einer systematischen Beschäftigung mit der Bedeutung sprachlicher Zeichen unter der nun geläufigen Bezeichnung Semantik.

3. Gegenstand und Aufgaben

Ein Grundproblem jeder Beschäftigung mit Semantik ist die Schwierigkeit, ihren Gegenstand zu definieren. Anders als Phonologie, Morphologie oder Syntax ist der Gegenstand der Semantik – die Bedeutung – nicht materiell gegeben. Da somit die „Bedeutung von Bedeutung” unklar ist, fehlt eine Möglichkeit einer unmittelbaren Verifikation jeglicher theoretischer Aussage. Man kann die Bedeutung demnach nicht direkt angeben, sondern muss sie etwa durch Methoden wie Paraphrasieren zugänglich machen. Dadurch ergibt sich ein weiteres Problem: Wenn die Bedeutung eines sprachlichen Zeichens wiederum sprachliche Zeichen sind, so müsste zuvor deren Bedeutung angegeben werden. Dieser Zirkel lässt sich durch die Benutzung einer streng definierten Metasprache als Beschreibungssprache beheben. Wären diese Probleme gelöst, ergäbe sich jedoch eine weitere Schwierigkeit, die Frage nach der Abgrenzung von Bedeutung. Hierher gehören Fragen nach Einteilungen wie Kernbedeutung und Randbedeutung, d. h. vereinfacht, warum beispielsweise zur Beschreibung der Bedeutung des Wortes „Kuh” das Körperteil Euter wichtiger ist als der Schwanz.

Ungeachtet aller methodischen Probleme liegt die Aufgabe der Semantik in folgenden zwei Punkten: 1. Die Bedeutung von sprachlichen Zeichen zu beschreiben (Einzelbedeutung). 2. Die Bedeutungsbeziehungen zwischen sprachlichen Zeichen zu beschreiben z. B. Synonymie u. a. (Bedeutungsrelationen). Diese beiden Aufgaben multiplizieren sich mit zwei weiteren Kriterien: 3. Sprachliche Zeichen gibt es auf der Wortebene (Wortsemantik) und auf der Satzebene (Satzsemantik). 4. Neben der Beschreibung von Bedeutung (synchronisch) darf außerdem die Frage nach dem Bedeutungswandel (diachronisch) nicht außer Acht gelassen werden. Es ist zudem nicht klar, ob diese methodisch getrennten Teilfragen letztlich auch getrennt behandelt werden können.

4. Richtungen der Semantik

In Anbetracht dieser Schwierigkeiten ist es nicht verwunderlich, dass die Aufgaben der Semantik ihren Niederschlag in einer Vielzahl von Ansätzen gefunden haben, wobei jeweils bestimmte Aufgabenbereiche in den Vordergrund gestellt wurden:

In Deutschland hat die diachronische Wortsemantik historisch zunächst die größte Verbreitung gefunden. So war die Etymologie Grundlage der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft im 18. und 19. Jahrhundert bei ihrer Rekonstruktion des Indogermanischen. Dabei standen Untersuchungen des Wortschatzes im Vordergrund.

Der Strukturalismus des 20. Jahrhunderts brachte mit der so genannten Komponentialsemantik sowohl die Untersuchung von synchronischen Bedeutungsrelationen als auch die Suche nach Bedeutungsmerkmalen in das Zentrum des Interesses. Dabei wurden Relationen im Wortschatz wie Synonymie, Antonymie, Homonymie und andere systematisch beschrieben. Dazu versuchte man Bedeutung in ihre lexikalischen Komponenten zu zerlegen. Hierher gehört etwa die Beschreibung von Verwandtschaftsbeziehungen wie Vater, Mutter, Tante, Kind, Sohn usw. nach Merkmalen wie [MÄNNLICH], [MENSCH], [DIREKT VERWANDT]. Die Bedeutung eines Lexems (Grundeinheit des Lexikons) sollte demnach aus einer Matrix von Merkmalen bestehen.

Unter dem Einfluss der aufkommenden Kognitionswissenschaft rückte die so genannte Prototypensemantik ins Zentrum des Interesses. Waren die Merkmale der Komponentialsemantik zwar streng distinkt, so zeigte es sich jedoch, dass sie bei vielen Wortbedeutungen keine Hilfe boten. Sollte etwa die Bedeutung von „Mann” lediglich aus den Merkmalen [+MENSCH] [+MÄNNLICH] bestehen? Die Vorstellung der Prototypensemantik besteht darin, dass Bedeutungen im menschlichen Bewusstsein nicht in distinkten Merkmalen, sondern vielmehr in Bereichen mit zentraler (prototypischer) und peripherer Bedeutung strukturiert sind. Eine Amsel ist somit ein „prototypischer Vogel”, wohingegen ein Pinguin nur ein „peripherer Vogel” ist.

Allen diesen Ansätzen ist gemeinsam, dass es sich dabei in der einen oder anderen Form um Wortsemantik handelt. Diese Beschränkung wurde mit dem Aufkommen der logisch-formalen Semantik in den siebziger Jahren aufgehoben. Ausgehend von der mathematischen Logik unternahm man den Versuch, die Bedeutung von Sätzen „rechnerisch” aus der Bedeutung seiner Bestandteile abzuleiten. Diese Art von Semantik findet heute immer mehr Interesse und kann nahezu als das herrschende Paradigma der Semantik in der Gegenwart bezeichnet werden. Zu den Grundannahmen zählt das auf Gottlob Frege zurückgehende Kompositionsprinzip, wonach die Bedeutung eines Satzes als Funktion der Einzelbedeutungen seiner Teile aufzufassen ist. Für die Sprachwissenschaft von großer Bedeutung waren die Arbeiten des Logikers Richard Montague (1970, 1973), der als Begründer der formalen Semantik innerhalb der Linguistik gelten kann.