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| 2. | Geschichte der Soziologie als eigenständige Disziplin |
Die Soziologie ist eine junge wissenschaftliche Disziplin, die sich erst im 19. Jahrhundert aus dem Reigen der Staatswissenschaften ausdifferenzierte. Die gedankliche Trennung von Gesellschaft und Staat findet sich zuerst im 17. Jahrhundert in den Schriften der englischen Philosophen Thomas Hobbes und John Locke.
Der Begriff der Soziologie wurde aber erst von dem französischen Philosophen Auguste Comte 1838 geprägt. Er benutzte ihn, um seine Vision von einer neuen Wissenschaft zu beschreiben, die, wie die Naturwissenschaften die Gesetze der Natur, die Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Gesellschaft entdecken sollte. Der britische Philosoph Herbert Spencer übernahm sowohl Comtes Begriff als auch seine Mission.
Viele Sozialphilosophen des 18. Jahrhunderts, die sich selbst nie als Soziologen bezeichnet hatten, werden heute ebenfalls zu den Gründungsvätern dieser Wissenschaft gerechnet. Den größten Einfluss übten dabei die theoretischen Schriften von Karl Marx aus, aber auch die französischen Aristokraten Claude Henri de Rouvroy, Graf von Saint-Simon, der Schriftsteller und Staatsmann Alexis de Tocqueville und der britische Philosoph und Volkswirtschaftler John Stuart Mill gelten als Wegbereiter der frühen Soziologie.
Erst in den achtziger und neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde die Soziologie als akademische Disziplin anerkannt. In Frankreich unterrichtete Émile Durkheim, der geistige Erbe von Saint-Simon und Comte, Soziologie an den Universitäten von Bordeaux und Paris. Durkheim begründete die erste soziologische Schule. Durkheim und seine Anhänger unternahmen umfangreiche Studien nichtindustrialisierter Gesellschaften.
In Deutschland wurde die Soziologie als akademische Disziplin im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts anerkannt, vor allem aufgrund der Bemühungen des Ökonomen und Historikers Max Weber. Im Gegensatz zu den Versuchen, die neue Wissenschaft nach dem Vorbild der „objektiven” Physik zu strukturieren, die in Frankreich und den englischsprachigen Ländern damals als „Königswissenschaft” galt, war die deutsche Soziologie eng mit der Geschichtswissenschaft verbunden. Die Bemühungen des Philosophen und Soziologen Georg Simmel, die Soziologie als eigenständige Wissenschaft zu etablieren, spiegelten das Weltbild des philosophischen Idealismus wider. Die formale Soziologie Simmels trachtete danach, den gesellschaftlichen Verkehr der Individuen untereinander auf einfache analytische Formen zu reduzieren.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nachdem das frühe Interesse an den breit angelegten Evolutionstheorien Comtes und Spencers verebbt war, konzentrierte sich die Soziologie auf die Untersuchung bestimmter sozialer Phänomene wie Kriminalität oder die Akkulturation von Einwanderern.
Als das renommierteste Zentrum für soziologische Studien galt vor dem 2. Weltkrieg (1939-1945) die Universität von Chicago (USA). Dort lehrte George Herbert Mead, der in Deutschland studiert hatte, in seinen Schriften, dass der Ursprung des Geistes, des Selbst und der Gesellschaft in den Aktionen und Interaktionen von Menschen liege. Dieser Ansatz, der später als Symbolischer Interaktionismus bezeichnet wurde, lenkte die Aufmerksamkeit weitgehend auf mikrosoziologische und soziopsychologische Aspekte. Talcott Parsons stützte sich auf die Ideen Durkheims, Max Webers und des italienischen Soziologen Vilfredo Pareto. Kennzeichnend für die amerikanische Soziologie wurde der Ausbau eines systemtheoretischen (oder kybernetischen) Ansatzes.
In Deutschland wurde die Arbeit der damals führenden Forschungsinstitute in Köln (1919) und Frankfurt (1923) durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 unterbrochen. Die Deutsche Soziologie der in Deutschland zwischen 1933 und 1945 arbeitenden Soziologen war von den ideologischen Vorgaben des Nationalsozialismus geprägt. Die Deutsche Soziologie propagierte eine völkisch determinierte klassenlose Gesellschaft. Sie wollte als angewandte Wissenschaft einen Beitrag zur „Volkswerdung” leisten.